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Jli 244. Mittwoch, den 23. Oktober. 1889

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* Die Thronrede, welche bei der heutigen @i Öffnung des deutschen Reichstages durch Staatsminister von Bötticher verlesen wurde, hat folgenden Wortlaut:

„Geehrte Herren! Se. Majestät der Kaiser hat mich zu beauftragen geruht, Sie bei dem Beginn der letzten Seffion der laufenden Legis­laturperiode Namens der verbündeten Regierungen zu begrüßen.

Ein Ziel, auf welches die Thätigkeit de» gegen­wärtigen Reichstage« bisher vorzugsweise gerichtet war, ist die Sicherung de« Friedens nach außen wie im Innern. In derselben Richtung liegen die Aufgaben, welche Eie in der bevorstehende« Session beschäftigen werden. Als der Reichstag vor drei Jahren zufammentrat, handelte cs fich vor Allem um die Sicherstellung unserer vater­ländischen Wehrkraft. Der Reichstag hat in patriotischer Würdigung die Lösung dieser Auf­gabe gefördert. Auch jetzt wird Ihre Mitwirkung dafür in Anspruch genommen werden, um die Tüchtigkeit uns Schlagfertigkeit des Heeres den Verhältnissen entsprechend aurzugestalten und da­durch den auf Erhaltung des Friedens gerichteten Bestrebungen Sr. Majestät des Kaisers und Seiner Hohen Verbündeten denjenigen Nachdr: ck zu geben, welcher ihnen im Rathe der Völkter gebührt. Ein Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen des Reichs- Militärgesetzes vom 2. Mai 1874, welcher eine anderweitige Eintheilung der Armee vorfieht, soll die Ungleichmäßigkeiten in der Gliederung, wie ste durch die Heeresverstärkungen und Truppenver- schiebungcn entstanden find, im Jntereffe der Aus­bildung und Heeresleitung wieder ausgleichen.

Hieraus und au« der entsprechenden Weiteren!- Wickelung unserer Seemacht erwachsen Mehraus­gaben, welche im Reichshaushalts-Etat zum Aus­druck kommen. Aus dem letzteren, der Ihnen un­verweilt zugehen wird, ergibt fich im Vergleich zum laufenden Etatsjahre eine nicht unbeträcht­liche Steigerung der Matrikular-Umlagen. Gleich­wohl werden die letzteren immer noch nicht uner­heblich überwogen von denjenigen Summen, welche den Bundesstaaten au« den R-ichr-Einnahmen in Gestalt von Ueberweisungen zvfließen.

Durch da» unter Ihrer Mitwirkung zu Stande gekommene Gesetz über die Jnvaliditäts- und Altersverficherung ist ein weitreichender und, so Gott will, segensreicher Schritt zur Ausgleichung sozialer Gegensätze gethan. Die Wirksamkeit des

Des Wel>hliil».

Novelle von R. O.

(13. Fortsetzung.)

Es war schon ziemlich spät und die Stunde de» gemeinschaftlichen Abendessen» längst vorüber, al» ihn ein starke« Klopsen an der Thür de« Gc- mache« zusammenschrecken ließ. Roch ehe er Zeit gehabt hatte, „Herein" zu rufen, trat Lori« von Kirsanoff's hohe Gestalt über die Schwelle.

Er bedeutete dem jungen Manne Platz zu nehmen und drückte ihm mit herzlicher Wärme dis Hand.

„Sie haben fich wacker aufgcführt mdn Freund! sagte er. Aber warum entziehen Sie fich unfern Danke? — Wir haben lange auf Ste gewartet, und Arina ist sehr traurig über Ihr Fortbleiben. Sie ließ fich nur mit Mühe zurückhalten, statt meiner heraufzukommen, um Sie zu holen!"

Bernhard stammelte eine Entschuldigung, aber Kirsanoff's ernst prüfendes Auge erkannte die Un« Wahrhaftigkeit seines Vorwande«.

