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1889

M 253.

Montag, den 4. November.

Die ,Fuldaer Zeitung^ erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen^ in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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* Die Freiburger Landtagswahl hat sich unter überau« merkwürdigen Vorgängen vollzogen. Kein Mensch, auch die Liberalen nicht, hatten auch nur mit einem Wort bestritten, daß e« der Freiburger Centrumspartei am 9. vor. Mts. mit einem mächtigen Aufschwung ge­lungen war, 106 gegen 104 liberale Wahlmänner durchzusetzen. Alle 210 waren am 23. vor. Mts. pünktlich zur Stelle, und trotzdem wurde schlirß- lich der liberale Kandidat Rau als gewählt ver­kündet. Seltsam, aber noch seltsamer sind die begleitenden Umstände. Der ,Bad. Beob.' berich­tet: „Der erste Wahlgang ergab: Hutter (Buch­händler) 102, Rau 103, 1 weißer Zettel. Eben war man damit fertig, den Inhalt der Wahlzettel bekannt zu geben, und mit der Zusammenzählung der abgegebenen Stimmen zu beginnen, als die Nachricht in den Saal gelangte, nach einem Extra­blatt der ,Freib. Ztg.' habe Rau gesiegt; alsbald zirkulirten auch die Extrablätter im Saale selbst. In Folge dessen entfernte sich eine grö­ßere Anzahl Wahlmänner. Nachdem das offizielle Resultat festgestellt und das Ergebniß mitgetheilt worden war, wollte der landesherrliche Kommifiar zur zweiten Abstimmung sofort schreiten. Anwalt Rötlinger stellte den Antrag auf Vertag­ung; da der Wahl-Kommiffar diesen Antrag nur bei Zustimmung aller Wahlmänner ausführen, da­gegen eine Pause von einer halben Stunde ein­treten laffen wolle, so wies Röttinger darauf hin. daß tn Folge Veroretrung oee «ui

Saale Viele sich eMfernt hätten, und erklärte Namens seiner Gcssinnungsgknvsien, daß sie sich an einer weiteren Wahl am heutigen Tage nicht mehr beteiligen werden. Damit verließen unsere Gestnnungrgenosien den Saal. Bei dem zweiten Wahltag genügt das Erscheinen und Abstlmmen der Mehrheit, währenddem am heutigen ersten Wahltag die Gegenwart von drei Vierteln der Wahlmänner nöthig war, um die Wahl vornrh- men zu können. Zwei düstere Punkte müfs-n wir hier erwähnen, die rücksichtslose Beeinflussung der von uns gewählten Wahlmänner durch dis Live- ralen, von der wir manches Beispiel erzählen können; blieben trotz dem Drängen von liberaler Seite unsere Leute fest, so wollten die Liberalen wenigstens sie überreden, weiße Zettel abzugeben. Der zweite schwarze Punkt ist das Erscheinen und

518 Wildhus.

Novelle von R. O.

(22. Fortsetzung.)

Da» Gewitter war vorübergezogen, der Sturm hatte sich gelegt und nur vereinzelt noch fielen die Regentropfen. Wohl zuckten noch immer fahle Blitze durch die Dunkelheit der Nacht, aber fie wurden nicht mehr von dem dumpfen Rollen des Donners begleitet, und eine würzige, erquickende Luft strömte dem jungen Manne entgegen, als er jetzt das Fenster aufstteß und fich weit hinaurbog, um den erfrischenden Hauch tn tiefen St|emjügen in sich einzusaugen. Wie lange er in dieser Stell- ung verblieben, wußte er nicht, aber plötzlich fuhr er jäh empor, denn es war ihm, als hätte er draußen vor der Thür feine» Zimmers einen Laut vernommen, ähnlich dem Schluchzen einer Frau. Ohne Besinnen stürzte er vom Fenster weg und riß die Thür auf, um hinan» zu horchen. Aber im Haufe war Alles still und dunkel, und ul« er halblaut Arina'« Namen rief, erhielt er keine Ant­wort. Nichtsdestoweniger konnte er stch noch Nicht entschließen, an eine Täuschung zu glauben. Ec zog sich ein wenig zurück, ohne j doch die Thür zu schließen und strengte die ganze Kraft seines

