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Mittwoch, den 30. Oktober.

M 250.

1889

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♦ Die Ansprache des Papstes an die französtschen Arbeiter

am Sonntag, den 20. Oktober, entwickelt dasselbe soziale Programm, welcher das deutsche Cent rum stets vertreten hat. Schon vor etwa zwei Jahren hatten die deutschen Katholiken die Genugthuung, dieser Programm öffentlich vom hl. Vater anerkannt zu sehen. Damals erklärte der­selbe in einer Ansprache an die französtschen Ar­beiter-Pilger, daß ein Eingreifen der Staates in die soziale und die Arbeiter-Frage, fall» es sich in den gebührenden Grenzen halte, nicht verwerf­lich, sondern nützlich und nothwendig sei. Geg. nerische Blätter höhnten damals über diese „billige Weisheit", übersahen aber, daß der hl. Vater keine neuen Wahrheiten lehren, sondern nur den vorhandenen zur Anerkennung verhelfen wollte in den Ländern, in welchen, wie z. B. in Belgien und Frankreich, eine starke soziale Strömung unter den Katholiken in falscher Auffassung des Begriffs der „Freiheit" von einer Mitwirkung der staatlichen Gesetzgebung bei Abschaffung der sozia­len Unordnung nichts wissen will, sondern alles von der „christlichen Charitas" und der „freien Regelung" erwartete Inzwischen find die Worte der hl. Vaters nicht unwirksam geblieben; in den genannten Ländern dringt das soziale Programm des deutschen Centrums immer fiegreicher vor, so daß theilwcise bereits die Regierung stch genöthigt gesehen hat, ihm Zugeständnisse zu machen.

In seiner neuesten Ansprache vertritt der hl. Vater dieses Programm sogar bis in seine Ein­zelheiten hinein. Ausgehend von der christlichen Lehre über die Arbeit, legte er dar, was die Privaten und was der Staat, was die Arbeiter und was die Arbeitgeber für die Lösung der so­zialen Frage im Geiste des Christenthums wirken können und sollen. Mr haben es hier vornehm-

Des Mildhaii».

Novelle von R. O.

(19. Fortsetzung.)

„Lüge ist Alles, was Du von uns gehört und ge­sehen," fuhr Kirsanoff in seiner Selbstanklage fort, „Lüge ist Alles, was Dich umgibt. Run aber laß mich Dir mit wenigen Worten die Wahr­heit sagen. Mein wahrer Name ist Lori» von Lubomirskp, mein älterer Bruder ist dein Vater I Wir beide, Feodor und ich, waren durch den frühen Tod unserer Eltern schon in jungen Jahren Herren über ein bedeutende« Vermögen und über ausgedehnte Besitzungen im Innern Rußland« ge­worden. Wir liebten uns von ganzem Herzen, waren unzertrennlich und hatten uns feierlich ge­lobt, einander niemals zu verlassen. Aber unsere brüderliche Eintracht erlitt bald eine schwere Er­schütterung. Wir beide liebten dasselbe Mädchen, Katin von Wogkowrky, die Tochter unserer nächsten Kutrnachbarn, und als Einer dem Andern sein Geheimniß entdeckte, loderte die wildeste Leiden­schaft in seinem Herzen sowohl wie in dem meinigen sa glühend empor, daß vielleicht schon damals ein

lich mit den Pflichten und Aufgaben des Sta ates zu thun. Da sagt Leo XIII. nun vor allem, daß der Staat der Kirche die erforderliche Frei­heit einräumen müsse, damit dieselbe die Gesell­schaft mit christlichem Geiste durchdringen und ihre Lehre in die Seelen pflanzen könne. Dasselbe hat das Centrum stets betont und daher unablässig auf Freigabe der in der Kirche vorhandenen reli­giösen und sozialen Kräfte gedrungen. Die di­rekten sozialen Aufgaben, welche der Papst sodann dem Staate zuweist, werden zunächst all­gemein dahin gekennzeichnet, daß der Staat durch weise und billige Anordnungen und Maßregeln die Interessen der arbeitenden Klassen zu wahren habe. Darin ist im Kern alles ent­halten, was zum Schutzs der Arbeit gegen Aus­beutung und Unterdrückung durch da» Kapital sowie zur Wiederherstellung und Auftechterhaltung der sozialen Gerechtigkeit geschehen muß. Auf Einzelfragen eingehend, betonte der Papst die Nothwendigkeit einer Reihe von Maßregeln, welche unter den Begriff der speziellen Arbeiterschutz- Gesetzgebung fallen. Er fordert Schutz der jugendlichen Arbeiter gegen Ausnutzung ihrer Ar- beitskrast, und deren Frauen, deren Beruf in erster Linie im Haufe und in der Famllie liegt; weitere strengeVonntagSruhe, wie überhaupt alles, was für den Einzelnen wie für die Familien im Interesse eines geordneten christlichen Lebens noth­wendig ist. Ausdrücklich werden diese Forderungen gegründet auf das allgemeine Wohl, die Serech- tigkeit und das Naturrecht; es handelt sich also nicht um etwa», was man nach Belieben gewäh- reu kann oder nicht. t

Man erkennt leicht, daß alles, war der h. Vater hier erwähnt, vom deutschen Centrum schon seit Jahren und, wenigsten« theilweise, auch mit Er- folg angestrebt worden ist. In der Handwerker. Frage weiß e« sich ebenfalls mü dem Ober- Haupte der KirSe in Ueberetustimmung. Man muß, sagt Leo XIII., die alten Handwerker-Kor» porationen, die ehemals für die materiellen und religiösen Bedürfnisse der Arbeiter sorgten, ihnen die Gewinnung von Beschäftigung erleichterten, für ibre Ersparnisse und ihr Fortkommen sorgten, ihre Rechte schützten und ihre begründeten Forde­rungen unterstützten, ihrem Wesen und ihrer be­währten Einrichtung nach wieder aufleben lassen, nicht indem man einfach zu dem Alten zurück- kehrt, sondern indem man sie den neuen Zettver- hältniflen anpaßt. Diese Grundsätze hat das Cen«