„Warum wollen Sie mir verbergen, daß noch twas Andere» vorgefallen ist, als dieses gefähr-

Gesetzes ist erst in der Zukunft zu erwarten. Den staatsfeindlichen Elementen gegenüber, welche nament­lich die Arbeiterbevölkerung durch fortgef.tzte Agita­tionen zur Unzufriedenheit und Gesetzwidrigkeit zu verführen trachten, bedarf t« einer gesetzlich ge­ordneten, dauernden und thatkräftigen Abwehr. Die Erfahrung hat bestätigt, daß die but* die allgemeine Gesetzgebung den Behörden gegebenen Befugnisse nicht ausreichen, um den inneren Frie­den genügend zu schützen. Es wird Ihnen daher ein entsprechender Gesetzentwurf zugehen, und die verbündeten Regierungen zweifeln nicht, daß Sie von dem ernsten Streben geleitet sein werden, eine Verständigung über diese für die friedliche Ent­wickelung des Reich» bedeutungsvolle Vorlage her- bsizuführen.

Rach Vorschrift des: Bankgesetzes vom 14. März 1875 hat das Reich fich bis znw 1. Januar 1890 darüber schlüsstg zu machen, in wieweit e« von den ihm gesetzlich eingeräumten Befugniffe« zur Aufhebung der derzeitigen Reichsbank und zur Er­werbung der Reichsbank-Antheile Gebrauch machen will. Eine hierauf bezügliche Vorlage wird Ihnen rechtzeitig zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung unterbreitet werden.

In Ostafrika hat Dank der Bewilligung des Reichstage» eine durchgreifende Aktion zur Unter­drückung des Sklavenhandel» und zUm Schutze der deutschen Interessen stattfinden können. Dis mit den vom Reichstage bewilligten Mitteln organistrte Schutztruppe hat im Verein mit der Kaiserlichen Marine die ihr gestellten Aufgaben so weit gelöst, daß nach Verständigung mit den beteiligten Mäch­ten bis Blokade bet ostafrikanischen Küste hat auf­gehoben werden können, nachdem auch der Sultan von^Zanzibar ausreichende Dekrete erlassen hat, um die Unterdrückung des Sklavenhandels in jenen Gegenden in Aussicht zu stellen. Die Kosten der Expedition haben au» verschiedenen Ursachen nicht innerhalb der durch das Gesetz vom 2. Februar d. I. bereit gestellten Mittel erhalten werden kön­nen und wird dem Reichstage au» diesem Anlässe eine neue Vorlage zugehen.

Durch die Beziehungen zu Zanzibar und Ost- afrika, sowie durch die Entwickelung der Verhält­nisse in den Schutzgebieten an der westafrikanischen Küste und in der Südsee ist die Last der Arbeit auf kolonialem Gebiete, welche bisher da« Aus­wärtige Amt getragen hat, eine so große gewor­den, daß weder die vorhandenen Kräfte ausreichen, noch auch bei Vermehrung derselben ohne gleich-

liche Abenteuer?" sagte er. „Sie können sich so wenig verstellen, als Arina, Warum wollen Sie mir Ihr Vertrauen verweigern? Sie find nicht zum Heucheln geboren I"

„Und doch ist mein ganzes Leben in diesem Hause nichts als eine einzige unendlich fortlaufende Welle von Lüge und Heuchelei," fuhr Bernhard auf, „von erbärmlicher, feiger Unwahrhaftigkeit gegen das edelste und reinste Wesen unter der Sonne. Sie haben e« gut mit mir gemeint, Herr von Kirsavoff, aber Sre erfahren es selbst, e« ist kein Segen int Gefo'ge der Lüge I"

Ec hatte sich zu ihm gewendet; aber er sah mit Bestürzung, wie Jener sich verfärbte, und wie der qualvolle Kampf seine Gesichtszüge furchtbarer v.'r- zerrte al« je zuvor. Schnell wollte er hinzusprin- gen, aber Kirsanoff wehrte cs ab und sagte leise:

„Er ist, wie Sie sagen: Im G-folge der Lüge ist kein Segen, und wehe uns, wenn e» keinen Rückweg mehr aus ihren N tzen gibt! — Aber was wollen Sie nun beginnen ? — Wollen Sie Arina Ihrs Geschichte erzählen?"

