Jti 274. Donnerstag, den 28. November.
fiiltar Ä leitimi.
1889
Die .Fuldaer Zeitung" erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. November.
* Die Nachrichten über eine bevorstehende Verlobung de» Großfürsten-Thronfolger« von Rußland gewinnen allmählich einen komischen Beigeschmack, Al« Kaiser Wilhelm den Zaren in Petersburg besuchte, wußte man von einer Verbindung des Zarewitsch mit der Prinzesstn Viktoria von Preußen zu berichten. Dann wurden der Reihe nach Verlobungen des Zarewitsch mit der Prinzesstn Viktoria von Hessen, mit einer montenegrinischen Prinzesstn und mit der Prinzesstn Margarethe von Preußen in Aussicht gestellt. Jetzt künden Londoner Blätter die Verlobung de« rus- sichen Thronfolger« mit der Tochter de« Prinzen von Wale«, Prinzessin Maud, al« bevorstehend an.
* lieber den Zusammentritt de« preußischen Abgeordnetenhauses verlautet nichts Bestimmte»;« heißt, daß erst Mitte Januar der Beginn der Session geplant ist und daß dieselbe nur ein ganz kurze fdn wird. Da» Schwergewicht liegt eben im Reichstage und die preußische Kammer muß gegenüber diesem zurückstehen. —
* Die ,Voff. Ztg? berichtet, es habe gestern in Abgeordnetenkretsen verlautet, daß die S ch l i e ß > ung de» Reichstage« vor Weihnachten nicht in der Absicht der Regierung liege. Der Reichs« tag soll vielmehr um den 15. Dezember in die Ferien gehen, so daß die zweite Lesung de« Sozialistengesetzes erst im Januar n. I. erfolgt.
* Die Reichstags-Kommission zur Vorberathung der SoztalisteN'Gesetzes hat das Gesetz in zweiter Lesung nach den Beschlüssen der ersten Lesung angenommen, die Abstimmung über die Frage der Ausweisung« - Befugniß aber bi« zum 4. Dezember ausgesetzt.
* Der Reichstag setzt die Berathung des Etats des Auswärtigen fort. Ein Antrag Richters auf künftige Einsetzung der besonderen Etats der westafrikanischen Schutzgebiete in den Etat des Auswärtigen wurde an die Budgetkommisfion verwiesen. Abg. Richter griff bei den einzelnen Ko- lonialposttionen die Kolonial Politik an, die dem Branntweinhandel Vorschub leiste. Da» deutsche Tougogebiet sei ein Land des Sklavenhandels. Beim Titel Südwestafrika erklärte Staatssekretär Graf Bismarck, daß bezüglich der Lage des Hauptmann v. Frarcoi« im Hinterlande zunächst keine Bc-
- Mckrchk.
Novelle von I. von Dirkink.
<3. Fortsetzung.)
„Eine anonyme Warnung, die mit wahren That- fachen rechnet, kann unter Umständen geboten fein, ein Unglück zu verhüten. Was sagen Sie dazu, Fräulein Falkner?" wandte sich Herr Volmer an die graue Dame. „Denken Sie nicht auch so in diesem Falle. Sie, al» eine welterfahrene Frau, die —" er stockte — Fräulein Falkner unterbrach ihn.
„Nein, gar nicht I" rief sie laut, mtt flammenden Augen. „Ein solche« Schreiben erscheint mir wie ein Ueberfall au« dem Hinterhalt; wie ein Gewaltstreich der Feigheit. Wer die Wahrhett vertritt in edler, klarer Absicht, hat keinen papier- Ren Schild nöthig. Nimmermehr I Aber ein Thor, wer sich durch derlei Angriffe verblüffen läßt."
„Hm, so urthellt eine Dichterin von Gotte« Gnaden," rief ein junger, hellblonder Herr, der neben Mke saß. „Im «iiklichen Leden aber gibt e« Verhältn is«, wo guter Rach theuer ist und die dennoch keine persönliche Einmischung gestatten. Sagt nicht selbst der große Korse: Man liebt den Verrath, aber man haßt den Verrätherl?
sorgniffe beständen, doch müsse dessen Pofitton verstärkt werden. Weiterberathung morgen.
