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Jli 258.

Samstag, bett 9. November.

1889

Niwr W Miig.

Inserate. Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

K> Wer ist der eigentliche, wahre Freund des Arbeiters?

P. Agostino da Montefeltro widmet eine seiner trefflichen Konferenzreden auch der arbeitenden Klaffe; er athmet diese Rede innige, glühende Liebe zu den armen, gedrückten Arbeitern. Der beredte Pater will diese Klaffe seiner Brüder, die im Schweiße ihres Angesichtes für sich und ihre Familien das tägliche Brod verdienen müssen, einer« fette von jenen gewissenlosen, selbstsüchtigen Ver­führern warnen, welche die armen Arbeiter nur aurbeuten wollen, um stch von ihrem Schweiße zu mästen, und durch ihre heillosen Lhren nur in sicherer Verderben stürzen würden, anderseits ste aufrichten, trösten, und trotz ihres harten Loos.« glücklich und zufrieden machen, indem er sie an ihren eigentlichen und einzig wahren Freund hin- weist, und zur innigen treuen Anhänglichkeit an denselben ermuntert.

Wer ist denn eigentlich, so beginnt der Pater den ersten Theil seines Vortrages, der wahre Freund des Arbeiters? Der wahre Freund des Arbeiters ist derjenige, der ihm seine wahre Würde enthüllt und ihn tröstet; denn in allen Graden der mensch­lichen Gesellschaft hat der Mensch dieses Gefühl seiner Würde nothwendig, weil er in ihm allein den wahren Trost findet; und wenn er dieses verloren hat, kann ihm Niemand mehr helfen. Wer aber enthüllt dem Arbeiter seine Würde? Wer gibt dem Arbeiter diesen Trost? Etwa der Literat? Der Naiionalökonom? Der Philosoph? Oder vielleicht der Politiker? Keiner von diesen, weist der Pater mit aller Schärfe nach und fährt dann fort: „Darum ihr Arbeiter, lernt eure wahre Freundin kennen, die Religion; ste kann euch trösten, sie kann euch zu eurer Würde erheben.

Arbeiter, so sagt ihm die Religion, Du bist groß, und weißt Du weßhalb ? Weil Gott, welcher der Ursprung aller Größe ist, keiner G-ftllschaftr- klaffe in der Weise den Ruhm gegeben hat, ihm zu gleichen, wie der arbeitenden Klaffe. Schaue nur Gott in der Schöpfung und in der Erlösung I Ja der Schöpfung: Oder ist nicht Gott ein ar­beitet, wenn er da« Himmelsgewölbe aursprnnt, wenn er die Fundamente der Erd; legt, wenn er den Boden mit Samen bestreut, wenn er den Lehm ergreift, um den Leib des Menschen zu bilden? Steh, das ist das Prinzip deiner Würde; sobald Du an deiner Arbeit bist, brauchst D^ nur das Auge zum Himmel zu erheben, dort erblickst Du Dein Vorbild und in der Betrachtung deff lben da» Ideal, um Deinen Beruf, Dein Schicksal zu preisen; Du bist groß, weil Du wie Gott der Herr arbeitest! Und die Religion fügt bei: Richt nur arbeitest Du wie Gott, sondern Du bist Mit- arbeitet Gottes ; in dieser großen Werkstätte der Erde arbeitest Du mit Gott. In der Thai, als Golt die Welt erschuf, hat er sein Werk in gewissem Sinne un­vollendet gelassen; nicht als ob etwas an dem Gewichte, an der Z thl, an dem Maße fehle, fon- dern, da er die Ge>ammtheit der Wesen mit ihren Gesetzen, mit ihvn Eigenschaften erschuf, wollte er er seinen G.schöpfen überlassen, sein Werk zur Vollendung zu bringen. Gott hat in die Erde den Keim des Lebens gesenkt; aber es bedarf der Arbeit des Menschen, damit die Frucht stch an dem Sonnenlichte erschließe. Gott hat in den Schcoß der Erde die Metalle gelegt, aber die Hand dc« Arbeiter« holt sie au« der Tiefe her­vor. Gott hat in die Erdschichten glänzende Kohlen eingebettet und der Arbeiter löst ste ab, er schaff: ste zu Tage, um damit die Industrie zu versehen. Der Arbeiter ist also der Mitarbeiter Gotte«;

darum kann er fich gewiß einem berechtigten Ge­fühle de» Stolzes hingeben, denn der Stoff, den er verarbeitet, trägt Spuren, die ihm sagen: „Rein, du bist kein unnützer Mensch, denn du bist ein Mann der Arbeit, und auf den Stoff, den du verarbeitest, legte stch einst Gotte« allmächtige Hand; er war der erste Arbeiter, du hilfst ihm bei seinem Werke; er schuf, du schaffest um; er fing an, du vollendest."

