M 279. Mittwoch, den 4. Dezember.
fnlborr W Ikikig.
1889
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Der heutigen Nummer liegt der Weihnachts-Anzeiger Nr. 2 bei.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Dezember.
• Dar stehende Thema in den politischen Tage«. blättern bilden der Reichstagsschluß und die Neuwahlen. Gouvernementale Blätter führen jetzt au», der Reichstag werde kaum lange vor dem 21. Februar geschloffen werden, darnach wären die Neuwahlen nicht vor Ende Februar zu erwarten. Die regierungsfteundltchen Zeitungen ermahnen gleichzeitig ihre Getreuen zu einer entschiedenen Wahl - Agitation und zur Bereinigung gegen die bbse Opposttton, Freifinnige und Centrum.
* Die Vorstände der Reichs- und fteikonser- vativen, der deutschkonservativen und der nattonal- liberalen Partei haben dar Wahl karte ll von 1887 für die bevorstehende Reichstagswahl erneuert.
* In hiesigen Hofkreisen bestreitet man, daß eine Verlobung zwischen demrussischenThron- folget unb bet Prinzesstn Margarethe von Preußen geplant sei. Er finb dies allerdings solche Kreise, die ein derartiges Projekt nicht eher zu bestätigen pflegen, als bi» es vollendete Thatsache ist.
* Der Kaiser hat bestimmt, daß die mllitärische Aktion, welche in der Zeit vom 6. September 1888 bi» zum 10. Jult 1889 an der Ostküste Afrika'« stattgefunden hat, alr ein Feldzug güt. In demselben Sinne ist die am 18. Dez. 1888 auf den Samoa-Inseln aus.aeführte militärische Aktion al« ein Feldzug anzusehen.
• Der Reichstag berieth heute den Antrag der Freifinnigen auf Besettigung de» obligatorischen Arbeitsbuches für Erwachsene Bergarbetter. Abg. Echmidt-Elberfeld (ftf.) begründete den Antrag, wobei er bett rheinisch-westfälischen Grubenbesitzern bett Bergarbeiterstrike zur Last legte. Dm Deutsch« freifinnigen sei schließlich bie Beilegung be» Konflikt» zu danken gewesen. Abg. Leuschner-Eirleben (Rp.) und Dr. Franz (Cenk.) traten für die Beibehaltung der Abkehrscheine, die mit Arbettr- büchern keineswegs identisch seien, im Jatereffe der Arbetter selbst ein. Abg. Frohme (Soz.) behauptet dagegen, daß mit Abkehrfcheinen unerhörter Mißbrauch getrieben werde. Abg. Kleine (nl.) trat den Uebertreibungen der Lage der Bergarbeiter in Rheinland-Westfalen entgegen. Wetterberathung morgen.
• Die katholische Zeitschrift „Gott will e»"
4- Heidelerche.
Novelle von I. von Dirkink.
(Schluß.) 6.
