Jfä 262. Donnerstag, den 14. November. 1889
Nrnig
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Deutsches Reich.
Berlin, 13. November.
* In Bezug auf den Termin für die Reichstagswahlen will man wissen, daß Minister von Bötticher von Friedrichsruh die Anweisung mitgebracht hat, alsbald die Behörden zur Aufstellung von Wählerlisten zu veranlassen, um demnächst mit der Offenlegung der Listen vorgehen zu können. Diese Offenlegung muß bekanntlich 4 Wochen vor dem Wahl • Termin beginnen. Daraus könnte geschloffen werden, daß die Reichstagswahlen alsbald nach Schluß der jetzigen Sef« fion erfolgen werden, was die Kartellparteien offenbar fürchten, da ihnen, wie die ,Hamb. Nachr.' zugaben, eine wirkungsvolle Wahlparole fehlt.
* Die Reichstagskommiffion zur Borberathung der Sozialist en gesetzeshat.amDienstag Abend nach längerer Debatte den § 1 der Vorlage mit 15 gegen 12 Stimmen unverändert angenommen.
* Der Reichstag setzte heute die Berathung des Antrags Rickert und Genossen betreffend die Sicherung der Wahlfreiheit fort. Die Abgg. Rickert und Singer beriefen fich zur Rechtfertigung des Antrags speziell auf Vorgänge in Baden. Badens Bundesbevollmächtigter Frhr. v. Marschall suchte die badischen Behörden gegen die wider sie erhobenen Angriffe in Schutz zu nehmen. Schließlich wurde die vom Abg. Müller-Marienwerder (Rchrp.) eingebrachte, von den Abgg. Marquardsen (nl.) und Hegel (kons.) befürwortete motivirte Tagesordnung angenommen. Morgen: Zweite Lesung des Etats.
* Die Budget-Kommission des Reichstages trat heute in die Berathung des Marineetats ein. Aus der Debatte ist hervorzuheben, daß der möglichst beschleunigte Verkauf alter Schiffe, die nicht zu Nebenzwecken verwendet werden können, befürwortet wurde. Die Neu-Anstellung eines dritten Vize-Admirals wurde mit 13 gegen 11 Stimmen genehmigt. Dagegen wurden gestrichen von den Neuforderungen ein Korvetten - Kapitän, je ein Kapitän-Lieutenant erster und zweiter Klasse und zwei Lieutenant« zur See.
* Reichskommiffar Hauptmann Wißmann unterstützt den Korrespondenten des ,New York Herald', welcher Stanley und Emin Pascha mit Lebensmitteln entgegenziehen wird, mit.100 Trägern.
• liebet die Sonntagsruhe der Postbeamten giebt eine dem Reichstag zugegangene
Ne« Wildhu».
Novelle von R. O.
(31. Fortsetzung.)
„Loris!" rief er, „Loris, mein Bruder! Wo bist Du, daß ich Dich in meine Arme schließe! Und wenn fie hundert Mal sagten, daß Du sterben mußt! Er ist nicht wahr! Er ist nicht wahr! Du wirst leben — leben — leben!"
Und er warf stch mit Lachen und Schluchzen über da» Lager hin und drückte seine Lippen auf die fieberheißen Wangen des Schwerkranken. Der aber schlug langsam die geschloffenen Augen auf, ein Lächeln ging wie ein Glanz der Verklärung über sein« eben noch mit Schmerz vrrzerrten Züge und die Arme, die vorhin nicht der kleinsten willkürlichen Bewegung fähig getoefen waren, fie schlangen fich fest und innig um die Schultem de» Andern.
„Feodor, mein Bruder!'' kam e» kaum vernehmlich wie ein Hauch über seine Lippen. „Du lebst!" — Ich bin nicht Dein Mörder gewesen! O, Gott im Himmel, habe Dank!"