Unglück geschehen wäre, wenn 'mich nicht die Er­innerung an unsere Eltern und an unsere glück­liche Kindheit doch noch vor dem Aeußersten be­wahrt hätte. Wir söhnten uns — äußerlich wenigstens — mit einander au» und gaben uns da« Versprechen, daß wir nach wie vor treu zu einander halten wollten, wie auch immer Katin'« Entscheidung aurfallen möge. Und sie viel zu Gunsten Feodor'« au«. Ich litt unsäglich; aber F obot’« herzliche Bitten, seine brüderliche Liebe, die jetzt inniger und aufrichttger zu sein schien al« jemals, trugen doch endlich über meine selbst­süchtige Verzweiflung den Steg davon. IS war auf seiner Hochzeit und tanzte mit der glücklichen Braut; noch in derselben Nacht aber verließ ich das Gut und reiste nach Petersburg, um mich dort durch unsinnige Zerstreuungen und angestrengte Studien zu betäuben. Wir korrespondirten nur wenig mit einander und Alles, was ich au» Feodor's kurzen Briefe« erfuhr, war» daß er un­aussprechlich glücklich sei. Ich hätte ihn freilich baffen müssen, wenn e« anders gewesen wäre! Nach einem Jabre wurde ihm ein Töchterchen geboren. Ich hielt es über die Taufe und gab

trum früher als irgend eine anders Partei ver­treten und in seinen Jnnungs-, sowie sonstigen Anträgen zur Gewerbe-Ordnung zum Ausdruck gebracht. Wie der h. Vater hat er stets betont, daß Arbeiter und Arbeitgeber dieselben Interessen haben oder doch haben sollten, wenn anders der soziale Friede wiederkehren soll.

Unter den Pflichten, welche der Papst den Arbeitgebern einschärft, ist vorzüglich die her­vorzuheben, daß der Arbeitgeber nie von den Vor­schriften der Billigkeit und Gerechtigkeit gegenüber dem Arbeiter abgehen dürfe, um sich einen schnellen und unverhältnißmäßigen Gewinn zu verschaffen. In den ersten Telegrammen über die Ansprache hieß es, der Papst habe den Arbeit­gebern hauptsächlich „christliche Charitas" an'« Herz gelegt. Was er in Wahrheit gesagt hat, geht viel weiter und faßt die soziale Frage von einem viel höher» Gesichtspunkte auf. Allerdings schließt die „Liebe" die Gerechtigkeit in sich; aber es ist auf der andern Seite für das Verhältniß zwischen Arbeiter und Arbeitgeber ein großer Unterschied, ob der Arbeiter etwas erhält, weil er ein anerkanntes Recht darauf hat, oder weil es ihm die Liebe freiwillig gibt.

Das soziale Heilmittel, sagt der Papst, liegt allein in der treuen Pflichterfüllung aller Klaffen der Gesellschaft, in der Achtung und dem Schutze der Aufgaben und Rechte, die jeder von ihnen eigenthümltch find. Dementsprechend hat auch das Centrum jederzeit die Gesellschaft als ein Ganzes aufgefaßt und allen Maßregeln wider­strebt, welche der einen Klaffe von Staatsbürgern auf Kosten der andern einen Vortheil verschaffen oder die eine in ihren Rechten und Freiheiten ver­kürzen sollten, weil es den anderen im eigenen Interesse wünschenswerth erschien.

Hoffentlich verfehlt die jüngste Ansprache des h. Vaters ihre Wirkung bei den noch mehr oder minder manchksterlich angehauchten Katholiken vor­zugsweise romanischer Zunge eben so wenig wie die vor zwei Jahren gehaltene. Dem deutsche« Centrum aber wird dieselbe ein Spor« sein, auf dem bettetenen Wege mit doppeltem Eifer vor­wärts zu streben.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Oktober.

• Der Kaiser hat die bekannte Freytag'sche Brochüre „Der Kronprinz und die deutsche

ihm den Namen unserer tobten Mutter — Arina! Schon damals aber glaubte ich zu erkennen, daß im Hause meines Bruders dis Dinge keinesweges so ständen, als ich es erwartet und gewünscht. Katin war stiller und trotz ihres jungen Mutter­glückes viel verschlossener und ernster geworden, als fis es in ihren Mädchenjrhren gewesen.

Ich stellte meinen Bruder deshalb offen zur Rede, aber er erwidette mir ausweichend mit einem verlegenen Lachen:

„Ah bah, mein Lieber, das find so Weiber- launen, von denen Du nicht» verstehst I Sie gönnt c« mir nicht, daß ich gelegentlich einmal mit meinen Freunden ein Gläschen Wein trinke, und Du weißt, daß ich nicht der Mann danach bin, mich unter die Herrschaft des Pantoffel» zu beugen!"

Seine Worte verletzten mich tief, aber ich hatte kein Recht, mich in seine ehelichen Angelegenheiten einzumischen — um so weniger, al» Katin nicht daran dachte, mich in ihr Vertrauen zu ziehen. Aber seit dieser Stunde hat eine tiefe Entfremd­ung zwischen uns Platz gegriffen, unsere Lieb hatte einen Riß erhalten, der stch nicht meh