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1889

Samstag, den 2. November

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Zweites Blatt.

Gustav Freytag über Kaiser Friedrich HI.*)

Die Schrift über „Den Kronprinzen und die deutsche Kaiserkrone", welche Gustav Friyiag kürz­lich veröffentlicht hat, findet hier Widerspruch und dort Anerkennung aus p- liti chen Gründen. Wenn Freytag in dem Charakterbilds des verewigten „Kronprinzen", Kaisers Friedrich III., auch einige graue Töne anbringt, so protestiren dagegen die fteistnntgen Verehrer Friedrich's und es freuen fich darüber diejenigen, welche fogar vor dem Sterbe« zimmer ihr „Krists"'Geschrei erhoben haben. Es ist noch zu früh, das geschichtliche Urtheil über Friedrich III. zu iormultren. Trotzdem braucht man in die Angriffe gegen Freytag nicht einzu­stimmen, denn er hat das gute Recht, durch die Drucklegung seiner Erinnerungen einen Beitrag zu dem Material zu liefern, welches die künftige Ge- fchichtsfchreibung zu verbreiten haben wird. Er kommt zunächst nur darauf an, ob er in seiner Schrift ehrlich zu Werke geht und der Wahrheit dienen will. Und wir müssen gestehen, daß er uns diesen Eindruck des Strebens nuch Wahr­heit und Gerechtigkeit macht. Mehr kann man von ihm nicht verlangen, wenn trotz des guten Willens die politischen Lym- und Antipathien des Verfaffers sein Urtheil beeinfluffen und hier und da irreleiten, so muß man das als eine psycho­logische Naturnothwendigkeit hinnebmen und die Richtigstellung des Subjektiven mit Ruhe erstreben oder geduldig erwarten.

Die Kartellblätter, welche über die Freytag'sche Schrift jubeln, haben fie nicht ganz gelesen oder nicht verstanden. Im Grunde genommen, ist die ganze Schrift eine Warnung vor dem Byzantinis­mus, welcher die kronentragenden Menschen zu Engeln oder Göttern machen will. In dieser Hin­ficht ist Frtytag fich konsequent geblieben. Ein Gedicht aus dem Jahre 1871, das er jtzt aber- mals veröffentlicht, beklagt den Sklavenstnn der Diener, der Fürstennacken steif macht, und fordert den Muth freier Männer im Staat; und zum Schluffe seiner neuesten Schrift legt er ausführlich die Gefahren dar, welche die „gemüthvolle Ergeben- hell" des Volkes und die daraus entspringende Sucht der Entrichtung und Verherrlichung der

*) Nachdruck nicht gestattet.

5 Klage.

ahst mir's im Auge brennen Das Leid so namenlos, Auch wie's in stillen Thränen

Der Seele sich ergoß: Weißt, daß rnich's martert, quält — Und fragst nicht, was mir fehlt?

Du hör.est, wie mein Stöhnen, Wenn mich die Kraft verließ, In tiefen, wehen Tönen Sich wund vom Herzen riß: Weißt doch, daß Trost mir fehlt — Und fragst nicht, was mich quält?

WaS soll's, was soll mein Klagen! Und hättest du gefragt, Ich darf's ja doch nie sagen. Was mir die Brust zernagt; Ob's Herz auch drüber bricht. Doch nennen kann ich's nicht.

Und schrie ich meine Schmerzen Laut in die Welt hinein. Ich will von Menschenherzen Ja doch verstanden sein! Ob ich wohl eines fände. Das ganz mein Leid verstände?

fürstlichen Persönlichkeiten mit sich bringt. Wenn sich die Nachricht bestätigen sollte, daß Kaiser Wil­helm. II. die Schrift gelesen! und gebilligt habe, so müffen die Auslegungen noch beachtenswerther erscheinen. Es heißt da wörtlich:

