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1889

Dienstag, den 3. Dezember.

M 878.

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❖ Zur Ordensfrage in Baden.

I« dem zu -jwei Dritteln katholischen Lande Baden find bekanntlich seit Menschengedenken keine Ordensklöster zugelaflen; die l'tzten Kapuziner haben in den 40er Jahren Baden verlassen. Ab­gesehen von dem für ganz Deutschland geltenden Jesuitengesttz ist ind> fien die Zulafiung von Ordens- niederloffungcn in Baden nicht gesi tzlich verboten, sondern die Zulafiung derselben ist nach §11 be« Gesetzes vom 9. Oktober 1860 von einer beson­deren Regierungsgenehmigung abhängig. Allerdings kommt der bisherige Zustand in Baden thatsäch- lich einem vollständigen Ordens verböte gleich, und die Jolly'sche Kultur kampfg'fttzgebung hat ja auch dafür gesorgt, daß in Baden eine gesetzliche Be­stimmung besteht, welche über dar Verbot von Ordensniederlaffungen noch weit hinaurgeht, näm­lich das Verbot der Seelsorgsaushilfe und der Ordknsmtsstonen durch außerbadische Ordensgeist­liche. Dieses rigorose, in keinem civilisirten Staate der Welt, ja nicht einmal in der Türkei bestehende Gcßtz sollte vor zwei Jahren durch den berühmten Artikel 4 der badischen Kirchen Vorlage zum Theil, d. h. nur für die Seel- sorgraurhtlfe, beseitigt werden. Leider war aber auch in diesem Ordens-Artikel der Regierung die weitestgehende diekretionäre Willkür eingeräumt. Bekanntlich hat der intrar figente Nationalltberalis- mu» unter Kiefers Führung selbst diese dürftige Verbefferung des unerhörten Zustandes (laut Kultus­minister Nokk würde es fich überhaupt nur um etwa ein Dutzend zeitweilig zuzulaflsnder Ordens» Mönche gehandelt haben) abgelehnt. Zehn National­liberale stimmten für den Ordensartikel: diese find durch den nationalliberalen badischen Meinung«- terrorismu» bei den jüngsten Wahlen fämmtlich zum Verzicht auf das Mandat gezwungen worden, so daß nunmehr die von Oidenshuß und „Kutten­angst" b» fangens Kiefer'sche Richtung allein in der zweiten badischen Kammer dominirt. Trotz der Schwächung der nattonalliberalen Kammermehrh-.it durch die jüngsten Wahlen haben die Anhänger des absoluten Ordens Verbotes in der Kammer an Zahl zugerommen, aber auch nur an Zahl, denn der Wahlausfall stellte fich in Wahrheit als eine schwere moralische Niederlage der Ordens- haffer und al« ein Steg de» die Ordenrzulaflung begehrenden katholischen Volkes dar. Ohne die badische Wahlkreisgeometrie, ohne da» indirekte Wahlsystem und die jeweils nur hälftige Ernen­nung der Mandate würde der Nationalltberalis-

+ HMlerchr.

Novelle von I. von Dir link.

<1. Fortsetzung.)

„Erich war mit Allem zufrieden und reiste ab. Wir hielten die Kleine im Auge; fie bewährte fich in allen Stücken; eine Umstchtigere Kranken- Wärterin könnte es nicht geben; Stile», was wir über Annette hörten, befriedigte uns, machte un» stolz und glücklich. Da fiel un», mitten in un­serem Glücke, ein anonymer Brief wie eins Bombe in« Haus. Annette sei verlobt mit einem Manne, den ste von Kindheit an im Herzen trage. Unser Sohn drängte stch zwischen da« Paar und würde von Annetten» Verlobten al« der Störenfried seine« Glücke» betrachtet. In diesem Tone ging es fort. Da» Ende vom Liede war, daß Annette zudem noch sehr unglücklich darüber sei, durch Erich zu einem Spottnamen gekommen zu sein. Doch lesen Sie den Brief selbst", rief Frau Volmer, fich erhebend und in» Nebenzimmer eilend. —

Gedankenvoll starrte Fräulein Falkner vor fich

mu» in Baden heute bestegt und gedemüthigt am Boden liegen. Da» haben die verschiedenen Siege der C e n t r u m » p a r t e i in bisher nattonalliberal vertretenen Wahlkreisen bewiesen.

