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JK 282. Samstag, den 7. Dezember. 1889

Mi« W Ikii»iig.

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Erstes Blatt.

Ein «euer Bergarbeiter-Strike?

Sa. Ein neuer Bergarbeiter • Strike soll im rheinisch-westfälischen Gebiete zu befürchten sein, und zwar einzig und allein deshalb, roeil die Zechen-Barone sich nicht gewillt zeigen, die Sperre aufzuheben, die über diejenigen Bergleute verhängt worden, welche an der Bewe­gung im Mai d. I. hervorragenden Antheil ge­nommen. (Nach neueren Nachrichten ist die Gäh- rung nicht schlimm, daß man einen Wiederaus­bruch de« Strike« befürchten könnte.) Die Berg­arbeiter aber bestehen, wie auch von ihrem Stand­punkte nicht mehr wie billig, auf der Aufhebung jener Maßregel und verlangen, daß alle entlassenen Arbeiter wieder zu Brod kommen sollen. Jeder, der irgendwie mit Bergarbeitern in nähere Berüh­rung gekommen, der ihr Fühlen und Denken zu prüfen Gelegenheit hatte, weiß, welch' enge« Band dieselben umschlingt, und wird er begreifen kön­nen, daß ste sich auch itt diesem Punkte für soli­darisch mit denjenigen halten, die ohne ein größere« „Verbrechen", al« fich an dem Strike im Früh­jahre in mehr oder minder agitatorischer Weife be- thelligt zu haben, noch immer ohne Arbeit und Serbiens bleiben. Dieser Solidarität wurde am Sonntag in einer zu Essen abgehaltenen, von über 3000 Bergleuten besuchten Versammlung Ausdruck gegeben. Einzelne Redner forderten ener­gisch, daß sämmtliche entlassene Berg­leute wieder bei den Zechen ausgenom­men werden müßten und daß Keinem derselben irgend welche Schwierigkei­ten bereitet werden dürften, Arbeit nach Belieben zu suchen. Im Anschluß an diese Forderung, die nicht al« ungerechtfertigt an­gesehen werden kann, gab die Mehrzahl der Ver­sammlung ihre Ansicht dahin kund, daß, wenn die Zeche-Verwaltungen derselben nicht zu entsprechen geneigt wären, dieArbeit auf allenBeleg- schäften einzustellen sei. Von einem par­tiellen Strike wollten die Bergleute nicht« wissen. Nur ein Massenstrike könne etwas bezwecken und dieser müsse sofort am Tage nach der Bersamm« lung inszenirt werden, da« war die Meinung einer großen Anzahl der Anwesenden. Gegen dieselbe machte fich die Mahnung besonnenerer Arbeiter kaum geltend, selbst die Ausführung, daß ein neuer Massenstrike die Bürgerschaft schwer schädigen würde und die Bergleute durch da« Gefühl der Dankbar­keit bestimmt werden müßten, Rückficht auf die Bürgerschaft zu nehmen, die fich den Arbeitern gegenüber al« sehr wohlwollend bewiesen, war nicht geeignet, die aufgeregten Gemüther zu be­sänftigen. Es gilt eben, wie die Bergleute zum größten Thelle behaupten, die Macht der Zechen« Besitzer in etwa zu brechen, ihnen zu zeigen, daß die Arbeiter ein Herz für ihre brodlosen Brüder haben, die wirksam zu unterstützen ste nicht in der Lage find. Gerne wollten ste in Ruhe und Ord­nung den Frieden zwischen Arbeitgeber und Ar­beiter herbeiführen, gerne auf dem Boden der Re­ligion und Vaterlandsliebe stehend die Angelegen- heft regeln, wenn nur auch die Bergwerksbesttzer echte und rechte Christen wären, aber e« habe den Anschein, daß diese von einer solchen Regelung nichts wissen wollten, und daher müßten ste wie­der vothgedrungen zu dem Mittel greifen, da» ihnen selbst nicht angenehm sei. In diesem Sinne sprachen fich die Theilnehmer an der Versammlung im Allgemeinen au« und e» war nicht leicht, fie zu bewegen, da« entscheidende Wort bezüglich de« geplanten bezw. in Börsetag gebrachten Maffen- strike« bi» zum nächsten Sonntag zu vertagen. Erst