* Die Freisinnigen in Berlin haben beschlossen, bei den bevorstehenden Stadtverordneten- Stichwahlen für die Sozialdemokraten und gegen da« Kartell zu stimmen.
* Staatssekretär Graf Herbert Bismarck gab gestern Abend ein größeres diplomatisches Diner, an welchem u. A. der englische und der russische Botschafter und die Gesandten der Schweiz, Portugals, der Niederlande, der Argentischen Republik, Schweden», Belgien», Rumänien«, der Bereinigten Staaten von Amerika theilnahmen.
• General Hobe Pascha begibt sich morgen von Konstantinopel nach Berlin, um im Auftrage de« Sultan« sechs edle arabische Pferde hierher zu bringen, von denen zwei für Kaiser Wllhelm und je eins für die Kaiserin, ben Prinzen Heinrich, den Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg- Schwerin und den Staatssekretär Grafen Bismarck bestimmt sind.
• Vorgestern Abend fand zu Köln im Gürzenich - Saale eine große Antisklaverei.Versammlung statt, welche von Mitgliedern der Deutschen Kolonial - Gesellschaft und des Afrika- Vereins deutscher Katholiken sehr zahlreich besucht war. Er wohnten derselben der Erzbischof, die Spitzen der Behörden, der Regierungs-Präsident, der Gouverneur von Köln, der Oberbürgermeister und zahlreiche Osfiziere bei. Die Redner waren Lieutenant Giese, früher Vorsteher der Station Mpwapwa, der Missionär Amrhein aus Prega^ Dr. Fabri-Bonn und Staatsminister Hofmann- Berlin. Es wurde sine Resolutton angenommen, in welcher die Versammlung der Reichsregierung und dem Reichstage für das erfolgreiche Beginnen und für die zielbewußte thatkräftige Bekämpfung des Sklavenhandel» dankt und da» Vertrauen aus- spricht, daß die hierauf gerichteten Unternehmungen auch ebenso entschieden weiter gefördert und all- mählich weiter in der Richtung der großen Seen erstreckt werden. Zur Erreichung von durchschlagenden Erfolgen sei eine internationale Vereinbarung dringend wünschenswerth, die aber nur auf der Grundlage möglich sei, daß die verschiedenen Nationen «echselsettig ihre Rechte und In- teuften in Afrika rückhaltlos anerkennen. Zum Schluffe wurde ein Hoch auf den Kaiser ausgebracht, welche» begeisterte Ausnahme fand.
Wenn ich in Gefahr bin und werde gewarnt, kann mir die Art und Weise ganz einerlei sein; e» kommt auf die Thatsache an."
Während dieser Unterhaltung hatte Fräulein Falkner'« Blick unwillkürlich Mike, die bäuerliche Begleiterin de« schönen Mädchen», gestreift. Sie sah, wie plötzlich brennend rothe abgezirkelte Flecken auf ihren spitzen Backenknochen auf flammten, Be- rod« genug, mit welcher inneren Teilnahme sie dem Gespräche folgte.
„Da« ist ganz meine Meinung," rief Volmer, die Serviette in sein Knopfloch befestigend. ,,Wa« sagst Du dazu, Mina?" wandte er sich an seine Frau, die still aus ihren Teller niedersah.
„Nun ja," erwiderte sie lakonisch," so etwa« hat wohl Jeder mal in seinem Leben erfahren. Denke nur an den Brief über die „Haidelerche". Eine sekundenlange Pause entstand, al« ob ein Engel durch'« Zimmer schwebe.
„Haidelerche?" rief Fräulein Falkner laut im Tone höchster Verwunderung, „Haidelerche?"
Noch bevor Frau Volmer antworten konnte, erhob sich ein Tumult au der Tafel. „Da« junge Mädchen, der Bäuerin gegenüber, ist wohl unwohl geworden," tief Volmer. „Sehen Sie nur, jetzt wanft « hinaus, die Bäuerin folgt ihm."
