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M 272.

Dienstag, den 26. November.

1889

Fuldaer W 3tilnii«.

Dre .Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnemcntspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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Deutsches Reich.

Berlin, 25. November.

* Das Münchener .Fremdenblatt' schreibt, daß die Veranstaltung der nächstjährigen General- Versammlung der deutschen Katholiken in München außer allem Zweifel steht. Dar Blatt fügt Hinz«: „Die Schwierigkeiten, welche von ge« wissen Stellen, die gerne in beiden Lagern die oberste „Vorsehung" spielen möchten, dem Unter­nehmen entgegen gestellt werden möchten, find nur geeignet, den Muth der Katholiken zu stählen und indirekt den Glanz der General-Versammlung zu erhöhen. Der bayerische Katholikentag und sein imposanter Verlaus trotz aller Hindernisse und Chikanen wird den leitenden katholischen Kreis.» ein leuchtendes Vorbild sein. In den hiefigen katholischen Vereinen herrscht die beste Stimmung für die nächstjährige deutsche Katholiken-Versamm- lang in München."

* Die .Norddeutsche Allg. Ztg.' schreibt anschei­nend offiziös: Dis gegenwärtige Lage in Bra­silien, soweit dieselbe au« den vorliegenden telegraphischen Meldungen zu erkennen ist, dürste den Mächten einen Anlaß zur Beunruhigung nicht geben. Der provisorischen Regierung fehlt anschei­nend weder die Macht noch der Wille, die Ordnung aufrecht zu erhalten; es liegt daher auch kein Bc- dürfniß vor, deutsche Kriegsschiffe nach Rio zu entsenden.

' Dr. Peters und Genoffen find also noch am Leben und wohlauf; die Zweifel an den un­günstigsten Nachrichten haben ihre Bestätigung ge­funden. Nach der Meldung de« Herrn Borchert befindet stch Peters bereits im Kenia-Gebirge, hatte demnach bei Absendung der letzten Botschaft den dritten Theil des Weges nach Wadelai, dem Ziel der Expedition zurückgelegt. Borchert hofft ihn am Beringo-See spätesten« einzuholen; derselbe liegt ungefähr auf der Mitte der zurückzulegenden

+ Haidrlktche.

Novelle von I. von Dir link.

(1. Fortsetzung.)

Der selige Rölman war ein Prozeßkrämer gewesen; einer von jenen händelsüchtigen Bauern, die lieber im Kruge al« hinter dem Pfluge find. Seine Nachlaß reichte eben hin, die dringendsten Bedürfniffe seiner beiden Kinder für die nächsten Jahre zu kecken. Allein da« Schicksal war ihnen günstig. Gleich «ach dem Tode de« Vater« fiel ihnen eine Erbschaft von einem entfernten Ver­wandten zu. gerade genug, die alten Schulden Algen zu können. Doch Mike war eine viel zu strebsame Natur und hatte der Demüthirung und Bitternisse unter ihren Stande«genoff«n zu viele ^fahren, um ihre Kräfte, ihren Verstand auf die Landwirthschast verwenden zu wollen. Sie legte stch auf den Handel und kümmerte stch nur noch so viel um ihre ländliche Befitzuug, al« nöthig war, den Bruder während seiner Studienzeit mit irischer Butter und selbstgebackenem Brod und geräucherten Rinderkeulen und Würsten versorgen »« können. Diese ihre Leben«aufgabe führte Mike wöchenttich in den Bereich Annetten«, die, in dm

Strecke. E« fragt stch nun, ob Borchert schon eine Ahnung von der Lage in Ostafrika und von der Ankunst Emin« und Stanleys daselbst hat; ihm wäre e» ein Leichtes, Tr. Peters sofort zur Rück­kehr zu bewegen. Weiß aber^Borchert von der veränderten Lage noch nichts, so wird dem deut- schm Emin-Pascha-Komite nichts andere« übrig bleiben, al» sofort eine Expeditton nachzuschickm, um Peter« zurückzubringen. Wie übrigen« die Kunde vom Tode de« Dr. Peter« allgemein mit Bedauem ausgenommen wurde, so wird die neueste Nachricht gewiß ungetheilte Freude Hervorrufen. Läuft da« Unternehmen gut ab, so hat er mit der Erforschung jener wenig bekannte» Gegenden wenigstens einen größeren Erfolg erzielt.

