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M 263.

1889

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Die ,Fuldaer Zeitung erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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Deutsches Reich.

Berlin, 14. November.

* Der Kaiser und die Kaiserin find heute Mittag in Innsbruck eingetroffen. Kaiser Franz Joseph erwartete die Ankunft Ihrer Ma­jestäten am Perron. Die Majestäten begrüßten sich in herzlichster Weise. Kaiser Franz Joseph sprang die Stufen des Waggons hinauf und um­armte und küßte Kaiser Wilhelm wiederholt. Hier­auf küßte er der Kaiserin die Hand und begab sich in lebhaftem Gespräche mit den Hohen Herr­schaften in das Innere des Coupe». Nach einiger Zeit zog sich die Kaiserin zurück und die beiden Monarchen blieben in eifriger Konversation allein. Das Publikum, welches den ganzen Vormittag über den Bahnhof und feine Umgebung in dichten Echaaren besetzt hielt, brachte den Majestäten glänzende Ovationen dar.

* Amtliche Nachrichten über das Schicksal des D r. Peters liegen noch immer nicht vor, aber es darf wohl nicht mehr daran gezweifelt werden, daß Dr. Peters in feinem kühnen Unternehmen den Tod gefunden hat. Dagegen kehrt Emin Pascha, zu bissen Entsatz Dr. Peters ausge­zogen war, au« dem Innern des schwarzen Kon­tinents in Begleitung Stanley'» zurück, und zwar wird seiner Ankunft auf deutschem Küsten­gebiet entgegcngesehen. Eine von deutscher Seite nach Möglichkeit unterstützte Expedition zieht Emin Pascha und Stanley entgegen, um denselben Lebensmittel u. s. w. zuzuführen. Auch die Stan» lky'sche Expedition ist ja gescheitert, denn Hilfe vermochte dieselbe Emin Pascha in Bezug auf die Aufrechterhaltung seiner Autorität im Wadelei­gebiet nicht zu bringen.

* DerReichstag setzte heute die 2. Berathung des Etats fort. Beim Etat de» Rechnungshofes wurde ein Antrag Richter, der auf Einsetzung einer besonderen Rechnungshofes für das Reich hinzielt, an die Rechnungrkommiffion zur Vorbe- rathung verwiesen. Beim Etat des Reichsamt des Innern begründete Dr. Baumbach seinen Antrag auf Vorlegung einer Gewerktordnungsnovelle betr. die weitere Ausbildung des Arbeiterschutzes in An­schauung der Frauen« und Kinderarbeit. Abg. v. Stumme beantragte hierzu Ausdehnung der verlangten Vorlage auf die Sonntagsarbeit. Staats­sekretär v. Bötticher stellte die Vorlegung eines Gesetzentwurf» betr. die gewerblichen Schiedsge­richte in Ausficht. Was die Arbeiterschutzanträge

Air Waidhaus.

Novelle von R. O.

(32. Fortsetzung.)

Auf ihrem kurzen Wege zu dem neuen Zu­fluchtsorte hatte fie kein Wort zu ihm gesprochen, und als fie das Kämmerchen betreten hatte, da« vorläufig ihr Heim bilden sollte, bat fie ihn, fie für einige Stunden allein zu lassen, da fie sich sehr schwach und angegriffen fühle und nach einer schlummer losen Nacht jetzt nothwendig der Ruhe bedürfe. Ziemlich widerwillig leistete er ihrer Auf­forderung Folge, denn e« schien, al« ob er noch etwa« auf dem Herzen habe, dem er sehr gern Ausdruck gegeben hätte. Aber er ging dennoch, und als sich die Thür hinter ihm geschloffen hatte, fetzte sich Arina auf den Rand ihres Lagers, drückte dar Gesicht in die Kiffen und blieb lange — lange Zeit regungslos in dieser Stellung.

Etwa zwei Stunden später wurde fie durch ein kurzes, hartes Klopfen aufgeschreckt. Wieder war e« Ebert, der fie störte. Ec kam angeblich, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, aber es erwies stch bald, daß die» nur ein Vorwand für

anlange, so liege kein neues Moment vor, welches die verbündeten Regierungen veranlassen könnte, ihre bisherige Stellung zu demselben aufzugeben. Abg. Oechelhäuser (nl.) und Dr. v. Fry; (kons.) be­dauerten diese Erklärung. Wetterberathung morgen.

