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jß 255. Mittwoch, dm 6. November. 1889

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Deutsches Reich.

Berlin, 5. November.D

• Die Reichstagswahlen sollen, so er. fahren nationalltberale Blätter aus Regierungs- kreisen, möglichst nahe nach dem Schluß der Reichr- tagr-Session angesctzt werden. Ob schon anfangs Januar oder etwas später, darüber werde erst die Entscheidung getroffen werden, wenn die Aurdehn» ung der Reichstags-Session fich genauer übersehen lasse. Die Regierung gehe von dem Wunsch aus, die Wahlagitation keinen breiter« Umfang, als nöthig ist, annehmen zu lassen.

* Die Hamburger Nachrichten schreiben: „Man versichert daß Herr v. Bennigsen ohne vorherige Unterhandlung mit dem Fürsten Bismarck neulich den Retchsfinanzminister in die Etatsdebatte gezogen habe; doch scheint die Sache, wie sie jetzt liegt, dem Fürsten nicht unsympathisch zu sein. Selbstverständlich ist Bennigsen auf dem etwa neuzuerrichtenden Posten von persönlichen Aspir­ationen gänzlich frei. Daß an Herr» Miquel als geeignete Person für das schwierige Amt gedacht wird, wird verschiedentlich gemeint, ob mit Recht, steht dahin." Diese Mittheilung macht fast den Eindruck, als ob die beiden „kommenden Männer" stets in irgend einer Weise in Er­innerung gebracht und empfohlen werden sollten.

* Der österreichische Minister der Auswärtigen Graf Kalnoky hat in der Nacht zum Dienstag Friedrichsruh verlassen und ist nach Wien zurück­gekehrt.

* Der Reichstag trat heute in die erste Lesuna des Sozialistengesetzes ein. Abg. Dr. Rachensperger (Centrum) sprach fich gegen das Ausnahmegesetz aus, das die Sozialdemokratie nur gefördert habe. Das Gesetz sei auch in der neuen Fassung ein Ausnahmegesetz und mit dem Begriffe einer solchen sei unbeschränkte Dauer un­vereinbar. Die Ursachen der Sozialdemokratie liegen in der Schule; hier solle man eingreifen. Die Aufhebung der Gesetze« sei nicht zu fürchten, da die Sozialdemokraten wüßten, daß Ausschreit­ungen ihrerseits nur Gegenmaßregeln Hervorrufen würden. Abg. v. Cuny (nl.) sprach von der Roth» wendigkeit einer dauernden Regelung der Ange­legenheit. Hebe man das Gesttz auf, so würden die Zustände von vor 1878 wiederkehren. Gegen die Aufnahme der Ausnahmebefugniß in ein dauernde« Gesetz äußerte er schwere Bedenken, g—■■■——————————-M

V«« Welbhies.

Novelle von R. O.

<24. Fortsetzung.)

Sie willigte in Alles eia; denn fie wußte ja, daß er in allen Stücken Recht habe, daß fie schon nach wenigen hundert Schritten völlig erschöpft zu Boden finken würde, und daß iS keinen anderen Ausweg mehr au» dieser Noth gab, al« den von ihm vorgeschlagenen. Auf einem schmalen Pfade, der am Ufer dahinführte, folgten fie dem Laufe der Bache«, und schon nach wenigen Minuten sahen fie denn auch eine dunkle Masse vor fich auflauchen, welche nur die Mühle mit ihren Nebengebäuden fein konnte. Aber nicht ein einziger schwacher Lichtschein drang zu ihnen heraus, und nur da» Gekläff eines Hunde« bot ihnen e n sehr unfreundliches Willkommen. Die Bewohner der Mühle lagen ohne Zweifel längst in tiefem Schlaf, und e« war nicht leicht, fie zu wecken. Nachdem Bernhard eine gute Weile mit rückfichtslofer Energie gegen Thür und Fenster gehämmert, wurde endlich eine Stimme drinnen vernehmlich und einer der Knechte steckte seinen Kopf heraus, Um verschlafen und verdrießlich zu fragen, was