Schaue Gott in der Erlösung. Ein Fluch hatte die Arbeit getroffen, darum mußte ste wieder ge- heiligt werden, damit ihre Mühe leichter werde. Und war thut Gottk Er arbeitet noch dreißig Jahre lang. Eine« Tage« verkünden Himmels­boten der Erde, daß der lang erwartete Missia», der Erlöser der Welt, gekommen sei. Alle Herzen schlagen vor Freude, Alle« jubelt und ruft: Wo mag er fein? An der Spitze eine» Heere»? Auf dem Lehrstuhle eines Weltweisen? Oder hat er stch vielleicht, um dem allgemeinen Wunsche nach­zukommen, mit großer Machtfülle auf einem Throne niedergelassen? Doch, welch' ein Wunder! Der Meffias, der Erlöser der Menschen, da« Heil der menschlichen Gesellschaft, ist ein kleine« Kind, ärmer al« der Sohn eine« Arbeiter«, denn er hat nicht einmal eine Wiege, wo er Schutz fände. Sein Pflegevater ist ein Arbeiter, seine Mutter eine Arbeiterin, seine ersten Anbeter find arme Hirten. Und welchen Beruf wird dieser Erneuerer der menschlichen Geschicke fich erwählen? Wie fein Pflegevater wird er ein Arbeiter sein; er wählt nicht die Beschäftigung, die ihm am leichtesten die Achtung der Menschen zugezogen haben würde; er stellt sich auf die unterste Stufe der Gesellschaft, er will Brod essen, da« jder Schweiß seine« An- gesichte« benetzt hat. Selbst Sohn eine« Arbeiter«, nimmt er zu seinem Wahlspruche die Arbeit, und da bietet fich uns da« rührendste und schönste Schauspiel dar — nicht die römischen Kaiser, die da« Weltreich gegründet hatten, nicht die Weisen, die ihre Gelehrsamkeit zur Schau trugen, nicht die Heere, welche die Welt eroberten, sollten die Welt erlösen, nein, der Sohn eine« armen Zimmer« mann«. In einem stillen Dorfe Galiläa'« wollte dieser Arbeiter, welcher der Sohn Gotte« war, ehe er die Welt erlöste, sie lehren, daß er nur deßhalb dar Werkzeug in seiner Hand führe, damit er weniger schwer die Hand de« Arbeiter« drücke.

Nachdem Jsus Christus dreißig Jahre in der armseligen W rkstätte zu Nazareth zugebracht hatte, begann er die Arbeit der Seelen, die Arbeit der Erlösung. Er will jedoch diese Arbeit nicht allein vollbringen, er will sich G.'« ährten zugesellen, Schüler, und wo wird er wohl diese Gefährten, diese Schüler hernehmen? Vielleicht au« den Reichen, au« den Mächtigen, au« den Weisen de« Jahrhundert« ? Nein, er sucht sie sich an den Usern eine« See«; er wählt zwölf arme Fischer, er wählt zwölf arme Männer, die von dem Ergebniß de» F schfang« ihr Leben fristeten. Inb diese armen Arbeiter werden die Erneuerer >er Welt, während die Philosophie nicht einmal eine Seele erneuern konnte. So ruht denn da« unermeßliche Gebäude der christlichen Civllisation, dargestellt in Tier erhabenen Basilika de« Vatikan«, auf den Schultern zweier Arbeiter: dc« heiligen Petru«, der ein Fischer war, und dc» heiligen Paulus, der ein Zeltwirker gewesen ist. Verstehet hr darum wohl, ihr Arbeiter: Christus hat euch >adurch, daß er als Arbeiter in eurer Mitte gc- ’oren ward, daß er als Arbeiter unter euch lebte und daß er Arbeiter zu seinen vorzüglichen Ge­ährten bei dem Erlösungswerke wählte, mehr Würde gegeben, al» alle Ausz-ichnungen der Welt auch verleihen könnten. Schauet deshalb nicht

