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1889

M 245.

Donnerstag, den 24. Oktober.

r N Jeitiiiig.

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Das WaldHaas.

Novelle von R. O.

(14. Fortsetzung.)

Bernhard'« unbedeutende Verletzung war bald geheilt, und der Zwischenfall hätte schnell vergessen werden können, wenn er nicht eine seltsame Ver- stimmung der Gemüther zurückgelassen hätte, die gleich einer schweren Wolke über dem sonst so sonnenhellen und strahlenden Himmel de« alten Waldschlosses lag. Die harmlose Unbefangenheit und Heiterkeit, in welcher Bernhard und Arina sonst mit einander verkehrt hatten, war geschwun- den und an ihre Stelle war eine eigenthümliche Scheu, Unficherheit und Wortkargheit getreten, unter welcher Beide schmerzlich litten, und die doch keine« von ihnen zu beseitigen vermochte.

Auch für Lori« von Kirsanoff schien dieser Zu- stand der Dinge nahezu unerträglich zu werden. Seine Blicke ruhten oft in tiefer Kümmerniß auf den beiden jungen Leuten, und feine Krankheit«« anfälle mehrten fich mit geradezu Besorgniß er« regender Häufigkeit. Zuletzt schien er auf stärkere süßere Mitt l zu finnen, um dieser bedrückenden

* lieber die Pflichten und Aufgabe« der Katholiken in jetziger Zeit

sprach am Freitag Abend Herr Reichs- und Land« tagsabgeordneter Dr. Lieber-Camberg in Mainz im großen Saale der „Frankfurter Hofs" vor einer vom Vorstande des Mainzer Wahlvereins einbe- rufenen Versammlung. Redner, von der Versamm­lung auf das lebhafteste begrüßt, entwickelte dem ,M. Journ.' zufolge in zweistündiger Rede, oft von lautem Beifall unterbrochen, die aus der augenblicklichen Lage für dis Katholiken erwachsen­den Pflichten:

Um diese zu erlernten, sei nothwendig, sich die gegen­wärtigen Verhältnisse, unter denen die Katholiken in Deutschland leben, klar zu machen. Sie sind das Ergeb- niß geschichtlicher Vergangenheit; nach zwei Jahrzehnten ist nun der latente, der verborgene Kulturkampf gefolgt. Unsere Lage ist im Großen und Ganzen ein Zustand scheinbarer Ruhe, wir müssen die Zeit benutzen, um die schweren Wunden, welche uns der Kulturkampf geschlagen, auszuheilen; die Mächte, welche uns, unfern Glauben und unfern Lebensverhältnissen feindlich gegen- Überstanden, sind nicht schwächer geworden, sie sind alle noch da; es ist nicht zu bezweifeln, daß sie, mit wenig Ausnahmen, nicht besseren Willens geworden, noch die nämlichen Absichten gegen uns hegn. Während einerseits der Unglaube als eine große und gewaltige Macht dem Christenthum und Offenbarungsglauben gegenübersteht, sehen wir anderseits noch die konfessionellen Gegensätze gegen uns geschürt, wir sind deßhalb angewiesen, auch gegen den neu entfachten konfesfion eilen Haß uns zu wappnen.