Vertheilen des Extrablattes mit der bestimmten Angabe, daß Rau gewählt sei, in dem Augenblick, wo der Buchdruckereibefi tzer Hermann Poppen im Wahllokal noch mit der Richtigstellung der von hm als Urkundsperson geführten Gegenliste be- chäftigt war. Es war eine absolute Unmöglich- 'eit, daß man vor Aurtheilen des Extrablattes

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Kenntniß von dem thatfächlichen numerischen Resultat der Wahl hatte; so muß man nur annehmen, daß die Liberalen einen oder den andern der von uns gewählten Wahlmänner »azu gedrängt haben, zu versprechen, gegen un­sren Kandidaten zu stimmen, und daß fie in Folg, riese» Versprechens auf ihren Erfolg so sicher zählten, daß schon vor der Wahl die Siegesnach­richt gedruckt wurde." Eine spätere Korrespon­denz besagt: „Landeskommiffar Siegel schritt doch zu einer zweiten Abstimmung. Dieselbe hatte da« ' Resultat: Rau 100, Hutter 2 und ungiltig (weiß) 2 Stimmen. Bei der zweiten Abstimmung waren von 206 nur 104 Wahlmänner anwesend. Da auf Rau nur 100 Stmmen fielen, so waren auch iberale Wahlmänner bei dem Bekanntwerden des Inhaltes des Extrablattes weggegangen, wie auch Augenzeugen bestätigen. Nachdem von beiden Parteien in Folge des groben Unfuges mit­tels der Extrablattes eine ungezählte An- ahl Wahlmänner fich entfernt hatten, hätte es der ! Billigkeit entsprochen, eine Vertagung de« zweiten Wahlganges auf einen anderen Tag eintrrten zu

Affen.1 ________ __.

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äußert sich ein Bericht der „Frkf. Ztg.": ^Von Seiten der Liberalen wurde sofort nach der Wahl der Wahlmänner am 9. v. M. geäußert: Wir werden doch siegen, wir kaufen uns zwer ultramontane Wahlmänner. Bei der heutigen Wahl eine« Abgeordneten geschah da» Unerhörte. Während der Wahlhandlung und eine Stunde vor deren Beendigung theilten die Liber­alen Int Wahllokal und vor demselben die ge- »ruckten Extrablätter der „Freib. Ztg." au», daß ihr Kandidat, Kaufmann Rau, gesiegt habe. So sicher glaubten fie ihre» Kauf«» zu sein. Und richtig waren zwei ultramontane Wahl­männer umgefallen, aber der eine von ihnen hatte einen weißen Zettel abgegeben und so fehlte dem liberalen Kandidaten die absolute Mehr- he'it. Der Wahlkommisiar wollte nun sofort eme

Gehörs an, um auch das leiseste Geräusch, da» etwa auf der Treppe hörbar werden könnte, zu erhaschen. Seine Vermuthung hatte ihn in der That nicht betrogen, denn nach einigen Minuten de» tiefsten Schweigen» vernahm er von unten her mit voller Deutlichkeit da» Knirschen eine« Schlüssel- und da» gedämpfte Kreischen einer vor­sichtig in ihren Angeln bewegten Thür. Mit un­umstößlicher Gewißheit stand c» sofort in feinem Innern fest, daß tdn Anderer da« Hau« verlost« haben könne, al» Arina, die bei Nacht und N-del einen tollkühnen Fluchtversuch unternehmen wolle. Nur wenige Sekunden währte seine Unentschlostm- heit darüber, wa« er jetzt zu thun habe; dann lief er, so rasch ihn nur seine Füße tragen wollten, und ohne fich zuvor nach feiner Kopfbedeckung um­zusehen, die Stiege hinab, riß die unverschlrsi ne Haurthür auf und trat in den regennassen Wald hinau«. Da« im Erdgeschoß belegene Zimmer de« Schloßherrn zeigte noch erleuchtete Fenster, aber dessenungeachtet regte fich dort nichts. Da« wieder- hotte Knarren der Thür war also mcht bemerkt worden, und eine Verfolgung mcht zu besorgen. Wohin aber hatte stch Arina gewendet? Nach link« führte der Weg in» Dorf, während der zur Rechten in die Landstraße etnmündete, auf welcher

zweite Wahl vornehmen, aber die Centrumswähler naren über die Schamlosigkeit, vor Beendigung >er Wahl da» Wahlresultat schon gedruckt zirku- liren zu lasten, so empört, daß sie erklärten, nicht mehr wählen zu wollen. Die Lieberalen wählten nun ruhig ein zweite» Mal, und ihr Kandidat legte mit 100 gegen 2 Stimmen.

