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Jli 270.

Samstag, den 22. November.

1889

Filiier W Iritiiz.

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Zweites Blatt.

5 Brasilien.

Eine recht gemüthliche Entthronung war da» in Brasilien! Dom Pedro II. ist ein Mann, mit dem sich reden läßt. Al» man ihm avkündigte, daß einer seiner Generäle seinen Kaiserthron um­gestoßen habe, zog er nicht sein Schwert und lief auch nicht mit dem Kopf gegen die Wand, sondern »ahm eine Abfindung von 21/» Millionen Kapital nebst 450,000 Mk. JahreSrente mit höflichem Dante entgegen. Dom Pedro ist offenbar ein guter Hausvater aber für einen Landesvater fehlen ihm einige Eigenschaften, die wir im alten Europa an den Monarchen gewöhnt find. Wir haben uns Alle gewundert, daß in Brasilien fich keine Hand zur Vertheidigung de« Kais-rthum« erhob, abgesehen von dem einzigen Marineminister der verwundet wurde. Seit der Telegraph ge­meldet hat, daß Dom Pedro mit der Dotation in der Tasche fich zur Abreise nach Europa fertig gemacht hat, ist mir die Sache nicht mehr so ganz räthselhaft. Wer wird monarchischer sein, al» der Monarch selbst? Wer will seine Haut zu Markte tragen für eine Krone, die der Träger selbst für eine gute Verpflegung gemüthlich ausliefert ? Die Revolutionäre von Rio de Janeiro haben gegen die» monarchische Prinzip längst nicht so arg sich vergangen, al» Dom Pedro durch seine profitable Resignation. Zu seiner Entschuldigung muß man freilich gelten taffen, daß er ein kranker, gebrochener Mann ist. Aber bedauerlich bleibt diese Haltung de« letzten Monarchen in der neuen Welt doch.

Hätte denn Dom Pedro einen aussichtslosen Kampf um seine Krone unternehmen und so den Bürgerkrieg entfachen sollen? Freilich, wenn er wußte, daß der Kampf aussichtslos, die Mo­narchie nicht zu halten fei, so war e» recht und klug, da« Blutvergießen zu vermindern. Aber er hätte unter allen Umständen den Standpunkt inne halten sollen, der ihm in einem der ersten Tele­gramme zugeschrieben wurde, nur der Gewalt zu weichen; auf einen Schacher mit der Revolution durfte er fich nicht eintaffen. Da lobe ich mir den welfischen Stolz!

Während der Vater zu wenig Herrschaft besaß, scheint die erbberechtigte Tochter einen Ueberfluß davon besessen zu haben. Sie wollte nicht bloß Regentin heißen, sondern auch fein; aber sie blieb ein Weib und nach meiner Ansicht taugt die ganze weibliche Thronfolge nicht». In England freilich kann eine weibliche Hand sehr wohl die nöthtgen Unterschriften für da» parlamentarische Regiment leisten, so lange dort die alte Staats- maschine in dem alten Geleise ruhig weiterfährt. Aber wenn fich irgendwo eine Umsturz - Partei bildete, welche durch die bewaffnete Macht im Schach gehalten werden muß, dann kann nur ein Mann, welcher die Armee in der Hand hat, der monarchischen Verfassung Sicherheit geben.

Run hört man vielfach fragen, warum der Graf von Eu, der Gemahl der Kronprinzessin, nicht den Versuch de« Widerstande» gegen die Re­volutionäre gemacht habe. Ich finde seine Re- stgnation leicht begreiflich. Einerseits hatte ja der „regierende" Dom Pedro durch seine Haltung von vornherein da» Spiel verdorben, andererseits ist die Stellung eine« Prinz-Gemahl« überhaupt nicht fleeignet zu Heldenthaten. Wenn nur die Hand einer regierenden oder thronberechtigten Fürstin zugänglich wäre, so würde ich ohne kurze« Be­sinnen für die Ehre danken, e« sei denn, daß die Dame die Krone niederlegte, ehe sie die Haube aufsetzte. Der „Prinz-Gemahl" ist der „Mann feiner Frau", im schlimmsten Sinne diese» Worte».

