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1889

Samstag, den 26. Oktober.

M 247

Zeitung

schneller Aufeinanderfolge, und ste fahren sehr I gut, da ste mit drei Pferden bespannt find. Nament­lich in der heißen Jahreszeit werden fis sehr viel benutzt; der Athener wartet manchmal 4 bis 5 I Minuten auf den Abgang eines Wagens, wenn er mit demselben auch nur ein Straßenviertel weit zu fahren hat. Nach Phaleron, das als Seebad viel besucht ist und wo stch Nachmittags ein sehr lebhaftes und interessantes Strandleben entwickelt, führt eine Dampstram, welche mit Ausnahme der Mittagsstunden alle halben Stunden Züge abläßt; ebenso kann man alle halben Stunden mit der Eisenbahn nach dem Piräus gelangen. Da ich einmal beim Loben bin, so rolU ich auch der treff­lichen, theilweise sehr hübsch eingerichteten Cafö's gedenken, welche den braunen Trank der Levante, allerdings nach türkischer Art in kleinen Täßchen mit dem Satze, aber in vorzüglicher Qualität kredenzen und in denen man nur über de« ab­soluten Mangel an europäischen Zeitungen zu klagen hat.

Das Wort „europäisch" ist mir nicht unwillkürlich entschlüpft. Die Griechen selbst geben ihrem Lande eine eigenthümliche Sonderstellung, denn in bett griechischen Zeitungen findet man regelmäßig die drei Rubriken der europäische«, anatolischen und hellenischen Angelegenheit; in den Geschäften wer- ! den die aus England, Frankreich oder Deutschland eingeführten Waarm (und da» ist weitaus die Mehrzahl denn Griechenland selbst erzeugt in in­dustrieller Hinficht so gut wie gar nichts) al- europäische bezeichnet.

Nicht minder genußreich und belehrend, al» da» Studium den athenischen Ruinen und Museen find die Ausflüge in die nähere und fernere Um g eg end. Die reiche Abwechslung, welche die nächste Umgebung Roms in der scheinbar gleichförmigen und doch so unendlich mannigfaltigen Campagna bietet, hat Athen» Umgebung freilich nicht; aber dafür ist der Reiz der Landschaft hier entschieden beträchtlich größer. Der Blick, welchen man von der Höhe de» Lykabettos auf die attische Ebene, auf die Berge de» Hymetw», Pentelikon, Parnaß, in weiterer Feme auf die Küste von Megara, Akrokorinth, und seitlich auf da» nahe blaue Meer nnd die in demselben schimmernden Eilande genießt, wird einem jeden, der die leichte Mühe der Besteigung de» originell geformten Fels­kegel« nicht gescheut hat, unvergeßlich bleibm. Der Jünger der Alterthumswissenschaft aber wird sicherlich nicht versäumen, nach Kolonos hinauszu­gehen, wo vom Hügel weithin ins Land die Mar­morsäulen schimmern, welche zum Andenken an die in Athen verstorbenen Archäologm K. O. Müller und CH. Lenormant errichtet find. Ganz eigenartig schön ist der Anblick, welchen von hier aus der Bnrgfelsen mit der zu seinen Füßen liegenden Stadt und dem Kranz von Bergen rings- umher darbietet; auch decken noch heute bläulich schimmemde Oelbäume das vom Kiphiffos durch­zogene Thal; aber vergeblich lauscht der Wanderer auf die „in grüner Schlucht klagende Nachtigall", die einst zu Sophokles Zeiten hier sang, und wenn er vom Kolonoshügel zur Stadt wieder hi­nabsteigt, so kann es ihm paffiren, daß ein auf freiem Felde verwesender tobtet Esel, an dem dir hoffaungsvolle hellenische Jugend ihren nicht ge­rade zarten Muthwillen aurläßt, ihn aus den allhellenischen Reminiszenzen unsanft in die ach l so anders geartete Geaenwart zurücksührt.

Vermischtes.

(Schlechtes Gewissens Herr Hauptmann ^. ge­fürchtet wegen seiner Strenge, geht zuM Zahnarzt: „Möch­ten Sie wohl meinen Zahn untersuchen?« — „Ich bin sehr beschäftigt, bitte, wenden Sie sich an meinen Gehilfen. — Der Hauptmann wirft einen Blick in das benachbarte

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Zweites Blatt.

Das heutige Athen.