al» die Gemaßregelten sebst — und da» muß lobend hervorgehoben werden — für diese Vertagung eintraten, wurde dieselbe ange­nommen und de» Weiteren eine Kommission von 7 Mitgliedern gewählt, die mit Dr. Natrop und einer Kommisfion der Bergwerksbesttzer über die völlige Aufhebung der Sperre berathen soll. Von diesem Beschluß wurde der Abgeordnete Stütze! telegraphisch in Kenntmß gesetz und auf den näch­sten Sonntag (8. Dezember) eine Versammlung anberaumt, in der dar letzte Wort in der Ange­legenheit gesprochen werden soll.

Man ersteht au» der Energie, welche die Berg­leute an den Tag legen, daß die Entwicklung der Dinge wieder zu sehr ernsten Befürchtungen An- laß giebt und er wäre dringend zu wünschen, daß die Arbeitgeber fich bewogen fühlten, den Arbeitern früh genug die Hand zum Frieden zu reichen. Große Hoffnungen hegt man indessen nach den bisher gemachten Erfahrungen in dieser Beziehung gerade nicht, aber die Möglichkeit ist doch immer­hin vorhanden, weil gerade jetzt ein ausbrechender Maflenstrtk von den verderblichsten Folgen begleitet sein dürfte. Besonders würden die ärmeren Klassen sehr unter einem solchen Streik zu leiden haben, und wenn, war ja möglich und sogar wahrscheinscheinlich ist, fich die Bergarbeiter an­derer Reviere dem Unternehmen der Arbeiter im Ruhrgebiete anschließen würden, dann wäre die Roth und da» Elend, da» in diesem Winter, der allem Anscheine nach ein strenger sein dürfte, über wenigster» ein-n TW Deutschland» herein­brechen würde, unabsehbar. Die'Bergarbeiter find noch immer in hohem Grade erbittert — und die Verurtheilungen, die viele Theilnehmer an dem Strik im Mai getroffen, haben eben nicht al» lindernder Balsam gewirkt — leisten die ein­zelnen Zechenverwaltungen daher Widerstand und heben die Sperre nicht auf, so wird, dessen dürfen wir versichert fein, der Vulkan von neuem zum Ausbruch kommen, und wa» dann geschehen kann das auszusprechen, oder auch nur zu denken, wollen wir heute noch nicht wagen. Möchten da­her die Zechenverwaltungen in ihrem, wie im In­teresse Aller ihren harten Standpunkt aufgeden und für die Erhaltung des Fcienens zwischen ihnen und den Bergleuten Sorge tragen. Im Uebrigen aber dürfte auch hier wieder die erneute Mahn­ung an die verbündeten Regierungen am Platze sein, endlich einmal die Nothwendigkrit der Schaff­ung unb Durchführung einer gesetzlichen Regelung der Arbeiierverhältniffe und de» Arbeiterschutze» zu erkennen.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Dezember.

• Ein tragische» Geschick hat unseren tapferen, schwer geprüften Land»mann Dr. Schnitzer (Emin Pascha) in Bagarnoyo erreicht. Au» seinen eigenen Mitthetlungen wissen wir, daß er halb blind ist. Beim Besteigen eine« Balkon» in dem genannten deutschen Seeplatze an der ost- afrikanischen Küste verrechnete er fich in der Höhe de» Gemäuer», verlor da» Gleichgewicht und stürzte 20 Fuß hoch herab. Al« man ihn aufhob, zeigte fich, daß er schwer verletzt war. Da« rechte Auge war geschloffen und au« den Ohren drang da« Blut, Symptome, welche auf einen Schädelbruch schließen ließen. Der ganze Körper war arg ton- tustonirt. Die deutschen »erzte find wegen feine» Zustande« sehr besorgt, während der englische Arzt Dr. Parke mehr Hoffnung gibt. Jedenfalls ist e« unmöglich, Emin Pascha in den nächsten Tagen nach Sanfibar zu bringen. Dr. Parke, bekannt­lich einer der Begleiter Stanley«, bleibt bei dem

