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JK 270. Samstag, den 23. November. 1889

Fiildaer W Jeitmig.

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Erstes Blatt.

Thümmel in Berlin.

Wo „Radau" ist, da sammeln fich die Berliner. Der Vorfitzende der Versammlung, in welcher Thümmel sein Licht leuchten laffen wollte, zog aus dem starken Bestick Folgerungen zu Gunsten de» „Helden de» Tage»". Da» war etwa« leichtfertig; denn wenn z. B. Most nach Berlin zurückkehrte und eine Versammlung anberaumte, so würde e» noch viel voller sein und auch noch viel toller zugehen.

Selbiger Vorfitzender verstcherte auch, daß der „Evangelische Bund" auf dem Grunde der „Rede- fr eih eit" stände. Ein schöne» Wort; aber wie legt man c» au«? Man ladet nur Protestanten ein, wirft die anwesenden Katholiken hinau« und entzieht einem Redner da» Wort, weil er al» Katholik erkannt und diese Art von Redefreiheit kostet nicht viel.

Die Katholiken Berlin'« haben «och die frische Erinnerung bewahrt an die Versammlungrkämpfe vor Mi Jahrzehnten, al« der „Kl oster sturm" im Gange war. Damal« haben die sogenannten „Knechte de« Geistlichen Rathe«" (Müller) trotz chrer „erdrückenden Minorität" Bedeutendes er» reicht, well sie entschloffen und geschloffen vor­gingen und die Gegner in der Kunst de« „Ver­sammlunghaltens" noch nicht ausgebildet waren. An Muth und Disziplin find die Berliner Kacho« liken heute noch den Vertheidigern der Klöster von 1869 und 1870 gleich; aber die Versammlungr- tcchnik ist in Berlin auf eine ganz andere Höhe gekommen, wie damals. Jetzt rücken die Veran­stalter kritischer Versammlungen nicht bloß mtt einer gehörigen Schaar „Ordner" an, die nach allen Regeln der Taktll auf den entscheidenden Punkten de» Schlachtfeldes aufgestellt find, sondern man nutzt auch die Waffe de» „Hausrecht»", welche fich au» der Saalmiethe ergibt, in er­giebigster Weise au»; die Polizei wird bei der „Wahrung de» Haurrechts", d. h. bei der Hin- aurweisung aller unangenehmen Personen, zu Hilfe gerufen, der Strafparagraph wegen Hausfriedens­brüche», der zum Schutze des friedlichen Herdes und nicht zur Freude von Veranstaltern von H tz- Versammlungen gedacht, schwebt als Damokles­schwert über den Häuptern der „Oppofition".

Unter diesen Umständen hätten nach meiner An­ficht sämmtliche Berliner Katholllen der Thümmelei lieber fern bleiben sollen. Andererseits begreife ich e» sehr wohl al» eine Raturnothwendigkeit, daß der Widerwille, gegen diese konfessionelle Hetzerei eine Reihe von Katholllen zu dem Versuch eine» persönlichen Widerspruchs gegen die Verunglimpf­ung ihres Glaubens drängte.

Es ist also eine richtige „Radau"-Versammlung gewesen mit Kriegrge chrei, Drängen, Ringen, Stockschlägen und dem sonstigen unerquicklichen Zubehör. Etwa« erquickend war wenigstens der Scherz von katholischer Seite, die Theilnahme an der Protestanten-Versammlung mit der Begründung zu fordern, daß fie de« Prote- stiren» halber gekommen seien. Er scheint mir überhaupt der Zeitpunkt gekommen zu sein, wo man die Thümmelei bester mit mllleidigem Spott, als mit ernster Entrüstung behandelt. Es ist eine Krankheit, die fich in ihrer Art austobm muß. Ob und in wieweit Thümmel in den Westprovinzen eine Gefahr für den Frieden ist, mögen Andere beurthellen. Hier in Berlin ist er und der ganze „Evangelische Bund" ein ganz ungefährlicher Zeit- vertreib. Er kann meinethalben die ganze Fast­nachtszeit hindurch Vorträge halten: an der Lage in Berlin werden die Herren nicht dasMindeste ändern.

