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Mittwoch, den 27. November 1889.
Erstes Blatt.
Interim«.
Weihnachts-Geschichte von I. v. Dirkink.
(Nachdruck verboten.) WZi^urz vor Weihnachten war er, Der WDM Christmonat hatte stch durch Heftige» AMM anhaltenden Regen ausgezeichnet.
Die Wasser hatten stch derartig an« Geflaut, daß der Eisenkahndamm zwischen Bruch- Ingen und Lerheim vollständig üb ei fluthet war. Der Betriebe verkehr wurde gehemmt; die Pasta- giere mußten auf Privatfuhrwerken von einer Station zur andern befördert werden.
Unter den Fahrgästen befand stch der Prost stör Born, als Komponist und tüchtiger Mustker weit bekamt.
Er war ter Einladung seines ehemaligen Lieb« lingsschülers, der stch als Muflkdirektor einen eigenen Hausstand gegründet hatte, gerne gefolgt, den hl. Abend in besten gemüthlichem Heim zu- zubringen.
Born war Junggeselle und ein Sonderling. Seine Freunde sagten, die Dame Mustka nehme so sehr seine Neigungen, sein Dichten und Trachten gefangen, daß daraus die einseitige Richtung seine» Wesens entsprungen sei. Niemand kannte seine Famtlienbeziehungen. Er lebte einsam, seitdem er al« Pi ost stör an der Hochschule in der Refidenz sein Zelt aufgeschlagen hatte. Man konnte stch kein einfacheres Hrim betten, als die Behausung de« berühmten Mustkers. Inmitten eine« fast leeren Raume» ein mächtiger Flügel; ein paar alte Stahlstiche an den Wänden; kein Vorhang, kein Polstermöbel; nur Tisch und Stuhl und über dem altmodischen Sekretär eine Photographie von < einem JmmortelleukraNz umrshu t.
Ein schmale» feine« Kindergeficht mit großen, träumerischen Augen grüßte auf den Hausherrn herab, so oft er an sein Schreit pult trat. Da« Porträt hatte den jeweiligen Schülern des Meister«, so oft sie in seinem Zimmer geweilt, zu denken gegeben.
War e« sein Kind, seine Schwester in ihrer Jugend, oder seine Schülerin gewesen? Niemand wußte er. Aber Alle, die d m eigenartigen alten Herrn näher traten, schwuren daraus, daß der Meister eine Geschichte habe, die mit dem liebreizenden Kindesbilde in näheren Beziehungen stehen mußte. —
Die Haurwirth!u des Prost stör« war nicht wenig erstaunt, al« er stch in dem Unwetter zu einer Reise entschloß.
Da» Wagniß grenze schier an Verrücktheit, hatte ste erklärt. Doch al» alle ihre Bitten und Vorstellungen nicht» gefruchtet, hatte sie ihn daran Nurahnt, daß er sein Testament machen solle; denn lebend werbe er, ber ur praktischste Mensch ber Welt, nicht heimkehren.
Daran bachte der Mustker in dem Momente, w» der Zug hielt, und die Mitreisenden über die wrklärung de» Schaffner», daß eine Weiterfahrt wit der Bahn unmöglich geworden, in Aufregung steriethen. Ein Fuhrmann im Blaukittel harrte Meit«. Sein Gefährte war nicht v-rlvckend; °>e Pferde standen tief im Wasser. Schau
dernd bestiegen Born und mehrere Leidensgefährten den Leiterwagen, um doch trockenen Fuße» die nächste Station zu erreichen.
„Wie kommen wir von Lerheim weitet ?" rief ein reisender Handlungsdiener, der seufzend seinen schweren Musterkasten betrachtete.
„Wir werben in Lerheim das Christfest feiern müssen," knurrte ein Herr im Pelzmantel.
Unter den Klagen feiner Gefährten erwachte in Born ber Galgenhumor. Er vergegenwärtigte stch bar Mienenspiel seiner Haurfee, wenn das Tagblatt ihr morgen ben Frühimbiß durch die Kunde von dem Schicksal ber heutigen Eisenbahn- fahrt verbarb. Da hat ei’» nun, ich hatte Recht, wie immer, wirb ste sagen. — Ja, Recht hatte ste, aber —
Ein Ruck, ein heftiger Stoß unterbrach den Träumer; ber Wagen hielt.
„Zeitung I Morgenblatt 1 Erstes Blatt der Rhei- Nischen — allerneuestk! — Zeitung I" klang es schmetternd au» einer silberhellen Knabenkehle.
Der Mustker horchte erstaunt. Ein Zucken, lief über sein Gestcht.
„Zeitung I"
So schnell seine steifgewordenen Glieder ee erlaubten kletterte Bom von feinem Wagenthron herunter, daß der Strohsack in» Schwanken gerieth.
Born nahm da» ihm dargereichte Blatt mechanisch an. Seine Hand fuhr hastig in die Tasche nahm ein Geldstück heran» und gab c» dem Jungen.
„Zeitung! tönte e» wieder wie Glockenklang.
Nein, diese Stimme! Gefesselt von ihr, blieb Born, die Reisetasche in der Hand am Perron stehen. Er begann zu überlegen, wohin?
Da trat ein kleiner, schmächtiger Bursche an ihn heran. „Darf ich dem Herrn die Tasche tragen? Ich hake Zeit, und thu t» gern."