Wir haben uns ehrlich unserer Haut in den parla­mentarischen Kämpfen gegen alle Mittel der Macht ge­wehrt, ohne unsere Mitbürger zu kränken und mit pein­licher Gewissenhaftigkeit nicht nur Schonung gegenüber den Protestanten, sondern auch gegenüber den Juden in ihrer religiösen Ueberzeung geübt, ihre Rechte und Inte- reffen gegen den omnipotenten Staat mitvertheidigt. Als im Reichstage und im preußischen Landtage die Angriffe der Gegner wie Hagel auf uns niederprasselten, als man unsere Bischöfe, Priester und Ordensleute unter dem Schutz der Redefreiheit verleumdete, sie sogar „Landes- verräther" nannte, auch da hat das Centrum nicht mit gleicher Münze gezahlt, wir haben auch bei ernster Ge< wiffenserforfchung die neuen Angriffe unserer konfessionel­len Gegner nicht verschuldet. Nach dem „Zugang zum Frieden" ist die Meinung vieler Herzen offenbar gewor­ben; man hatte in gewissen Kreisen geglaubt, daß in 50 Jahren der katholische Klerus ausgestorben sein würde und in die leer gewordenen Stellen alsdann Andere, Boten ohne Sendung, kommen könnten. Wohl könnte auch von Deutschland, ähnlich wie von dem einst so blü­henden christlichen Nordafrika, der Leuchter fortgerückt werden, aber so lange wir unsere Pflicht erfüllen, wird Gott diese Strafe nicht über uns verhängen; nicht dem Protestantismus, sondern dem Unglauben würden die katholischen Volksmaffen anheimfallen. Die Probe auf dieses @$empel hat der von oben protegirte «ltkatholizis- mus gezeigt. ,

Nachdem die Hoffnung auf reiche Erbschaft durch den

Kulturkampf, auf die man in gewissen protestantischen Kreisen sich schon eingerichtet, getäuscht, die Katholiken taliter qualiter wieder als deutsche Reichsbürger aner­kannt sind, wird uns das Bischen Pause nicht gegönnt, deshalb wurden die Evangelischen Bünde gegrün­det, um die Massen gegen uns zu fanaUsiren. Vor jenem Bunde findet keine, auch die friedfertigste Erklärung der Katholiken, selbst der herrliche Hirtenbrief unseres in Fulda versammelt gewesenen Episkopats keine Gnade, ja, diesem zum Trotz ist unsere Lage in der That eine solche, daß es noch blutige Köpfe in Deutschland geben kann, — wenigstens soweit es auf die Führer des Evangelischen Bundes ankommt. Wohl mochte man vor 50 Jahren die Meinung hegen, die Katholiken duselten so allmählich in den Protestantismus über, und doch ist katholisch sein keine Schande, fondern eine Ehrei Weil das Zuckerbrod bei uns nicht verfing, schwingt man auf uns die Peitsche und bedauert, daß die protestantischen Regierungen nicht auf uns klopfen — sie sind protestantische, obwohl sie kon­stitutionell-paritätische Regierungen fein sollten.

Was unsere Lage so erschwert, ist das ewige Hinein­spielen der konfessionellen Gegensätze. In an­deren katholischen Ländern, bei den wenigen Nichtkatho- liken, ist das Lager schnell gewählt, die Waffenwahl schnell schnell entschieden; anders in Deutschland. Wenn es nur gegen spezifisch Katholisches, etwa gegen den Papst, sich zu wenden gilt, sehen wir sofort Jene mitthun, die sich auch Christen nennen. Das war erst jüngst bei der Gior, dano.Bruno-Orgie der Fall, obwohl die Protestanten, unter vier Augen gefragt, anders über den verkommenen Men­schen urtheilen, der, wenn heute em italienisches Gericht über ihn abzuurtheilen hätte, hinter verschloffenen Thüren mit 20 Jahren Galeeren bestraft werden würde. Redner ist von Gegnern wegen seiner Ausdrucksweise in Bezug auf Bruno getadelt worden, er nenne aber heute noch, gleich dem Reichskanzler, eine Katze eine Katze und Roller einen Schuften.

