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Samstag, den 9. November.

1889

M 258.

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Uahlmämitt der Ctutnuespirtti!

Zum letzten Male vor der am Montag, den 11. l. Mts., zu Hünfeld im Saale des 'Herrn Kaufmann Kircher stattfindenden Ersatzwahl eines Landtagsabgeordneten für die Kreise Hünfeld und Gersfeld rufen wir Euch eindringlich zu: Auf «ach Hünfeld Man« für Mann, machet Gebrauch von Eurem Rechte als Staats­bürger, erfüllet Eure heilige Pflicht als Vertreter des Volke«, zeiget Euch als j-ne biederen Männer, für die Euch unser gutes Volk gehalten, da es Euch als seine Vertreter auserkoren! Auf nach Hünfeld ohne Ausnahme 1 Vollständig muß gesühnt werden die Schuld von 1886, vollständig muß gerettet werden die 1886 verlorene Ehre. Fort mit allen Gedanken an Zsitversäumniß, fort mit Gedanken an Opfer, fort mit Gedanken an etwaige, nichtssagende Entschuldigungsgründe! So kann man hie und da sagen hären: „Meine eine Stimme macht nicht viel aus und fo verläßt sich Einer auf den Andern! Doch wie verkehrt! Haben doch die Wahlen schon oft und auch in jüngster Zeit bewiesen, wie viel Werth eine oder zwei Stimmen haben können. Cenirumsmänner! Nicht bloß der Sieg muß am Montag gewonnen werden, sondern ein glänzender Sieg muß in den Kreisen Hünfeld und Gersfeld, wie in früheren Jahren, errungen werden. Nicht zersplittern dürfen sich die Stimmen, denn charakter­los wäre es, als Volksvertreter gewählt zu fein, und einem andern Kandidaten, als dem vom Volke aufgestellten, die Stimme zu geben. Feige wäre es, durch Menschenfurcht sich beeinfluffen zu laffsn. Nichts braucht Der zu fürchten, welcher da Gebraucht macht von dem ihm zustehenden Rechte. Auf nach Hünfeld! Die gute Sache, die heilige Pflicht ruft Euch. — Nochmals, Wahlmänner der Centrumspartei! Erscheinet vollzählig an der Urne und gebet einmüthtg Eure Stimmen dem aufge­stellten Kandidaten, Herrn Kaplar» Friedrich Dasbach aus Trier, der al» Geistlicher ein echter Vertreter der Kreise Hünfeld und Gersfeld im Landtage sein wird.

Hoch die Fahne des Centrnms!

8ee Watühais.

Novelle von N. O.

(27. Fortsetzung.)

Bernhard machte eine abwehrende Bewegung.

„Dar Alles interessirt mich in der That sehr wenig, Herr Ebert," sagte er, „ich sagte Ihnen bereit», daß ich durchaus keine Beziehungen zu Fräulein Mellinger habe, und daß mir darum auch kein Recht zusteht, mich um ihre frühere oder gegenwärtige Lebensweise zu kümmern."

Ebert lächelte boshaft, aber er ließ fich noch immer nicht zurückschrecken.

„Sie nehmen also wirklich Anstoß an ihrem Berufe? — Das thut mir leid, denn ich habe wirklich den Wunsch, Sie wieder mit einander aus» zusöhnen, und ich hoffe, Sie werden mir Dank «iffen für dies Bemühen. Ein so schönes Mädchen ~ da könnten Sie selbst im schlimmsten Falle immerhin ein Auge zudrücken."

„Herr Ebert —"

„Nun, nun! Nur nicht heftig! Er wird ja

Deutsches Reich.

Berlin, 8. November.

