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Dienstag, den 29. Oktober.

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1889

M 249.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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Der Kronprinz und die deutsche Kaiserkrone.

Unter dem obigen Ttiel find soeben Erinner­ungen von Gustav F r e y t a g erschienen (L ipzig Verlag von S. Hirzel). Dieselben beruh n auf Aufzeichnungen, welche Freytag fich im Feldlager gemacht hatte sowie aus Briefen, die er von dort an einen Freund schrieb. Hinzugefügt stnd einige Aufsötz', welche bereits 1870 in den Grenzen ge­druckt waren, und auch in den neuen Partieen des Büchleins wird man manches finden, was schon von dorther bekannt war.

Das erste Kapitel führt den Titel: „Bis nach Peters- bach". In Speyer, erzählt Gustav Freytag, kam ich am 1. August 1870 an und hatte die Freude, alsbald den Kronprinzen zu sprechen, bei ihm war Morier, der sich gerade empfahl. Ich fand unfern Herrn sehr lieb und gütig, er ist für mich ein rührender Mann: das lautere, offenherzige Gemüth, die Innigkeit seines Empfindens, die Unbehülflichkeit seines Wollens überall, wo er nicht durch ein warmes Gefühl getrieben wird. In seiner Auf» faffung der deutschen Verhältniffe aber war er wie ein geflügelter Engel, der hoch über der Erde schwebt. Der deutsche Nordbund erschien ihm gänzlich überwunden und abgethan; das Ganze, die Einheit, sei jetzt vorhanden. Es folgt eine Schilderung des Ausbruchs des kronprinz- lichen Hauptquartiers und des Zuges durch die Pfalz, wo alle Welt dem Kronprinzen zujubelte. „Er macht die Menschen von Herzen froh durch eine ganz einzige Verbindung von vornehmer Artigkeit und treuherzigem Wesen. „Und er wirkt allerdings als Eroberer."

Bald wurden die ersten Schlachten. geschlagen. Der furchtbare Sturm auf den Gaisberg war gelungen. Als am Abend der Kronprinz von dem Sturm seines fünften Korps sprach, wie nach dem Gelingen die zerschossenen Bataillone ihm „Sieg! und „Hoch!" zugerufen, da wurde die Rührung in seinem Anlitz fast übermächtig, und es lag eine Verklärung auf ihm, die auch seine Umgebung ergriff. Aber auch Rückschläge blieben nicht aus. Am Abend der Schlacht von Wörth war der Kronprinz still, auch seine mannhafte Kraft erschöpft. Er sagte zu Frey­tag in großer Bewegung: „Ich verabscheue dies Gemetzel ich habe nie nach Kriegsehren gestrebt, ohne Reid hätte ich solchen Ruhm jedem Andern überlaffen, und es wird gerade mein Schicksal, aus einem Krieg m den an­dern, von einem Schlachtfeld über das andere geführt zu werden und in Menschenblut zu waten, bevor ich den Thron meiner Vorfahren besteige. Das ist ein hartes Loos." Doch auch andere Sorgen bedrückten schon des Kronprinzen Seele. Es hat (so schreibt Freytag unter'« 9. August) den lebhaften Wunsch, bei künftigen Friedens- Verhandlungen zugezogen zu werden, vielleicht we­niger, weil es ihn drängt, bestimmte Forderungen aufzu­stellen, als weil es ihn kränkt, in solcher Lebensfrage Preußens und Deutschlands unbeachtet zur Seite zu stehen. Er hat, sogleich nach der Schlacht bei Wörth, über das bei einem Friedensschluß für Deutschland Wünschenswerthe einer Denkschrift für den Kanzler aufgesetzt, die er mir zum Lesen gab. Sie war sehr schön. Dabei kam natür­lich auch schon die Kaiserfrage zur Sprache. „Was soll mtt Deutschland werden? - fragte der Kronprinz in

Dar Waldhaar.

Novelle von R. O.

(18. Fortsetzung.)