gegen die Beschränkung der Presse und der Ver- sammlungsfreiheit müßten weitere Rechtsgarantteen aeschbffen werden. Abg. Liebknecht bekämpfte die Vorlage. Das Sozialistengesetz sei unter falschen Vorspiegelungen erlossen worden und werde so lange dauern, wie das jetzige politische System. Die deutsche Sozialdemokratie sei die stärkste und bestorganistrte. In Deutschland sei sogar das soziale Königthum Partei geworben. (Der Pläfi» deut ruft den Redner zur Ordnung.) Die Sozial­demokraten wollten dem Vaterlande dadurch dienen, daß fie Zustände schaffen, die Allen zu Gute kom­men. Die herrschenden Klaffen ständen vor einer schweren Entscheidung, ähnlich wie der Staat Friedrich des Großen vor 100 Jahren. Sie möge aurfallen, wie fie wolle, dis deutsche Sozialdemo­kratie werde ihre Schuldigkeit thun.

* Dem Reichstage ist ein Weißbuch über Ostafrika zugegangen. Dasselbe enthält Berichte des Hauptmann Wißmann über die Erstürmung von Buschiris Lager bei Bagamoyo, die Einnahme von Sadaei, die Verhandlungen wegen Uebergabe von Pangani, die Zerstörung der aufständischen Befestigungen in Kwale, die Besetzung von Tanga, die Besetzung von Condutsche und die Expedition nach Mpnopna. Endlich enthält das Weißbuch noch folgende Telegramme: „Sanstbar, 13. Okt. Beabsichtige Buschiri, welcher bei Dunda steht, an­zugreifen. grz. Gravenreuth. — Sansibar, den 21. Oktober. Ich habe Buschiri, welcher mit 60,000 Eingeborenen aus dem Mofitestamm Ufa» ramo verwüstet,« von Dar-es-Salem über Msdimolo umgangen und sein Lager überrumpelt, wobei drei Maffenangrffe der Mofite blutig zurückgeworfen wurden. Von einer zweiten Abtheilung am Kin- gani gleichfalls kleine günstige Gefechts. Nehme heute Nacht die Verfolgung der flüchtigen Mofite auf. Unsererseit« 7 Tobte und Verwundete, wo­runter kein Europäer, gez. Gravenreuth. — San­stbar, den 22. Oktober 1889. Siegreiche» Gefecht bei Somwe gegen Rebellen, wobei Feinde dreißig Tobte, wir einen Tobten, zwei Verwundete ver­loren. In Mpnopna zur Sühne der Ermordung Nielsen« 3 Araber hingerichtet. Geschütz von Ein­geborenen, die überall entgegenkommend waren, ausgelüfert. gez. Wißmann. — Sansibar, den 25. Oktober 1889. Zwischen Dar-es-Salam und Bagamoyo ist da» Hinterland auf 4 Tagereisen landeinwärts gesäubert. Zersprengte Mafite über­all von Bevölkerung und Patrouillen erschlagen,

für eine Ursache diese« ungewöhnliche Lärmen habe. Bernhard verlangte den Besitzer der Mühle selbst zu sprechen, während fich Arina während dieser peinlichen Verhandlungen beschäm! und zitternd an seine Seite schmiegte. Wer weiß, ob e« ihnen gelungen märe, die mißtrauischen Be­wohner der einsamen Gehöft« zu ihren Gunsten zu stimmen, wenn nicht der Müller, der bald darauf mit brennender Laterne draußen erschien und den beiden nächtlichen Wanderern in« Geficht leuchtete, Arina erkannt haben würde. Er war ihr öfter begegnet und wußte, daß fie zum Haushalt jem« Herrn von Kirsanoff gehörte, dem man zwar al« einem etwa« verdächtigen Sonderling persön­lich gern so weit al« möglich au« dem Wege ging, der fich aber wegen seiner bekannten Wohl- thäligkeit nichtsdestoweniger in der ganzen Gegend einer hohen Achtung erfreute. Zwar machte er kein Hehl au« seiner Verwunderung, die junge Dame zu einer so ungewöhnlichen Stunde hier auf der Landstraße zu sehen; aber er begnügte sich doch mit der Erklärung, die Bernhard in aller Eile eifunben hatte, so wenig wahrscheinlich fie auch immer klingen mochte. Rach einer kurzen Besprechung mit seiner Frau theilte er den jungen

über 400 Tobte aufgefunden. Unser Verluste 7 Tobte 3 Verwundete. Verbindung mit Wißmann her- gestellt. gez. Gravenreuth. — Sanstbar, den 2. November 1889. Heute an der Küste nach fried­lichem Rückmarsch eingetroffen. Karawanenstraßen find für den Verkehr offen. Wißmann.