* Der Reichstag nahm heute die erste Be» rathung der Bankgesetz-Novells vor. Graf Stol­berg (kons.) trat für eine Verstaatlichung der Reichsdank au« finanziellen Rückfichten, ferner aber auch im Interesse einer Nutzbarmachung de« In­stituts für Gewerbe und Lanvwirthschaft ein. Jetzt komme die Reichsbank fast nur den großen Finanz­kräften zu Gute. Abg. Bufing verwandte fich da­gegen Namens der Nationalltberalen für dis Bei­behaltung der jetzigen bewährten Organisation der Reichsbank unter den durch die Regierungsvorlage vorgeschlagenen Modifikationen. Abg. Gawp (Rchrp.) forderte, daß die Rsichsbank mehr dem Kceditbe- dürfniß der Landwirtschaft entgegenkomme. Auch dem Handwerker sollte der Bank-Kredit in weiterem Maße erschlossen werden al» bisher. Könne die Reichsbank das Kreditbedürfniß nicht befriedigen, fo fei vielleicht an eine Erweiterung der preußischen Seehandlung zu denken. Hiernach empfehle es fich, das Privileg nur auf 5 statt auf 10 Jahrs zu bemessen. Retchsbank-Prästdent v. Dechend er­widerte, daß dis Bank dem Kredit diene und bei der Gewährung desselben keinen Unterschied der Stände kenne, aber fie müsse verlangen, daß dis geschäftliche Grundlage eines guten Wechsels, bereit gehaltene Deckung, vorhanden sei. Bei einer Ver­staatlichung würde dis freie Entschließung und Be­wegung der Bank leiden. Abg. Bamberger (frs.) wandte fich gleichfalls entschieden gegen Verstaat­lichung, für welche Singer (Soz.) und Dr. Böcke! (Antisemit) eintraten. Letzterer stellte einen großen Gründerkrach in nahe Aurficht. Nachdem noch Abg. Hultzsch (kons.) für die Vorlage etngetreten, wurde dieselbe an eine 14er Kommission verwiesen. Montag: Jnitiativ-Anträge.

• Die Budgetkommtssion de« Reichstags setzte heute die Bsrathung des Etat» der Auswär­tigen fort und damit gleichzettig die gestern abge­brochene Kolonialdebatte. Dis Stellen für die neue Kolonialabtheflung im Auswärtigen Amte wurden einstimmig bewilligt, wobei regierungsseitig erklärt wurde, daß die Bildung eine» selbststän­digen Kolonialamtes nicht beabsichtigt sei. Für Westafrika wurde die ganze geforderte Summe von 268 800 Mark bewilligt. Das Centrum hatte Abstriche beantragt. Die Ueöernahme der adrig- kMichen Funttionen im Gebiete der Neu-Gui- neagesellschaft auf da»Reich — dem letzteren erwachsen dadurch bekanntlich keine Kosten — wurde gegen die Stimmen der Freisinnigen ge­nehmigt.

gar nicht von Ihnen verlangt werden! Sie ist in Wahrheit ein Ausbund von Tugend und ich mache mich durchaus keiner Usbertreibung schuldig, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich vorhin selbst Zeuge ge­wesen bin, wie fich eine andere junge Dame unter ihren Schutz begab, well fie ihr als Muster edler Weiblichkeit erschienen war. Da» dürfte doch einer Kunstreiterin gegenüber wahrhaftig zum ersten Male geschehen sein!"

Er wollte wieder sein widerwärtiges, ironisches Lachen anstimmen, aber er verstummte, al« er den veränderten Ausdruck in Bernhard'» Zügen gewahrte. Der junge Mann war plötzlich stehen geblieben, und eine Ahnung, die ihn bei Ebert'« Worten durchzuckt, hatte einen Schimmer der Hoff­nung in seinen Augen aufleuchten lassen.

„Was sagen Sie da?" rief er. „Eine junge Dame hätte fich unter ihren Schutz gestellt und Sie — Sie haben diese junge Dame gesehen? Ver­mögen Sie mir ihr Aeußere» zu beschreiben?"