* Der Reichstag berieth heute die Arbeiter­schutzanträge des Centrums und der Reichspartei. Abg. Hitze (Ctr.) begründete die Anträge seiner Partei. Abg. Schrader (frs.) wünscht, daß die verbündeten Regierungen unter allen Umständen in die Nothwendigkeit versetzt würden, zu der Sache Stellung zu nehmen. Abg. Sturm. (Rchsp.) trat für eine größere Beschränkung der Sonntags­arbeit ein, erachtete aber die Anträge des Cen­trum» in Bezug auf die Frauen- und Kinderarbett al» zu weit gehmd. Abg. Duvigarau erklärte die Bereitwilligkeit der Nationalliberalen zu einem möglichst einsttmmigm Votum de« Reichstags in dieser wichttgen Frage mitzuwirken. Abg. Meister erklärte die Zustimmung der Sozialdemokraten zu den Centrumsanträgen, obgleich dieselben nicht meit genug gingen, »og. uiBq/l«

der Regierung Vorwürfe wegen ihrer ablehnenden Haltung in der Arbeiterschutzfrage. Dies ableh­nende Verhattm mrschulde da» Zurückströmen der Arbeiter zur Sozialdemokratie. Kommiffionver- Weisung wurde nicht beschloffen. Der Antrag kommt demnächst zur zweiten Lesung im Plenum. Morgen Etat de» Auswärtige».

* Anläßlich der jüngsten Verhandlung im Reichs­tage über den Befähigungs-Nachweis für Handwerker schreibt der .Reichsbote': „Die Konservativen und das Centrum traten dafür ein, die Frei-Konservattven beantragten etwa», was den Schein deffen hat, was der Antrag will, aber nicht das Wesen; die Liberalen aller Schatttrun« gen bekämpften den Antrag mit den alten oft widerlegten Einwänden, mit denen man fast eben so gut gegen jeden andern Befähigungs-Nachweis kämpfen kann. Denn, wenn der Abgeordnete Gold-

Küchenobliegenheiten ihrer alten Magd Lene treu zur Seite stand. Durch Zufall aber sollte Mike noch besonders die Wohltäterin Annettens werden.

Vor zwei Jahren war es gewesen, der Student hatte das Haus bereits verla ffen. Er hatte seiner Schwester einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem er, anstatt Theologie zu studire», stch für da« Postfach entschieden hatte. Mike, welche den Grund diese« Umschwunges ahnen mochte, hielt nicht» desto weniger ihren Verkehr mit der Familie aufrecht, al» ob von diesem Verkehr da» Glück ihre» einzigen Bruder» abhängig sei. Kurz vor Weihnachten war e», al« Annette eine» Tages in Abwesenheit der Tante mit einer Menge angefan­gener Sttckereien au» einer Handlung heimkehrte. Mike war gerade zugegen, al» da« junge Mädchen die Arbeiten prüfte, ob eine darunter sei, die ihr zum Muster für eine Christbescheerung dienen könne.

„Nun schau mal Einer an." hatte fie (Mike) plötzlich gerufen, „das find ja die lebendig gewor­denen Nebelkappen-Platten unserer Bauernmütter. Schicke den Kram zurück, Annette, ich weiß biffe- ren Rath. Zu Hause liegt ein Vorrath dieser Kunstwerke. Ich schaffe fie zur Stelle und Deine geschickte Hand gibt ihnen die richtige Ausstattung.

