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Samstag, den 16. November.
1889
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Zweites Blatt.
# Ueber die Sterblichkeits Verhältnisse in nnseren Krankenpflegeorden
hat Herr Dr. Cornet eingehende Untersuchungen veröffentlicht, welche in doppelter Hinsicht werth- voll find. Einmal zeigen ste, daß die Engel der Barmherzigkeit im vollsten Sinn« des Wortes ihr Leben zum Opfer bringen, da sie 20 bis 30 Jahre früher sterben, als die übrige Bevölkerung und zweitens liefern die Untersuchungen neues Material zu der Lehre von der Ansteckung, insbesondere von der Ansteckung der Lungenschwindsucht.
Ein mit 17 Jahren der Krarckenpfl.ge sich widmendes gesundes Mädchen stirbt um 21% Jahre früher, als die gleichaltrige übrige Bevölkerung. Eine Krankenpflegerin im 25. Lebensjahre steht mit Beziehung auf die Lebenserwartung auf der nämlichen Stufe mit den bereits 58jährigen Personen außerhalb des Klosters; eins im 33. Jahre gleich der 62jährigen." Diese Angaben Cornels genügen, um den Opfermuth der Krankenpflegerinnen zu beleuchten.
Cornet hat weder die weltlichen Wärter und Wärterinnen, noch auch die evangelischen Diako- niffen in den Kreis seiner Untersuchungen gezogen, sondern nur die Mitglieder der katholischen Krankenpfl-geordeu. Die evangelischen Diakoniffen scheiden bekanntlich zum Theil aus der Pflege- Thätigkrit wieder aus, wenn sich ihnen eine Heirath oder anderweitige Versorgung bietet; die weltlichen, „gewerbsmäßigen" Pflegekräfte folgen natürlich erst recht jeder Gelegenheit, ein besseres Geschäft zu ergreifen. Nur in den katholischen Orden fand Dr. Cornet die Regel der lebenslänglichen Pflegethätigkeit, so daß er die Sterblichkeit in allen Altersstufen verfolgen konnte. Wir möchten wünschen, daß der Forscher doch noch über die Todesfälle unter den nicht-katholischen Pflegekräften eine entsprechende Untersuchung anstellte, so gut es geht, ein Vergleich wäre doch interessant und lehrreich.
Angesichts der oben mit mathematischer Genauigkeit geschilderten Lebenropfer, welches dis Helden der christlichen Nächstenliebe bringen, muß man sich erinnern an die Polizeiaussicht, welche die Maigesetzs über unsere Engel der Barmherzigkeit verhängten, und an die gehässigen und verleumderischen Angriffe, welche die protestantischen Hetzer sich gegen dieselben erlauben. Undank ist der Welt Lohn.
Im Jahre 1885 gab es nach dem königl. statistischen Bureau in Preußen 5470 katholische Krankenschwestern, 2496 evangelische (Diakonissen) und noch 2082 sonstige Pflegerinnen. Das Ver- hältniß der Konfessionen hat sich hiernach umgekehrt ; der doppelt so starke Protestantismus bnngt noch nicht die Hälfte von den katholischen Krankenschwestern auf. Wenn man dar ganze „sonstige" Personal hinzurechnet, so kommen die katholischen Krankenschwestern der absoluten Majorität ganz nahe. Nun sagen die Romhaffer, wir gründeten Krankenhäuser behufs „Proselytenmacherei".. Wollen ste etwa auch behaupten, daß die erforderlichen Pflcgekläfte auSd em Beweggründe der Profelyten- macheret sich eirfinden? Bringen die Novizen etwa deßhalb die Freuden des irdischen Lebens und dieses Leben selbst zum Opfer, well sie darauf sprkuliren, hier oder da eine Konversion herbei- führen zu können?
Unserere protestantischen Gegner verfügen über viel größere Geld- und Machtmittel, als wir; Krankenhäuser zu gründen würde ihnen
leichter sein als uns. Aber die erforderliche Pflegerinnen zu finden würde ihnen schwerer fallen. Der katholische Glaube bringt viel mehr Opfermuth hervor, als der protestantische. Das ist eine Thal- fache, welche die Zahlen unwiderleglich erweisen.
