1889
Dienstag, dm 12. November
M 260
❖ Das traurige Schicksal
des Dr. Peters und seiner Emin-Pascha-Expe- bition bildet da» Tagesgespräch. Von der einen Seite heißt es: Wir haben immer gesagt, daß e» so kommen müsse! Von der anderen Seite ertönt da« Lob des Br. Peter» als eines Helden und Märtyrer» der Kolonialsache! Der Streit spitzt sich sogar parteipolitisch zu. Die Mittelparteiler sühlen die Last der Verantwortlichkeit für das unglückliche Abenteuer, und die Freisinnigen stehen als die gerechtfertigten Warner da. Sonderbarer Weife steht diesmal der Herr Reichskanzler auf der freisinnigen Seite. Die hochmögenden Mittel- parteiler in dem Emin-Pafcha-Komitö hatten sich mal erlaubt, gegen den Rach und den Wunsch des Fürsten Bismarck ihrem eigenen Sinn nachzugehen und dabei sind sie jämmerlich zu Schanden geworden.
Zu dem Schaden wird der Spott nicht fehlen; das Ausland wird trotz alle« höflichen Beileid« im Grunde seines Herzens denken: Diese deutschen Kolonialschwärmer sind doch recht ungeschickte Leute. Um sich gegen diesen Vorwurf zu wahren, sagen die Gönner der Peterr'schen Expedition, Stan« ley habe mit seiner viel größeren Emin-Pascha- Expedition ja auch nichts erreicht. Das ist aber eine haltlose Ausrede. Stanley ist freilich auf größere Hindernisie gestoßen, als er erwartet hatte, aber er ist doch wenigstens bei Emin Pascha angelangt. Er hat ihm Kunde bringen können von der Läge der D nge im übrigen Afrika und Europa, und er hat Kunde von Emin in die zimlifirte Welt bringen können. Noch einmal hat Stanley den Weg zwischen seinem Ausgangspunkte vom Aruahima- bi« zum Albert-See hin uno her zurück- zulegen gewußt. Er hat freilich dem Emin keine große Streitkraft und keine Fülle von Ledens- und Vertheidigung»Mitteln bringen können; aber daß Emin feine Hilfe doch zu schützen wußte, sieht man daraus, daß er in seiner größten Roth Boten aurgeschickt hat, welche Stanley zu rhm zurückrufen sollten.
Wenn C8 Dr. Peter«, bloß gelungen wäre, sich mir einigen Leuten und leeren Händen bi« zu Emin durchzuschlagen, so würde da« deutsche Ko- mitö Triumphlieder gesungen haben, und zwar mit Recht. Nun ist er aber dem ersten ernsten Angriff erlegen und mußte ihm erliegen, weil er
bloß 25 Leute bet sich hatte; da« ist ein niederschmetternder Beweis für die Unsolidttät des ganzen Unternehmen, gegen welchen sich mit Trug« schlüfle und woblgesetzten Worten nichts machen läßt.
Ja — sagt man — andere Reisende find mit noch viel geringeren Hilfsmitteln losgezogen und haben doch ganz Aftika durchquert! Das ist gerade so richtig, als wenn ich mein ganzes Vermögen auf eine Roulette-Nummer setzen wollte, weil mein Nachbar zufällig auf diese Nummer einen Haufen Geld gewonnen hat. Uebrigens kann ein Forsch- ung-reffender, der seine Wege und seine Ziele nach den wechselnden Verhältniffen abzuändern vermag und nicht« weiter erstrebt, al« die Gegenden und Völker kennen zu lernen, viel eher mit leichten Herzen und leichtem Gepäck sein Glück rirkiren, al« der Führer einer Expedition, die ein bestimmtes Ziel um jeden Preis erreichen will, die einem in schwieriger Lage befindlichen Mann Hilfe bringen soll und die vorher weiß, daß ste durch gewaltthätige und gegenwärtig besonders aufgeregte Völkerschaften hindurchmuß.
