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M 252.

Samstag, den 2. November.

1889

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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Erstes Blatt.

Katholische Bewegung in Nordfrankreich.

In den Tagen vom 19<—24. November wird in Lille die 17. Generalversammlung der Katho­liken von Nordfrankreich tagen. Das vom Ko­mitee bereits versendete Programm gibt uns ein Bild davon, welche Fragen die französischen Ka­tholiken heute vor Allem beschäftigen. Mag auch in manchen Beziehungen die Lage der Katholiken in Frankreich verschieden sein von den deutschen Verhältnissen, c» finden stch im Programm noch Punkte genug, welche auch bei unseren Katholiken- Versammlungen wiederholt besprochen wurden und immer wieder erörtert werden mlifien. Wir heben einige dieser Programmpunkte hervor.

Aus der ersten Abthetlung, welche die Werke des Glaubens und des Gebetes umfaßt find von Bedeutung: Prozeffionen, Gesuche um deren Wie­dereinführung; Squlmtsie für die Kinder; Mittel den Armen den Besuch der Sonntagsgottesdienstes zu ermöglichen; Organisation der freiwilligen Kate­cheten; katechettsche Konferenzen für die Weltleute; Beobachtung der Sonntagsruhe bei den verschie­denen Gewerben; Pflichten der Geschäfts-Inhaber, Meister, Unternehmer bezüglich der Sonntags- Heiligung! Ladenschluß am Sonntag; (Diese letz­teren Fragen werden ja gerade jetzt auch bei uns lebhaft erörtert und es wird dar letzte Wort dar- — über noch nicht gefallen fein.) Ferner steht in der ersten Sektion zur Berathung; Huldigungen gegen den Papst; Peterspfennig; Miflionen; Mi- litärmeffen in Garnifonsorten; Gebetsapostolat; Ausbreitung des Glaubens; Antifklaverei-Verein; Marianifche Kongregationen für die Männer, für die Jünglinge und Kinder; das gemeinschaftliche Beten in den Familien; religiöse Bilder als in­neren und äußeren Schmuck der Wohnungen; die Folgen des neuen Militärgesetze» vom religiösen Gestchtrpunkt.

Die zweite Abtheilung beschäftigt stch .mit Un­terricht, Prcffe und christlicher Kunst; Hochschulen ' katholische Fakultäten; Nützlichkeit einer Schule für höhere soziale und politische Studien; Noth- Wendigkeit, katholische Handwerkerschulen zu grün­den; Elementarunterricht: Folgm der Gesetze über diesen Unterricht; Heranbildung christlicher Lehrer; Resultate des neutralen Unterrichts; Presse; Er­munterung und Unterstützung der katholischen Püsse; Mittel, die schlechte Peesse zu bekämpfen und deren Ausbreitung zu hindern; Erwiderungen auf die Angriffs gegen den Klerus und gegen religiöse Institutionen; Vereine zur Verbreitung guter Bücher; Maßregeln gegen unfittliche Schriften und Bilder; Christliche Kunst; St. Lukas-Verein; Kachengefang;

In der 3. Abtheilung beschäftigt stch die erste Kommission mit den sozialen Werken: Die katho­lischen Arbeitervereine; die Vereinigung der Ka- tholcken gegen die Unternehmungen der Freimaur­erei. Der Arbeiterfrage soll eine eingehende Be­handlung zu theil werden mit Rückstcht auf die Association in Fabriken und Bergwerken. Bildung christlicher Arbeiter, Arostolat de« Priesters in der FaÄik, de« Fabrikherrn, der Frau, der Ordens- teilte für die Fabrik, de« Arbeiter« über seinen Mitarbeiter; Vereinigung der Arbetter um ihren Herrn, das Vertrauen fußend, auf wechselseitiger Hingebung de« Fa-rikherrn und der Arbeiter; Vereinigung der Fabrikherrn und der Arbeiter verschiedener Fabriken; Nutzen und Gefahr solcher Vereinigungen; Patronate für Schüler, für Lehr­linge, für jugendliche Arbeiter; Sonntagsversamm­lungen; Waisenanstalten auf dem Lande; Erzieh­

ung und Unterbringung der Waisen in den Familien. MSM

Die zweite Kommission behandelt die Werke der Charitas: St. Vinzenz-Konferenzcn, Waisenhäuser und Asyle, Pflege armer Kranker in ihren Wohn­ungen, Werk für Obdachlose u. s. w.