Annette ist noch immer allein. Ihr Entschluß ist gefaßt. Sie wählt den geraden Weg und will an Müe schreiben, daß fie die Hand Ihre» Bruder» nicht annehme« kann. Wa« dann folgt, steht in Gotte« Hand. Annette tritt an ihre Kommode und sucht ihre Schreibmappe. Sie erblickt ihr Tagebuch, mechanisch zieht fie e« hervor. Dunkle «luth bedeckt ihr Antlitzf al« ihr dürre, gepreßte Blumen in die Hand fallen; e« waren Gaben au« mner Hand, theuere Andenken an Erich. O, dieser Traum, der ftße Traum — er war begraben für kwig. Und während ste solche« dachte, stieg da« Bild be« heimlich Geliebten in seiner ganzen Man- unschöne vor ihrer Seele auf, unb ein schneiben-
Schmerz bohrte sich auf« Neue in ihr Herz. E» war eine Täuschung! — Fort mtt jeder Er« mnerung an ihn l Wenn er fie wahrhaft geliebt, Mte er fie in der Fremde nun nicht längst ver- öeffin? Warum nur die dumme« Thräaen wieder
theilt folgende au« Algier, 26. November dattrte erfreuliche Meldungen mit: „Mehr al« 50 Briefe find eben von unseren Missionaren au« dem Inner» Afrika« angekommen. Sie bringen köstliche und erhebende Neuigkeiten. Alle« ist offenbar unter dem Walten der göttlichen Vorsehung glücklich verlaufen. Wir haben Briefe von allen Stationen. Alle unfere Brüder leben. Stocke« (englischer Reisender) hat Muanga wieder auf den Thron von Uganda gesetzt. Die Zukunst der Missionen ist eine glänzende. In der Umgegend de« Tanganyka-See« geht alle« gut. Kapitän Joubert lebt und ist siegreich; er ist der Schrecken der Sklavenhändler, er organifirt die Völkerschaften gegen die Araber; letztere bieten Alle« auf, um Aftika den Händen der Christen zu entwinden. Hülfe von Europa au« ist deßhalb mehr al» je erwünscht, eine kräftige Aktion, wie jene Wißmann'r, Stocke»' und Joubert'«, wird der Araber Herr werden. — P. Hirth (Elsässer) ist zum Bischof geweiht und folgt al« apostolischer Mkar vom Nyanza dem Msgr. Livinhac, welcher bekannllich zum General der Weißen Väter erwählt wurde."
* Lieutenant Rust, ein Mitglied der Petert'schen Expedition, der soeben nach Lam« zurückgekehrt ist, nimmt an, daß Peter« und Tiedemann tobt finb, bä die an sie abgesandten Boten nicht zurückgekommen wären.
* Der Tag zur Vornahme der Wahl eine« Landtag» - Abgeordneten im Kreise Ahaus und Steinfurt an Stelle be« burch Mandatr-Nie- berlegung ausgeschiebenen Abgeorbneten Dr. Frei- Herrn ».Echorlemer-Alst ist aus ben 18.Dezember d. I. festgesetzt.
* Trier, 2. Dez. Nach bet Tobenliste be« neuen Ditektotium« hat bie Diözese Seiet seit bem 1. Dez. 1888 emett Vetlust von 19 Priester« zu verzeichnen. Wähtenb bet älteste 82 unb bet jüngste 42 Iahte zählte, stellt fich bar Durch- schvtttraltet auf 66 Iahte, 4 Monate 3 Wochen. Zwei hatten bar 80., acht bar 70., vier ba« 60., zwei ba» 50, unb brei ba» 40. Leben»;ahr überschritten.
* Vom Main, 3. Dez. Am 19. Dezember l. I. begeht bie Mainzer Diözese ein Freudenfest: da» goldne Priesterjubiläum be« Herrn Regen» Dr. Moufang. Die zahlreichen Geistlichen, welche ttu» bem Mainzer Priesterseminar hervorgegangen finb, überreichen bemselbe« eine künst- lerich aurgestattete Abreffe. Vor Allem soll bem verdienten Manne bie Uederraschung zu thell
hervorstürzen? Unwillig schleubette fie bie Hellen Tropfen von ihrer Hand; aber ihre Lippen flüsterten bennoch: „Erich, lieber, lieber Erich!"
Da tönten Fußtritte braußm, eine sonore Stimme schlug an ihr Ohr.
„O, wie poetisch ist biefe Umgebung, hier läßt fich herrlich schaffen."
Annette erschrak; ans ben Fußspitzen huschte ste an'« Fenster. Aber jetzt öffnete sich bie Thür be« Zimmer». Zwei Damen erscheinen auf ber Schwelle. Die Dame mit bem grauen Haar — wo halte Annette fie schon gesehen? — wirst eine« Blick burch'« Zimmer unb ruft lächelnb: „Aha, wir finb an ber rechten Quelle, Frau Volmer, ba» ist bie Haibelerche!"
