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1889

Samstag, den 30. November.

M 276.

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Erstes Blatt.

Born dunkel« Erdtheil.

Afrika-Konferenz in Brüssel, Aftika-Versamm- lung in Köln, Kolonial-Debatten im deutschen Reichstage, Tag für Tag telegraphische und brief­liche Neuigkeiten von Wißmann, Stanley, Emin, P. Schynse ic. — Unser ganzes öffentliche Leben wird von dem Interesse für Afrika beherrscht. Die Begeisterung für den „dunkelen Erdtheil" ist allgemein. Und erfreulicher Weise steht nicht die Ausbeutung, sondern die Errettung Afrika'« im Vordergründe. Die Konferenz in Brüssel geht mit systematischer Gründlichkeit auf die Erforsch, ung der Umfangs und der Hilfsmittel der Skla« vevjäger und de» Sklavenhandel» sowie der Heil­mittel gegen diese» Uebel aus. Leider ist da« Seitenstück zu dieser politischen Konferenz, der Antisklavereikongreß de» Kardinal» Lavigerie zu Luzern, diesen Sommer nicht zu Stande gekom­men. E» wäre gewiß heilsam gewesen, wenn die Erfahrungen der in Afrika thätigen Missionare und die Wünsche der kirchlichen Organe und ihrer freiwilligen Mitarbeiter den Brüsseler Staats­männern in der eindringlichen Form von Kon- greßbeschlüffm nebst dem reichen Material von Kongreßverhandlungen zugänglich gemacht worden wären. Kardinal Lavigerie hat sich bemüht, durch ein dem König der Belgier überreichte eingehende Denkschrift diese Lücke auszufüllen.

Obschon man in Deutschland immer noch eine gewisse Scheu hat vor der vollen Mifftonsfreihelt der Kongoakte, so herrscht doch auch hier wie überall die Ueberzeugung, daß bei dieser riestgen Kulturarbeit die weltlichen Kräfte mit den geist­lichen zusammenwirken müssen, daß der Soldat und der Kaufmann e« nicht allein vermögen, son­dern des Priester» bedürfen, um Afrika für die Kultur zu gewinnen. Roth lehrt beten; die Roth in Afrika führt auch die Feinde des Katho­lizismus zu der Erkenntniß, daß die wahren Kul­turkämpfe nicht gegen dar Kreuz, sondern unter und mit dem Kreuze in der Hand von „staatsfeindlichen" Mönchen durchzuführen find.

Im Zeitalter der Eisenbahnen und Tele­graphen find wir Alle höchst schnelllebig geworden. Wenn wir morgen« gesäet haben, so wollen wir Mittags schon ernten und Abends neues Brod essen. Was da« Heidenthum in vielen tausend

4- KMIrrcht.

Novelle von I. von Dirkink.

(5. Fortsetzung.)

Sie blieb arglos und nur mit ihrer nächsten Zukunft beschäftigt. Bedenkzeit wenigstens, Bedenk- zeit wollte fie fich von Mike erbitten; kommt Zeit, kommt Rath, so flog e» durch ihren grübelnden Geist.

Mcke unterbrach ihre Gedanken: „Mein Bruder erwartet mich, welche Botschaft soll ich ihm in Deinem Namen überbringen?" Seufzend fuhr Annette aus tiefem Sinnen empor. „Es kommt zu rasch über mich," erwiderte fie zagend. „Habt Geduld mtt mir. Ich will mir diese Sache über­legen. Morgen oder übermorgen werde ich Dir schreiben. Ein schneller Entschluß ist mir unmög­lich; Du kennst ja meine Natur; ich bin schwer­fällig und von diesem Schritt hängt doch mein Lebensglück ab."

„Jawohl, und das Glück Deines Bruder«, da« beherzige auch", rief Mcke mtt Nachdruck. Wußte fie er doch recht gut, daß fie bet Annette nur an ihren Opferfin» zu oppelliren hatte, um de« Er­folge« sicher zu sein.

und der schlimmere Islam in vielen hunderten von Jahren in Afrika verdorben haben, läßt fich nicht im Laufe von wenigen Jährchen hellen und bessern. Dazu gehört die ausdauernde Thätigkeit von Generationen.

