1889
Mittwoch, den 27. November.
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Ab Der heutige« Nummer liegt der Weihuachts-Auzeiger Nr. 1 (erstes und zweites Blatt) bei.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. November.
* Die im Reichstage gehaltenen Reden des Staatssekretärs des Acußern, Grafen Bismarck, über die Zulassung katholischer Missionen in deutschen Schutzgebieten lag gestern Abend im ,R.ich«-Anzeiger' nach dem Stenogramm vor. Die eine entscheidende Stelle lautet: „Der Herr Vorredner (Dr. Windthorst) wird als beut» scher Reichsbürger wohl mit mir der Anficht sein, daß wir gleich andern Nationen Gewicht darauf legen und darauf zu halten haben, daß die Mis- fionsthätigkeit in unfern Gebieten von deutschen Missionaren ausgeübt werden soll." In seiner später» Rede sagte Graf Bismarck auf die Erwiderung des Abg. Dr. Windthorst: „Ich scheine mich vorhin nicht ganz deutlich aus gedrückt zu haben in einem Paffu« meines Vortrages und erlaube mir deßhalb nach dem, was der Hr. Abg. Windthorst eben gesagt hat, darauf zurückzukom» men. Soweit ich den Herrn verstanden habe, schien es ihm aus meinen Auslaßungen noch nicht hervorzugehkn, ob die Orden, welche in der Südsee und Afrika thätig sind, auch anderswo zugelaflen würden, soweit sie deutscher Nationalität find. Ich habe mich erstens sehr gefreut, daß der Herr Abg. Windthorst prinzipiell ebenfalls für deutsche Misstonare eingenommen ist, zweitens habe ich sagen wollen, daß die genannten Orden allerdings auch anderswo zugelaffen werden würden, sobald fie sich darum bewerben. Das ist bisher noch nicht der Fall gewesen, und ich darf labet noch einflußen lassen, daß z. B. in Ostafrika ein ganz befriedigendes Verhältniß besteht, wo die dortigen Missionen unter der Leitung eines apostolischen Vikars stehen. Daß die ganze Mission in den Händen der Propaganda ist, das ist, glaube ich, eins Sache, über die wir nicht zweierlei Meinung sein können; sie ist ein Wellunternehmen und deßhalb wird sie so bleiben müssen. Dre Sachlage in Ostafrika ist eine befriedigende ; wenn eine ähnliche, unter denselben Bedingungen wie dort, in Kamerun eintreten sollte, so besteht kein Zweifel, daß die Orden auch in Westafrika zugelaffin rvürren."
* Die Briefe Stanley'- und Emin's, welche jetzt vollständig vorliegen, machen es zur Gewißheit, daß Emin Pascha nicht von den Mahdisten, sondern von seinen eigenen rebellischen Soldaten gefangen genommen worden war. In dem erwähnten Briefe schreibt Stanley aus Kasurro in Karagwe westlich vom Viktoria-Nyanza-Sse unter dem 5. August dieses Jahres an den Vorsitzenden des englischen Ernin-Comitös: Im April 1888 habe er mit Emin vereinbart, daß der Letztere mit solchen Anhängern, die ihm folgen wollten, Wadelai verlasien, und in Kavallis am Südgestade des Albert-Nyanza-See's dis Ankunft der Expedition Stanley'- erwarten solle. Inzwischen brach eine Meuterei unter den Osfizieren Emin's aus, in Folge de» albernen Gerüchts, daß Stanley und Emin einen Plan abgekartet hätten, das Volk Emin's in die Sklaverei der Engländer zu führen. Emin wurde abgsfetzt, zum Gefangenen gemacht und verdankte es nur seiner Beliebtheit beim Volks, daß er nicht sein Leben einbüßte. Dis rebellischen Osfiziers planten gleichzeitig dis Ser» nichtung der Expedition Stanley'-. Mittlerweile fielen die Mahdisten in’» Land, und Emin wurde in Freiheit gesetzt, nachdem seine schlimmsten Feinde im Kampfe gegen die Mahdisten gefallen waren. Er kehrte nach Wadelai zurück, aber e» gelang ihm nicht, die alte Autorität wieder zu erlangen. In Folge defien beschloß er nach langer Unschlüssigkeit, auf Andrängen J?phsons und Stanley's mit feinen Getreuen dis Äequatorial- Provinz zu verlaßen. Am 13. Februar erhielt Stanley dis ersehnte Kunde, daß Emin mit zwei Dampfern unweit Stanley's Lager angekommen fei, um fich mit Allen, die ihm folgen wollten, Stanley'» Expedition anzuschließen. — Ehe Stanley am 6. August den Rückmarsch antrat, war er 28 Tage sterbenskrank. Wenn übrigens dis Mahdisten schon zur Zeit der Anwesenheit Emin Paschas so weit in Emins Acquatorialprovirz vorgedrungen waren, so wird man fitzt wohl annehmen müßen, daß Wadelai zum großen Theil in der Hand der Mahdisten ist.
