1889
M 286.
Donnerstag, den 12. Dezember.
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Deutsches Reich.
Berlin, 11. Dezember.
* Die Erneuerung dt« Kartell« ist zwar auf dem Papiere vollzogen, allein e« macht einen sehr heiteren Eindruck, zu sehen, wie die Uneinigkeit unter den Organen der Kartellbrüder fortdauett* und sich die Blätter gegenseitig über bie aueleguifg des Kartells abraufen. Ganz besonder« hat me Kandidatur Stöcker'« den Aerger der National- liberalen und gewisser mtttelparteilicher Scheinkon« servativen erweckt und e« wird von dieser Seite offen die Losung aurgegeben, diese Kandidatur zu bekämpfen. Natürlich lassen sich die Stöcker • Or> oane die« nicht gefallen und repliziren in gereiztem Tone. Man kann da wirklich begierig sein, wie fich bi« zum Wahltage die Herrschaften vertragen werden. Einstweilen haben die Nation«lltbe> ralen dem Kartell zu Liebe ihr Manchesterthum an den Nagel gehängt und fich durch den Mund de» Augsburger Bürgermeisters Fischer als Schutzzöllner par excellence bekannt, vermuthlich um damit auf konservative Stimmen zu rechnen. E» hat fich aber bei dieser Debatte so recht gezeigt, daß diese Fragen von den Nationalliberalen durchaus nicht nach volkswirthschaftlichen Erwägungen behandelt werden, sondern ausschließlich nach politischen.
* Die befremdlichen Aeußerungen, melde nach dem Berliner Volk der Kaiser gegenüber Miquel auf dem Diner keim Kriegsminister gethan haben soll: („Sie sind mein Mann. War Sie in Ihrer Frankfurter Rede gesagt haben, daß alle bestehenden Parteien nur alter Trödel find, ist vollkommen meine politische Anstcht. Ich kenne nur zwei politische Parteien: die für mich und wider mich find)", werden vom .Franks. Journ.' al» au» der Lust gegriffen bezeichnet. Die .Straßb. Post' meint: „Nach unserer Anficht ist e» eben so völlig ausgeschlossen, daß der Kaiser fich so ausgedrückt haben kann, wie die Herrn Miquel zugeschriebene Aeußerung ganz unrichtig wieder- gegeben ist." Die Aeußerung Miquel'« ist aber ähnlich, wenn auch etwa« ander« gefaßt, vor einigen Wochen ohne Widerspruch durch die Presse gewandert.
* Aus Sansibar wird vom 10. gemeldet: Die Deutschen unter Schmidt griffen vorgestern Buschiri an, welchem fie 28 Mann tödtete«. Buschiri entkam durch Flucht. Die Deutschen hatten drei Verwundete. — Die mit Emin angekommen en Mannschaften segelten nach Mombasa
Evelirrensrirhe.
Novelle von I. von Dirkink. *)
Am offenen Fenster eine« Schweizerhotel« mtt der entzückenden Ausficht auf einen der schönsten Punkte de« Vierwaldstätter See« lehnt an einem klaren Herbstmorgen ein schlanker junger Manu in eleganter Touristenkleidung und schaut vm» düsterten Auge« auf den von der Sonne wie in 8tae Fluth geschmolzenen Metall« verwandelten Ser.
Langsam treibt ein Boot dem Ufer zu; wie fchwebend gleitet e« durch die leicht fich kräuselnden Wogen und besäet mtt Demantverlen feinen glänMden Pfad, wo Goldfunken auf-und niederzucken und zitternde Kreise in der Luft beschreiben.
Und wie ein Karfunkelstein bbtzt e« plötzlich in «m dunklen Haarkrönchen über der schmalen Stirn der jungen Dame auf, die, den Kopf auf- gestützt, zwischen einem Henn und einer Dame im Bote fitzt und in die Bettachtung der sie um- gebenden Gebirg«welt völlig versurcken schetttt.
* ) Nachdruck nicht gestattet.
ab, um dort die Ankunst eine« fie abholenden egyptischen Dampfer« zu erwarten.