Es war unmöglich, ihren Bitten zu widerstehen, und Bernhard fügte fich denselben um so eher, als es jetzt auch drinnen im Hause ganz still ge­worden war. Arina wich nicht von seiner Seite, während er die Pferde ausspannte und ste in das hinter dem Haufe gelegene, halbverfallene Stall­gebäude führte, da« für solche Fälle nothdürftig in Stand gesetzt war. Erst am nächsten Morgen sollte der Wagen von seinem Eigenihümer wieder abgeholt werden, wie da« früher bei ähn­lichen Gelegenheiten schon mehrfach geschehen war. Nun aber dürft- er des zitternde Mädchen un­möglich länger im Freren laffen; denn die Bewöl­kung hatte zugenommen, und ein ziemlich scharfer Wind, der mit unheimlichem Brausen durch die Baumwipfcl fuhr, verkündete den nahen Ausbruch eine« Ur.ro lters. Sie erhob denn auch jetzt keinen ^Widerspruch mehr, als er ste hineinführte; aber u gehMerte fich entschieden, in ihr Zimmer hinauf welche« im zweiten Stockwerke lag.

einem Gespräch über seine Denkschrift — „welche Stellung soll der König von Preußen nach dem Kriege erhalten?" Als Freytag antwortete: „Kriegsherr des neuen Bundes; braucht man dafür einen Namen, so wird dieser sich wohl finden", brach der Kronprinz stark heraus und sein Auge leuchtete: „Nein, er muß Kaiser werden". Der Kron­prinz hatte dabei seinen Generalsmantel so umgelegt, daß er wie ein Königsmantel seine hohe Gestalt umfloß und um den Hals die goldene Kette deS Hohenzollern ge­schlungen, die er doch sonst in der Ruhe des Lagers nicht zu tragen pflegte, und schritt gehoben auf dem Dorfanger dahin Auch Freytag meint, der K-onprinz sei der erste Urheber und die treibende Kraft für die Idee des deut­schen Kaiserthums gewesen. Für ihn waren die Bedenken, welche im Sommer 1870 kühl dagegen machen konnten, kaum vorhanden.

In Ligny warf eine Unpäßlichkeit den Kronprinzen aufs Lager und hier war eines Abends Gustav Freytag mit ihm allein. Der Kronprinz, so heißt es in den „Erinnerungen", lag auf seinem schmalen Feldbett, das er sich in jedem Quarier aufschlagen ließ. Bor ihm auf dem kleinen Schreibtisch standen, so, daß sein Auge dar­auf ruhen konnte, die Photographieen der Kronprin­zessin und seiner Kind er. Er sprach sogleich von den Seinen daheim, von der Natur seiner Kinder, wie jedes sich entwickelte, von dem Schmerz über die Verlorenen. Sein Auge wurde feucht, und das Antlitz war durch Liebe und Schmerz verklärt, sein Wesen so warm und wohl- thuend, daß es auch den Hörer «eich machte. Dann be­gann er von seiner Gemahlin zu sprechen, voll von zärt­licher Hingabe. Er rühmte ihr reiches Wissen und ihren Geist zu dem er immer aufsehen müsse, und klagte, daß eine solche Frau nicht überall nach ihrem Werth Anerken­nung finde, und man empfand, wie wohl es ihm that, von der zu reden, an die er immer dachte. Im Laufe Gesprächs frug er: ist es nicht auffällig, daß der Kron- prinzeffin so wenig deutsche Bücher gewidmet werden, die der Mühe werth sind? Wenn Jemand von uns, verdient doch sie solche Anerkennung." Jede Huldigung, selbst die kleinste, die der «WMateten Frau zu Theil wurde, war für ihn eine Sache von Bedeutung. Denn seine Hingabe und Unterordnung unter die geliebte Frau war eine völlige. Diese Liebe war das Höchste und Heiligste in seinem Leben, das ihn ganz erfüllte. Sie war die Herrin seiner Jugend, die Vertraute aller seiner Gedanken, seine Rathgeberin, überall, wo sie Rath zu geben geneigt war. Anlage der Gärten, Schmuck der Wohnung, Erziehung der Kinder, das Urtheil über Menschen und Ereigniffe, alles richtete er nach ihrer Persönlichkeit. Wo er ihr ein Mal nicht ganz folge» konnte, ober wo sein innerstes Wesen ihrer Forderung widersprach, war er tief unglück­lich und unzufrieden mit sich selbst. Sie war aus größ­eren Berhältniffen zu ihm gekommen, hatte mit reichen Anlagen, schnellfaffendem und hochfliegendem Geist, als Lieblingskind ihres Vaters, ihren geistigen Inhalt a's einem weit umfangreicheren Gebiet von blendendem Stoff erhalten. Durch glückliche Jahre hatte sie mit Eifer und zuweilen mit Geduld dahin gearbeitet, in der Seele des Gemahls die Interessen groß zu ziehen, die ihr am Herzen lagen, und er empfand in seinem einfachen, laut­eren Gemüth, was in ihm lebendig geworden war, als ihr Werk. Ihm war, als hätte er erst durch sie sehen, fühlen, das Wrhre erkennen, das Schöne genießen gelernt."