* Der Reichstag ehrte das Andenken des gestern Abend verstorbenen Abg. Clauß (nl.) durch Erheben von den Plätzen und setzte dann die Bc- rathung des Etats des Auswärtigen fort. Beim Posten Gesandtschaft in Bern erklärte Staatssekretär Graf Bismarck, daß dis verbündeten Re- gierungen nicht abgeneigt seien, einen neuen Nie-
-r Heidelerche.
Novelle von I. von Dir link.
(2. Fortsetzung.)
Ihr Vormund war ein barscher engherziger Man», d> ßn Rücksichtslosigkeit sogar ihre Selbstständigkeit bedrohen würde. Was dann, wenn ihr Haushalt aufgelöst, ihrs Trennunr von ihrer alten treuen Lene und von ihrem Bruder Ernst beschloßen wurde?! Ernst hatte als talentvoller, strebsamer Schüler bis dahin das Gymnasium des Srädtchens besucht, ihn traf diese Veränderung ihrer Lage noch härter, als Annette. Mit seinem Studium war es aus, wenn Annette nicht Mittel und Wege fand, den Hausstand, wie bisher, auch ohne die Pension der Tante, aufrecht zu erhalten. Tag und Nacht sann Annette darüber nach. Der Bruder las ihr dis Sorgen von der Stirn; dis Schwester zu erheitern, brachte er oft das Gespräch auf dis vornehme, reiche Nachbarschaft. Ernst war mit einigen der jungen Eleven, die in dem Comptoir de» Fabrikherrn beschäftigt waren, bekannt geworden. Diese erkundigten sich bei ihm fleißig nach der „Haidelerche", und Ernst überbrachte gc- wiffenhaft jede Bemerkung feiner Kameraden. Ach,
er ahnte es nicht, daß er dem schüchternen, zartfühlenden Mädchenherzen neue Wunden schlug.
Denn Annetts glaubte sich verhöhnt, fich zur Zielscheibe der Spöttereien im Kreise Übermüthiger junger Gesellen vernrtheilt. Ob nicht vielleicht der junge Herr Volmer die Anregung dazu gegeben? Wer wußte es. Was hatte die Tante nicht Alles an Welterfahrung vor ihr entschleiert! Männer- iteue schien ein seltenes Kräutchen auf Erden.
