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Mittwoch, den 11. Dezember.

1889.

’* *

Ter Mutter Briefe.

Weihnachls-Erinnerung eines allen Soldaten von O. Elste r.

(Nachdruck verboten.)

„Weihnachten! — Heut ist'« Weihnachtsabend — der heilige Abend !" — Ob wir wohl wieder auf den schneebedeckten Feldern bivouacktren müssen? — Weißt noch, Fritz, letzte Weihnachten? — Da war's besser als heute gelt?" —

So flüstert es in den Reihen der marschiren- den Truppen. Der Abend dämmert; c« wird still in der eilig dahin hastenden Kolonne. Der Himmel ist bedeckt mit einer gleichmäßigen, grauen Wolken­schicht. Ein scharfer Nordostwind saust daher und wirbelt die dichter und dichter niederrieselnden Schneeflocken im tollen Spiel durcheinander. Feld und Wald, Weg und Steg hat die weiße Schnee- Hülle einen halben Fuß hoch bedeckt. Der Marsch auf der schlüpfrigen Schneedecke ist äußerst an­strengend und für die Pferde sogar gefährlich, so daß die berittenen Offiziere oft zu Fuß gehen, ihr Roß am Zügel führend. Bei den Dragonern, welche an der Spitze der Kolonne marschiren; stürzt zuweilen ein Pferd stöhnend nieder. In tiefem Schweigen hastet die Kolonne weiter; die munteren Gespräche, die fröhlichen Gesänge der Soldaten fii.b verstummt; die Leute sind aus's äußerste erschöpft. Von den Pferden, welche die Geschütze und Munttionswagen durch den tiefen Schnee schleppen, steigt der feuchte Dunst In dich­ten Wollen auf; die Nüstern find weit geöffnet und stoßen den Athem, gleich dem Dampfe einer Maschiene, keuchend aus. Oftmals müssen die Kanoniere in die Speichen der Räder greifen, um ein Steckenbleiben der Geschütze zu verhindern.

Ermunternde Worte ruft Hauptmann von Ehrenfeld seiner Kompagnie zu:

„Vorwärts, Füsiliere I den Muth nicht sinken lassen I Morgen ist Weihnachten — dann sind wir im warmen Quartier."

Dann wendet er sich an seinen Bruder, der al» Freiwilliger in seiner Kompagnie steht:

„Wie geht'« Fritz? — Kopf hoch! Kopf hoch! — Morgen find wir wieder beim Gros — dann bekommen wir Briefe von Haus! — Denk an die Mutter! Laß nicht nach."

„Ich komme schon durch, Bruder", keucht der erschöpfte Jüngling .... „ich komme schon durch . . .

„Gib mir Dein Gewehr, ich will'« eine Weile tragen."

„Rein, laß nur....."

„Set kein Narr! Gieb her."

Und der Hauptmann nimmt dem jüngeren Bruder da» Gewehr von der Schulter.

„So, jetzt geht e» besser! Stütze Dich auf meinen Arm." —

Freud und Leid haben die beiden Brüder zu­sammen getragen, seit Auebruch de« Kriege». Fritz hat e» sich nicht nehmen lassen, al» Freiwilliger m die Kompagnie seine» Bruder» einzutreten, so »aurtg auch der Mutter Augen blickten. Aber Frau von Ehrenfeld war eine richtige Soldaten- sra«; ihr Vater ist 1864 bei Düppel gefallen, ihr Gatte 1866 bei Königgrätz, und ihre Söhne?

Vorwärts, vorwärts! Hinein in den dunklen Winterabend! Morgen ist cs Weihnachten!

An der Spitze der Truppen reitet der General mit den Regimentskommandeuren und Adjutanten. Zuweilen halten die Offiziere an um einen Theil der Kolonne an fich vorüber marschiren zu lassen, oder fie reiten auch an der Kolonne hinunter, um den Mannschaften einige ermunternde Worte zu­zurufen. Dann galoppieren fie wieder an die Sp!tze der Truppen.

„Ein fürchterliche« Wetter," sagt der General mit mitleidigem Blick auf die Truppe. Und daß wir gerade heute am heiligen Weihnachtsabend den Gewaltmarsch machen müssen! Aber e» Hilst nichts! Mr müssen unser Armeekorps so bald wie möglich erreichen. E» befindet fich in sehr gefährdeter Stellung, und jeder Tag kann ihm den Angriff überlegener Streitträfte bringen."

„Werden wir heute wieder bivouackiren, Herr General?" fragt der Oberst der Dragoner- Regiment».

„Sind wohl nicht damtt einverstanden, Herr Oberst?" meint leise lächelnd der General.

„Sehen Sie doch die armen Gäule an, Herr General", entgegnete der alte Kavallerist. „Sie hängen ja nur noch in den Knochen I Seit acht Tagen nicht unter Dach und Fach, da« bekommt wahrlich vortrefflich!"

Für die Leute haben Sie wohl kein Mitleid?" fragt der General mit leichtem Spott.

„Gewiß, Herr General! Aber unserein» behilft fich schon eher, al« so ein arme« Vieh."