„Laffen Ste UN« hier unten im Waffensaale bleiben!" bat ste. „Wenn der Anfall vorüber ist, roll ich ihm da« „Gute Nacht" sagen. Oben in der Einsamkeit meine« Zimmer« würde ich mich zu Tode ängstigen!"

Ec willfahrte ihr auch diesmal, und sie setzte fich, nachdem st: Hut und Mantel abgelegt batte, an eine« der Fenster, während Bernhard in dem weiten Gemache auf und niederging. Das Gewitter war unterdessen heraufgezogen und die Blitze warfen in immer kürzeren Zwischenräumen ihr bläulich fahles Licht auf die Waffentrophäen an dtN Wänden, während der Donner erst schwach und dumpf au« der Ferne herübergrollte. Von den beiden jungen Leuten sprach Niemand mehr ein Wort, aber ste horchten mit angstvoller Span­nung auf jeden Laut, der im Nebenzimmer ver­nehmlich wurde, denn nur eine dünne Wand trennte ste von dem Naume, in welchem fich Sorte von K rsanosf mit seinem alten Diener befand.

Der Anfall schien in der That vorüber zu sein, denn ste hätten nur Iwan Petrowitsch'« klanglos murmelnde Stimme, die in den heimischen Tönen beruhigende Worte sprach, dann wurde e» für