Richt als ob e« in Berlin nicht Romhaster und

Katholikenfteffer in größerer Anzahl gäbe. Aber da» eigentliche Volk steht den Grund nicht ein. Herr Thümmel erzählt Schauergeschichten von Proselytenmacherei, aber der Berliner Philister sagt fich: Davon habe ich ja nicht» bemerkt! Er frägt vielleicht in seinen Bekanntenkreisen herum, ob dort etwa» von „römischer Seelenjägerei" ge­spürt worden ist. Da hört er, daß viele Protestanten schon im katholischen Krankenhaus gewesen find, daß e» ihnen ausgezeichnet gefallen hat, viel bester als in Bethanien, und daß ihrer „Gewiffensfrei- heit" Niemand zu nahe getreten ist. Und wenn da» Kapitel der Mfchehen erörtert wird, so misten die Berliner au» eigener Erfahrung, daß die Mfchehen in Berlin und der Mark Brandenburg in ihrer übergroßen Mehrheit zu Gunsten de» Protestantismus ausschlagen. Die Statistik bestätigt da« leider. Aber wa« geniren die Herren vom Evangelischen Bunde die beweiskräftigsten Zahlen? In der Thümmel-Versammlung trat trotz alledem ein Pastor au« der Umgegend auf, der über die Ausbreitung des Katholizismus in der Mark jammerte. Daß fich Gott erbarm' über eine f o l ch e Ausbreitung?!

Die ganze Hetzerei dringt in Berlin nicht über einen gewissen kleinen Kreis hinaus, befielt Kern einesteils die protestantische Geistlichkeit, andern- teils eine Gruppe von Studenten bildet. Unter den Studenten finden fich immer und überall Ele­mente, die gern in einer Hetze ihr Kraftgefühl stärken; man treibt in den'Studentenkreisen semi­tische und antisemitische Hetze, warum sollen fich nicht auch evangelische Theologie-Kandidaten und strebsame GefinnungSgenossen zu einer antikatho­lischen Hetze bereit finden. Gerade die grüne Ju­gend glaubt ja am Leichtesten, daß mit einem Mundvoll großer und grober Worte fich Weltge­schichte machen lasse.

Hören wir über den Eindruck der Thümmel'- scheu Beredtsamkeit ein unparteiisches Unheil. Die ,Vofi. Ztg.', welche polllisch als sreifinnig gilt, aber entschieden kulturkämpferische Neigungen hat, schreibt also:

„Thümmel verfügt über eine klare, ausdrucks­volle Redeweise. Es ermangelt seiner Rede aber jene Wärme, die ergreift und mit fich fortreißt. Der größte Thell des Vortrages wurde daher auch beifalllos entgegengenommen, und selbst bei Kraftstellen, von denen der Redner ficht ficht- lich eine Wirkung versprochen, blieb es ruhig."

Der Hetz-Reiseprediger hat also in Berlin, ob­schon er in einer ausgewählten und gesäuberten Versammlung sprach, eine kritischere Zuhörerschaft gefunden, als in den protestantischen Kreisen seiner Heimath.

Es ist auch bezeichnend, daß der Vorfitzeude erst eine Art von Entschuldigung für die Vorfüh­rung Thümmel's für nothweudig hielt. Der „Evan­gelische Bund" lehnte die Verantwortlichkeit für die früheren, sowie für die j-tzige Rede Thümmel's förmlich ab; der Vorsttzende bemerkte, ein scharfes Wort könne bei der jetzigen Lauheit ja auch nicht schaden, man werde fich bei einer frischen Brise nicht gleich erkälten. Kurz: Thümmel wurde als enfant terrible eingeführt, dem man es zu Gute halten möge, wenn er gelegentlich über die Stränge schlage. Recht ergötzlich war der Versuch des Vor­fitzenden, nachzuweisen, daß Thümmel kein „H tz- kaplan" fei; er habe nämlich „nicht einzelne, ruhig ihres Glaubens lebende Katholllen angegrisstn". O, der gute Thümmel 1 Er hat freilich den Erz­bischof von Köln angegriffen und es durch seine Hetze­rei zu Insulten gegen denselben gebracht; er greift fort undfort alle ruhig ihre» Glaubens lebenden Katholiken in ihren heiligsten Gefühlen an; aber ein „H-tzpfarrer" ist er nach Ansicht des Vorsitzen­den trotz alledem nicht.