Was nun die Ursachen der hohen Sterblich- kett der Pflegekräfte angeht, so kommen die An« st efck u nlg durch de» Verkehr mit den Kranken'und die Aufreibung durch die Strapazen inßdem edlen Beruf in Betracht.
Die Neuzeit ist von der Leidenschaft der Jagd auf Bakterien und sonstige übertragbare Krank- heitrkeime ergriffen. Die Tuberkulose (Lungenschwindsucht) hält unter den Krankenpflegern eine neunmal so starke Ernte, als unter der übrigen Bevölkerung. Von den Ordensmitgliedern, welche von Dr. Cornet als in den letzten 25 Jahren gestorben ermittelt find, erlagen 62,88 Prozent, also beinahe zwei Drittel, der Lungenschwindsucht. Natürlich drängen diese auffallenden Zahlen zu dem Erklärungsversuch, daß dre Pflegekräfte, welche mit der Reinigung der Krankensäle, der Ordnung der Betten, der Reinigung der Wäsche von Tuberkulösen betraut find, das ansteckende Gift ein- athmen. Die Aerzte sind ja zur Zeit einhellig in der Ansicht, daß das getrocknete Sputum (der Auswurf von Schleim ober Eiter aus Mund und Nase) eine Unmaffs lebensfähiger Tuberkelbacillen enthält, daß dieselben, aufgewirbelt, mit der Athem- luft in die Lunge gelangen und durch ihrs Festsetzung und Entwicklung in der Lungs die Ansteckung herbetführen. Gegen diese thatsächliche Feststellung werde ich natürlich keinen Einspruch wagen; aber ich möchte doch mit der Bescheidenheit, die einem Laien geziemt, ein Bedenken gelten! machen. Wenn nach der Berechnung der Gelehrten ein einzelner Tuberkulöser jeden Tag 700 Millionen Tuberkelbacillen aus- spuckt, so muß man in Anbetracht der großen Zahl der Schwindsüchtigen, der freien Bewegung eines großen Theil» der Leidenden und der allgemeinen Unvorsichtigkeit beim Ausspucken annehmen, daß in allen öffentlichen Lokalen, in den öffentlichen Fuhrwerken, namentlich in den Eisenbahnen ja in der Straßenluft unserer Städte die Tuberkelbacillen sich so massenhaft umhertreiben, daß jeder, der seine vier Wände verläßt, ste häufig einathmen muß. E» hängt also die Ansteckung nicht in so vorwiegendem Maße, wie man vielfach annimmt, von dem Vorhandensein de» Keimes selbst ab, sondern die Empfänglichkeit der einathmenden Person muß al» ausschlaggebendes Moment betrachtet «erden. Dennoch drängt sich die Vermuthung auf, daß die Krankenpflegerinnen durch die aufreibende Thätigkeit in der Widerstandsfähigkeit gegen die Ansteckungskeime so geschwächt werden, daß sie in verhältnißmäßig größerer Zahl, al» dis übrigen Personen, dem Gifte erliegt.
Diese Erwägung würde auch eine große praktische Bedeutung haben. Man wirft sich jetzt mit einem Eifer, der etwas einseitig erscheint, auf die Vernichtung oder Unschädlichmachung der Aus- wurfrstoffe. Ist da ein durchschlagender Erfolg zu hoffen? Nur unter der Bedingung, daß man alle Schwindsüchtigen vom Anfang ihrer Krankheit an von dem bürgerliche« Leben und Treiben ausschließt, wie früher die Aussätzigen. Da» ist aber nicht durchzufahren. Wenn also Schwindsüchtige sich frei unter dem übrigen Volk bewegen oder ohne stete und strenge Aufsicht bei ihrer Familie bleiben, so wird immer durch Husten, Niesen, Schneuzen, Ausspucken eine Unmasse Bacillen in den Verkehr gebracht werden. Man wird es nie- walr dahin bringen, daß alle Leute ein Gefäß bei sich führen, in welcher ste spucken; da» Taschentuch und der Fußboden werden nach wie vor be
sudelt, die Sache trocknet ein, zerreibt «ndZ zerstäubt sich und wird eingeathmet.