Die Centrumspartet thut wohl daran, daß ste diesen moralischen Erfolg gerade auf dem Gebiete auszunutzcn sucht, dem er vorzugsweise zu ver­danken ist. Die soeben in der zweiten badischen Kammer eingelaufene Ordens-Interpel­lation straft auch diejenigen nationalliberalen Propheten Lügen, welche voraussagten, daß der sang« und klanglos eröffnete Geschäfts-Landtag fich mit der Kirchenpolitik und der Ordensfrage gar nicht beschäftigen werde. Die von dem Abg. Freiherrn von Buol Namens der Fraktion singe- reichte Interpellation hat folgenden Wortlaut:

„Sind der Großh. Regierung au« verschied­enen Theilen des Lande« Anträge unterbreitet worden, wonach auf Grund de« § 41 des Ge­setze« vom 9. Oktober 1860 „sie rechtliche Stellung der Kirch n und kirchlichen Vereine im Staate betreffend", religiöse Orden im Lande eingefühlt und einzelne Niederlaffungen von solchen ermöglicht werden sollen? Welche Stellung nimmt die Großh. Regierung diesen Anträgen gegenüber ein?"

Die Interpellation stützt stch also auf die oben erwähnte gesetzliche Befugniß der Regierung, auf Antrag Ordensniederlaffungen in Baden zu geneh­migen. Leider hat die Regierung — wie es scheint, au» Furcht vor dem Nationalliberalirmu» — von dieser Besugniß bisher noch keinen Ge­brauch gemacht und alle bezüglichen Anttäge int- berücksichtigt gelassen. Das Ministerium Turban wird bei der Berathunq der Interpellation Farbe bekennen müfien. Das Gleiche ist von denNa­ttonalliberalen zu erwarten, nachdem fie vor zwei Jahren ihren Widerstand gegen die Zulafiung „ausländischer" Ordensgeistlichen namentlich damit begründet hatten, daß die „inländische" Seelsorge nur von „inländischen" geistlichen Kräften und unter Aussicht inländischer geistlicher Oberen geübt werden solle. Man kann stch also auf eine in ter- effante Kammerdebatte über die „Mönchsfrage" gefaßt machen. Kiefer und seine Getreuen werden zum Staunen aller „aufgeklärten" und „Hellen" Zeitgenoflen ihren hinterwäldlerischen, finsteren und rückschrittlichen Standpunkt vertheidigen, einen Standpukt, der den badischen „Musterstaat" tief unter allen anderen deutschen Bundesstaaten, ja sogar unter das Niveau der Türkei herunterdrückt. Aber was wird die Regierung thun? Wird der

hin. Wie kam cs nur, daß fie wie auf einen Gedankenblitz da» Gesicht der Bäuerin vor stch sah, wie es stch während der Unterhaltung an der Gasttaf-l mit Fiebergluth bedeckte. Man hatte von dem Unheil durch anonyme Briefe gesprochen hatte ihr da« Gewissen geschlagen? Frau Volmer unterbrach ihre Gedanken, ste überreichte ihr den Brief. Allein kaum hatte Fräulein Falkner ihn über flogen, al« ste erbleichte und die größte Mühe hatte einen Schrei der Ueberraschung zu unter­drücken. Mit aller Gewalt stch beherrschend, fragte fie:

„Hat Ihr Herr Sohl Einficht von diesem Schriftstück erhallen?