„Sie haben recht, der Mensch gewöhnt fich schließlich an Mer, auch an da« bivouackiren im Schneegestöber. Aber heute, am Helligen Weih­nachtsabend wollen wir doch sehen, ein Quartier zu erreichen. Noch zwei Stunden und wir kommen nach dem großen Dorfe Longeville: da« hat Platz für uns Alle — wenn c» die Herren Franzosen nicht besetzt haben."

„Alle Wetter, dar wäre der Teufelr;" rüst der Dragoneroberst mißmuthig, aber der Kom­mandeur dc« Infanterieregiment« sagt ernst und ruhig:

„Dann werfen wir fie mit dem Bajonett hinaus."

„Brav, mein lieber Oberst, lächelt der General. Ich werde mich dieser Worte erinnern. Wir könnten leicht die Bajonette Ihrer Leute nöthig haben, denn jene« Dorf liegt auf unserer Marsch­route." —

Dar Gespräch verstummt. Immer wilder und stürmischer wird da« Schneetreiben. E» wäre unmöglich in diesem Wetter zu bivouackiren. Die Worte de« General«, daß man in kurzer Zeit eine Ortschaft erreichen werde, um dort Quartier zu beziehen, finden ihren Mg auch zu den Sol­daten, und mit sehnsüchtigem Blick schaut ein jeder hinaus in die Nacht, ob er noch nicht den Lichter- schein de» Dorfes erblickt.

„Noch eine Stunde, Fritz," sagt Hauptmann Ehrenfeld zu seinem Bruder, „dann find wir im Quartier und wolle« einen gemüthlichen Weih­nachtsabend feiern. Hier, nimm einen Schluck aus meiner Flasche, ’« ist freilich der letzte, aber in Longeville wird's schon etwa« Bessere« geben."

„Ich danke Dir, Bruder."

„Hollah, frisch, frisch, Leute!" ruft der Haupt­mann seiner Kompagnie zu. „Da« bi«chen Schnee wird Euch doch nicht geniren?! Morgen ist Weih­nachten — ich gebe ein Faß Wein zum Besten! — Lustig, lustig! Könnt Ihr nicht mehr fingen?"

„Zu Befehl, Herr Hauptmann!" tönt'« au« der Kolonne und ei« Spaßvogel stimmt da« Lied an:

„Unser Hauptmann, der ist gut, Wenn man seinen Willen thut, Aber hat man was verbrochen. Wird man gleich in's Loch gestochen . . . ."

„So ist's recht, Leute......"

„Der Herr General lätzt bitten, da« Singen einzustellen. Wir bt finden un« nahe am Feinde," so meldet der Adjutant.

Mißmuthig winkt der Hauptmann feinen Leuten, und wiederum henscht tiefe« Schweigen in der Kolonne.

Plötzlich kommt neue» Leben in die Reihe«. In der Dunkelheit blitzten einige Lichter auf. Aber war ist da»? Knallen da nicht Schüsse?

„Wir scheinen uns doch unser Werhnachtt quar­tier erobern zu müssen," murmelte der General.

Auf athemlo« schnaufenden und keuchenden Pfer­den prescht eine Dragoner-Patrouille zurück. Der bärtige Unteroffizier parirt vor dem General sein dampfende« Pferd so scharf, daß es fast auf da« Hintertheil zu fitzen kommt und mit den Vorder­füßen eine kurze Strecke vorrutscht.

„Melde gehorsamst, daß die etwa eine halbe Stunde entfernte Ortschaft mit starken feindlichen Abtheilungen besetzt zu sein scheint. Unsere Pa­trouillen erhielten Gewehrfeuer von dery Eingang der Ortschaft, die durch eine Barrikade befestigt ist. Auch au« den Häusern und Gärten recht« und link« der Straße wurde auf un« geschossen."

„Herr Oberst," roenbet sich der General an den Kommandeur des Infanterie-Regiments, „ich nehme Sie beim Wort! Werfen Sie die Herren Fran­zosen mtt dem Bajonett aus dem Rest heraus."

„Zu Befehl, Herr General."

Der Oberst wendet sein Pferd und ruft: „Die Herren Bataillons-Kommandeure!"

Die Kommandeure der drei Bataillone find nach wenigen Augenblicken zur Stelle.

„Meine Herren," spricht der Oberst, „eine halbe Stunde vor uns liegt die Ortschaft Longeville, welche un» für die Nacht zum Quartier bestimmt ist. Der Ort ist noch vom Feinde besetzt. Wir müssen un» dieses Nachtquartier erobern. Longe­ville liegt langgestreckt zu beiden Seiten der Straße mit geringer Brette an der Stelle, wo die Straße in den Ort Eintritt. Einzelne Häuser befinden fich rechts und links im Felde vor bet Ortschaft, die sonst eine durch Gärten und Mauern verbundene Masse blldet. Da» erste Bataillon geht auf der Straße vor gegen den Eingang. Je zwei Kom­pagnie« der beiden anderen Bataillone greifen recht« und link« den Saum der Ortschaft von dem Felde her an. Die übrig bleibenden 4 Kompag­nien der beiden anderen Bataillone bilden die Re­serve. —Ich denke, meine Herren, ht einer Stunde können wir uns in Longeville zur Ruhe begeben. - Ich danke!"

Der Oberst legte grüßend die Hand an .den