* Die ReichrtagSkommiffion zur Vorberathung der Bankgesetznovelle hat den Antrag auf Verstaatlichung der Reichsbank gegen 3 Stimmen abgelehnt. Graf Mirbach hat beantragt, daß die Vorzugsdividende der Antheilseigner von 3*/, auf 3 Prozent herabgesetzt, der Rest zu gleichen Tyeilen an die Antheilseigner und das Reich vertheilt werde, soweit dis Gefammtdivibende der Antheils­eigner nicht 4 Prozent (anstatt 6 Prozent nach der Vorlage) übersteigt. Abg. Gamp beantragt eine anderweite Organisation des Crntralaur- fchuffcS, wonach 6 Mitglieder und 6 Stellvertreter aus den Kreisen der Industrie und der Land« wirthschrft ernannt werden sollen.

* Die Budgetkommiffion desMichrtags beendete heute das Ordinarium des Marineetatr. Staatssekretär Heusner theilte mit, daß bei der Verwaltung der Materialien allerdings Unregel­mäßigkeiten vorgekommen, daß die Sache aber vielfach übertrieben dargestellt worden fei. Sie schwebe vor den Gerichten, weßhalb weitere An­gaben jetzt nicht gemacht werden könnten.

* Aus Heiligenstadt, 12. Nov., schreibt man der ,Köln. Volkrztg.': Unser Ehrengast zum Katholikentage, Abg. Windthorst, kam mit dem 4-Uhr-Zuge von Hannover hier an. Fast das ganze Cdmilö hatte sich am Bahnhofe zur Be- grüßuna eiMfunden, und V-rfitz-nde, Herr Justizrath Strecker, brachte auf Herrn Windt­horst, al» er mit unseren beiden Abgeordneten v. Strombeck und Jmwalle au» dem Wagen stieg, ein dreimalige» „Lebehoch" aus. Dann fuhr Herr Windthorst mit dem bischöflichen Kommissar Dr. Zehrt durch die reich geschmückten Straßen nach dessen Wohnung. Um 8 Uhr fand in dem sehr geschmackvoll gezierten und dicht gefüllten Rath- Haus-Saale die Begrüßung statt. Der Vorsitzende des Comits's bewillkommnete die zahlreich erschie­nenen Gäste. Bürgermeister Petri gab seiner Freude Ausdruck, daß e» gelungen sei, so viele hervorragende Besucher nach Heiligenstadt zu brin­gen; die Herren dürften freilich nicht den Maßstab der großen Katholiken - Versammlungen anlegen. Er zweifele nicht, daß die Versammlung das katho­lische Bewußtsein stärken, aber nichts thun werde, was die andersgläubige Minderheit kränken könne.

seine boshafte Absicht gewesen war, denn nach wenigen Minuten platzte er ganz unvermittelt heraus;

„Wenn ich nur wüßte, wie der Bursche zu die­sem unverschämten Glücke kommt I Sie mögen Gott danken, mein Kind, daß Sie ihm noch ent­ronnen find, denn schließlich ist e» doch gewiß kein Vergnügen, von einem Menschen geliebt zu werden, der schon wegen versuchten Todtschlag« im Gefäng­nisse gesessen hat!"

Arina war aufgesprungen und dicht vor ihn hingetreten. Ihre Augen blitzten und ihre Brust hob sich in raschen Athemzügen.

„Sie lügen!" rief fie mit starker Stimme. „Vor aller Welt will ich behaupten, daß Sie lügen!"

Ec sah fie verwundert an und stieß ein leise«, höhnische« Lachen au«.