* Bon der Isar, 26. Nov. Die Frage wegen der kanonischen Bestätigung be« von der Regierung ohne vorhergehende Verständigung der Kurie zum Erzbischöfe von München ernannte« Pass- sauer Oberhirten dürste sich noch sehr hinaus« zögern, da erst vor wenigen Tagen die Akten von Seite der Regierung im Wege der Nuntiatur nach Rom gesandt wurden. E» ist diese Verzögerung um so auffälliger, je größer die Eile bei der Ernennung war. Damals nahm man sich nicht einmal Zeit, sich zu vergewissern, ob der apostolische Stuhl mit einer in so kurzer Zeit bewerkstelligten Versetzung eines Oberhirten auf ein ander« Bis« lhum einverstanden fei, jetzt aber zögert man die Dinge hinaus und scheint gar keine Eile zu habe«. Der Vorgang ist wieder so recht bezeichnend für die Verhältnisse in Bayern.
Ausland.
* Der Eigenthümer der Corvilain'schen Patronen« sabrik in Antwerpen, in der am 6. September d. I. eine Explosion erfolgte, ist zu 4*/8 Jahren und der Direktor der Fabrik zu P/8 Jahren Gefängniß verurtheilt worden. Außerdem wurde gegen dieselben unter Berurthellung in die Kosten auf Zahlung einer Entschädigungssumme von 12,000 Franc« erkannt.
* Stanley soll die Direktton des britischen ostafrikanischen Gesellschaft««Gebiet« übernehmen. Er erwirbt zu dem Ende die englische Staatsangehörigkeit.
• Aus Amerika kommt wieder einmal eine Hiobspost. Die Stadt Lynu (Massachusetts) ist durch eine am Dienstag Mttag ausgebrochene Feuersbrunst zum großen Theil in Asche gelegt worden. Zwölf Häuserblocks mit großen Schuhfabriken, sowie der Centralbahnhof, mehrere Banken, Zeitungsoffizinen, Kirchen, Schulen, Klubs und zahlreiche Wohnhäuser find niedergebrannt. Auch mehrere Menschen find in den Flammen umge- kommen. Der gesummte Schaden wird auf 10 Millionen Dollars geschätzt. Nach neueren Meldungen find über 100 Schuhfabriken eingeäschert, gegen 160 Familien obdachlos und mehr als 8000 Personen beschäftigungslos geworden. Der Bürgermeister hat einen Aufruf erlassen, in welchem er besonders sofortige Sendung von Kleidungsstücken erbittet.
„Ein inteuffant« Gesichtchen, eine biegsame, schlanke Gestalt," rief der hellblonde Herr, auf die Thür starrend, hinter welcher die Beiden ver- fchwunden waren. „Wissen Sie, wer das Fräulein ist?" fragte er den Kellner, der ihm die Schüssel mit Spargel reichte.
„Bedauere sehr, ich fah sie heute zum ersten Male, aber man kann ihren Namen vielleicht von Mike Rölwann erfahren."
„So heißt wohl dieBäuerin?" fragte Fräulein Falkner. „Ein kluge» Gesicht, sie ist mir sofort ausgefallen."
Der Kellner lächelte verschmitzt; Fräulein Falkner'» Interesse an Mcke steigerte sich. Al» die Tafel aufgehoben wurde, begab sie sich in da« Wohnzimmer der Familie, um sich nach dem Ergehen der Patientin zu erkundigen.
Die Hausfrau zog die Schultern. „Da« Fräulein ist mir gar nicht bekannt, um so besser aber Mke," feufzte sie. „Schlimm genug für so ein junge« Ding, wenn « mtt der Person in Beziehungen steht," ließ sie nach einer Welle, nachdem sie die Fremde mtt einem Seitenblick gemustert hatte, verlauten, eine Mttheilung, welche ihrer schweigsamen Natur Anstrengung genug gekostet hatte.