„Es war mein fester Entschluß, und ich hoffe, 3ie werden mich nicht daran verhindern wollen!"

zeitige organisatorische Veränderungen eine den gesteigerten Anforderungen entsprechende Erledigung der Geschäfte möglich erscheint. Zur Entlastung des ohnehin überbürdeten Auswärtigen Amtes von den seinem eigentlichen Wirkungskreise fern liegen­den Geschäften wird dem Reichstage eine weitere Vorlage zugehen, welche dis Abzweigung der Kolo­nial - Verwaltung bezweckt. Die Vorbereitungen dazu finden fich bereits im Etat für 1890/91.

Die Hoffnungen, welche Se. Majestät der Kaiser am 22. November v. I. von dieser Stelle Ihnen gegenüber dahin ausgesprochen hat. daß e» gelin­gen werde, mit Gotte« Hilfe Europa den Frieden zu erhalten, haben fich nicht nur bi« heute ver­wirklicht, sondern auch für die Zukunft an Sicher­heit gewonnen durch die persönlichen Beziehungen, welche Se. Majestät der Kaiser mit den Herrschern befreundeter und verbündeter Nachbarländer seit­dem gepflogen hat. Dieselben haben dazu gedient, im Auslande das Vertrauen auf die ehrliche Fcie- densliebe der deutschen Politik zu befestigen und un« zu dem Glauben zu berechtigen, daß der Friede der europäischen Welt auf der Grundlage der be­stehenden Verträge mit Gotte« Hilfe auch im näch­sten Jahre erhalten bleiben werde.

Auf Allerhöchsten Befehl Sr. Majestät de« Raf­fet« erkläre ich im Namen der verbündeten Regie­rungen den Reichstag für eröffnet."

Deutsches Reich.

Berlin, 22. Oktober.

* Die erste Plenarsitzung des Reichstags wurde heute Nachmittag, 2 Uhr, vom Präsidenten v. Lev etz ow eröffnet unter Bezugnahme auf § 1 der Geschäftsordnung. Zu provisorischen Schrift­führern wurden berufen die Adgg. Graf Kleist- Schmenzin (conf.), Weiel (natlib.), Freiherr von Buol (C-ntr.) und Dr. Hermes (freif.) Ein» gegangen sind eine Anzahl U-bersichten rc., Etat und Anleihegesetz, sowie sie Novelle zum Reichs- militärgssetz. Der Namensaufruf ergiebt die An­wesenheit von 159 Abgeordneten. Das Hau« ist somit nicht beschlußfähig. Nächste Sitzung: Mitt­woch 1 Uhr: Wahl der Präsidenten und der Schriftführer.

• Die jüngste Anwesenheit de« Fürstbischof« Dr. Kopp von Breslau galt der Abstellung der Kir« chennoth in Berlin und der Erbauung neuer kath. Kirchen. Der Fürstbischof hat fich über die Verhältnisse sehr genau insormirt, die Vor-

Kirsanoff stöhnte tief und schmerzlich auf; dann erhob er sich und legte beide Hände auf die Schul­tern de« jungen Manne«.

„Haben Sie Mitleid mit einem Elenden, Geäch­teten —" rang es sich über seine S ppett. „Be­wahren Sie Ihr Gcheimniß — schonen Sie diese« armen Kinde» Flieden! Nie — niemals darf ste erfahren, zu wie Ungeheuerem eines Menschen blin­der Jähzorn fähig ist! Ich würde ja nicht mehr wagen können, meine Augen zu ihr zu erheben!" »Er schluchzte wie ein Kind und tief erschüttert suchte ihn Bernhard mit dem Versprechen zu be­ruhigen, daß er auf feinen Wunsch auch fürderhin fchweigen werde. Seine Theilnahme für den un­glücklichen Mann war eine so innige geworden, daß er für den Augenblick fast feine eigenen Her­zenskämpfe darüber vergaß; denn er konnte ja nun nicht mehr zweifeln, daß auf Kirsanoff's Da­sein der Druck eine« schweren Geheimnisse«, einer düsteren Schulv laste, daß cs viel mehr ferne Seele al« fein Kö-p.r sei, die an unheilbarer Krankheit leide.

Er richtete keine Frage an ihn, und Kirsanoff machte ihm kein Gcständniß. Aber er forderte ihn