Die Hochzeitsfeierlichleiten in Athen aus Anlaß der Hochzeit des Kronprinzen von Griechenland und der Prinzessin Sophie von Preußen, werden bald die Aufmerksamkeit Deutschland« auf jene uralte Stätte menschlicher Kultur lenken. An diese Kulturstätte de« Alterthum« mahnen im heutigen Athen allerdings nur noch alte Tempelreste. Ueber die heutige Hauptstadt des Griechenlande» ent­nehmen wir den anziehenden „Reiseerinnerungen aus Griechenland" von Prof. H. Blümmer folgen- des Bemerkenswerthe:

Von großstädtischem Leben ist in Athen nicht viel die Rede. Zwar find die Straßen ungemein belebt; in den engen Gaffen der Altstadt gibt es ein beständiger Schieben und Drängen, und auf den breiten Boulevards der neuen Stadt fluthet gegen Abend, wenn die Sonne stch gesenkt hat, die elegante Welt auf und nieder — und in Athen tragen sich nicht nur die Damen ungemein elegant, sondern auch die Herren leisten in spitzen Schnabelschuhen und bunten Kravatten das Menschenmöglichste. Es gibt auch einige Gasthöfe im großen Stil. u. A. das komfortabel ringe- richtete Grand. Hotel des Etrangers (Großes Gasthaus der Fremden) am Konstttutwns-Platz; aber Alle« in Allem hat man doch immer mehr die Empfindung, stch in einer volkreichen Pro­vinzialhauptstadt zu befinden, als in der de» Lande» und in der Residenz eines Königs. In den Restaurants, größeren wie kleineren, speist man ganz nach der Uhr, zu bestimmten Stunden; wer später kommt, rirkirt, die auf der Speisekarte angegebenen Speisen ganz oder theilweise aufge­gessen zu finden, und es kann recht gut vorkom­men, daß man um 9 Uhr Abends nur noch mit Mühe etwas Ordentliches zu esse« bekommt. Und wenn bei Eintritt der kühleren Jahreszeit die Sommertheater in Phaleron und beim Eintracht-, platze geschloffen werden, dann weiß der Fremde, btt keinen Anhalt an irgend welcher Familie oder geschlossener Gesellschaft hat und an Tingeltangeln keinen Geschmack findet, in der That nicht, war er mit seinen Abenden anfangen soll. In diesem Winter freilich hat das neue, lange im Bau befindliche Theater endlich seine Pforten ge- öffnet, aber mehr als ein paar italienische Opern gibt es auch da nicht zu hören, und die Preise find noch dazu unverschämt hoch. Zum Glück kann der Deutsche — und ich verstehe darunter die Angehörigen deutscher Zunge überhaupt — in den deutschen Klub der „Philadelphia", welcher ein eigenes Haus mit Restaurant, Billard und einer (allerdings unglaublich schlechten) Kegelbahn be­sitzt, bei Einführung durch ein Mitglied jederzeit freundlichster Aufnahme gewiß sein; er findet hier einen Kreis von deutschen, österreichischen, schwei- zerischen Landsleuten, in welchem er manche an­genehme Stunde verlebe« wird, und auch die Küche de« biederen Pankalos obgleich nicht immer allen Ansprüchen genügend, bietet doch neben einigen griechischen Nationalgerichten so viel nach guter deutscher Art bereitete Speisen, daß man die heimischen Fleischtöpfe dabei weniger vermißt, al» wenn man in einem der größeren Restaurant« seine Mahlzeiten einnimmt.

In einem Punkt aber ist es in Athen trefflich

bestellt, das ist das Fuhrwesen. Die Droschken sind fämmtlich sehr gut, zum Theil elegant aus- gestattete Zweispänner, und dabei kostet die ge­wöhnliche Fahrt innnerhrlb der Stadt nicht mehr als eine Drachme (70 Pfg.). Die Tramway« fahren nach verschiedenen Richtungen in ziemlich

Zimmer: „Um Gottes Willen, Herr Doktor, das ist un­möglich!« - „«bet warum das?« — Der Hauptmanr (ganz leise): „Der Mensch war Einjähriger in meinen Kompagnie!«

(Das alte Lied.) „Wir bekommen wieder Mehrforderungen für den Militär-Etat." — B.: „Leider! — A.: „Die nothwendigen Mehrausgaben muffen eben bestritten werden." — B.: „Und die Nothwendigkeit dieser Mehrausgaben muß auch bestritten werden."

sDer Besuch des Zahnarztes.) Herr: „Ist die gnädige Frau zu sprechen?" — Zofe: „Rein, ste hat Zahnschmerzen." — Herr: „Wie ist das möglich! Ich habe ja ihr Gebiß in der Tasche.«

(Auch ein Grund.) Dame: „Warum tragen Sie keinen Bart, mein Herr? Ihr Herr Vater hat doch einen auffallend schönen Bollbart." — Herr: „Ich schlage mehr nach meiner Mutter, die trug auch keinen." — Dame: „Ah!