„Gottlob, nein I" rief Frau Volmer. „Zuerst wollte mein Mann den Brief absenden, allein bei längerem Nachdenken haben wir e« unterlofien. Warum ihm da» Herz vorzeitig beschweren? sagte ich; wer weiß, ob er nach Jahr und Tag noch an da» Mädchen denkt. Laffen wir die Zeit wal­ten. In vottger Woche aber schrieb er, daß er Ende diese» Monat« heimkehren würde al« der Alte und mit heißer Sehnsucht nach seiner Heidelerche

Kiefer'sche Terrorismu» stärker fein al» der noto­rische Wunsch der höchsten Stelle de» Lande», daß dem religiösen Bedürftiiß wie auch dem Friedens- bedürfniß de» katholischen Volke« Rechnung getra­gen werde? Da« Centrum hat, wenn e« auch keine befriedigende Antwort erhält, und wenn über seine Interpellation zur Tagesordnung geschritten wird, nicht» zu verlieren; es kann bei der Dirkusston der Frage nur gewinnen. Denn e« wird dann wieder einmal der ganze unduld­same, verbiffen kulturkämpferische Geist de» badi­schen Nationalliberalirmu» offen zu Tage treten, und die aufwärt« strebende katholische Bewegung wird durch den blinden Ordenshaß der Kieferianer nur neue Kräftigung erfahren.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Dezember.

* Nachdem stch mit Sicherheit übersehen läßt, daß an eine Beendigung der Reich«tagsses­st on vor Weihnachten nicht mehr gedacht werden kann, hat man an gewiffer Stelle den Wunsch, fie wenigsten» so bald wie möglich nach Weihnach­ten zu beenden. E« wird von Seiten der Re­gierungspartei» n demgemäß eine möglichste Be­schleunigung angesttrbt, und damit hängt e« zusammen, daß jetzt bereit» die Nachricht verbrei­tet wird, der Reichstag werde nicht, wie e» ur­sprünglich hieß, am 14. Dezember in Ferien gehen, sondern man wolle versuchen, ihn noch bi« in die letzte Woche vor Weihnachten zusammenzuhalten. E» deutet alle« darauf hin, daß die nächsten Wah­len so bald al« möglich nach Schluß de« Reichs­tage« erfolgen sollen.

* Ein neues Weißbuch über Ostafrika ist erschienen. Daffelbe reicht bis zum 17. No­vember. Es enthält u. A. den Bericht de« Frhrn. v. Gravenreuth betr. den Sieg über Buschiri und die Mastti« bei Yombo in der Nähe von Bagamcyo sowie den telegraphischen Bericht über die Besetzung von Saadani.

♦ Emin Pascha und Stanley werden am Mittwoch in Bagamoyo erwartet.

* Nächst Stanley und Emin Pascha ist unter den au« Centtalafrika heimkehrenden Euro­päern der bedeutendste der Italiener Kapitän Kasati. Er ist zu Maya geboren, war Kapitän in einem Bersaglieri-Regiment und schloß fich einer 1879 ausgerüsteten Expedition an, welche den Gou­verneur der Provinz Bahr-el-Ghasak, den Ita­liener Gesst Pascha aufsuchen sollte; irn Juli 1880

im Herzen. Nun denken Sie fich unsere Verzweif­lung," schloß die würdige Dame, den Brief in die alten Falten legend.

„Da« Unglück ist nicht so groß," lächelte Fräu­lein Falkner.

„O, Sie kennen unseren Sohn nicht," fiel die Mutter ein. „Er hat Charakter und so ein echt deutsches Gemüth; er vergißt fie nicht, nun er seine Probe bestanden hat — nie, niemal«."

„Bitte, überlassen Sie mir diesen Brief für eine kurze Zeit," bat Fräulein Falkner; „mir erscheint die ganzeGischichte al« Mystifikation, viell itzt kann ich den Schreiber ermitteln; mich gelüstet e« von Herzen, mit dem Absender diese» Dokumente» gründlich Abrechnung zu halttn."

„Aber," lächelte Frau Balmer, „wie wollen Sie da» anfangen? Sie find ja ganz unbekannt in hiesiger Gegend. Doch halt, sagten Sie nicht, daß Sie auf einer Entdeckungsreise nach einer jungen, entfett ten Verwandten wären?"

Fräulein Falkner nickte. „Ich habe ihre Spur bereit« gefunden; und warum soll ich Ihnen gegen­über verfchllffen fein, da Sie, liebe Frau Volmer,