„Es bedarf für den Deutschen die Wachsamkeit, damit er in der Angabe nicht das ehrliche Urtheil verliere. Diese Gefahr bedroht den Fürsten wie das Volk, welches treu an ihm hängt. Wir sehen leicht, was wir finden wollen; jede Lebensäußerung des Herrn, der durch seine Stellung und Lebensaufgabe der Nation werth, erscheint bedeutsam und werthvoll, während sie an einem Anderen unbeachtet bliebe; in gleichMige Worte wird ein besonderer Sinn gelegt, der gewöhnliche Scherz wird als geistvoll gerühmt, auch ein mattes Interesse des Helden, das in anderen Menschen für selbstverständlich gelten würde, wird gefeiert. Und wenn das Volk jahrelang feine Fürsten eine solche Bewunderung gewöhnt hat, wie darf es Wunder nehmen, daß diese selbst eine große Meinung von dem erhalten, was sie reden und Ihnen, auch wenn ei nicht ungewöhn­lich ist? Wenn die kleinste Beachtung, welche der Fürst einem Menschen gönnt, diesen erhebt und glücklich macht, so gehört für den Fürsten eine außerordentliche Bescheiden­heit dazu, damit er nicht eine hohe Meinung von seiner Erhabenheit über Andere erhalte, und in diesem Sinne darf man sagen, die Nation verzieht unablässig ihre Ge­bieter, am meisten die, welche sie am meisten liefet. Viel­leicht ist die höchste der Tugenden, welche an einem vol­lendeten Fürstenleben zu rühmen sind, daß der Herr bis an baS Ende feiner Tage sich richtige Selbsterkenntniß, den maßvollen Sinn und die bereitwillige Anerkennung fremden Werthes bewahrt habe."

Diese goldenen Worte, in denen das Büchlein ausklingt, sollten beide streitenden Parteien recht beherzigen, sowohl ditjenigen Freisinnigen, welche sich aus dem Kaiser Friedrich ein Phantastebtld machen, um es anzubeten, als auch die Kartell- brüder, welche es für „national" halten, den Macht­habern der Gegenwart Weihrauch en gros und en detail zu streuen. Der Herrenkultus ist ein Merkmal unserer Zeitepoche geworden; die Ge­schichtsschreibung schwimmt in dem seichten Fahr- wasser dieses Götzendienstes, die konfessionelle Pole­mik klammert sich übermäßig an die Person eines Luther, und Gustav Adolf hat es fich gewiß nicht träumen laffen, daß er noch in's dritte Jahrhun­dert hinein dem protestantischen Theils des von ihm mißhandelten Volkes ein Heiliger sein würde. Den politischen Byzantinismus de: Gegenwart möchte man wohl zum Tyeil aus selbstsüchtiger Berechnung erklären wollen, aber es zeigt der großen Maffe des Volkes die blinde Neigung, überall der Macht und Herrschaft die tiefste Re­verenz zu machen, mag sie erscheinen, in welcher Form fie will; ob der Schah von Persien oder der Unterdrücker der Deutschen in den Ostseepro-

Das Waidhaas.

Novelle von R. O.

<21. Fortsetzung.)

„Wir wünschen nicht, mit der Polizei in irgend welche Berührung zu kommen", sagte der Eine, der für seine Genossen das Wort führte, „und wir verpflichten uns, die That geheim zu halten, wenn Sie uns ein Gleiches versprechen können! Entscheiden Sie sich schnell! Sie werden uns schwören, daß Sie auf meinen Vorschlag eingehen, oder wir werden Ihnen den Mund zu schließen wiffen!"

Es war nicht feige Besorgniß um mein Leben, die mich bewog, ihrem Verlangen zu willfahren; aber ich dachte an Dich, Arina, und dann, wie sich Dein Schicksal gestalten müßte, wenn man mich für den Rest meines Lebens als einen Mör­der in den Kerker warf, wenn man Dich Deines einzigen Beschützers, Deiner letzten Stütze beraubte, dieser Gedanke gab den Ausschlag. Ich leistete den verlangten Schwur und verließ das unglück­selige Haus, nachdem ich in die Hand des Tobten gelobt hatte, seinem Kinde allzeit ein getreuer