Alle Beschönigung«- und Vertbeidigung«versuche helfen nichts; e» ist eine riesige Thorheit begangen worden. Dr. Peters hat sie mit seinem Leben gebüßt; die anderen Mitschuldigen sollten nun so viel Selbste: kenntniß und Schamgefühl haben, daß sie sich in den Hintergrund zurückziehen und fähigere Leute an ihren Platz treten loffen.
„Die Regierung hätte da« unsinnige Unter- nebmen gar nicht zulvss-n sollen!" hörte ich heute au» dem Munde eine« sonst sehr vernünftigen Herrn. Es ist wunderbar, wie weit die Sucht nach allseitiger Regierung«-Vormundschaft in neuerer Zeit um sich greift. Ist denn die Bürgerschaft eine Sammlung von Kindern, welche sich selbst nicht zu rathrn und zu helfen wissen und in allen Dingen bemuttert werden müssen? An Warnungen feiten« der Regierung hat e« ja in diesem Falle nicht gefehlt; Fürst Bismarck ist vollständig frei von jeder Art von Verantwortlichkeit für da» tollkühne Unternehmen. Er hat ja sogar durch die Verweigerung des Durchzugs durch das Wiß- mann'fche Gebiet und durch das Gehenlaffen der englischen Angriffe auf da» Peterr'sche Unternehmen sich nach Kräften bemüht, die Sache zu vereiteln. Dieser Tyatbestand darf nicht verdunkelt werden. All' die Waghälse, welche dem Dr. Peter»
5a» Waidhaus.
Novelle von R. O.
(29. Fortsetzung.)
„Nun, und wenn e« so wäre — was weiter? — Ich würde Ihnen dessenungeachtet niemals sagen, wo sich da» Mädchen befindet!"
Die kalte Entschredenhett, mit der ste diese Erklärung abgegeben hatte, machte Bernhard de- «offen. Auf einen Widerstand von dieser Art war er nicht vorbereitet gewesen, und e» drängte ihn vor Allem, Aufklärung über ihre Beweggründe zu erhalten. Mit Mühe seine Erregung bemei- fterud, richtete et eme diesbezügliche Frage an ste, und ste antwortete ohne Zögern:
„Das Mädchen Hot stch, wie Sie selber sagten, unter meinen Schutz gestellt, und ich werde unter keinen Umständen das Betrauen täuschen, da» ste in mich gesetzt hat. Sie hat mir mit voller Be- stimmtheit erklärt, daß ste nicht mehr in da« Hau« zurückkehren werde, au« dem ste geflohen, uno ste hat vor Allem den sehnlichen Wunsch ausgespro- t chen, gerade Sie, mein Herr, niemals wiederzusehen! Ich halte e« für meine Pflicht, ihr in all' diesen Dingen nach meinen Kräften behilflich zu
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„O da« ist schändlich!" rief Bernhard, den der kalte, berechnende Starrfinn diese« Weibe« fast zur Verzweiflung brachte. „Sie mißbrauchen die Rathlostgketr und Verwirrung eine« führerlosen Kinde«, um stch an mit zu rächen! Ader da« ist unwetblich und unedel! Sie mögen mich hassen, aber Sie sollten Ihren Haß nicht an einem unschuldigen Wesen aurlaflen!"
Jetzt flammte e« auch in Paulinen« Augen seltsam auf, und in ihrer Stimme bebte es wie die Gluth einer verhaltenen Leidenschaft, al« ste ihm rasch entgegnete:
„Und wer sagt Ihnen, Bernhard, daß ich Sie hasse? E» ist wahr, ich hätte vielleicht einen mehr als genüglnden Grund dazu, denn wem sonst al« Ihnen verdanke ich diese traurige Wendung meine« Leben« — wem sonst verdanke ich die unwürdige Lage, in der ich mich finde! — Aber muß «« denn Haß sein, wa« meine jetzige Handlungsweise bestimmt? Kennen Sie da» Herz einer Fran so wmig, daß Sie nicht auch auf andere Beweggründe schließen könnten? Ich leugne nicht, daß ich Ihre Vereinigung mit dem Mädchen verhindern will, daß ich fie verhindern werde mit allen Waffen, die wir zu Gebote stehen. Und der Grund? Jeder Andere an Ihrer Stelle hätte ihn längst errarhrn?
in seiner „Schneidigkeit" nachahmen möchten, müssen fich darüber klar sein, daß sda« deutsche Reicht nicht dazu da ist, um die Suppe auszu- kssen, die fie einbrockten.
