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Samstag, Den 16. November.

1889

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Erstes Blatt.

CVC. Eine ernste Lehre aus der frauzöstsche» Revolution.

Ein genauerer Studium der franzöfischen Revo­lution hat neulich der deutsche Kaiser empfohlen, und gewiß mit vollem Recht. Hohe und Niedere können nidit genug lernen aus dieser Umwälzung. Vor vier Jahren auf der großen Katholiken-Ver- sammlung zu Münster war es, wo der nunmeh­rige Bischof zu Mainz, Dr. Haffner, schon auf diesen Punkt htnwier, „Frankreich ein lehrreiches Land nannte, namentlich da« Frankreich des ver> stoffenen Jahrhundert«, in welchem da« sogenannte philosophische Jahrhundert die furchtbare Revolu­tion hervorgerufen hat." Redner erlaubte fich auch, namentlich den zukünftigen Herrschern die Geschichte Frankreich« und der franzöfischen Revo- tion zu empfehlen. i" •; ££4. 'ÜIW.1

Da« Wort des katholischen Würdenträger- ist damals von den Gegnern verlacht und verspottet worden. Heute, wo eine ähnliche Mahnung au« dem Munde de« mächtigsten Moriarchen de« Abend­länder ergangen ist, wird e« hoffentlich tiefen Ein­druck auch bei ihnen machen. Soll freilich dar Studium der franzöfischen Revolution von Nutzen sein, so muß auf die Gründe zurückgegangen wer­den, welche jene furchtbare Katastrophe, deren Nachwirkungen fich noch immer in so trauriger Weise geltend machen, hervorgerufen. Diese aber findet der Oberhirt der Mainzer Diözese mit R^cht 1» der Verbreitung der unchristlichen Ideen in Ge­sellschaft und Schule. E« mag nicht unangebracht sein, seine geistreichen Ausführungen hier wieder in Ennnerung zu bringen.

„Man kann," so begann der Redner, >i« vorige Jahrhundert, da« achtzehnte, al« eine große Tragödie bezeichnen, welche in fünf flylgerechten Akten die Wirkungen der falschen Ideen un» vor Augen stellt. Der erste Akt ist der Anfang dc« Jahrhundert«, wo unter dem glänzenden König- thum Ludwigs XIV. und inmitten eines grenzen­losen, auf den Hintergrund weiten Massenelendes fich abhebenden Luxus, die schlechten philosophischen Grundsätze ihre Verbreitung finden. Kartefiu« wirft den Würfel in die Wiffenschaft; Spinoza erkältet die moderne Welt durch seinen häßlichen Pan'hlikn u?; Montepgu^u vntergEt mit sächsln-

De» WalH-iu».

Novelle von R. O.

(Schluß.)

Und au« dem Munde Bernhard'« erfuhr sie dann auch die Kunde von all' den märchenhaft klingenden Dingen, die sich inzwischen in dem Waldhause zugetragcn — von der schweren Er­krankung ihre« Oheim« und von dem Wieder­erscheinen ihre« todtgeglaubte« Vater«. Ihre Blicke hingen an seinen Lippen, al« wäre ein über­irdische« Wesen zu ihr herabgestiegen, um ihr zu verkünden, baß all' ihr Leid nur ein wüster, be­klemmender Traum gewesen sei, auf den nun ein wonnige«, glückseligere« Erwachen folge. Und glück­selig war die« Erwachen in der Thal! Denn nur Frohe« und Hoffnungsreiche« war «, das Bern­hard zu berichten hatte!

Die gewaltige Erschütterung der Freude hatte in der Krankheit de« Grafen Lori« eine Krise her­beigeführt, die zwar eine Stunde lang sehr ernst­lich für sein Leben fürchten ließ, die dann zu einer entschiedenen Wendung zum Befferen um- schlug, zum nicht geringen Erstaunen de« Dottor Stieglitz, der nun doch all' seine Weisheit zu Schanden werden ^säh. ~