über euch und beneidet nicht diejenigen, die höher stehen; vielmehr sollten sie euch beneiden, da Gott Alle« für euch gethan hat, aber nur wenig für ste; denn der mit Glücksgütern Gesegnete kann nicht sagen; Mein Erlöser ist reich gewesen wie ich. Der Weise kann nicht sagen: Mein Herr und Gott hat jene Schule gehalten, in der man unsere Lehre lernt. Der Mächtige kann nicht sagen: Mein Gott hat diese Macht in Händen gehabt, bevor er ste mir überließ! Aber der Arbeiter kann in Wahrheit sagen: Mein Gott hat gelitten, so wie ich leide; er hat gearbeitet, wie ich arbeite er ist Arbeiter gewesen wie ich. Der königliche Palast Jesu Christi, des Gottessohnes, war die Werkstätte eine« armen Arbeiters; der Thron 3-fu Christi war die Bank eines armen Arbeiter»; das Scspter Jesu Christi war das Werkzeug eine« armen Arbeiters. Darum ist e« keine Schmeichelei wenn man dir, Arbeiter sagt: Jesus Christus ge« hört dir mehr an, al« den anderen Menschen, denn während seines irdischen Leben« wollte er Priester und Arbeiter sein, doch nein, er wollte Arbeiter und Priester sein: denn dreißig Jahre war er Arbeiter und drei Jahre Priester I

Deshalb dürfen die Arbeiter nie vergessen, daß ihre wahre Freundin die Religion ist, die Re- «gion, die ihnen ihre Würde enthüllt, die ste au« ihrer Erniedrigung emporhebt. Wa« war denn die Arbeit vor der christlichen Civllisation, vor der Ankunft Jesu Christi? Sie war Sklaventhum und Entehrung; die Faulheit stieß die Arbeit mit Stolz al« eine Schande zurück. Und heute, noch sehen wir da, wo Jesu« Christus nicht gekannt ist, die Arbeit in derselben Weise behandelt. Selbst bei uns wird die Arbeit nur mit Worten geehrt, man verbeugt sich vor dem Reichen, nicht vor demjenigen, dessen Hände die Arbeit mit Schwielen bedeckte. Nur die Religion läßt auf der Stirne de» Arbeiters einen Strahl bescheidener Kraft und Größ; erglänzen, denn sie nimmt einen Strahl von der Stirne Jesu Christi, um daraus eine Krone zu bilden für die Stirne de» armen Ar­beiters.

Aber nicht blos auf diese Weise zeigt die Re- ligion ihre Freundschaft zum Arbeiter, sondern sie verklärt ihm auch die Arbeit. Damit die Arbeit de» Menschen würdig sei, darf sie sich nicht auf eine materielle Kcastsntwicklung beschränken, sie muß auch ein sittliche» Verdienst begründen, sie muß |u einem de» Menschen würdigen Ziele hinführen, sonst finkt die Arbeit ans die Stufe der mechani­schen Bewegung hinab, und war für ein Unter­schied besteht dann zwischen der Maschine und dem Arbeiter, der fie leitet! Die Religion verklärt die Arbeit, indem fie auf ihren wahren Zweck hiawei« end, vor dem Auge de» Arbeiter» neue Aussichten eröffnet; sie hä't ihm nämlich seine Zukunft vor, und sagt ihm mit Jesu« Christus: „Arbeite, aber nicht für die Nahrung, die uns nur vorübergehend stärkt, sondern für jene, die ewig bleibt. Vergiß nicht, daß Deine Arbeit kurz ist, während der Lohn ein ewiger ist! Nicht dicj nigen Dinge, die wir chauen, sollen wir hochschätz n und Heben, sondern die, welche wir nicht sehen, denn die ersteren ver­gehen, während die letzteren unvergänglich find!" Damit bezeichnet die Religion den Himmel al« Lohn der Arbeit. Den Himmel! Ja, wenn dcr christliche Arbeiter am Abend ermüdet von de« Tages Last und Hitz: nach Hause kommt und stch >en Schweiß von der durchfurchten Siir ne wischt, >ann steht er nicht mit bitterer Trauer auf den argen Lohn, den er fich verdient, sondern mit ebendizem Gottvertrauen ruft er au«! „9?.-in, >a» ist nicht der Lohn für meine Arbeit; mein Sott, der für mich am Kreuze starb, um mir den Himmel zu öffnen, hat gesehen, wa« ich gelitten