Will er etwa» mehr fein, ata ihr bevorzugter Kammerdiener, so sammelt er eine Unmasse von Feindseligkeit auf sein Haupt. Alle diejenigen, welche Gegner der Dynastie im Allgemeinen oder der weiblichen Herrschaft im Besondern sind, find natürlich auch seine Gegner; obendrein aber hat er »och einen Theil der Anhänger der Dynastie bezw. seiner Frau zu Gegnern; die Einen machten ihn verantwortlich für die Thaten seiner Frau und die Anderen für die Unterlassungen; die Einen hassen ihn al» einen unberufenen Eindring­ling, die Anderen verachten ihn al» einen unmänn­lichen Nichtsthuer; die Einen intriguiren gegen seinen angeblichen Einfluß, die Anderen schimpfen darüber, daß er nicht zu ihren Gunsten intriguiren will. E» ist eine unnatürliche Stellung, bei der nur unter außerordentlichen Glücksumständen et­wa» Gute» herauskommen kann. Der Prinz- Gemahl der Königin Viktoria von England war ein außerordentlich geschickter Mann und traf in der parlamentarischen Schablonen-Regiernng Eng­land» außerordentlich günstige Umstände. Also ging e» in diesem Falle so ziemlich; aber wenn die Probe noch bi» heute fortgedauert hätte, so wäre da« Resultat vielleicht weniger befriebigenb. Ich glaube, baß bie weibliche Thronfolge mit all' ihrem naturroibrigem Zubehör zur Untergrabung ber monarchistischen Grundsätze erheblich beige­tragen hat und noch beiträgt. Man sollte über­all mit dieser Verirrung übergroßer Vaterltebe im Wege einer Verfassungs-Aenderung aufräumen.

Nebligen« bars man, wenn von „Gegenrevo­lution" bie Rebe ist, den goldenen Spruch au« unferm Königsliede nicht vergessen: „Nicht Roß, nicht Reisige" u. f. w. Soeben wirb au« Bra­silien gemeldet, daß bie provisorische Regierung bas allgemeine Wahlrecht eingeführt hat. Da« ist in einem Laube mit einer so geringen Massenbil- dung, und namentlich mit Rücksicht auf die eben freigelassenen Sklaven ein abenteuerliche« Unter­nehmen. Aber diese Maßnahme der Revolution legt einen Grundfehler der bisherigen Monarchie bloß; sie hat von dem „demokratischen Del" zur Salbüng der Krone nicht den rechten Gebrauch gemacht. Eine kleine Minderheit de« Volke», die bevorzugte Schicht der Wahlberechtigten, führte da» Regiment im Namen der Krone mit all' den Kniffen und Pfiff-n der Wahlmache und den par­lamentarischen Jntriguen.

Wenn die Krone den Versuch eine« „sozialen Kaiserthum«" gemacht und sich al« Anwalt des eigentlichen Volke« gegen die herrschende Klasse hingestellt hätte, so würde e« vielleicht auch zu einem Aufruhr von letzterer Seite gekommen sein; aber dann wäre doch nicht die traurige Erschein­ung eingetreten, daß keine Hand fich zu Gunsten der vergewaltigten Monarchie hebt. Man sagt dem Grafen von Eu nach, daß er sich au« den befreiten Sklaven eine Art von Haurtruppe ge­bildet habe. Wenn e« wahr fein sollte, so wäre e« ein Mißgriff, denn ein solcher Haufen von bummelnden Freigelassenen ist kein „Volk" in dem rechten Sinn, wie e« der Dichter meint, wenn er von ber „Siebe de« freien Mannes" spricht. E» hat ja auch im Verlaufe ber Revolution nicht« bavon verlautet, baß bie ehemaligen Sklaven, bereu Befteiung bie Kronprinzessin so sehr beschleunigt hatte, etwa« Dankbarkeit für bie Monarchie be­tätigt hätten. Dazu war bie Gesellschaft noch nicht reif. —