der Miene in seinen „P rstschen Briefen" die sitt­liche Ordnung de« Staates — und das Königreich deckt diese Schriftsteller mit seinem Glanze und zeichnet sie au«. D.r zweite Akt unter der Regie­rung Ludwig'« XV. stellt un« diesen Kontrast nicht minder dar. E« entfaltet sich der Materia­lismus und Deismus. Der Atheismus un^ die Skepsis verbreiten fich. von den Logen gepflegt, über Frankreich und Europa. David Hume und Holbach bilden den Mittelpunkt der Pariser Salon« und werden hochgefeiert von der franzöfischen Ari- stokratie. Am allermeisten aber mache ich fie auf­merksam auf jene Zeit, die ich al« den dritten Akt der großen sranzöstschen Tragödie bezeichnen möchte: e« ist die Mitte de« 18. Jahrhunderts. Da er­scheint am Hör zort da« furchtbare Doppelgestirn, Voltaire und Rouffeau, der eine, um mit skepti­scher Schärfe die christlichen Grundsätze zu zerrei­ben, der andere, um mit einer vagen Sentimen­talität die Roheit und die Sinnlichkeit zu verherr­lichen. Frankreich huldigt ihnen, der König bietet ihnen die Penfion an, und die Aristokratie list Tag und Nacht diese Bücher, welche da« Siegel der Grabes in fich tragen.

Es kommt der vierte Att, der Kampf gegen die Reichen. Da« Wort, welche« Friedrich IL, ein deutscher König, mit dem Fürsten der franzöfischen Freigeister verabredet hat: Scrasez l’infäme! — Rottet au« die Infame! — e« ist die heil, katho­lische Kirche damit gemeint — da« gräßliche Wort thut seine Wirkung. Zuerst richtete fich der Sturm gegen den Orden der Gesellschaft Jesu. Dieser fällt der Wuth der Freigeister zum Opfer und wird 1773 aufgelöst. Aber, meine Herren, bereits hört man auf der Bühne die Vorbereitungen zum 5. Akte. Rasch spielen fich die Szenen ab. Es crhekt fich der dritte Stand, es werden die Men­schenrechte proklamirt, die Guillotine wird perma­nent und Frankreich schwimmt im Blute. Rouffeau und Voltaire Hetzen an den September - Morden nicht mit den Fäusten Antheil, wenn aber Dan­ton, Marat. Robespierre «inen Blutbefehl erließen, so führten fie die Worte Voltaire'« und Rouffeau'« im Munde. Voltaire'« Geist hat sie iuspirirt, diese Mordthatev zu befehlen, und Rousseau'« Ideen haben die Jakobiner berauscht, fie zu vollziehen. Die Philosophie ist e«, welche die Revolution ge­macht hat und in ihren Gräueln triumphirte. Er find die unchrifilichcn Ideen, welch; dar schöne

Jetzt saß F-odor am Lager de« Bruders, hielt seine Hand fest in der seinigen und erzählte ihm, wie e« gekommen war, daß jener verhängnißvolle Schtag seinem äußeren Lebensschicksal zwar zum Fluche, seinem inneren Menschen aber zum Segen geworden wer.

Jene verdächtigen Gesellen, in deren Mitte Lori« damals feinen Bruder gefunden hatte, waren die Genossen einer polstischen Konspiration gewesen, an welcher Feodor zwar nur in geringem Grade, aber doch immerhin zur Genüge betheiltgt war, um dadurch schwer kompromittirt zu werden. Daraus erklärte fich auch die Angst der Männer, die Polizei von dem vermeintlichen Morde unter­richtet zu sehen, und ihre Begünstigung der Flucht de« Grafen Sott«. Aber der Verletzte war noch nicht tobt gcwesen. Er hatte fich langsam erholt, doch noch vor seiner völligen Genesung war die Verschwörung entdeckt und er mit den Anderen verhaftet worden. Er war nur sehr wenig, was man ihm an staat-gefährlichen Umtrieben nachwei- sen konnte, aber bei dem damaligen Zustande im rusfischen Reiche genug, um sein. Verschickung nach Sibirien auf administrativem Wege, da« heißt ohne eine ordentliche Verhandlung und ohne einen gesetzmäßigen Richterspruch zu bewirken. Dort

Frankreich so furchtbar verwüstet haben. Darüber kann nicht der geringste Zweifel sein. Sonderbar ist nur Ein«: daß die hohen Hrrcn, welche über Frankreich geboten, so lange Zeit auch nicht im Geringsten eine Ahnung davon hatten, wie die Tragödie enden werde. Al« fie Ahnung zu haben begannen, da war e« bereit« zu spät."