Und dann wurde e» ganz M in dem hohen Raume und weder die barmherzige Schwester, noch
Statistik de» Staatssekretairs des Reichspostamts v. Stephan eine Ueberficht. Danach find von 74.565 Beamten dienstfrei an jedem Sonntag 4910 Beamte, mindestens jeden zweiten Sonntag 20,940, mindesten jeden dritten Sonntag 22,910 und jeden vierten Sonntag und seltener 9203. Niemals haben einen ganzen dienstfreien Sonntag 16,602 Beamte. Indessen find von den zuletzt angeführten 9203 und 16,602 Beamten mindestens die Hälfte des Tages dienstftei 14,715 und in je drei Wochen mindestens zweimal für die Hälfte de» Tage» 7604 Beamte. Von den übrig bleibenden haben nur mindesten« jeden zweiten Sonntag 2143, mindesten« jeden dritten Sonntag 592 Beamte, mindesten« jeden vierten Sonntag und seltener 540 Beamte einen halben dienstfreien Tag, und niemals auch nur einen halben dienstfreien Sonntag haben 201 Beamte. Was besonder« die dienstfreie Zeit während de« Gottesdienste» anbetrifft, so find 37,150 in der Lage, jeden Sonntag den Gottesdienst zu besuchen, 24,239 jeden zweiten 12,274 jeden dritten und 711 jeden vierten Sonntag und seltener, während 184 Beamte niemals den Gottesdienst besuchen können, darunter 73 in Folge Fehlens einer Kirche im Amtsbezirk oder in der Nachbarschaft und 111 in Folge des Dienstes und wegen Mangel« an Vertretung.
* Dem Reichstag ist der amtliche Bericht über die Statistik der deutschen Reichspost- und Telegraphenverwaltungen für da» Kalenderjahr 1888 soeben mitgetheilt worden. Nach diesem Jahresbericht ist die Zahl der Postanstalten wiederum gegen das Vorjahr 1887 um 1152 vermehrt worden. Sie stieg von 17,343 im Jahr 1887, auf 18,495 in 1888, darunter befanden fich 742 neue Posthilfsstellen und 368 neue Postagenturen. Die ausländischen Postagenturen find von 3 aus 13 gestiegen; es befinden fich jetzt deutsche Postanstalten in Konstantinopel, Apia Finschhafen, Hatzfeldthafen, Jaluit, Kamerun, Kirawara, Klein- Popo, Konstantinhafen, Lamu, Otyimbingue, Shangai und Viktoria.
* Hannove r, 13. Rov. Am 8. Dezember findet Hierselbst eine Landesversammlung der nationalliberalen Partei statt.
* Breslau, 12. Nov. Der Fürstbischof von Breslau, dessen Bischofsgebiet fich bekanntlich auch nach Oesterreich erstreckt, hat fich zu den Bischofskonferenzen nach Wien begeben.
Bernhard und Iwan Petrowftsch, die ebenfalls eingetreten waren, wagten das Wiedersehen der beiden Brüder zu stören! —
Als Arina beim Morgengrauen die Mühle verlassen hatte war ihr Entschluß, nicht wieder nach dem Waldhause zurückzukehren, noch fester und unumstößlicher gewesen, al» in der verwichenen Nacht. Auch darüber, wohin fie fich zunächst zu wenden habe, hatte fie stch nicht mehr im Zweifel befunden. Sie kannte ja Niemanden, zu dem fie flüchten, Niemanden, dem fie fich anvertrauen konnte, al» jene» schöne, freundliche, liebenswerthe Mädchen, dessen Bekanntschaft fie gestern im Cir- tu» gemacht und dessen Kunst ihr ebenso bewun- dernrwerth erschienen war, al» ihre Persönlichkeit verehrung-würdig und reizend. Vielleicht schwebte ihr auch eine dunkle Vorstellung davon vor, daß fie selbst stch einmal jene beneidenrwerthe Kunst zu eigen machen könnte, um damit ihren Lebensunterhalt zu gewinnen.