schmidt geltend machte, wenn die Gesellen auch ihre Prüfung beständen, so vergäßen fie doch später wieder viel von dem Gelernten, — so kann man dar auch von den Beamten, Geistlichen, Aerzten und Lehrern sagen; aber deßhalb fällt er doch Niemand ein, hier die Ablegung der Be- fähigungr-Nachweiser für unnütz oder zwecklos zu halten. Dasselbe gilt von dem Einwand, daß es Gesellen gäbe, die keine Prüfung gemacht hätten oder auch keine machen könnten, und doch prak- tisch sehr tüchtige Arbeiter seien, während umge­kehrt solche, welche die Prüfung beständen, schlechte prakttsche Arbeiter wären. Das findet fich bei allen Berufsarten, aber nach diesen Ausnahmen wird Niemand dar Ganze beurtheilen und deß­halb den Befähigungs-Nachweis für zwecklos halten. Diese Berufsarten würden eben so verfallen, wenn man da den Befähigungs-Nachweis aufheben würde, wie da« Handwerk deßhalb unter der schranken­losen Konkurrenz verfallen ist. Wie streng wachen die Aerzte darüber, daß kein nichtapprobirter Arzt zugelaflen wird, wie jagt die Polizei hinter de» nichtärztlichen sogenannten geheimen, aber öffent­lich anqezeigten Heilmitteln her! Nur das Hand­werk ist vogelfrei, und da« nennt man Gewerbe­freiheit und ist doch thatsächlich nicht« anderes als eine^Kapitalsfreiheit, die es jedem Kapi­talisten gestattet, jedes Gewerbe zu betreiben, ohne daß er je fich mit demselben beschäftigt hat. Der Kampf, der hier gekämpft wird, ist der Kampf LS«

Mittel für den Kapitalgewinn sein, sondern will eine selbständige, dem Kapital ebenbürtige Stell­ung erlangen, und da« ist eine Grundforderung unserer ganzen Sozial-Reform, die von der größten Bedeutung ist. Der Befähigungs-Nachweis gehört auch zu dem Arbeiters chutz. Wann wird end­lich dem Bunderrath die Erkenntniß oufgehen, daß der Arbiiterschutz an Wichtigkeit und Bedeutung alle anderen Fragen der Gegenwart überragt?"

* Die Agitation gegen die Lebensmittel- vertheuerung wird von den Berliner Sozial­demokraten als Vorspiel zu den kommenden Reichr- tagswahlen schon jetzt lebhaft betrieben. So faßte eine von etwa 3000 Personen besuchte im Saale der Lipr'schen Brauerei am Friedrichshain tagende öffentliche Versammlung de« „Berliner Arbeiter« Bildungsverei»»", in der der sozialdemokratische Abgeordnete Schneidermeister Kühn aus Langen-

Ich denke, man macht Ruhekissen, mit Seide und Flaum in's Fasan gebracht, daraus, und was Du sonst noch willst." So geschah es und ein neuer Industriezweig war erfunden.

Mike kaufte für einen Spottpreis alte Nebel­kappen auf, die in Gestalt von Dekorationen jeg­licher Art au« Annetten'« kunstfertigen Händen hervorgivgen, und brachte fie direkt in ein städti­sches Handelshaus, wobei Mike die Vermittlerin spielte.

2.

Al» die Tante kränkelte, verließ man die Stadt. Annette gedachte auch j tzt wieder der traulichen Abende im Waldhause. Wie köstlich war et, wenn fie arbeitend neben der Tante am kleinen Tische unter dem Fenster saß, und fie die alte Dame zu ihren Erzählungen au« der Vergangenheit ermun­terte. Dann legte auch der Bruder sei» Buch fort und Lene, die im Ofenwinkel strickte, spitzte ebenfalls die Ohren. Die Tante erzählte gern von der Zeit, als fie eine berühmte Sängerin gewesen. Sie hatte ein gutes Stück von der Welt gesehen. So oft fie in den Schacht ihrer Erinnerungen hin­abstieg, brachte fie neue Schätze herauf. Aber fie ahnte nicht, daß alle diese verworrenen Bilder in