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Mittwoch, den 4. Dezember.
1889.
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Unterwegs.
Weihnachts-Geschichte von I. v. Dirkink.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Ja, der dumme Junge blieb richtig aus, da er doch — wie der alte Griesgram dachte — schon längst auf seinem Posten sein mußte. Der Zug würbe ja gleich einlaufen.
„O nein! Der Zug wird erst in fünfzig bis sechszig Minuten erwartet," gab der Kellner auf Befragen zurück.
Verdrießlich erhör sich Born. Er verließ den Wartesaal und trat vo' die Thüre. Wie wohlig die Luft fdne Wangen umspielte. Und die liebe Sonne, sie hatte siegreich dar trübe Gewölks am Regenhimmel durchbrochen. Man athmete ordentlich auf. Das Städtchen dort vor ihm erschien im Sonnenglanz wie ein heiteres, freundliches Bild. Der Thurmknopf des Kirchleins blitzte wie neu vrrgoldit herüber. Der sinnende Mann entschloß sich zu einem Gang ins Freie. Der erfrischende Windhauch sollte ihm die Grillen vertreiben. Langsam schritt Born dahin, den gepflasterten Pfad en. lang, der an Gärten, Wiesen und vereinzelten Landhäusern vorüber führte, auf ein dürftiges Kikfernwäldchen zu. Er zog die Uhr. Dreißig Minuten hatte er noch Zeit, bevor der Zug einlief. In fünf Minuten hatte er da» Gehölz erreicht. Aha! — Der Friedhof war cs. Deutlich sah er, je näher er kam, die weißen Denkmäler herübt rschimmcrn. Der Friedhof!
Wie lange hatte er k inen Gotteracker betreten. M>t auf dem Rücken verschränkten Armen war er eine Weile umtzergewandert, da hemmte er plötzlich den Fuß. Sein Auge hatte ein einfache« schwarze» Holzkreuz mit einer weißen Inschrift entdeckt, und der Name darauf machte ihn stutzig. Schärfer blickt er hinüber und erbleicht. Seine Füße zittern. — Er stolpert im langen Grase, al» er weiter hastet, damit er e» noch einmal lesen kann, ob er recht gesehen hat.
, »Hier ruht in Gott Isidor Prodowrki, Schauspieler. Wanderer bete für ihn."
Em Seufzer entrang sich der Brust de« ein- samcn Mann«. „Prodowrki, hier — hier hast Du ein früher Grab gesunden!? — So jung noch, und schon todt, gestorben, verdorben." Lange stand Born vor dem Hügel, ganz seinen Erinnerungen an den Tobten, den er als seinen Feind betrachtet hatte, lange, lange. Seine Lippen flüsterten ungereimte Worte. Er war tief erschüttert.
Endlich raff.e er sich empor und wankte nach dir nächsten Ruhestätte. Doit stand eine Bank unter einer Trauerweide. Born ließ sich nieder. Er wollte Rast halten; er wollte seinen Gedanken solgen, die ihn in die Vergangenheit zogen.
Wie lange war c» her, al» er, ein leichtherzige» Menschenkind, so lebensfreudig in da« Städtchen einzog, wo er die Dirigentevstelle an der städtischen Kapelle angenommen hatte.
Ein Zufall führte ihn in da» Hau» seine« Nachvar«, eine« Krämer», deffen Frau eine Choristin an der Bühne war. Die Frau brachte da» Gespräch aus ihr Töchterchen, ein fünstehnjährige«,
elfenhafte« Wesen mit wunderbar großen, von langen Wimpern beschatteten Kinderaugen. Angela schwärmte für Musik, sie wollte Sängerin werden.
Die Mustkstunden nahmen ihren Anfang, denn Angela'« Stimme war wie ein silberne» Glück« lein. Leider wurde der Unterricht jäh unterbrochen, al» er kaum begonnen hatte. Ein Unstern waltete über dem Hause, und eine» Tage» brach da« Schicksal plötzlich über die Familie Lorenz herein. Da» Mullkleid der Frau Lorenz hatte auf der Bühne Fruer gefangen; sie wurde während der Vorstellung ohnmächtig von der Bühne getragen. Ein Herzschlag machte ihrem Leben ein Ende. Der trostlose Wittwer wollte nun nichts mehr vom Thcat.r wiffen. Er untersagte Angela den Gesangunterricht. Er wurde menschenscheu und zuletzt geistesgestört. Bor« hielt es für seine Pflicht, sich des Kindes anzunehmen. Nach dem Tode der Vater» erbarmte sich Born'« Haurwirthin der Waise. Sie war nun ein fiebenzehnjährigc», aber überaus zartes Mädchen. Born kämpfte täglich mit sich, ob er nicht wieder den Gesangunterricht aufnehmen sollte, da Angela'« Stimme zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Ein Blick in ihr blaffe» ernstes Gesicht benahm ihm jedoch stets den Muth zu seimm Vorschlag. Sie war von dem häuslichen Unglück wie innerlich gebrochen. Ihr Frohsinn hatte sich in düstere Schwcrmuth, ihre Offenheit in Schweigsamkeit verkehrt.
Mit rührender Dankbarkeit hing sie an ihrem Wohlthäter. Sie war sein Liebling, ihr Glück sein einziger Gedanke. Al« seine Haurwirthin ihm erzählte, wie willig Angela sich den häuslichen Arbeiten unterziehe, war es ihm nicht recht, daß sie noch immer keine Lust zeige, ihre Studien wieder aufzunehmen. „Dis Hausgeschäfte zerstreuen sie; und ist es nicht bester, ich erziehe Ihnen eine Stütze für Ihr Alter, al» daß sie Sängerin wird ?" halte die Frau gesagt.