Der nächste Abschnitt ist überschrieben „Nach dem Kriege". Freytag schildert hier die glänzende Persönlich­keit des damals vierzigjährigen Kronprinzen und fähtt dann fort: „Für die Station waren die siebenzehn Frie- denijahre, in welchen Kaiser Wilhelm uns noch erhalten blieb, eine Zeit des friedlichen Gedeihens, für den neuen Staat, im Ganzen betrachtet, eine glückliche Periode des allmähligen Einlebens in die Seelen und Gewohnheiten der Deutschen. Der Sohn und Thronerbe wurde das Opfer. Er allein hatte dafür den höchsten Preis zu zahlen, fein Glück, vielleicht sein Leben. Das ist ein Geschick, tragischer und furchtbarer, als die kühnste Erfindung sich einzubilden und zu schildern vermag. Das Wesen des alten Kaisers, welcher die Macht liebte, aber, wo es sich um Ernstes handelte, den Schein gering achtete, der durch­aus nicht bereitwillig die Katserkrone auf sein Haupt ge­nommen hatte, der von den angeborenen Rechten der deutschen Fürsten hoch dachte und dieselben, wo er irgend konnte, sorgfältig zu berücksichtigen bestrebt war, dies ruhige, maßvolle Wesen eines bejahrten Herrn, der schon durch sein Alter vielen der Anspruchsvollen Ehrfurcht einflößte, war wie von der Vorsehung zuertheilt, um den deutschen Landesherren den Uebergang in das neue Wesen möglichst schmerzlos zu machen. Auch im Volke standen die Parteien unter dem Zauber dieser greifen Gestalt, die immer ehrwürdiger wurde, zuletzt wie ein Wunder er­schien und berechtigte wie unberechtigte Ansprüche allein durch ihre Dauer auf die Zukunft verwies. Aber der ihm am nächsten stand in Ehren und in der Zuneigung des Volkes, verlebte diese Zeit der Einrichtung eines neuen Lebens, die Feststellung des Kaiserreichs, das gerade er so heiß ersehnt hatte, zur Seite stehend, in thatlosem Harren. Er fühlte die Leere, eine gewisse Ermüdung trat ein, Verstimmung überkam ihn, welche immer größer wurde . . . Noch ein Mal hob sich feine Kraft, als er im Jahre 1878 nach der Verwundung des Kaisers zur Stellvertretung berufen wurde. Die gehäufte Arbeit, die Verantwortung, das hohe Amt gaben ihm eine Zeit lang Spannung und seinem Geist neue Schwingen, zur Freude und Ueberraschung feiner Umgebung. Aber mit dieser verantwortlichen Thätigkeit entwich wieder bet Lebens- muih. Seit Norrnann im Jahre 1884 in ben aus­wärtigen Dienst zu treten veranlaßt würbe, war ber Kronprinz ba vereinsamt, wo ihm ein treuer Beirath am nothwenbigsten war. Seine nächste männliche Umgebung war eine militärische, welche wechselte. Er gab sich mit Vorliebe trüben Gedanken unb pessimistischen Stimmungen hin, er trug sich zuweilen mit ber Jbee, im Falle eines Thronwechsels bem Thron zu entsagen unb bem Sohne die Regierung zu überlassen. Als die Krankheit zer­störend an sein Leben trat, verklärte sich nach dem langen Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung die Eigenart seiner Natur, die Lauterkeit seiner Seele und die Herzens­freundlichkeit und Milde. Ein banges, langes Dahin­flerben war sein Kaiserschicksal. Es blieb ihm erspart» Antwort auf die dringenden Fragen zu geben, welche die Nation an die Person seines Herrschers richtet, und die höchste Ehrenwürde, die Machtfülle des Gebietenden, wurde ihm nur im Traumbild zu Theil, während der Leib an das Lager gebannt kraftlos lag. Solchem Schicksal gegen­über ist es vermeffen, zu streiten, wie er als Herrscher geworden wäre. Die auf ihn hofften, wollten an ihm sehen, was sie am meisten begehrten, unb bie besorgt sein Wesen abschätzten, vermochten nicht zu beurteilen, was

lange Zett ganz still, bi« fich p ötzltch schwere, langsame schlürfende Schritte der Verbindungsthür zwischen den beiden Gemächern nährrten und Iwan Petrowitsch'« Faust die F ügel derselben aureman- der riß. Von Dem unheimlichen Lichte eine« grillen Blitzstrahl« umfloffen, stand Kirsamff, auf die Schult, r ferne« Dieners und Schloßverwalter» ge­stützt, in der Thüiöffnung; aber er schien in dieser einzigen Stunde um Jahre gealtert zu sein. Die hohe, kraftvolle Gestalt war matt und in fich zu- sammengesunken, die von breiten, dunklen Rändern umgebenen Augen blickten stumpf und trübe, und neue Linien de« Schmerze» hatten fich in da« feine Antlitz eingezetchnet. Bernhard und Arina hatten bei seinem Eintritt gleichzeitig eine Be­wegung gemacht, al« ob ste auf ihn zueilen wollten, aber er erhob abwehrend feinen Arm und deutete stumm auf einen Lehnsessel, welchen Bernhard eilig hrranschob und in welchem fich Kirsanoff mit Iwan Petrowitsch'» Hilfe ntederlteß. Eine bange Stille legte fich über die kleine Gesellschaft, und da« Rollen de» näher kommenden Donners, wie da» Wüthen des Gewitterwindes in dem Laubwerk der Bäume erschien ihnen unter dem Drucke diese»