* Der bisherige Reichskommissar für Südwest- Afrika, Dr. Goe ring, der zum Konsul für Haiti in Port-au-Prince ausersehen war, wird wieder al« Reichrkommiflar nach Sübwest - Afrika gehen und bereit« im nächsten Monat die Reise alttreten. Die Verstärkung der Schutztruppe, die am 20. Dezember von Hamburg abgeht, wird Dr. Goering bereit« in seinem alten Wirkungskreise antreffen.
* Elberfeld, 10. Dez. Heute hat der im Geheimbundsprozeß angeklagte Röllinhoff da« Geständniß abgelegt, daß in Barmen eine geheime Organisation bestanden habe, deren Vorsitzender er gewesen sei. Er sei auch Korrespondent gewesen und habe mit dem Züricher „Sozialdemokrat" mit geheimer Tinte korrespondirt. Durch seine Frau will er zu dem Aussehen erregenden Ge- flärdniß bewogen worden sein.
* St. Johann, 11. Dez. Soeben fanden in Püttlingen, Tudwetter, Altenwald und Neunkirchen B e r g a r d e i t e r-Versammlungen statt. In Dud- weller wurde in aller Ruhe, aber mtt vollster Entschiedenheit beschlossen, daß die gemaßregelten Bergleute wieder aufzunehmen seien, sowie die bekannten Beschlüsse der Bildstocker Protokoll« vom Mai in vollem Umfange bewilligt und in die Arbeitsordnung eingetragen werden solle. Bei Nichterfüllung dieser Forderungen bis Sonntag wird nach einstimmigem Beschluß am Montag in den Strike eingrtreten. Die anderen drei Versammlungen dürften int selben Sinne beschlossen haben. Von einer Vermittlung durch die Behörden wurde bis zu dieser Stunde nicht« bemerkt. (Frkf. Ztg.)
* Frankfurt, 11. Dez. Der zweite Senat de« Oberlandesgericht beschloß nach fast 12stün- dtger Verhandlung sein Urtheil über den Rheinbrohler Glockenstreit in drei Wochen zu verkündigen.
Ausland.
*DieMaßreqelungenderkatholischen Geistlichkeit in Frankreich dauern fort. Wie das Diözesanblatt von Vivier» mitthellt hat der Kultusminister Thevenet auf die Anzeige und da« Drängen de« protestantischen Abgeordneten Boiffy d'Angla» über nicht weniger al« 27 Geistliche der Diözese Vivier», worunter fich zwei Erzpriester befinden, die Gehaltssperre verhängt und zwar über die meisten darunter, ohne fie auch nur zu
Wie träumend lehnt fie da und schaut zu den im stahlblauen Dust verschleierten Bergriesen empor, die heute ihre Linien und Formen so hartnäckig verhüllen, deren Anblick die jugendliche Wanderin so ost zur Bewunderung hingerissen hat. Und da fie düsterer Ahnungen voll, an jede Kleinigkeit eine Schicksalsfrage knüpft, so faßt fie e« al« eine böse Vorbedeutung für ihre Zukunst auf, daß es ihr heute nicht gelingen wA, von den ehrwürdigen Alpenfürsten einen freundlichen Abschieds- grüß zu erhaschen.
Aber plötzlich leuchtet e« in ihrem Auge auf; fie legt den Kopf in den Nacken und fieht schärfer zu der Bergspitze empor well fie einen Rosenschimmer zu entdecken glaubt, der die Stirn des Alpenkönig« leise überhaucht. Doch trügerischer Schein! Und wie eine eisige Hand greift c« an ihr Herz, al« fich jäh eine dunkle Wolke wie ein Trauerflor über den Lichtpunkt schiebt und ihre euftehnenben Hoffnungen erstickt.
Da« Ufer ist erreicht, da« Boot legt schaukelnd an, und schweigend erhebt fie fich, al« der Herr ihr die Hand reicht, um fie an dm Strand zu
verhören oder ihnm die Möglichkeit einer Ve theidigung zu bieten.