vinzeu nach Berlin kommt, Hurrahrufer und Ordensjäger sind immer zur Stelle. In Frank­reich tanzt man mit der phrygischen Mütze '.auf dem Haupt, um das Bild eines — Boulanger herum und mangels befferer Krouenträger über­hätschelt man dort einen „Negerkönig", dessen Szepter so weit reicht, wie der Geruch seines Düngerhaufens. Die Sozialdemokratie hat in Lafalle einen demotifchen Fetisch, ein Götzenbild für die Maffe, und in Marx den verehrten Ty­rannos für die Eingeweihten. Es ist hin Wunder, daß auch die Freisinnigen das B-dürfniß nach Her­rendienst fühlten und ihren lang verhehlten Verehr- ungsdrang gegenüber der Person Kaiser Friedrichs freien, manchmal zu freien Lauf ließen. Noch jetzt können viele von ihnen es nicht ertragen, wenn Jemand den Nachweis versucht, daß ihr Held ein sehr braver und herzensguter Mensch, aber doch nur ein Mensch mit menschlichen Eigenschaften war. Von unserm Standpunkt aus wäre vor Allem der Wunsch begreiflich, dem Urthell Frellag's zu wider­sprechen, daß Kaiser Friedrich eine besonders starke Abneigung gegen „engherzige Pfaffen" gehabt habe. Aber warum sollen wir protestiren oder den Be­griff „engherzig" zu unseren Gunsten zu deuten suchen? Wir haben niemals verkannt, daß Kaiser Friedrich nicht auf christlich-kirchlichem Boden stand; aber wir haben ihm wahre Toleranz und Sim für die Freiheit auch auf dem religiösen Gebiete zugetraut und das genügte uns. Unsere religiösen und kirchlichen Interessen bedürfen nur der Freiheit, keiner Vormundschaft von Oben.

Den Fceiheitsfinn Friedrich's III. erkennt Frey- tag vollkommen an: „In der Staatsverwaltung widerstrebte ihm Polizeiherrschaft und Bevormun­dung, den Gemeinden wünschte er ausgedehntes Selbstregiment, jeder ehrlichen Thätigkeit die freieste Bewegung." Wenn nun Freytaa weiterhin festzu- stellen versucht, daß Friedrich III. kein Geschäfts­mann »eroefen, daß er in der Ausführung feiner Pläne, selbst wenn er lebhaft wollte, abhängig und unsicher und zuweilen wehrlos gegenüber den Hin- derniffen gewesen, so finden wir in diesem Urtheile nichts Verletzendes oder innerlich Unwahres; man kann es in aller Ruhe auf feine Richtigkeit prüfen. Ebenso das Urthell über den sehr großen Einfluß der geistig bedeutenden und regsamen Gemahlin des hohen Herren. Die Thatsache der großen Ver­ehrung des „Kronprinzen" für seine Gemahlin und ihrer Emwirkung aus Urthell und Willen ihres Gemahls wird fich im Allgepreinen wohl Hüter und Pfleger zu sein, und meine furchtbare Schuld zu sühnen, durch ein ganzes Leben der Sühne und Reue. Ohne meinem tteuen Iwan Petrowitsch zu sagen, was geschehen sei, forderte ich ihn auf, mich auf meiner Flucht nach Deutsch­land zu begleiten. Er war ein zu guter und blindlings ergebener Diener, als daß er auch nur eine einzige Frage an mich gerichtet hätte, aber ich konnte ihm das Vorgesallene doch nicht lange verschweigen. Er wurde mein Vertrauter und ihm allein habe ich es zu verdanken, daß unsere tolle Flucht glücklich durckgeführt werden konnte und daß wir hier eine Zufluchtsstätte fanden, ohne daß irgend ein neugieriges Luge unser Geheirnniß entdeckt hätte. Mein beträchtliches väterliches Erbtheil, das in einer Petersburger Bank deponirl gewesen war, Halle ich schon unterwegs erhoben, und so war ich in der Lage, nicht nur unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, sondern auch Deine Zukunft ficher zu stellen, ohne daß ich mich um die Lage der Dinge in Rußland hätte zu beküm­mern brauchen. Jene Genossin meines armen Bruders muffen ihr Versprechen gut gebalten Haden, denn niemals ist mit eine Kunde zu Ohren