War e« nicht bet pure Hohn? Annette steht wie erstarrt; alle Farbe weicht an« ihrem Gefichte, nut bet eine Gedanke lebt in ihr, daß fie die Augen nicht vom Boden erheben darf; die Scham hängt fich wie ein Bleigewicht an ihre Lider und taucht da« Geficht langsam in dunkle Gluth. Die verkörperte Hilflosigkeit, so steht da» junge Mädchen da; ein rührender Anblick holder verschämter Anmuth. Frau Volmer hatte alle Mühe, fich zu
werden, daß eittr Stiftung — die Moufang- Studienstiftung — sein Andenken den spätere« Geschlechtern überliefert. Au« den Erträgniffen dieser Stiftung sollen junge Leute, gleichviel welcher Diözese, im Mainzer Seminar zum geistlichen Stande hetangeblldet werden. Dem Vernehmen nach ist'ein ansehnlicher Fond« au« Beiträgen ehemaliger Blumen de« Mainzer Seminars geblldet worden.
Ausland.
* Wien, 3. Dez. In Folge de« andauernde« Schneesturme» ist gester« Abend ber fällige Orient- cxpreßzug nicht abgegangen.
* Au« Rom, 2. Dez. meldet bas Wolffbureau: Wie verlautet hält bet Papst am 16. ober 19. b«. ein geheimer Confistorium unb am 19. ober 22. b. ein öffentliches Confistorium ab, worin bie russischen, bann einige französische Bischöfe unb wahrscheinlich auch bet neue Erzbischof von München proklamitt werben. — Ende Dezember wird eine Eneykliea erscheinen, welche vermuthlich über bie sozialen Pflichten handelt. Nach zuver- läffigen Informationen ber .Köln. Vztg.' wirb ba» nicht ber Fall sein.
• Semlin, 2. Dez. Im Centrum Serbien« zwischen Jagobina unb Kragujewatz fanb gestern Nachmittag 2 Uhr ein heftige» von Westen nach Ost« sich verbreitenbe« Erbbeben mit donnerartiger Erschütterung statt. Die Dauer deffelben betrug 30 Sek. Der angerichtete Schaden ist geringfügiger Art. In mehreren Ortschaften fielen unter starker Detonation zahlreiche Meteorsteine nieder.
A«S Stadt, Provinz nrrd Nachdargebiet.
Fulda, 4. Dezember.
• Der Extrazug, welcher Se. Maj. Kaiser Wilhelm mit Gefolge am nächsten Freitag den 6. d. Mt». nach Darmstadt führt, wird unsere Bahnstation fahrplanmäßig Morgen» 6 Uhr 22 Min. (Ortszeit 6 Uhr 07 Mn.) berühren.
O lieber die jetzt im Bürgerverein venftlirten Pläne, welche für die Gesammthett der hiesigen Einwohnerschaft von Jatereffe find, wird un» folgende« mitgetheitt: Er ist bett maßgebenden Vorstand«mitgliesetn nun auch klar geworden, baß ein Veteinsbau, wie er ursprünglich projektirt war, nicht dutchsühtbat ist, ohne baß babei ber Fort
beherrschen; denn ihr Hetz drängte fie zu dem lieblichen Kinde, da» ste auf den ersten Blick lieben mußte.
Unterdeß fie ein wenig zurückblieb, trat Fräulein Falkner an ba« junge Mädchen heran; ihr scharfe« Auge hatte Rundschau in bem traulichen Heim gehalten. Dort an ber Sophawand hing eine ganze Galerie eizenthümlicher Parttatt« in Oel gemalt. Em paar alte Herten im Pubethaat mtt Jabot unb bie Damen mit künstlichem Locken- bau unb tief ausgeschnittenem Mieder; aber Zug um Zug glichen diese Fatnilienbildet ihren Ahnen, deren Abbildern en miniatur fie in ihrem Boudoir den Ehrenplatz eingeräumt hatte. Kein Zweifel, hier stand ste ihrer jungen Verwandten gegenüber.
„Annette," rief sie, „schauen Sie mich einmal recht an, betrachten Sie mein Geficht, und dann sagen Sie mir, ob Sie nicht einen Famüienzug darin entdecke«. Ich heiße Annette Falkner und bin Ihre, Deine rechte Koufine, und jetzt gib mir Deine Hand, Kind! Und schau recht sröhlich b'teitt ; denn ich habe Dir allerlei Gute« zu »er- künbigen."