Seiten« der Freiburger Wahlmänner der Cen­trumspartei ist ein Protest an das Großh. Staatrminiflerium zu Karlsruhe abgefi«d»t wor- >en, welcher in ausführlicher Weife die Ungiltig« ett der Wahl Rau'« begründet. Eine Eingabe gleichen Inhalts von fämm tlichen Wahlmän­nern der bad. Centrumpartei soll an die zweite Kammer der Ständeversammlung eingereicht werden.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. November.

* Sehr interessant dürfte fich die am Montag iattfindende erste Lesung der Sozialistenvor« age gestalten. Wenn es wahr ist, daß Fürst Bismarck dieselbe schon im Vornhinein mit Herrn v. Bennigsen vereinbart habe, dann ist kein Zweifel, daß die nationalliberale Partei dafür iimmen wird und es erscheinen deßhalb die geg­nerischen Stimmen in den Parteiblätter als eitle Flunkereien. Das Sozialistengesetz bedeutet Übri« jens für die Nationalliberalen eine große Ver- egenheit, weil fie nicht mit der Regisruug es verderben wollen, anderseits , aber ibre krüberen

• Die Ausstellung für UnfallvsrHütung schließt mit einem Defizit von rund 100,000 M. ab. Nun hat die .Nationalzeitung' aber entdeckt, daß außer dem schlechten Wetter im Juli und September die Arbeiter den geschäftlichen Minder- ertrag verschuldet haben, und zwar durch die tgnen n Bezug auf den Besuch der Ausstellung gewähr­ten Vergünstigungen. Dazu bemerkt der .Gewerk« verein': „Der Gedanke, daß ein Defizit bet der Ausstellung erst dadurch entstanden ist, daß man soviel „Mumpitz", wie der Berliner sagt, mit der Ausstellung verbunden hat, scheint den Herrn in der That noch nicht gekommen zu sem. Wäre die Autstellung auf da» beschräntt g-blteben, was mit der Unfallverhütung blritt zusammenhängt, so wäre fie vielleicht nicht so „glänzend" ausge­fallen, aber die 100,000 M. Entschädigung für fie vor Stunden von ihrem mrhängnißv ollen Aus­fluge heimgekehrt waren. E« erschien fast als eme Thorheit, anzunehmen, daß Arma diese Richtung eingeschlagen habe, denn die Entfernung von der Stadt war ja so groß, daß fie di« ^Wre auf den durchnäßten Wegen zu Fuß unmöglich er­reichen könnte. Trotzdem roenMe sich der junge Mann nach kurzem Zaudern dahin, denn er kannte den trotz aller ktndlichrn Sanftheit im entscheiden, den Moment so entschlosienen Charakter Arina- gut genug, um zu wisien, daß fie selbst vor der größten Gefahr nicht zurücköeben würoe, sobald e» fich darum handelte, einen einmal gefaßten Vor- satz durchzuführen. Bernhard hatte kaum «n Dutzend Schritte vorwärts gethan, als tyn die tiefste Dunkelheit umgab. Rur au« dem schwachen Lichtschimmer, den über ihm die Lücke zwischen den Baumwipfeln bezeichnete, konnte er die Richtung des Weges entnehmen und Ml vor einem Abirren in das Labyrinth der Baumstämme bewahren. Die flüchtige Helligkeit, welche tue in längeren Zwischenräumen aufl.-uchutwen Btttzr ver­breiteten, war ehrt darnach angetan, ihn zu ver­wirren, al» zu seiner Orientirung beizutragen, und ihm selbst erschien es bald al« ein vermessene« Be« ginnnen, in dieser Finsterniß einen Menschen zu