In dem Kampfe, der gegen unsere ganz nationale und gesellschaftliche Existenz entscheiden wird, wünschen wir, M ulle, die gläubig smo, sich uns anfauepett roeioen, um Schulter an Schulter gegen den Antichrist zu ringen. Auch unter den Protestanten gibt es viele, die manchen von uns Katholiken beschämen könnten. Er gedenke mit Rührung der Worte seines Taufpathen, des verstorbenen Direktors Veit, der früher selbst Akatholik, einst sagte: „Die armen Protestanten, wie wissen sie sich mit den wenigen aus der katholischen Kieche herübergeretteten Fetzen vielfach so fürstlich zu kleiden, während wir im ererbten Königsmantel der katholischen Kirche oft wie Bettler dastehen." Er erkenne an, daß zahlreiche christ­liche Wahrheiten und Tugenden bei den Protestanten zu finden die aber die Katholiken nicht hindern, ihre Kirche für die wahre Kirche Christi zu halten. Wir sehen die Feinde des Cheistenthums an der Arbeit, die christliche Familie, die Schule, Staat und Gemeinde zu entchrist- lichen, in W.ffenschaft und schöner Literatur, in allen Gebieten des praktischen Lebens Begegnen wir einem Kampfe auf Tod und Leben. Was ist allein schon m den Gesetzen noch alles enthalten, um unsere Lage zu einer bedrängten zu machen I Redner warf nun einige Stress, lichter auf die die Katholiken beengenden Reichs- und Landesgesetze (Jesuitengesetz, Kanzelparagraph, Schulgesetz­gebung von der Volksschule bis zur Universität re., das Placet in Bayern im gepriesenen „Jahrhundert der To­leranz" rc.) Mit hoher Anerkennung .gedachte er der

Lage der Dinge ein Ende zu machen, und eines Mittag« forderte er Bernhard und Arina auf, ihn bei einer Fahrt in die Stadt zu begleiten, wo er Einiges zu erledigen habe. Er war ein schöner, wolkenloser Sommertag, und es ließe« fich irgend welche Einwendungen gegen seinen Vorschlag nicht erheben, wenngleich sowohl Bernhard wie Arina sehr dazu geneigt schienen. Gegen 4 Uhr Nach­mittag« fuhr der Wagen vor und Kirsanoff nahm mit Arina im Innern desselben Platz, während fich Bernhard, der um die Erlaubniß'gebeten hatte, die Pferde felbst lenken zu dürfen, auf den Sitz de« Kutscher« schwang. Vor demselben Wirths- hause, in welchem Doktor Stieglitz damals dem jungen Manne so wenig zutreffende Mittheilungen über Kirsanoffi« Krankcit gemacht hatte, dielten sie an, und Kirsanoff bestand darauf, daß sie in das Gastzimmer träten, um eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Ein großes Plakat mit grell bunten Bil­dern und riesengroßen Buchstaben, das über dem Schänktische hing, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Es kündigte pomphaft die Vorstellungen des Cirku« Merelli an, welcher seit einigen Tagen in dem Städtchen weilte, und der Wirth beeilte fich,

Bemühungen der amerikanischen Katholiken'um die Kindererziehung; dort gebe es keine Pfarrkirche ohne Pfarrsystem, dort fand er die freie Volksschule, freie Mit­telschule, nun gibt es dort sogar noch eine freie katholische Universität. Mit einem Schulkatzenjammer möchte er die Stimmung vergleichen, die ihn bei seiner Rückkehr aus Amerika angesichts unserer Schulen erfaßte. Trotzdem haben die Katholiken Deutschlands eine doppelte Pflicht der Dankbarkeit zunächst gegen die lebenden katholischen Lehrer, die trotz der Mißgunst der Zeit verstehen, katholisch zu leben und katholisch zu erziehen, dann gegen die ver­gangene Generation. Unsere Bischöfe haben vor 50 Jah­ren, als selbst aus den Kreisen des Klerus Angriffe gegen den Cölibat laut wurden, ihre ganze Kraft eingefetzt, da­mit, wenn sie auch die Mitwelt nicht zu einer höheren Stufe erheben konnten, doch wenigstens der Nachwelt die katholische Schule erhalten bleibe.