Gibt es denn in ganz Deutschland einen katho­lischen „Hetzkaplan" oder „Hetzpfarrer", der in so roher und gewerbsmäßiger Weise den Angriff auf die andere Konfession betreibt, wie Herr Thüm­mel? Es gibt keinen und es kann auch keinen geben; denn wie würde die Staatsgewalt mtt einem katholischen Geistlichen umspringen, der es sich zur Lebensaufgabe machte, hier und dort Brandreden gegen den Protestantismus zu halten? Wie würde die Regierung eingreifen, wenn solche katholischen Hetzreden zu öffentlicher Jnsultirung eines General-Superintendenten int Amte ober zu Hanbgemenge in Berliner Versammlungen Anlaß gegeben hätte?

Eine komische Nebenrolle spielen bis protestan­tischen Theologie-Studenten, welche gegen ben An­trag bes Centrums behufs Milttärfreihett der Theo­logen leidenschaftlichen Protest erheben. Man sieht, wie diese Leutchen, welche bisher an Stoff für ihre Versammlungen so großen Mangel hatten, mit wahrem Heißhunger auf den Knochen dieser „Frage" fich stürzen. Bekanntlich will der Centrums-Antrag Niemanden a ursch ließ en von dem Eintritte in da» Heer, sondern allen Theologen die volle Frei­heit lassen, fich zum Waffendienste zu melden. Wenn also die Kandidaten der evangelischen Got- tesgelehrtheft wirklich so erpicht find auf ben bun­ten Rock, wie bie Wortführer sagen, so werben fie ja Gelegenheit haben, ihren Kommiß-Patrio- tismur freiwillig, unb also um so glänzender zu betätigen. Wir verlangen ja nichts weiter, al» die nöthtge Rücksichtnahme aus die k a ryoltschen Kleriker, denen die Anschauung ihrer Kirche da» Blutvergießen untersagt. Auf dem Boden der Freiheit soll diese Frage in vollster Parität ohne jede Schädigung de» militärischen Interesse» gelöst werden. Aber da» ist es eben, diese Leutchen wol­len keine Parität, sondern fie verlangen, baß un­sere Theologen nach bet Pfeife protestanti­scher Anschauungen tanzen sollen. —

Wenn nicht Aller täuscht, so wirb bie Thüm- mel'sche Radau-Versammlung draußen im Westen noch mehr Aufsehen erregen, als in der Haupt­stadt selbst. Berlin ist kein Remscheid und kein Solingen, und bie Berliner find keine verhetzten Mitglieber „evangelischer Arbeitervereine"'. Stöcker ist ein Rrbner von viel nachhaltigerer Wirkung, als Thümmel; er hat burch seine Agitation gegen Juben unb Fortschrittler eine Zeit lang Leben in Berlin bringen können. Aber Stöcker ist ruhig geworben, unb Berlin auch. Unb wenn Thümmel auch seine Rede mit bem stereotypen Inhalt noch ein Dutzend Mal wiederholen sollte: Berlin bleibt ruhia.

Deutsches Reich.

Berlin, 22. November.

• Die Verlobung des russischen Thron­folgers mit der Prinzessin Margarethe von Preußen gilt nach Petersburger Privattelegrammen dort al» Thalsache: Die Petersburger Börse zeigte heute infolge dessen feste Tendenz.

* Die bulgarische Frage beschäftigt bie hiesige Presse noch immer, allein e» ist nur eine Diskussion über ben Werth bet von Wien au» ergangenen Dementi». So viel scheint aber da- rau» hervorzugehen, baß bie preußische Regie­rung für eine Anerkennung be» Fürsten Ferdinant) nicht zu haben ist und daß man bie Gestaltung bet Dinge in Bulgarien al» eine offene Frage behanbelt.

* Die Sch weinefleisch-Preis-Debatte im deutschen Reichstage hat keine praktischen Re­sultate zur Folge gehabt. Nach ben Erklärungen bet Vertreter bet verbündeten Regierungen ist unter den obwaltenden Verhältnissen an eine Aushebung de» Verbot» nicht zu denken und nur, wie bisher,