Schwerverwundeten in Bagamoyo zurück. Hoffen wir, daß die Parke'sche Auffassung de» Zustande« Emin Pascha'« fich al« die richtigere erweise. — Nach einer anderen Verston über da« Unglück reichten in dem Emin zugewiesenen Zimmer die Fenster bi« zum Flur hinab. Al« er in der Nacht zur Thür hinaurtreten wollte, gerieth er in seiner Kurzstchtigkeit an ein Fenster, stieß durch diese« und stürzte hinab. Er soll einen Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung erlitten haben. Nach London gelangte Nachrichten erklären e« für wahr­scheinlich, daß Emin den erlittenen Verletzungen erliegen werde.

* In der Reich»tag«kommission zur Vorbe- rathung de« Sozialistengesetze« ist am Mitt­woch die Entscheidung gefallen. Die vielumstrittene Aueweifungebtfugniß wurde abgelehnt und da« gemilderte Gesetz in zweiter Lesung gegen die Sttmmen der Konservativen, Deutschfreifinnigen und Sozialdemokraten vom Centrum, von den Nationallideralen und Freikonservativen ange­nommen. Da« Centtum hat für die dauernde Bewilligung de« gemllderten Sozialistengesetze« aber nur deshalb gestimmt, damit da« geänderte Gesetz nicht in der Kommission durchfalle, sondern an die Vollversammlung de» Reichstage» gelange; die Nationalliberalen sind also gezwungen, am Gesetz auch in der Vollversammlung festzuhalten, Dank der klugen Taktik de» Gentrum».

* Das Gentrum hat feinen Antrag auf Be. freiung der Theologen von der Militärpflicht mit Rücksicht auf den protestanüscherseit« erhobenen Widerspruch dahin abgea-idert, daß nur diejenigen Theologen befreit werden sollen, welche darauf An­trägen.

* Nach verschiedenen Meldungen sind die Ver­handlungen Preußen» mit dem h. Stuhle Über die während de» Kulturkämpfe» gesammelten Sperr gelber abgebrochen. Der h, Stuhl Überläßt biefe Frage bem preußischen Episkopat, bem er allerbing« entsprechende Verhaltungsmaß­regeln unterbreitete, die natürlich geeignet find, voll und ganz die Interessen der Kirche zu wahren.

• Um in bem Konflikt bet Bergleute mit ben Zechen wegen ber Sperre ausgleichend zu wirken, ist Hammacher nach Dortmund,' Stötze! nach Essen abgereist.

• Der Reichstag führte heute die 3. Berath« ung des Reichsbankgesetze» zu Ende unb nahm dasselbe unverändert nach der Regierungsvorlage an» nachdem der vom Grafen Mirbach wieder aufgenommene Antrag de» Frhrn. v. Huene auf Herabßtzung der Gewinnanthefls der Bankautheilr- eigner mit 126 gegen 98 Stimmen abgelehnt worden war. Auch die Morren'sche Resolutton gegen kommunale Steuerpcivilegien der Reichsbankfittalen wurde abgelehnt. Dann wurde die Etatsberathung bei den Zöllen unb Verbrauchssteuern fortgesetzt, bald darauf aber auf morgen (Sonnabend) vertagt.

* Der Bundesrath hat die Errichtung einer subventtonirten Postdampferverbindung mit Ost­afrika genehmigt.

• Breslau, 4 Dez. Für die oberschlefifche katholische Arbeiter-Kolonie sind vorn Herrn Fürst­bischof Dr. Kopp 5000 Mar! gezeichnet worden.

* lieber den großen Sozialisten-Prozeß, der sich gegenwärtig vor dem Landgericht zu Elber­feld abspielt, schreibt man der .Köln. Volksztg.' aus Elberfeld vom 4. d. M.: Wäre der große, feit Jahren vorbereitete Prozeß nicht unternommen worden, fo wäre den 91 Angeklagten jedenfalls wohl, aber den Anklägern beffer, beim wie schon ber Münchener G-Heimbund-Prozeß, so führt auch ber Elberfelder zu Enthüllungen, welche be­weisen, von wie zweifelhaften Personen die Polizei in ihrem Kampfe gegen die Sozialdemokratte be-