Schon in ftüher Morgenstunde war fie in der Stadt angekommen, und e« war ihr nicht schwer geworden, die Wohnung der Kunstreiterin zu erfragen. Die schöne Mademoiselle Zephora hatte zwar Müh« gehabt, bei dem unerwarteten An-
* Von der Isar, 12. Nov. Vermuthlich um den vernichtenden Eindruck der Schlußerklärung Dr. Daller'« nach der kirchenpolitischen Debatte etwas abzuschwächen, konnte man in einer Reihe außerbayerischer Blätter gleichmäßig^ ein Telegramm aus München lesen, worin e« hieß, daß selbst „gemäßigt" kotholisch« Blätter diese Erklärung als zu weitgehend tadeln und die Aktion de» Centrums mißbilligen. Nun hat die gesammte kath. Presse einmüthig durch da» ganze Königreich sich auf die Seite der Abgeordneten gestellt und deren wirklich anerkennenswerthem schneidigen Vorgehen alle Anerkennung gezollt. Wo sollen nun die „gemäßigt" kath. Blätter sein, jdi« gegenteilig stch äußern? Man verweist auf da« „Neue Münchener Tageblatt", welche» in dieser brennenden Frage dem Herrn v. Lutz fikundirte und stch gegen die Abgeordneten und da» kath. Volk stellte. Nun diese» politisch nicht ernst zu nehmende Blatt hat niemals al« ein Organ der Centrumsprrtei gegolten, sondern gehört zu der Kategorie jener sog. „farblosen" Blätter, di« so viel Unheil anstiften durch ihre wandelbaren Anstchten. Bei diesen Blättern ist immer nur da« „Ges chäst" die Hauptsache, fie find katholisch, protestantisch, jüdisch, lutzisch, liberal, wie man s i e h ab en w i l l und wie es gerade da» „Geschäft" erfordert. Auf diese Zustimmung de» „Reuen Münch. Tageblattes" braucht der Liberalismus deshalb auch , wahrlich nicht stolz zu sein! —
^Ausland.
* In Steinbruch in Ungarn ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. In Folge dessen hat die ungarische Regierung die Ausfuhr von lebenden Bakoniern verboten.
* Die französische Deputirtenkammer ist am Dienstag zur ersten Sitzung zusammengetreten und hat mit 348 bei 510 Abstimmenden, Floquet zum vorläufigen Prästdenten gewählt. Obwohl die Boulangtsten ihre geplante Demonstration auf dem Konkordienplatze fallen ließen, hatte die Polizei doch noch vollauf zu thun. Die Zahl der Verhafteten betrug etwa 158, darunter Döroulöde. 60 find davon in Hast behalten worden. Dörou- Idbe und süne Freunde wurden wieder auf freien Fuß gesetzt.
* Rom, 11. Nov. Der verflossene Sonntag konnte al« Tag der Seligsprechung de« Märtyrer« und Lazaristenpriester« Perboy re nicht ohne
blick der jungen Dame, deren ste fich noch' sehr wohl erinnerte, ihr Erstaunen zu verbergen, aber eine instinktive Regung hatte ste ahnen lassen, daß e« fich hier um einen gewaltigen Vortheil für st« selber handeln könne und sie hatte dementsprechend ihr Benehmen eingerichtet. Mit freundlichem, tröstendem Zuspruch hatte ste da« aufgeregte junge Mädchen, welche» jetzt in dem entscheidenden Moment, da ste eine Fremde in ihr Vertrauen ziehen sollte, vor Angst und Aufregung fast zusammengebrochen wäre, zu beruhigen gewußt, und durch ihr liebenswürdige» Entgegenkommen, durch ihrs schmeichelnden Fragen hatte fie ihr bald da» ganze Geheimniß entwunden. Aber au« der Art, in welcher Arina ihres Freunde« Erwähnung gethan, konnte fie auch die Bestätigung erhalten für die Vermuthung welche fie schon gestern beim Anblick de» jungen Paare« im Cirku« gehegt. Sie wußte, daß fich diese beiden Menschenkinder zugethan waren, unb daß e« nur eines geringfügigen Anstoße«, einer zufälligen Fügung bedurfte, um die entsprechende Erklärung zwischen ihnen herbeizuführen. Da« zu verhindern aber «ar auf der Stelle ihr fester Entschluß. In ihrer selbstsüchtigen und leichtfertigen Art liebte fie Bernhard noch