* In der französischen Kammer geht es auffallend still und friedlich zu und scheint aller Oppositionsgeist bei der heftigen Kälte, die in Frankreich Platz gegriffen hat, eingefroren zu sein. Das Rabinei Tirard-Constans bestrebt sich am Ruder zu bleiben und geht sichtlich allen kitzlichm Debatten au» dem Weg. — Auch in Frankreich haben fich wieder die Gegensätze zwischen Schutzzöllner und Freihändler verschärft, und herrscht jetzt in den Blättern ein lebhafter Meinungsaustausch, da int kommenden Jahre eine Anzahl Handelsverträge ablaufen.
* Es geht dar Gerücht, daß König Milan nun auch auf seinen Königstitel Verzicht leisten und sich blos Graf Takowa nennen will.
* Die russischen Blätter schlagen jetzt wieder einen sehr scharfen Ton gegen Bulgarien an und schmähen namentlich über die letzte bulgarische Anleihe, der eine hohe polttische Bedeutung bei- gemeflen wird. Ja die offiziöse .Nowje Wremja' ergeht fich bereit« in scharfen Drohungen gegen Oesterreich, fall» dessen Regierung die Cotirung der Anleihe auf der Wiener Börse zuließe. Die Consoltdirung der Verhältnisse in Bulgarien ist durchaus nicht nach dem Geschmacks der russischen Machthaber, deshalb wird ununterbrochen gehetzt und oeichürt._______________________________________
* Emin Pascha,
mtt seinem deutschm Namen Dr. Eduard Schnitzer, ist am 28. März 1840 in Oppeln in Schlesien geboren, steht somit in seinem 50. Lebensjahre. Er befindet fich feit 1876 ununterbrochen im egyp- tischen Sudan, nachdem er 1875 zum letzten Male Deutschland und seine Angehörigen in Neiße besucht hatte. Dr. Emin Effmdi trat 1876, nachdem er von 1864—1873 Bereite als Arzt in der Türkei gewirkt hatte, in egyptische Dienste und stellte fich dem Gmeral - Gouvemeur des Sudan zur Verfügung: Dort waltete Gordon feit 1874 als Gouverneur der Aequatorial-Provinz; nachdem Gordon zum Hokumdar des gangen Sudan ernannt worden war mit dm größtmöglichen Voll- machten, wurde Emin Gouvemeur der Aequato- rial-Provinz mit dem Sitze in Lado. Dort blieb er bis 1884; vor den Horden de« Mahdi mußte er fich südwärts zurückziehen und nahm 1885 seinen Wohnfitz in Wadelai, nördlich von Albert- Nianza. Emin Pascha war der einzig Ueberlebende von einem ganzen Stabe von Europäern, der fich
geleiten. Dann wendet er fich zu der anderen Dame, die in hetterer Stimmung ein Liedchen trällernd, den Kahn verläßt; aber mit einem Blick aus da» Gasthaus fich unterbricht und schäkernd ausruft:
„Sehen Sie, Eveline, Ihr Mann schmachtet bereit» nach Ihnen ; er lehnt wie Ritter Toggen- burg am Fenster feine« Zimmer»; geben Sie ihm doch ein Zeichen mit dem Spittzmtuch, so —"
Und während fie selber ihr weiße« Tuch flattern läßt, führt Eveline seufzend ihr juwelenblitzende» Lorgnon an'« Auge und ein dunkle« Roth überzieht ihr scharfgefchnittene« Gesicht, in welchem nur der zartgeformte Mund und die grauen mandelförmigen Augen schön zu nennen find. Auf dem Grunde dieser Augm aber schimmert etwa«, da« einen Phyfiognomiker zu denken gegeben haben würde. Trotzdem erscheint fie ihrem Manne bi« jetzt nur al« ein geistig unbedeutende« Weib, und ihre schmächttge Gestalt, ihr befangene« Wesen verleihen ihr, besonder« im Vergleich mit der munteren, stattlichen Reisegefährtin, noch etwa« Unentwickelte», Mädchenhafte». Kaum acht-