Ebenso darf man fich nicht darüber wundern, wenn angesichts einer so umfassenden und schwie­rigen Aufgabe fich Meinungsverschieden­heiten über die Heilmittel ergeben. Wir haben im Innern jedes Staates Fragen in Hülle und Fülle, bei welchen die Anstchten der Betheiligten, sowie der unparteiischen Zuschauer fich in den schroffesten Gegensätzen bewegen, obschon diese Fragen ein einfaches Kinderspiel find im Verhält- niß zu dem Riesenräthsel, welche« uns der dunkle Erdtheil aufgiebt. Die allseitige Meinungsäußer­ung und die freie Kritik find nothwendig, um die Versuche zur Lösung des aftikanischen Knotens nach und nach auf den rechten Weg zu bringen.

Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch die deutsche Ausgabe eines Schriftchen von P. Alex­ander le Roy, dem Superior der Mission von Mrogoro in Ostafrika willkommen zu heißm („Mehr Licht in die Zustände des dunkeln Erd- thetlr; die Sklaverei und ihre Bekämpfung." Münster, bei Heinrich Schöningh, 50 Pf.) Diese Denkschrift war für den Luzerner Antisklaverei- Kongreß besiimmt. Da der Herr Pater mit an- erkennenrwerthem Freimuth seine Anstchten aus­spricht, auch wo fie von den Anstchten anderer Missionare abweichen, so wird er un« nicht Übel nehmen, wenn wir unsere Bedenken gegen einen Hauptpunkt seiner Darlegung kundgebec.

Er hat einen auffallend lebhaften Widerwillen gegen die Wißmann'sche Unternehmung. „Je mehr er drauf schlägt, um so mehr schließt fich Afrika, und je fester er noch schlagen wird, um so we­niger wird fich Afrcka uns eröffnen."

Dieses scharfe Urthell über den Kampf Wiß­mann» gegen Buschiri und seine mor dbrennertschen Gehilfen muß um so mehr anffallen, al» der Endzweck der ganzen Unternehmung in bett Rah­men de« Programm« de« Verfasser« fällt. P. le Roy wünscht, daß die ganze Küste von Afrcka unter europäische Herrschaft gebracht werde, die Zollverwaltung überall in Händen von Weißen oder deren Organe sei und damit die Ausfuhr von Sklaven thatsächlich unmöglich gemacht werde. Ferner giebt er selbst an, daß über Ostafrcka und Sanstbar ein Hauptstrom der Sklavenausfuhr gehe.

4.

So schieden fie. Aber kaum war Annette allein, al» ihre Verzagtheit in vollem Maße wieder über fie hereinbrach. Ihr war zu Muthe, al« wäre ihr mit Mckens AUernative der Boden unter den Füßen weggezogen. Wa« weiter, wenn fie den letzten Strohhalm ihrer Rettung ausschlug ? Mit Berges- last mälzte fich die Sorge auf ihr Herz. Grübelnd verfolgte fie chren Heimweg. Ach, er schien fich in» Endlose aurzudehnen heute, denn die traurigen Gedanken ihrer Seele flogen den Füßen doch weit yorau». Wie ihre treue Lene fich zu Hause nach ihr sehnen würde I Die alte Magd hatte von jeher ein gewisse« Mißttauen gegen die Geschwister Röl- mann gehegt — wa« st« wohl sagen würde zu dem Vorschläge, zu der Brautwerbung Mike'« für ihren Bruder?

E» dämmerte bereit«, al« Annete ihr trautes Heim, da» alte Waldhau« mit seinem verwitterten Dache und Holzwerk, durch die Baumstämme schim­mern sah. Jetzt brachen ihre Thränen gewaltsam hervor. Wer wußte, wie bald ste schon von diesem Stückchen armseligen Heimathboden» vertrieben nmrde? Denn je länger fie fich die Sache zu Gemüthe führte, je mehr wurde ihr klar, daß ste fich nicht ver-

Daraus folgt doch, daß die Küste von Deutsch- Ostafrcka durchaus unter die deutsche Macht kge- bracht werden muß. Und das will ja Wißmann.