Tagelang waren e» diese Worte gewesen, die Born in seinem Herzen erwogen hatte. Angela seins Stütze — wie hatte sie, Frau Lang, es gemeint? Als sein Töchterchen? — aber dann kam ja eine« Tage» ein Anderer und holte sie ihm gar fort. — Ach, sie war ja noch viel zu jung, um sich mit solche« Gedanken zu quälen. Ihr kindlicher Wesen ließ sie viel jünger erscheinen, al« sie war. Wenn sie nur erst ihren Lebensmuth wieder fand, da» war die Hauptsache.
„ES wäre ja natürlich," meinte Frau Lang, „daß dem schwergeprüften Kinde jedes Lied, jeder Gedanke an Musik für immer verleidet sei". Während Born auf MUtel und Wege sann, seinen Schützling heiter zu stimmen, ahnte er e« nicht, daß ein Mißverständniß sie träumerisch und schwer- muthrvoll erscheinen ließ. Er sollte es zu spät erfahren. Die städtisch« Bühne hatte an einen jur- ren Tenoristen eine vorzügliche Eroberung gemacht. Ein Pole war'» mit dunkelen blitzenden Auge« und vornehmem Wese«. Er kam zu Bor«, er hatte ihn bald immer etwas zu fragen. Dann trug er ihm seine Lieder vor, die er mit kivreißcndem Feuer, mit so Iviel Schmelz und musikalischem Ausdruck sang, Haß Born ganz begeistert den Sänger täglich in’» Hau» lud.
Ach, der zerstreute harmlose Meister ahnte e» nicht, daß Angela der Magnet war, den Polen anzuziehen. Angeld« Liebreiz hatte es dem jungen Künstler angethan; war cs doch wie ein Zauber, der von ihr auf alle Menschen überging, di« mit ihr in Berührung kamen. Bor« blieb arglos, obgleich er gewahren mußte, daß feine Rosenknospe sich seit einiger Zeit herrlich zu entfalten begann. Auch ihr silberdelle» Lachen erklang bald wieder wie früher durch'« Hau», so ost der Pole neben dem Klavier stand und in seiner fremdartigen Aussprache mit dem Meister tine Unte Haltung von Thester-Angelegcnh.iten pflog. Nur wenn er eines feiner frischen Liede schmetternd und jubelnd hin- aursang, dann wandte sich Angela seufzend und erbleichend ab. Die Sehnsucht nach der Sanger- kunst funkelte in ihren großen Augen. Aker daran dachte Born erst — al» es zu spät war.
Der Pole hatte ein Engagement in der Residenz angenommen. Born traf seine Vorbereitungen, dem jungen Freunde ein Abschiedsfest zu geben. Da sand er auf s inem Arbeitstische einen Brief mit Angela'« Handschrift. Mit zitternder Hand, al« ahne er da» Unglück, öffnete er den Umschlag; — er las die ersten Zeilen und dann wurde <s dunkel vor seinen Augcn. Er wußte genug. Aber er war ein Mann und durfte nicht von diesem Schicksalrschlag zermalmt werden. Er erhob sich — wie Blei lag es in seinen Gliedern. Er schob den Riegtl vor seine Thür und dann wanderte er stundenlang in seinem Zimmer auf und ab. Am folgenden Tage fand er den Muth, Angela'» Zeilen ruhig bi» zu Ende zu lesen; «» war ein langer Brief. Sie schrieb, daß die Leidenschaft für die Bühne sie nicht länger dulde an der ©eite ihre» Wohlthäter». Sie wußte e» von Frau Lang, seiner Wirthin, daß er, der Onkel, e» ihrem Vater auf dem Sterbebette versproten, sie vom Theater fern zu halten. Daraus erkläre sie cs sich, daß er ni« mehr an ihren Unterricht erinnert, wie sie cs so heiß ersehnt habe. Sein Erd binde ihn, aber nicht sie, die den Beruf zur Künstlerin in sich fühle und ihm nicht länger widerstehen könne. Durch den Verkehr mit Isidor Prodowrki sei der Entschluß, zur Bühne zu gehen, in ihr gereist.
Sie liebe ihre« Freund und werde von ihm wieder geliebt: er werde sie zum Altar führen und dann zu seiner Mutter, die, selbst Schauspielerin und Sängerin, ihre Ausbildung übernehmen würde. Sie flehte in bereoten Worten um seine Verzeihung. Wenn sie eine große Künstlerin sei, wolle fi« wiederkehren und ihm alle» Gute vergelten. Bor« lachte laut auf und ballte dm Brief zu einem K, äuel zusammen, den er in'« Feuer warf. Seine Fcmnde fanden, daß er binnen wenigen Tagen um Jahre gealtert sei. E» hielt ihn nicht mehr länger in der Stadt. Al» ihm bald darauf eine Stelle in der Residenz angeboteu wurde, nahm er sie an. Hier kümmerte er sich um Niemand.
So weit war er mit feinen Gedanken gekommen, al« Fußtritte ihn au« seinem Brüten aufscheuchten. Ec erhob sich, zog die Uhr und fand, daß c» Zett war, aufzubrechen. Ja der Stadt, auf dem schmalen Heckerpfade, der zwischen Gärten hindurchsührte, drängte sich ein Knabe an dem flnnenben Wan-