„Sie wußten da» also nicht? — Ich bedauere meine Indiskretion, aber leider hat es damit seine volle Richtigkeit I Ich muß e« wohl besser wissen, al« irgend einer, denn ich habe ja in dem ver­fluchten Orte seine Bekanntschaft gemacht! — Wenn e« Ihnen Vergnügen bereitet, will ich Ihnen sehr gern die ganze Geschichte erzählen, und e«

(Lebhaftes Bravo.) Kommissar Dr. Zehrt sprach in gleichem Sinne und schloß seine von Erinne­rungen an die katholische Vorzeit Sachsens durch- webten Ausführungen mit einem Hoch auf den Abg. Windthorst, als bett großen Verfechter der Rechte der Kirche. Herr Ehrhardt brachte Grüße aus Erfurt, wo trotz der geringen Zahl der Katho­liken (ein Achtel der Bevölkerung) noch heute echtes katholisches Leben herrsche, wie besonders wieder die Ei folge der gestern beendeten Misston zeigten. Dr. med. Leineweber (Duderstadt) versprach, daß morgen die Unter-Eichsfelder in starker Zahl an­treten würden. Das fei schon nach der Betheili­gung bei der letzten Reichstagswahl zu erwarten, bei welcher in manchen Ortschaften sämmtliche Wähler erschienen. Pfarrer Schulte (Weiß nfel») brachte in humoristischer Weise Grüße aus der Diaspora, wenn auch nicht beauftragt. Seine Ausführungen riefen oft rauschenden Beifall her­vor. Dann sprachen noch Pfarrer Deplich (Magde­burg-Sudenburg), Pfarrer Kiel (Eschwege) als „blinder Hesse", der in einer Diaspora mit 14 Eisenbahn-Stationen, 127 Städten und Dör­fern 15 Quadrat - Meilen zu pastoriren hat und für seine armen Pfarrkinder auf dar Herz und den Geldbeutel der Eichsfelder vertraut, und end­lich Herr Windthorst, der mit dem katholischen Gruße begann. Nur schwer habe er sich entschließen können, den wiederholten Bitten seine« alten Freun­de« Zehrt Folge zu leisten. Aber die verschiedenen Begrüßungen hätten ihm klar gemacht, daß eine Versammlung gerade hier und zu dieser Zeit Äe ÄaUltleni zm

wahre Herzens-Erquickung, in einer solchen Ver­sammlung zu sein, weil gerade das fie zusammen­bringt, was man rund herum zu trennen sich be­müht. Er habe durch den Pfarrer Schulte da» Bewußtsein erhalten, daß gerade die Eichsfelder dazu beitragen, den Katholizismus in die verlorenen Gegenden zu tragen und dieselben wieder zurück zu gewinnen. Das Eichrfeld hat in allen schweren Zeiten fest gestanden, und obwohl seine Bewohner durch wirtschaftliche Verhältnisse oft zur Auswan­derung genöthigt find, haben fie festgehalten am Glauben. Die jetzige Versammlung ist eine wohl- thätige Laien-Misfion. Den Herren zu Eisenach und Erfurt wollen wir nicht Krieg erklären, wir wollen uns um fie gar nicht kümmern, sondern unfern Stolz suchen tm Wetteifern in Werken der Liebe und im treuen Wirken zum Wohl des Vater« steht Ihnen frei, sich bei Fräulein Zephora oder bei Herrn Steinmetz selbst die Bestätigung zu holen!"

Und ohne erst eine wettere Aufforderung abzu­warten, zufrieden damit, daß ihn Arina nicht unterbrach, förderte er in seiner malitiösen und gehässigen Weise Alle» zu Tage, was er von Bern­hard'« Vergangenheit wußte. Es war dieselbe Geschichte, welche der junge Mann selbst nach sei­ner Entlassung au« dem Gefängnisse dem ver­meintlichen Herr« von Kirsanoff erzählt hatte, freilich mit mancherlei Unwahrhaftigkeiten und Entstellungen, die indessen auf den gesunden Sinn Arina'« und auf ihr unerschütterliches Vertrauen und die Ehrenhaftigkeit und den Edelsinn Bern­hard ohne jede Wirkung blieben. Wie mit einem Zauberschlage wurde ihr Alle« klar, und an die Stelle der Verehrung und Zuneigung, welche fie bis zu dieser Stunde für die Kunstreiterin empfun­den, trat eine tiefe Verachtung. Jetzt begriff fie auch Bernhard'» scheinbar so befremdliche« Be­nehmen bei der unerwarteten Wiederbegegnung mit der einstigen Geliebten, und fie schalt stch eine Thöri», daß fie auch mit für einen Augenblick