(Vorrecht.) Kohn (zu einem Kommis, der stch vor­stellt): „Wie heißen Sie?" — Kommis: „Kohn, zu die­nen!" — Kohn: „Dann kann ich Sie nicht brauchen, in meinem Geschäfte habe ich allein Kohn zu heißen!"

(Druckfehler.) (Bericht über einen Bäckerstrike.) „Die gestrige Zusammenkunft der strikenden Bäckergesellen war der Semmelplatz der wildesten Leidenschaften." — Gestern Abend durchzog eine betrunkene Ratte lärmend und singend unsere Stadt, und nur mit Mühe gelang eS den vereinten Kräften unserer Schutzleute, dieselbe zue Ruhe zu bringen. — Lumpen in allen Fagons und Größen sowohl zum Stehen als zum Hängen find stets bei nur vorräthig. X., Lampenfabrik.

(In der Schule.) Lehrer: „Wir haben jetzt die wilde Gans und Schneegans kennen gelernt, kann mit Je­mand noch eine andere Gans nennen ?" — Schüler: „Die Wonnegans!" — Lehrer: „Wie kommst Du dazu? „Fühl' in des Thrones Glanz, die hohe Wonne ganz!"

ö An eine« »Glücklichen".

Du Glücklicher! den ausgetret'nen Weg

Des Alltag» gehst Du sicher durch das Leben;

Da liegt kein Stein, Dein Pfad führt glatt und eben

Die Tiefe hin, nicht über schwanken Weg.

Vielleicht erhebt zum knapp gemeff'nen Flug

Sich Deines Denkens winzig kleine Tracht;

Was willst Du mehr? Hast mehr ja nie gewagt Als seinen kurzen langgewohnten Zug.

Ob Rosen blühen, ob Nachtigallen schlagen Und locken rings mit kosendem Gesang, Kein süßes Sehnen je in's Herz Dir drang. Vielleicht ein nur gewöhnliches Behagen.

Du staunst sie an. Doch nicht verstehst Du sie. Wenn Menschenaugen Dich um Liebe fragen;

Du kannst Dich ja mtt Menschen wohl vertragen, Doch lieben? Nein, nur lieben kannst Du nie.

Ob Freud' und Lust umjauchzet Deine Bahn, Nie fühlst Du's warm zu Deiner Seele sprechen; Ob Augen meinen und ob Herzen brechen, Was kümmert'» Dich, was geh'n Dich And're an!

Kurz ist an's Seb en Dir der Zweck gekettet, Nie bangt Dir vor dem möglichen Verlust, Kein Zagen drückt beängst'gend Deine Brust, Hast ja das Nächste sicher Dir gerettet. ,

So fährst bequem Du sonder Kluft und Klippe Den Karren Deines Daseins seine Straße, Führst pflichttreu Dein erlöst' Gespann zum Fräße Allabend an die korngefüllte Krippe.______________________

Literarisches.

Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge, herausgegeben von Dr. I. M. Raich. Band X. Heft 9 und 10. Bedeutung des Rheines für die mittelalterliche Poesie. Von Dr. F. I. Holly. Preis pro Jahrgang 3 Mark, einzeln 50 Pfg.

Der Verfasser dieser beiden Broschüren ist ein begei­sterter Lobredner des Rheines. Er stellt ihn mit dem Nil und Ganges auf gleiche Linie. Was letztere dem Egypter

I und Indier sind, das ist nach ihm der vielumworbene Rheinstrom dem Deutschen. Zunächst hat er dessen Be­deutung für die Poesie des Mittelalters im Auge. Mit großem Fleiße find die Dichter zufammengestellt und charakterisirt, deren Wiege in den Rheinlanden gestanden.

I Ihre Zahl und ihr Rang, von den ersten poettschen Ver­suchen angefangen, bis zur höchsten Entwickelung des deut- chen MinnegesangeS und zuletzt noch in der Epoche der hinwelkenden Dichtkunst unter der Herrschaft der Meister­fänger, sind so bedeutend, daß man so ziemlich einen voll­ständigen Abriß der poettschen Literatur des deutschen Mittelalters vor stch hat. Darüber darf man sich wohl i kaum wundern. Die lachenden Fluren der Rheinlande laden von selbst zu Sang und Poesie ein und obige Schrift i ifi nur ein neuer Beleg für titn großen Einfluß, den die ' klimatischen Verhältnisse auf das Gemüth des Menschen ! • ausüben.