Herr Ebert mußte nun aber doch wohl in Wirk- lichkeit nicht ganz der wohlwollende und uneigen-

• Rach einer Meldung aus Sansibar vom 7. d. Mir. hißte das deutsche Kanonenboot „Sperber" die deutsche Flagge in Port Deernford an der Somali-Küste nördlich von Witu, Reich«« komiffar Hauptmann Wißmann hat fich am Donnerstag mit größerer Truppenmacht, begleitet von „Carola", Sperber" und „Schwalbe" nach Saadani begeben, welches er am folgenden Tage angreifen wollte.

* Nach einer Statistik, die soeben in Rom aus- gegeben worden ist, bewohnen das Erdenrund 2,18 Millionen Katholiken.

* Heiligenstadt, 8. Nov. An dem Katho­likentag für die Provinz Sachsen, der demnächst hier abgehalten wird, bstheiligt sich voraussichtlich auch der Abg. Dr. Windthorst, falls für ihn inzwischen keine unübersteiglichen Hindernisse ein­treten.

Ausland.

* W i e n, 8. November. Den bereits vor zwei Monaten zuerst fignalistrten Bischofskonfe­renzen, welche hier unter Vorsitz Sr. Eminenz des Kardinal-Fürsterzbischofs Graf Schö-iborn morgen am 9. d. beginnen, bringt dis liberale Presse eine große Neugierde entgegen und sie weiß angeblich genaue Details darüber zu berichten. Nachdem aber solche Konferenzen mit Ausschluß der O-ffentlichkeit stattfinden und die Bischöfe die Berathungen als streng vertraulich erachten, so können diese Berichte auf Authent^ität nicht Anspruch machen. Daß dis Bischöfe die brennende Schulfrage in den Kreis ihrer Erörterungen ziehen dürften, liegt nach Lage der Dinge sehr nahe und ist auch jede diesbezügliche Aktion mit Freuds zu begrüßen. Die Frage der konfesfionellen Schule ist leider durch die parlamentarische Behandlung ver­sumpft worden und stehen dafür die Chancen jetzt ungünstiger, als vor Einbringung des fallenge« laffenen Antrages Liechtenstein. Wenn nun der Episkopat einen Schritt zur Realisirung de« Herzenswunsches des katholischen Volker unter­nimmt, so wird diese Angelegenheit von den kom­petentesten Faktoren wieder in das richtige Geleise gebracht. Die Stimme der Bischöfe kann auch nicht so leicht ignorirt werden und deßhalb setzt das katholische Volk auf die episkopalen Berath­ungen eine so große Hoffnung. Wenn als Ec- gebniß desselben ein Schulantrag im Herrenhause eingebracht wird, so muß die Regierung bamit rechnen upd es wird auch eins Verschleppung nicht möglich sein. Wie seinerzeit in Bayern der Epirkopat auf kirchenpolitischem Gebiete die Ini­tiative ergriffen und damit einen völligen Um»

nütz'ge Freund fein, al» welcher er bisher erschie­nen war, denn während er vorher außerordentlich zutraulich und redselig gewesen war, wurde er fitzt, als er bemerkte, daß er einen für Bernhard anscheinend sehr wichtigen Gegenstand berührt hatte, plötzlich außerordentlich kühl und zurückhaltend.

„Ich habe die Person nicht so genau angesehen," sagte er zögernd, „denn ich konnte ja natülich nicht ahnen, daß ich später das Vergnügen haben würde, mit Ihnen darüber zu sprechen. Sie haben, wie es scheint, ein ausnehmendes Glück bei jungen Damen I"

„Ich bitte Sie dringend, Herr Ebert," fiel ihm Bernhard angelegentlich in'« Wort, „nur jetzt keine Sekunde mit unnöthigen Bemerkungen zu ver­lieren und mir keine Ihrer Wahrnehmungen vor- zuenthalten. Wenn ich Ihnen ferner — freilich, ohne e« zu wollen ober auch nur zu wissen — Grund zu Groll und Abneigung gegeben haben sollte, so hätten Sie jetzt die denkbar schlechteste Gelegenhett gewählt, sich dafür schadlo» zu halten. Ich titte— sprechen Sie I Wer war jene junge Dame ?"