Allerseelen.*)
„Wenn Alles eben käme, Wie du gewollt es hast. Und Gott dir gar nichts nähme. Und gäb' dir keine Last, — Wie wär's da um dein Sterben, O Menschenkind, bestellt? Du müßtest ja verderben. So lieb wär' dir die Welt.
Nun fällt Eins nach dem Andern, Manch' liebes Band dir ab. Und ruhig kannst du wandern Zum Leben durch das Grab!"
Es ist Herbst geworden! — Die Natur spendet zum Abschiedsgruße ihre letzten Blumen und ihr letztes, frisches Grün, schon sinkt das Laub von den so kahlen Bäumen, raschelnd wie Gedenk» blätter der allgemeinen Vergänglichkeit, de» Sterbens und Verderbens alles Irdischen, vor unsere Füße nieder. Alles beginnt zu ersterben, die Sänger der Lüste find verstummt, — bald haucht der Winter mit seinem eiligen Athemzug über die ganze Schöpfung hin, und hüllt sie in da« kalte, weiße Kleid des Todes.
Der Tod in der Natur aber hat feit uralter Zeit den Menschen, der solang' e» Menschen gibt, fie in Verbindung brachte mit seinem eigenen Empfinden, bereits dazu veranlaßt, diese alljährliche Sterbensnothwendigkeit der weiten Flur zu verschmelzen mit dem, war auch ihm erstorben hier auf Erden, und gerade da»« ein Fest m feiern, geweiht der Trauer und der Rückerinnerung: das Fest, dar große Fest der Tobten I
Von jeher schon hat die Menschheit ja da» innerste Bedürfniß gefühlt, die, welche au» ihrem Kreis geschieden, auch durch äußere Zeichen zu betrauern — deßhalb entstanden jene vielen Sitten und Gebräuche, die im Laufe der Jahrhunderte wohl die Form, doch nicht den Sinn geändert haben, da ihr eigentlicher Ursprung im tiefsten Herzen wurzelt. Schon unsere ältesten Vorfahren, die heidnischen Germanen, empfanden cs als eine heilige Pflicht, ihren Verstorbenen gemffe Ehren zum Gedächtniß zu erweisen, wohl wissend, daß fie durch solche Pietät sich selber ehrten; — fie brachten ihnen Opfer dar an ihren Gräbern, fie hielten feierliche Todtenmähler dort, denn sie glaubten an die persönliche Fortdauer der abgeschiedenen Seelen, denen, al» Lufthauch zur Höhe
*) Nachdruck nicht gestattet.
Des Waldhaus.
Novelle von R. O.
<20. Fortsetzung.)
„In der Begleitung Iwan Petrowitsch'», meine» treuesten und ergebensten Diener»," fuhr Kirsanoff fort, „reiste ich, Dich mit mir nehmend, nach der Hauptstadt und machte mich daran, meinen verblendeten Bruder aufzufuchen. Er wurde mir nicht ganz leicht, ihn zu finden, denn die verborgensten und verrufensten Orte waren e», die er mit Vorliebe aufsuchte, und ich entdeckte ihn endlich in einem Hause, welche» ein Graf Lubomirsky ntemal» hätte betreten sollen. Schon dieser Umstand hatte mich in eine heftige Erregung versetzt; aber meine Entrüstung wuch», als mich Feodor mit einem höhnischen Lächeln empfing und auf meine Bitten und Vorstellungen keine andere Erwiderung hatte, al» beißenden Spott. Laß mich die Erzählung dieser Stunde kurz machen — fie will mir wahrlich schwer genug über die Lispen. Alle diese Jahre hindurch habe ich mich bemüht, sie zu vergessen, und doch steht fie in all ihren Einzelheiten »och heute vor meinem Gedächtniß, al» märe erst
Donnerstag, den 31. Oktober.
M1251.