Da man fich vorher jagen konnte, daß Dr. Peter» nicht zum Ziele kommen konnte, so erweckt die Nachricht von seinem Unfall mehr menschliche» Mitleid, al« kulturgeschichtliche« Interesse. Viel bedeutsamer find die Nachrichten, welche von Stanley und Emin nach Sanfibar gelangt sind. ®« hat fich da im Herzen de« dunkeln Welttheile« ein ergreifende» Drama abgespielt, dessen Einzelheiten wir erst nach der Heimkehr der Hauptpersonen kennen lernen werden, während die entscheidenden Szenen fich schon jetzt im Allgemeinen ahnen lassen.
Nach unsäglichen Mühen gelangte Stanley im Frühjlchr 1888 endlich an den Albertsee und traf dort mit Emin zusammen. Er wollte ihn zur gemeinsamen Rückkehr bereden, aber Emin lehnte ab, weil er seinen Posten nicht verlassen und seine Soldaten und deren Angehörige nicht hilflos dem Elend preisgeben wollte. Stanley beschloß nun, seine Nachhut mit den Vorräthen, welche am Arnhwimi zurückgelassen waren, heranzuholen. Er machte mit seiner geschwächten Begleitung den gefährlichen Rückmarsch, erreichte nach dreimonatlichen Anstrengungen den Ort, wo er seine Nachhut zurückgelassen und fand deren Befehlshaber ermordet. Er raffte von den Trümmern zusammen, was zu haben war und wagte trotz alledem den zwetten Marsch zum Albertsee. Al« er dort angekommen, traf ihn die Schreckenrkunde, daß in feiner fast achtmonatlichen Abwesenheit die Mah- disten das Land Emin's überfallen und ihn selbst nebst einem europäischen Genossen gefangen genommen haben. Stanley konnte den Freunden keine Hilfe bringen, aber er wartete, ob es ihnen gelingen werde, zu entfliehen. Die vier Monate des unthätigen Warten» mögen ihm und seinen Leuten schrecklich lang geworden sein. Aber ste finden ihren Lohn. E» ist dem treugebliebenen Theile de» Emin'schen Heere» gelungen, den Mah- disten noch eine Schlappe beizubringen, Emin und sein Begleiter können sich frei machen und die Europäer nebst mehreren hundert ihrer Anhänger erreichen den Albersee, wo fie Stanley aufnimmt. Noch aber find fie längst nicht gerettet. Von dem Albertsee au» müssen ste sie den langen Weg zur
Ich hasse Sie nicht, aber die Erinnerung an jene glücklichen Tage, welche wir einst verlebten, ist noch zu stark in meinem Herzen, al» daß ich Sie neidlos einer Anderen gönnen könnte!"
Sie war ihm so nahe getreten, daß er ihren heißen Äthern fühlen konnte, daß er den feuchten, bestrickenden Schimmer auf dem Grunde ihre» schönen Augen sah. Aber er wich einen Schritt zurück, denn e» war kein anderes Gefühl, al« da« de« Widerwillens uub der Abscheus«, welche« ihn erfüllte.
„Genug, mein Fräulein I" sagte er hart und entschieden. „Welche« immer Ihre Beweggründe seien, ste haben keine Bedeutung für mich und ich frage Sie zum letzten Male: Wo befindet fich Fräulein Arina?"
Die Verwandlung, welche bei dieser herben Zurückweisung im Antlitze der Kunstreiterin vorgrng, war eine beinahe erschreckende. I tzt sprachen wirklich Haß und Rachedurst au« jedem ihrer Züge und fie gab fich keine Mühe mehr,, ihren schäumenden Zorn zu verbergen, während fie höhnend rief:
„Suchen Sie die junge Dame immerhin, wo e« Ihnen beliebt I Ich stelle Ihnen jeden Winkel meiner beiden Zimmer zur Verfügung, aber ich