Werfen wir einen Blick um uns, bann können wir sagen: „Feinde ringsum!" In unseren Kreisen gibt es Leute, die dem Optimismus, andere, die dem Pessimis­mus huldigen, die Wahrheit liegt in der Mitte. Sorgen wir zunächst, daß wir felbst gute Katholiken bleiben, katholisch leben und unsere Familie im katholischen Glauben erhalten. Das ist keine kleine Aufgabe. Nicht blos auf den Kanzeln, sondern auch in den Versammlungen der Laien, in den politischen Vereinen, müsse das katholische Bewußt­sein gestärtt werden und Anregung finden. Der nächste Kulturkampf wird sich um die Erhaltung der christlich- germanischen Gesellschaft drehen. Ww wollen mit den Protestanten schiedlich-friedlich leben, bleibt Ihr prote­stantisch, laßt uns hingegen unfern katholischen Glauben! Klagt Ihr über die Mischehen, dann sucht sie, gleich uns, zu verhindern!

Redner berührte nun das soziale Gebiet unb legte den Arbeitgebern ihre Pflichten gegen die Arbeiter an’« Herz; wolle man die Sozialdemokraten vermindern, bann bringe man auch Opfer, selbst wenn es dem Geldbeutel wehe thue, und setze jeden Stolz bei Seite. Jeder ehr­liche Arbeiter iß zu achten, zu verabscheuen ist nur der 2Üaiptggang. Er y««.? ... S......... L-r-t... v.c.

man die Arbeiter nicht von oben herab, sondern als Gent­iemen behandle, sie sich auch als ®entlemen benehmen. Wir sollen unser Wissen und unsere Bildung verwenden, um die Arbeiter darüber aufzuklären, daß nur in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeiter auf christlicher Grundlage, nicht in deren Pulverisirung das Heil liege. Ganz sei ja das Elend nie von der Erde zu bannen.

Regens Moufang habe s. Z. in Trier das Wort ge­sprochen: „Was wir brauchen, das sind Männer! Die Katholiken müßten sich im öffentlichen Leben auch an den Selbstverwaltungskörpern Beteiligen, wo ihnen noch lange nicht die gebührende Stellung eingeräumt fei. Gerade jetzt, da der Kulturkampf etwas ruhe, sei es gut, auch in diese Position einzurücken. Wir dürsten die Begeisterung und den Muth nicht verlieren, sondern müßten das Ge­wehr bei Fuß, das Pulver trocken halten. Nicht die Vor­sicht nenne er den besseren Theil der Tapferkeit, sondern auch das Ertragen aller Mühen und anderer Meinungen. Vor Allem muß die Partei-Disziplin hoch- gehalten werden. In der ungebeugten, unerschütter­lichen Eintracht des Centrums liege das Geheunmß unserer Erfolge in der Vergangenheit. Wir lieben die Freiheit, aber wir lieben auch die Autorität unb bie Zucht. Sßtr müssen auf der Wacht stehen unb Alles zurückfordern, wir wollen keine einseitige Vertretung in Staat und Gemeinde,

ihnen zu versichern, daß die Leistungen dieser Kunstreiter-Gesellschaft alles bisher Dagewefene weit überträfen und daß sie fich die kostbare Gelegen­heit nicht entgehen lassen dürften, dieselben zu be­wundern. Bernhard empfand natürlich sehr wenig Neigung dazu; aber für Arina war eine derartige Schaustellung etwas ganz Neues, sie konnte ihre jugendliche Neugierde nicht verhehlen, und Kirsa­noff bestand jetzt darauf, daß sie den Ctrkus be­suche. Bernhard solle ste dorthin begleiten, wäh­rend er selbst seine Obliegenheiten erfüllen und im Wirthrhause ihre Rückkehr erwarten wollte. Der junge Mann erhob keinen Widerspruch, da er sah, daß sich Arina auf das bevorstehende Vergnügen freute, und ste begaben stch unverzüglich zu dem unansehnlichen Holzbau, den man auf einem freien Platze vor der Stadt errichtet hatte.

Man gab ihnen zwei Plätze in der ersten Reihe de» Zuschauerr-ume«, und so elend auch immer die einzelnen Nummern der Vorstellung waren, so übte doch die Neuheit unb Eigenart des noch nie gesehenen Schauspiels eine groß: Wirkung auf Arina'« kindliches Gemüth. Sie lachte herzlich über die plumpen Späß: des Klowns und schaute