Aber — so sagt P. le Roy — die Besitznahme muß durchaus in ftiedlicher Weise geschehen; Ge- waltthätigkeiten wirken nur nachtheiltg. Jeder wird mit ihm einverstanden sei», daß Gewalthätigkeiten möglichst vermieden werden müssen. Wen« er die Beamten der deutsch-ostafrikanischen Ge­sellschaft getadelt hätte, daß ste durch über- müthige» und unkluge« Auftreten die Bevölkerung vor den Kopf gestoßen, so würden wir ihm nicht» entgegnen. Aber da» war vor der Wißmann'sche« Expeditton. Wer letztere beurtheilen will, muß von derjenigen Sachlage aurgehen, welche Wiß­mann vorfand. Die Küste und da» Hinterland waren thatsächlich in der Gewalt Buschiris und der Araber. Der Sultan von Sansibar konnte das Land nicht zum Gehorsam zurückführen, wollte es vielleicht auch nicht einmal. Es gab nun keine andere Wahl, als entweder das Land den Anfüh­rern zu überlassen oder gegen Buschiri und Ge­nossen mit Gewalt vorzugehen. Daß gegen Letz­tere mit Güte etwa» auszurichten gewesen wäre, will doch P. la Roy wohl nicht behaupten.

Das Centrum hatte für die Wißmann'sche Ex­peditton gestimmt und konnte auch gar nicht an­der«. Denn die Ablehnung diese« Unternehmen« hätte nichts anderes bedeutet, al» diesen Theil der Ostküste mit ihrer beliebten Karawanenstraße und ihrer bequemen Ausfuhrgelegenheit dem Skla­venhandel überantworten.

Herr P. le Roy vrrur*heilt auch die Blokade. Diese Frage lassen wir gern al» zweifelhaft bei Seite. Sie ist ja auch nach Aufhebung der Blo­kade nicht mehr brennend. Die Geschichtsforscher mögen in aller Ruhe die Vortheile und Nachtheile der Blokade gegen einander abwägen. E» ist aber zu bemerken, daß der Verfasser selbst ver­langt, e» sollen in den Küstengewäffern fortwäh­rend Kreuzer verkehre», we.che Jagd auf Sklaven- sch ffe machen. Sonderbarer Weise spricht er an einer anderen Stelle etwa» geringschätzig von dieser Jagd: „Auf die kleineren Händler, welche fich zu lange auf dem Meere herumtteiben, macht man gerne Jagd, besonder» roetm fie unter einet wenig beliebten Flagge segeln." Die letzteren Worte geben un» ein Räthsel auf; die einzige Ausleg­ung, w.'lche wir finden können, würde ein poli­tische« Vorurthell ergeben, welche« wir bei einem

kaufen, ihr bessere« Selbst nicht um irdischer Vor­thelle willen preisgeben durste. Nicht« andere» blieb ihr unter diesen Umständen übrig, al» da« Joch der Dienstbarkett — aber, o, der Bruder, der Bruder I

Al» hätte ste ihn mtt ihren Gedanken herbei­gezogen — plötzlich stand er vor ihr, glühenden Antlitzes, mit thränenverduvkelten Auge«.

„Ah, Gottlob, da bist Du, Annette," rief er, „und so ganz allein? So ist e« nicht wahr, daß Du Dich verloben wirst?"

Annette erglühte über und über. „Wie kommst Du darauf, Ernst?" ftagte ste im verweisende« Tone.

„Nun ja," erwiderte er zagend, „der Eduard, in Volmer'« Geschäft ist er, weißt Du, sagte mir vorhin, er habe munkeln hören, daß Du längst verlobt seiest; mit wem, da« wußte er allerdings nicht. Ich habe ihn au«gelacht, und dann habe« wir un« gehörig gezankt; aber zu Hanse meinte Seite, e« könne doch so etwa« im Werke sein, da Mcke dir geschrieben, und Du so viel im Geheimen gemeint hättest — aber lieber werfe ich meine Bücher in« Feuer, ehe ich leide, daß Du unglück­lich wirst. Vielleicht ist e» überhaupt besser, ich