* Feste Bestimmungen über die nächsten Reise- dispositionen des Kaisers find wohl noch nicht getrcffen. Au» Venedig wird gemeldet, daß das deutsche Kaiserpaar am 12. d». dort er­wartet wird. Hinzu gefügt wird, daß dort ein dreitägiger Aufenthalt in Aussicht genommen sei. Das läßt fich aber schwer mit einer anderweiten Meldung vereinbaren, wonach S. M. der Kaiser bereit« am 16. d». Mts. dem großherzoglichen Hofe in Darmstadt einen Besuch abstatten, am 17. der Einweihung des Festspielhauses zu W o r m s beiwohnen und am 18. in Koblenz eintet ff en werde.

* Als unbegründet erweisen fich die Nachrichten über Verhandlungen der deutschen Kriegsverwalt- ung wegen Ueberlassung bt« im österreichischen Heere versuchten vom Major Schwab erfundene« rauchlosen Pulvers sowie über einen bevor­stehenden Besuch CriSpi« in Berlin.

* Zur GehaltSfrage der Seminarlehrer schreibt man der .Köln. Volk«ztg.': In den Zei­tungen ist jetzt häufiger von der Benachtheiligung dieser oder jener Beamten-Kategorien in den Rang- und Gehalts-Verhältnissen die Rede; aber von den am meisten b-nachtheiligten Beamten, den Semi­narlehrern, hört man nichts. Es geht diesen wie­der wie im Jahre 1874 bei der allgemeinen Auf­besserung der Beamtengehälter: alle wurden mehr oder weniger bedacht, nur die Seminarlehrer gin­gen leer aus. Erst im Jahre 1876 wurde da» Versäumte durch Einführung eines Normalbefol- dungs-Etatt nachgeholt; aber während bei den entsprechenden Beamten-Kategorien die Aufbesserung jedesmal um 300 Mk. erfolgte, rücken die Semi­narlehrer nur jedesmal um 200 Mk. Da» „Wie" bei diesem Ausrücken ist aber der wundeste Punkt; denn während die übrigen Beamten da» Moximal- gehalt nach ganz bestimmten Dienfljahren, z. B. nach 12—15 Jahren, erreichen, erreichen e» tie vor einigen Jahren und jetzt angestellten Seminar­lehrer den jetzigen Bestimmungen gemäß nie. Da wird mancher Leser ungläubig den Kopf schütteln, aber dennoch verhält e» sich so. Die 459 ordent­lichen Seminarlehrer in Preußen sind guf 6 Ge«

Leuten mit, daß fie wohl ein Unterkommen für die Nacht bei ihm finden könnten, wenn Arina da« Schlafzimmer der Müllerin theilen und Bern­hard fich mit einer Streu in der kleinen Neben- kammer begnügen wollte, die nun auch dem Müller für den Rest der Nacht al» Schlafstätte dienen mußte.

In all' seinen Kleidern warf fich der junge Mann auf da» dürftige Lager und lange noch vernahm er da» eintönige Rauschen de» Wehr» und da« heisere Kläffen de« Hofhunde«, ehe die gewaltige körperliche Abspannung den Sieg davon- trug über die Aufregung seiner Nerven und ein wohlthätiger Schlummer ihn die Stürme der letzten Stunden wenigsten» für eine kurze Frist vergassen ließ.

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Die kleine Kammer, in welche man Bernhard gebettet hatte, war ohne Fenster, und dieser Um­stand mochte wohl die Schuld daran tragen, daß er erst in später Morgenstunde erwachte. E» mar ganz finster um ihn her, aber trotzdem fühlte er, baß er sehr lange geschlafen haben müsse. Ohne Bestnnen sprang er en por und eilte hinaus, fast geblenbet von bem goldenen Lichte bet Vormittags-