Born schaute betroffen auf da» Büblein. Er war kurzsichtig, aber der Klang der Stimme; — er schaute schärfer hin, — richtig, ee war ber Zeitung« Verkäufer. Nachdenklich blickte j. tzt Born in da» schmale, bleiche Gesicht des Knaben. Ein paar dunkle groß; Augen hingen in großer Spannung an ihm. Siedend heiß stieg unter diesem Blick dem alten Musiker da« Blut in« Gesicht. Ec fühlte feine Wangen brennen, nnb er fragte sich plötzlich, wer ist diese« Kind? mit wem hat e« Sehnlichkeit? Oder habe ich e« früher — im Traum vielleicht, schon gesehen? O, dieser Blick, diese Stimmei — In diesen Gedanken verloren, fand er nicht sobald ben Entschluß, al« der Knabe stch schon von ihm wanbte. Vielleicht gelang e« ihm, bei einem anberen Reisenben sich ben Trägerlohn zu verbleuen.
Kurz barauf sah Born im Wartesaal den Knaben wieder. Ein Kellner hielt ihm (au« Mitleid oder Hohn) einen Rest Bier, der stehen geblieben war, hin. Während der Knabe da« zweifelhafte Labsal mit einem verlangenden Blick musterte, zog eilte dunkle Gluth über sein Gesicht. Schnell wandte er sich ab. Draußen hockte ein Weib mit eitern Korb voll frischer Semmel. Der Junge zählte noch einmal seinen Vorrath an kleiner Münze. Wie genau d«r Musiker jede Bewegung be« Bürschchen« verfolgte. Sr, der sonst kaum
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einen Blick einen Gedanken für seine Umgebung hatte, war in diesen Minuten ganz Auge, ganz Ohr, so lange ber Zeitung; junge in seinem Bereiche weilte.
Zwei ber frischen braunen Brvdchen wanderten in bie Tasche be« Knaben. Zuerst betrachtete er ben Leckerbissen von allen Seiten. Dann sog er ben Duft mit Behagen ein. Von Herzen hätte Born sich gefreut, wenn er Augenzeuge geworben, wie ber Kleine feinen Imbiß verzehrt hätte. Allein blitzschnell schob er die Semmel in bie Taschen feiner Jacke. Es war ein schäbige» Kamisol von verschissenem schwarzem Halbfammt. Die hageren Aermchen lugten au» ben zu kurz gewordenen Aermeln. Die farbige Halsschleife, der saubere Kragenstreifen, bie geflickten, verschossenen Höschen unb die bunte Gymnafiasten-Mtze, die ihm Jemand geschenkt haben mußte, und die nun so keck auf den schwarzlockigen Scheitel gestülpt war, aü' da» rief in Born den Gedanken hervor, daß er die verschämte Armnth verkörpert vor sich sehe.
Born'» Interesse an dem Kinde steigerte sich mehr und mehr. Er wollte sich ein warmes Frühstück bereiten lassen, unb ber Junge sollte sein Gast sein. Aber wie fing er e» an, das Kinb zutraulich zu machen? Wie schlecht verstand er sich doch auf den Verkehr mit dem kleinen Volk! Nein, zuerst da» Frühstück her, da» Andere würde sich finden. Er hatte doch j tzt bei der ununterbrochenen Fahrt einen Zeitvertreib, der ihm Kurzwelle versprach. Und wie seltsam, daß er sich wie mit einem Zauberschlag für diesen dunkeläugigen Zeitungtjungen interesfirte; — aber die Augen, diese Stimme, nein, diese Stimme! Der Kellner stand vor ihm. „Was steht zu Befehl?"
Born ließ sich die Speisekarte geben und traf eine so große unb mannigfaltige Auswahl an Speisen, baß ber Kellner ihn erstaunt, aber verstohlen musterte.
„Zwei Gebecke," rief ihm ber Herr nach. Ach so, er erwartete noch Jemand.
Born verließ seinen Plitz unb begab sich nach bem Ausgang, wo er bie Semmel fron neben ber Thür sand. Er bot ihr ben Tag-«grüß. Seine Frage galt dem Knaben, der Zeitungen trug und fich vorhin zwei Brödchen gekauft hatte. Die Frau wußte nicht, wo er geblieben. Sie fror in ihrem dünnen Anzug. Der Herr wollte nicht» kaufen, wa« kümmerte er ste, er unb ber Junge. Je eher ste ihren Vorrath los war, besto besser. Zu Hause warteten ihrer bie kleinen Kinder, die noch hungrig in dem dünnen Bette einer kalten Stube lagen. Enttäuscht wandte stch Born von ber wortkargen Frau; er wollte fich selbst nach bem Flüchtling umsehen. Aber hätte so gern von ihm gehört. Hier herum mußte er boch aufzufinden sein. Sogleich traf ja noch ein Zug ein, bei dem er fich, feine Zeitungen fMietend, einstellen würbe.
Born schaute, so oft bie Thür geöffnet würbe, auf ben Eingang. Aber sein Sehnen blieb ungestillt. Er versuchte endlich zu essen. Allein ber Appetit fehlte ihm. Er hatte stch an einem glückseligen Kindergestchte nach langer Zell wieder einmal erfreuen wollen. Wie war ihm rur ber tolle Einfall fo plötzlich gekommen? (Schluß folgt.)