Die Frage ber Sklavenbefreiuug führt un« zu einem anbern Erbtheil, ber noch interessanter ist al» Amerika. Währenb zu Brüssel eben Der staat­liche Antisklaverei-Kongreß tagt, wird bie Ankunft von Stanley, Emin-Pascha unb einer riesigen Ge­folgschaft im Bereich bet beutschen Macht in Ost­

afrika gemelbet. Den 1. Dez. schon erwartet man die große Karawane an ber Küste. Die Herren in Brüssel sollten ihre Berathungen bi» zur An­kunft ber Herren vertagen; benn wir werben dann erst erfahren, wie c« im Jnmrn-Asrika eigentlich steht. Wenn nach bem Wißmann'schev Berichte Emin Pascha 100 Soldaten unb viel Volk und viel Elfenbein mitbringt, so steht da» nach einer mühseligen Flucht au» ber Gefangenschaft ber Mah- bisten nicht au». Die Vorboten haben ja auch gemelbet, baß Emin ben Mahdisten noch zuletzt eine Schlappe beigebracht unb seine Stationen bem Kommando zweier ägyptischer Offiziere überlassen habe. Aber ob nun nicht feit ber Abreise ber Europäer bie Mahdisten vorgedrungen find, da« ist eine andere Frage.

Jetzt stehen wir vor der sonderbaren Thatsache, daß Emin, ber befreit worden sein sollte, sich in Sicherheit auf bem Wege nach Europa befindet, während derjenige, der ihn befreien wollte, tobt- gesagt wirb. Da« ÄomitS, welche« den Dr. Peter« au«schickte, scheint feit ber Ankunft be« Gerüchtes von feinem Tode ganz ben Kopf verloren zu haben; es hätte doch sofort mit dem Aufgebot be« letzten Groschen zu Nachforschungen unb zur Hilfeleistung für ben fiberlebenben Genossen Maßregeln ergreifen müssen. E« ist nichts geschehen unb somit weiß man auch noch nichts Gewffe«. Neuere Tele­gramme sollen nun bie Hoffnung erwecken, daß da» ganze Gerücht von ber Vernichtung der Ex­pedition eine Erfindung sei. Wenn dem so wäre, so routue al jo augeuunanuj *>i. ycitis uuuj mun­ter weiterzieheu zur „Befreiung" Emin'«, wäh­rend Letzterer schon nahe an der Küste sich befin­det. Warum macht man keine Anstrengungen, um Dr. Peter« zurückzurufen, fall« et noch leben sollte? Man denke sich einmal den Fall, daß in Folge ber Nachlässigkeit be« Komiiä'« Dr. Peter« unter ungeheuren Anstrengungen sich bi« zur Aqua- torialproviuz burchschlägt, dort in höchster Erschöpf­ung ankommt unb nun bas Nest leer ftnbet: kein Europäer mehr ba, im besten Fall noch Reste ber ägyptischen Soldaten, vielleicht auch diese aufge- rieben von ben Feinden? Wenn der „Befreier" wirklich an fein Ziel gelangen sollte, müßte er voraussichtlich dort elend zu Grunde gehen, wenn nicht etwa Emin zur Befreiung seine» Befreier« schnell zurückkehren wollte. Unsere freiwilligen Kolonialpolitiker sind freilich höchst sonderbare Leute. Dagegen kann man Herrn Wißmsnn, Dem Vor­kämpfer unserer offiziellen Polittk in Ostafrika, von Herzen zu der Ernennung zumMijor gratu- liren. Er hat die Beförderung redlich verdient. Ob der Zweck der Machtentfaltung inj Ostafrika schließlich erreicht wird, muß freilich abgewartet werden. Aber Wißmann hat offenbar bisher ge­leistet, war geleistet werden konnte auf diesem Gebiete, und da« müssen auch diejenigen anerken­nen, welche den Nutzen de« gewaltsamen Vorgehen« bezweifeln. Wenn Einer thnt, wa» er ihnen kann, heißt e« bei Fritz Reuter, so kann er nicht mehr thun, als er thut.

Wie die Dinge sich jetzt zuspitzen, wirb man unter bem Weihnachtrbaum wohl mehr von Afr la, al« von ben bevorstehenden Wahlen plaudern. Aber wir wollen doch nicht vergess n, daß e« auch bei un« eine Art Sklaverei-Frage gibt; bie Kartell­sklaverei muß ein Ende haben; bie politische Maul- unb Klauenseuche muß ausaerottet werden.

Vermischtes.

[@in richtigerJunggeselle.) „Sagen Sie 'mal, warum heirathen Sie denn nicht P" — „Weil ich mir die schöne Hoffnung, 'mal so 'n recht herziges Frauchen zu bekommen, permanent erhalten will!"

[Sie Neugierige.) Kapitän: „Jetzt werden wir bald den Lequator pasfiren." — Dame: „So? Lisette, holen Sie mein Opernglas, den muß ich genau sehen."