I Ä
L
1889
Die,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Mb Die nächste Nummer d. Bl. erscheint am Sonnabend den 2. November.
steigend, beim Verlassen der irdischen, körperlichen Hülle, zum herbstlichen Abschiedsfest der Natur eine kurze Rückkehr zur Stätte ihrer Ecden- Heimath vergönnt sein sollte. Auch al» Schutzgeister de« häuslichen Herdes wurden diese Seelen der tobten Angehörigen betrachtet, und ihre Verbindung mit den Lebenden und der Welt, in der fie einst geweilt, sehr hoch und heilig von Jedermann gehalten, wie denn überhaupt das ganze heidnische Alterthum es nicht unterließ, mit treuer Fürsorge die Gräber lieblich zu erhalten und zu schmücken, und Tod und Verwesung tröstlich zu verhüllen, durch Blumen- und durch andere Zier. — So feierte man z. B. in Alt-Rom den Allerseelentag alljährli^ am 21. Februar, außer den einzelnen Geburt«- und Todestagen, an betten man — ebenso wie zum allgemeinen Todtenfeste — den Dahingegangenen Kränze, Zweige, Blumen, Früchte und duftende Essenzen al» Erinnerungsgabe in die „Kolumbarien", die unterirdischen Begräbnißstätten, brachte, wo die Aschen-Urnen in kleinen, reihenweise übereinander befindlichen Nischen zu je Zweien standen.
Das Christenthum erklärte den schönen, alten, so rein-menschlichen Volksbrauch, der abgeschiedenen Lieben durch besondere Feier zu gedenken, dann mit seinen lichten, mildem Strahlenglanze, den Glauben und die Hoffnung auf eine Auferstehung aus der dunklen Grabernacht, durch des Heilands Lieber- und Erlösertod, eng und innig damit einend, und schmückte mit den letzten Blumen der Natur und de» Herbster den Ort de« Frie- bett«» Sah fttrttfe'Ä ntlh M# hwf
Saat.s
Liegt doch im trüben Herbst zugleich die frohe Vorahnung der holden Frühlings-Auferstehung«- feier, und neues, schöneres Leben bedeutet ja "bet Tod bet weiten Schöpfung wie bem ganzen Menfchen-Dasein! — So entstauben bie herbst- lichen Gebächtniß-Frühlingstage Allerheiligen unb Allerseelen, — Ersterer von Papst Gregor III. und Gregor IV. im 8. unb 9. Jahrhundert, Litzterer vom heiligen Odilo, Abt von Klügny, im 10. Jahrhundert, zunächst für bie Benediktiner- klöster eingeführt, bald aber über bie ganze Kirche sich verbreitenb.
Unzählig, und zum Thell sehr alt und sinnreich, sind die Bräuche, die an den Allerseelentag uni an seinen hohen Vortag: bas Fest Allerheiligen, sich knüpfen, und herrlich bie Symbolik, bie sich daran schließt, — vor Allem die de« Lichtes I — Wie hoffnungsvolle Boten, die aus der Tode«-
gestern bas Entsetzliche geschehen. Genug, wir kamen in einen Wortwechsel, in einen Streit, an welchem Feodor villleicht Jbie hauptsächlichste Schuld trug, für dessen verhängnißvolle Wendung indissen ich allein verantwortlich bin, da ich den Ort, an dem wir uns befanden, und den unzu- rechnungrfähigen Zustand meine» Bruder« hätte berücksichtigen müssen. — Um e« kurz zu machen, ich erinnerte ihn an Katin, an da» Unrecht, dessen er sich gegen sie schuldig gemacht, und al» er darauf mit einer Beschimpfung seine« tobten Weibe« antwortete, verlor ich den Rest meiner Selbstbeherrschung und nannte ihn bereit Mörder. Mit einem heiseren Wuthg-, schrei, da« nicht mehr au» der Stuft eine» Menschen, sondern au» der eine» wilden Thürer zu kommen schien, sprang er auf mich los und packte mich an der Kehle. Gewiß hatte er nicht die Absicht, mich zu tödten — er war sinnlos von Wein und Zorn, und ein gutes Wort würde ihn vielleicht besänftigt haben. Aber auch ich war nicht mehr Herr meiner selbst. Unter dem eisernen Griffe seiner Faust war c» mir, al» müsse ich um mein Leben kämpfen, unb mit bet ganzen Kraft der Berzwe flung ließ ich