Aber, so fuhr Redner fort, wa« noch sonder­barer ist, da« ist diese«, daß diejenigen, welchen die ganze Tragödie de« vorigen Jahrhunderts vor Augen liegt, noch einmal fie mitzufpielen verstchern im 19. Jahrhundert. Die unchristliche Philosophie erhob alsbald wieder ihr Haupt und wurde mäch­tiger wie je. Während die hl. Allianz die großen Grundsätze der Christenthums in Erinnerung brachte, lehrten auch auf deutschen Hochschulen Philosophen, welche Gott und die Unsterblichkeit kurzweg leug­neten. In Berlin herrschte Hegel, der große Sophist, der mit unerhörter Blasphemie al« „prä­senten Gott" den Staat bezeichnete, al« Weltrich­ter die Revolution und von fich selbst sagte: Kei­ner meiner Schüler hat mich v rstanden — Einen ausgenommen, und der — hat mich mißverstan­den. Neben ihm lehrte Schelling den Pantheis­mus und ihm schloß fich ein Heer kleinerer Philo­sophen an, welche die antichrtstlichen Ideen von den Kathedern verkündeten.

Sie nahm fich ja so schön und vornehm au« in den Hörsäl n, aber man hat nicht bedacht, wie fie wirken müsse auf da« junge, unerfahrene Ge- müth, wie die Grundsätze weiter getrogen werden in’« Volk und dort den Unglauben und Sozialis­mus großziehen?

Und ist es heute besser geworden? Wir wollen die Frage nicht weiter erörtern; wer die Prof, ssoren an den staatlichen Hochschulen Europas Revue pasfiren läßt, wird unter d.n Tausenden leider Gottes nur verhältnißmäßig Wenige finden, welche auf streng christlich-gläubigem Boden stehen. Und die Früchte? Nun, fie stnd un« vielleicht niemals in so erschreckender Weise vor Augen geführt wor­den, al« in der Rede Crirpi's zu Palermo. Wenn Hegel heute noch sprechen könnte, so dürste er mit Stolz sagen, daß Einer ihn nicht mißverstanden: Crirpi, der italienische Mnisterpräfident. Crirpi predigt mit nackten Worten die Lehre vom Staate al« „präsenten Gott", verkündet al« allein zu­ständigen Richter über die Staat n d e Revolution. Wahrlich ein gelehriger Spüler l Wie sehr aber

hatte er viele Jahr; zugebracht, sein Vermögen war inzwischen konfirzirt worden, und al« ein bettelarmer Mann, dem nur die Gnade de« Kai­ser« eine kleine jährliche Unterstützung gewährte, war er endlich in seine H-imath zurückg-kehrt.

Aber da hatte ihn traurige Kunde empfangen. Sein Bruder und sein Kind waren verschwunden und alle Nachforschungen, die er mit seinen gerin­gen Hilfsmitteln anstellen konnte, ergaben kein an­deres Resulat, al» daß er die Gewißheit erhielt, die Flüchtigen hätten fich einst nach Deutschland gewendet. Da reffte er den Rest feirer Kraft zu­sammen und machte stch auf die Wanderschaft, ihre Spur zu suchen. In seinem Herzen lebte nicht« mehr von Groll und Feindseligkeit gegen den Bruder, denn er hatte längst eingesehen, wie groß auch auf seiner Seite da« Unrecht gewesen war, wie schw r er stch an seinem Kinde und an dem Ge^ächiniß seine« armen Weibe« versündigt hatte, und er machte Niemand für sein traurige» Soo« verantwortlich als fich allein. Fünf Jahre lang hatte er Deutschland nach allen Richtungen der Windrose durchwandert, immer falsche Spuren verfolgend und hundertmal durch trügerische Hoff­nungen getäuscht. Fast feine ganze Jahrespenfion hatte er für die Aufforderungen in den Zeitungen