Die 3: Kommission richtet ihr Augenmerk auf die Gesetzgebung und als erster Gegenstand ist angegeben: Ausführung des Konkordate«. Außer­dem wird über die Anwendung einiger neuer Ge­setze beralhen werden, z. B. da» Militärgesetz vom 15. Juli 1889, dann über Leichenbegängnisse, Primärunterricht, Ehescheidung u. a. m.

Vorstehende Ueberficht bietet eine reiche Aus­wahl höchst zeitgemäßer Themata, zeitgemäß nicht blo« auf französischem Boden, sondern ebenso zeit­gemäß auf unserem heimischen Boden. Die Be­handlung der einzelnen Fragen sollte seitens der Katholiken nicht versäumt werden. An geeigneten Kräften zur Bearbeitung dieser Fragen fehlt cs unter den Katholiken sicher nicht; es dürfte nur mancher au« seinem bescheidenen Wirken etwa« mehr an die Oeffentlichkeit stch wagen.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. November.

* Wie der „Hofbcricht" meldet, dürften der Kaiser und die Kaiserin erst nach dem 15. Novem­ber in Berlin zurückerwartet werden. Wie bereit« gemeldet, hat sich dar Kaiscrp^ar am Donnerstag von den griechischen Majestäten verabschiedet, um nach Konstantinopel wciterzureisen. Die Reise läng« der Küste bi» Sunton erfolgte unter Geleit der englischen und italienischen Flotte, die Ankunft in den Dardanellen wird voraussichtlich heute Mit­tag erfolgen.

• Das Centrum beschloß nach längerer Frak­tionsberatung einstimmig, daß bar Sozialisten­gesetz in der vorgelegten Form unannehmbar sei.

* Die Begründung de» dem Reichstage vom Centrum vorgelegten Gesetzentwurf betreffend die Befreiung der Geistlichen von bei Militärpflicht bat folgenden Wortlaut.

„DaS Gesetz, betreffend Aenderung der Wehrpflicht vom 11. Februar 1888 bestimmt in § 13 Absatz 6: „Der Ersatz-Reserve überwiesene Personen, welche auf Grund der Ordination oder der Priesterweihe dem geistlichen Stande angehören, sollen zu Hebungen nicht herangezogen werden." Das Reichsmilitärgesetz vom 2. Mai 1874 be­stimmt im 2. Absatz des § 65: „Personen des Beur­laubtenstandes und der Ersatzreserve, welch« ein geistliches Amt in einer mit KorporationSrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehenden Religionsgesellschaft bekleiden, werden zum Dienste mit der Waffe nicht herangezogen."

Die Folge dieser Bestimmungen ist, daß Geistliche der bezeichneten Kategorien im Frieden nur in beschränkter Weise, im Kriege dagegen überhaupt nicht zum Dienst mit der Waffe herangezogen werden Die Ausbildung des Soldaten im Frieden ist aber nicht Selbstzweck, sondern hat die Verwendung im Kriege zum Ziel.

Nachdem gesetzlich feststeht, daß die Geistlichen der be­zeichneten Art nicht mit der Waffe Verwendung finden sollen, kann ein müttärisches Interesse zur Ausbildung derselben im Frieden, d. h. also zur Heranziehung zum aktiven Dienst nicht erkannt werden. Andererseits aber liegen erheblich« Gründe im Interesse der Kirche und der gesellschaftlichen Ordnung vor, die Geistlichen vom Militär­dienst zu befreien. Dieselben Erwägungen, welche dies« Befreiung früher auf dem Boden der preußischen Gesetz­gebung herbeigeführt hatten, haben heute im verstärkten Maße Geltung. Die Zahl der Geistlichen ist herabgemin- bett, die denselben zur Unterstützung der gesellschaftlichen Ordnung zufallende Aufgabe ist wichtiger und umfang­reicher, als je zuvor.