nacht der düstern Grabertiefe den Hellen Glanz de» Jenseits künden, schimmern diese Lichter auf den stillen Stätten derer, die dort ruhen in Frieden, und wie jeder Halm und jede Blume, die hervor dort sprießen, dem Himmelrlicht entgegenstreben, predigen fie das hohe Lied der Auferstehung. Gern zündet man deßhalb den armen Seelen allerorten Kerzen an, zum Gedächtniß und als Sinnbild jener ewigen Lichtes, auf das man für fie hofft, da« man für sie erlittet, unb — roetteifernb mit dem lichten Schein — leuchtet hinauf zum Auge Gottes treue« Gebenken unb warmer Liebesschimmer, frommer Glaube, gepaart mit froher Hoffnung auf ein Wiebersehen — ohne Trennung 1
In Tyrol werben am „Seelentag" in vielen Gegenben Lampen angezünbet „zum Trost bet armen Seelen", welche man bie ganze Nacht hindurch brennen läßt; auch heizt man oft die Zimmer, damit die atmen Seelen nicht bie kalte Pein leiden, sondern sich dort wärmen können. — „Da« gehört den atmen Seelen!" sagt ferner der Hausvater, und stellt brennende Lichter um die „Seelstücke", wie dort die Wkißbtode und Kuchen heißen, die zum Allerseelentage gebacken werden, und bie man auch als Geschenke für Tauf» unb Firmpathen verwendet. Am Tage aber schmückt man alle Gräber reich mit den Blumen, die der Herbst gelassen, und hält — singend unb betenb — einen breimaligen Umzug mit brennenden Kerzen auf bem Ftiebhof; im Pafleierthal folgt bann die Ablesung bet Namen bet Verstorbenen von bet ÄÄÄ zession, die Nachmittags auf dem Gottesacker stattfindet, Abend« noch einmal hinaus, um an den Gräbern Kerzen anzuzünden und zu beten, bi« bie Mitternachtsstunbe schlägt. — Auch in Böhmen gibt es gleichfalls viele alte Volksbräuche, bie in dem Glauben wurzeln, daß die armen Seelen in dieser einen Nacht auf Ecden wallen dürfen unb baß man alsdann ihnen möglichst viel Gute» und Liebe« erweisen sollte, weil e« ihnen wohl thue und ihnen Erleichterung verschaffe.
In Vlämisch-Belgien pflegt man zu diesem Zwecke den Vorabend von Allerseelen im engen Familienkreise in stillem Gebete für bie Tobten zu verleben, sobalb am Schluffe be« Tage» Allerheiligen, für welchen Alles sich gegenseitig: „ein glücklicher, Höhe-Fest!" gewünscht, die Abendglocke läutet — in Antwerpen aber darf von dieser Zeit ab bi« zum Motgenläuten keine Thür, kein Fenster scharf den schweren Stock, welchen ich noch immer in der Hand hielt, auf sein unbedeckte» Haupt nie» dersauseu."
Ein lauter Aufschrei au» Arina'» Mund unterbrach den Sprechenden. Sie hatte bi» dahin gleich den beiden Andern, stumm unb regungslos zngehölt; jetzt aber schien ihre Kraft gebrochen unb ihre Selbstbeherrschung zu Ende. Noch ehe ihr Bernhard oder Iwan Petrowitsch zu Hülfe eilen konnten, wat fie neben einem der Sessel auf den Fußboden niedergesunken und vergrub da» Gesicht tief in die Polster, während ein heftiger Schluchzen ihren zarten Körper erschütterte.
Graf Loris Lubomirsky aber, der während feiner traurigen Erzählung mit der dumpfen Theil» nahmlosigkeit des höchsten Schmerzes vor fich hin gestarrt hatte, wagte es auch jetzt noch nicht, feinen Blick auf die Knieende zu richten, sondern fuhr — unbekümmert darum, ob sie ihn auch höre — nach einer kleinen Weile des Schweigens fort:
„Er stürzte zu Boden wie ein gefällter Eichbaum, und es war mir, als hörte ich eine gellende Stimme „Mörder! Mörder!" rufen. Wahlschein» sich bin ich es f lbst gewesen, der diesen Rus au«-