Seufzend erhob fich Annette, denn es wurde hohe Zeit, ihren Weg fortzusitzen, durste sie die leicht erzürnte Miks doch nicht auf sich warten laßen. Ach, je näher dem Ziele, je ängstlicher klopfte ihr Herz. Den« wer wußte, mit welchen Ansprüchen Mke an fie herantreten würde. Wenn sie gar mit dem verhaßten Heirathrplane kam? War e« doch seit Jahren ihr Liebling»wünsch gewesen, fie als die Frau ihres Bruder» zu sehen! Annetts beschwor fich das Bild d-,s jungen Röl- mann wieder vor die Seels. Aber seins Züge, seine Gestalt zerfloßen in nichts. Sein Andenken hastete von jeher nicht in ihrem Herzen. Sie hatte ihn nicht lieben gelernt, in all' den Jahren nicht, in denen er mit ihr unter demselben Dache ver-
derlaßungsvertrag mit der Schweiz abzuschließen. Die Kündigung einfach zürückzunehmen, empfehle fich nicht, da einzelne Bestimmungen des Vertrag» widersprechende Interpretationen gefunden hätten. Beim Posten Botschaft in London vertrat Abg. Richter die Interessen der englischen Niger-Corn- pagnie gegen die wider fie erhobenen Beschwerden der deutschen Kaufleute und der deutschen Regierung. Staatssekretär Graf Bismarck sagte auf Anregung de« Abg. Dr. Hammacher die Erwägung der Frage der Ecricktung eines deutschen Konsulats an den Niger-Mündungen zu. Beim Titel Konsulat in Apia erklärte der Staatssekretär daß e» unbedenklich sein würde, dem Hause Mit» theilungen lber die Verhandlungen bezüglich Samoa» zu geben, nachdem die Sache zum Abschluß gelangt sein werde. Beim Titel Gouverneur in Kamerun nahm Abg. Richter den vorjährigen Antrag Stöckers gegen den Branntweinbandel in den Kolonien wieder auf. Geh. Reg.-Rath Krauel erwiderte, daß die Regierung die Sache im Auge behalte, daß aber kein Anlaß zu weiteren gesetzgeberischen Maßregeln vorliege. Hierauf wurde die Weiterberathung auf morgen vertagt.
• Aus Bayern, 25. Nov. Die Malzauf- schlagfrage in fitzt in Bayern vorläufig d. finitiv erledigt, indem die erste Kammer den diesbezüglichen Beschlüßen der Abgeordnetenkammer beitrat und demgemäß die Erhöhung de» Aufschlages für die Großbrauer und die Ermäßigung für die Klein- brauer genehmigte, sowie den Malzaufschlag stabi- lifirte. Er ist somit auch der letzte Versuch der Nationalliberalen, den Aktiendierfabrtken ein Prä- sent aus den Taschen der Steuerträger zu machen, nicht gelungen. Hoffentlich find durch den neuen Modus der Besteuerung dis gerechten Wünsche der Brauindustrie erfüllt und haben die Kleinbrauer die nothwendige Erleichterung. Möchten sie aber zum Danke dafür fitzt auch ein recht gute» und gesundes Bier brauen, damit da» Publikum auch seinen Antheil an der Ermäßigung de» Malzaufschlages erhält I
* Brückenau, 23. Nov. Seitens der Centrumswahlmänner des 9. unterfränkischen Wahlkreises ging eine Zustimmungsadrefle an die Cm» trumsfraktion nach München ab. In der Adüßs wird das Verhalten des Centrum« bezüglich der kirchen- politischen Anträge voll und ganz gebilligt und die Sitte aurgesplochen, konsequent nach der an- gekündigten Weise fortzufahren.
weilt hatte, obgleich sie ihn gern sah. Sie hörte damals schon von Andern, daß er hübsch sei. Er war auch gutherzig, aber ein schwankender Charakter, das Echo seiner herrschsüchtigen Schwester.
„Nein, nein!" rang e» sich über Annetten» bleiche Lippen, „ich kann ihn nicht lieben, und ich möchte sehen, ob Jemand in der Welt mich zwingen darf zu einer mir verhaßten H-irathl" — „Nein, gewiß nicht!" tönte eine andere Stimme in ihr; „aber war soll aus Ernst werden, wenn ich gezwungen bin, den Haushalt aufzulösen, um eine Stelle anzunehmen?! Unser Schicksal hält Mke immerhin in ihrer Hand; schc fft sie nicht do» Material für meine Arbeiten herbei? Wo» nun, wenn fich ihre Güte in Feindschaft verwandelt ?"
Wieder trat das todtendleiche Antlitz ihre» Bruder» vor ihre Seele; die helle Verzwe flung in den Mienen, da« tbrämnmrschleierte Auge flehend auf fie hin gerichtet; ein Bild verkörperter Angst, so stand er vor ihr, al« der Vormund ihm eine Stelle al« Kellner bei dem rüden Schankwirth im Doise vorgeschlagen hatte. „Lieber gehr ich ins Waßer", hatte er hnvorgestoser. — An alle» dieser dachte Annette, während fie ihre Wanderung