Ein Antrag im Sinne des vorgelegten hatte in der ersten Lesung der Kommission, welcher daS Gesetz öetr. di- Friedensstärke des Heeres zur Berathung überwiesen war, mit 20 gegen 8 Stimmen Annahme gefunden. (Reichstag IV. Session 1886/87, Drucksache 46 Seite 30.) In der zweiten Lesung wurde der Antrag mit 17 gegen 11 Stimmen abgelehnt. (Ebendaselbst Seite 38.) Um den bei dieser Gelegenheit neu hervorgetretenen Bedenken ge-

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recht zu werden, ist in dem nunmehr vorgelegten Antrag« die fakultative Form der Befreiung gewählt." '

Die Begründung de» Anträge« ist, wie man sieht, eine überzeugende. Das Centrum ergreift auch den richtigen Zeitpunkt, um den Vorstoß gegen diese» Kulturkampfgefitz zu unternehmen.^

* Da» Emin Pascha-Comitv hat am Mittwoch beschlossen, Dr. Peter« zurückzuberufen.

* Der österreichische Minister de» Auswärtigen, Graf Kalnoky hat heute seine Reise zum Reichs­kanzler nach Friedrichsruh angetreten.

* Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht die Ver­leihung de« russischen weißen Adlerordens an den preußischen Kriegsminister von Verdy du Vernois.

* Die deutsche Kriegsverwaltung soll, wie aus Wien gemeldet wird, wegen Erwerbung des von dem österreichischen Artillerie-Major Schwab erfundenen rauchlosen Pulvers in Ver­handlung stehen.

* Der Reichstag fetzte heute die erste Be- rathung de» Etats fort. Staatssekretär v. Mal­zahn suchte die Finanzpolitik der Regierung zu rechtfertigen. Eine Reform der Zucker- und Brannt­weinsteuer sei z. Zt. noch nicht möglich. So lange die Schutzzölle aufrecht erhalten würden, müßten auch die Kornzölle bestehen bleiben. Abg. Richter (frs.) fand die militärischen Forderungen nicht ausreichend begründet und erklärte, der Umgestal­tung unserer Flotte zu einer Schlacht flotte, auch den Bau neuer Kreuzer-Korvttten, hauptsächlich für kolonialpolitische Zwecke, werde sich seine Par­tei wie bisher widersetzen. Eine ganz einseitige, subjektive Marineliebhaberei sei jetzt herrschend ge­worden ; das beweise die Forderung für eine neue kaiserliche Dacht. Für ein solche» Prunkschiff möge man die Mittel au» der Krondotation und nicht au» der Tasche der Steuerzahler nehmen. Die Kolonialpolitik verdiene um so weniger Unterstütz­ung als kein Mensch erkennen könne, welchen Standpunkt der Reichskanzler eigentlich einnimmt. Rur das eine wisse man, e» koste immer mehr. Die christliche Kultur, die wir nach Afrika tragen wollten, fei bis jetzt durch erschlagene Menschen und eingcäscherte Städte gekennzeichnet. Für die Zölle, die die ostafrikanische Gesellschaft erhebe, liege kein Welchen mehr Recht vor, al» für die Zölle, welche die Raubritter de» Mttelalter» er­pichten. Die in Aussicht genommene Tiennung bei Kolonial-Politik vom auswärtigen Amte, würde im höchsten Grade bedenklich fein. Bennigsens Vorschlag, einen Reichs finanzminister ejnzusetzrn, erinnere an die Zeit, da die Nationalliberalen au« der Schüssel mitessen wollten. Was werde der Reichskanzler jetzt zu diesem Vorschläge sagen ? Al« die freisinnige Partei dieselbe Forderung in ihr Programm aufnahm, wurde sie durch eine offizielle Erklärung int ,Reichs anz.' des Streben» nach der Parlamentsherrschaft und weiter der Reichsfeindschaft bischuldigt. Werde e» jetzt Herrn v. Bennigsen ebenso gehen? Die Freisinnigen würden den Antrag stellen und stch gern der Führung Bennigsen'» bei diesem Feldzug gegen den Reichskanzler unterwerfen. (Heiterkeit.) Ben­nigsen'» Kritik der Ueberwcisungrpolitik, an der er selbst Schuld trage, sei bis beste Rechtfertigung de« Standpunkte«, den die Freifinnigen eingenom­men haben. Der wachsenden Mehrung der Schul­den beuge man nicht durch da« mechanische Mttel der Schuldentilgung vor, sondern durch Sparsam­keit und dadurch, daß man nicht neue Anleihen bewilligt. Die Einnahmen seien um Dutzende Mllltonen zu niedrig veranschlagt, und er halte schon in diesem Jahre e ne Steuer- und Zollreform für möglich, so daß die Aufhebung der Rübensteuer durchführbar wäre. Staatssekretär v. Bötticher