Er bedarf noch vieler Forschungen, um die objektiven Krankheitsursachen, die Art und den Umfang der Verbreitung der Krankheitskeime, ganz klar zu stellen. Inzwischen sollte man nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, die subjektiven Fragen betreff» der Widerstandsfähigkeit des von den Bacillen befallenen Organismus, nicht links liegen lassen. Also nicht Mo» Bacillen-Bekämpfung, sondern auch Gesunheitspflege zur Hebung bezw. Erhaltung der Kräfte, welche dem eingewanderten Bacillus Widerstand leisten müssen.
Wenn man nun die große Sterblichkeit unter den Engeln der Barmherzigkeit von dem Gesichtspunkte au» betrachtet, daß die Strapazen dieses Berufes die Widerstandsfähigkeit de» Körpers lähmen, so erscheinen die kulturkämpferischen Bestrebungen auf Beschränkung der Zahl katholischer Krankenschwestern in einem grellen Lichte. E» liegt in der Natur der Sache und ist auch in den betreffenden Parlamentsdebatten vielfach hervor- gehoben worden, daß die Schwierigkeiten, welche der Kulturkampf der Rekrutirung der Krankorden bereiteten, zu einer Ueberlastung der vorhandenen Pflegekräfte führen mußte; eine höhere Anspannung der Kräfte hat aber natürlich eine höhere Sterblichkeit zur Folge.
Diesen Gedanken mag der Leser selbst weiter verfolgen, liebet die Schwindsuchtspflege im Allgemeinen noch ein Wort. Die neueren Forschungen haben die Ansicht, daß die Schwindsucht erblich sei, erschüttert. Trotzdem müssen schwindsüchtige Eltern, sich bewußt bleiben, daß ihre Kinder in der größten Gefahr find, schwindsüchtig zu werden. Der Krankheitskeim ist vielleicht nicht schon mit dem Kinde auf die Welt gebracht; aber es ist die größte Wahrscheinlichkeit, daß durch den innigen Verkehr zwischen Eltern und Kind der Keim in den zarten Körper des Kindes übertragen wird. Daher ist besondere Vorficht zur Verhütung der Ansteckung von Kindern geboten. Die nähere Erörterung dieser Frage wäre Sache de» Arztes. Ich möchte nur auf zwei Punks aufmerksam machen. Ja den unteren Volkrklaflen erscheint namentlich da» Spucken auf den Fußboden gefährlich, und zwar um so mehr, als die kleinen Kinder mit dem Schmutz des Fußbodens in recht innige Berührung zu kommen pflegen. Wenn es gestattet ist, noch ein Wort zu diesem unappetitlichen Gegenstände zu sagen, so möchte ich der Ansicht entgegentreten, al» ob da» Austreten des Ausgespuckten irgendwas nützen könne; im Gsgen- theil, es beschleunigt die Austrocknung und Zerstäubung; auch ein trockner Spuknapf ist werthlos. Für die feineren Leute, welche das Ausspucken manierlicher abmachen, hätte ich noch die Warnung vor dem ebenso widerwärtigen, als gefährlichen „Abküssen" der Kinder. Diese Schma- tzsrei von weiblichen oder weibischen Verwandten und Bekannte sollte endlich allgemein al» ein grober Verstoß gegen die Vernunft und die gute Lebensart verpönt werden.
Vermischtes.
§ Die »Deutsche Fleischer - Zeitung' berichtet: Ueber 200 mittlere und kleinere Schlächtereien stehen zur Zeit in Berlin zum Berkaus. Die Agenten, welche sich mit Vermittelung derartiger An- und Verkäufe beschäftigen, erklären, daß seit Jahren so ungünstige Verhältniff« nicht vorgekommen wären. Die meisten dieser Geschäfte bestehen ein bis zwei Jahre. Mit einigen ersparten, jedoch ungenügenden Mitteln errichtet, sehen die jungen Anfänger einer wenig erfreulichen Zukunft entgegen; meist. mit Schulden kehren dieselben wieder in dm Gesellenstand zurück. Diese ungünstigen Verhältnisse herrschen nicht nur n Berlin, sondern überall machen sich dieselben gerade im Fleischergewerbe bemerkbar.