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Montag, den 21. Oktober.
1889
daß fie ihn aber unbedenklich verlassen würde, so- bald die wahre und echte Liebe in ihrem Herzen aufginge. Da es ihm für eine unumstößliche Ge- ! wißheit galt, daß er nie wieder versuchen dürfe, ein anderes Menschenleben an dar seine zu fesseln, so war ihm niemals in seinen glücklichen, selbst. vergeff.nen Träumereien der vermessene Gedanke gekommen, daß es ihm vergönnt sein möchte, dieses holde Wesen einst sein eigen zu nennen — seine Liebe für Arina war frei von jeder niedrigen egoistischen Regung, es war eine Schwär- merei, die ihr Glück in sich sselbst trug, ein Glück freilich, das unmöglich von langer Dauer fein konnte.
Loris von Kirsanoff schien dem Verkehr der beiden jungen Leute ohne jeden Argwohn zuzu- sehen. Er überließ fie ganz stch selbst und dachte niemals daran, ihr Beisammensein zu stören. An Bernhards Killer Heiterkeit und seinem sichtlich aufblühenden Lebenrmuthe schien er eine aufrichtige Freude zu haben, aber er äußerte stch nicht darüber und befragte ihn niemals um die Ursachen dieser raschen Veränderung. Ec war überhaupt kaum jemals wieder so aufgeräumt und mittheil- sam gewesen, als bei Bernhard« Einzug in das ।
I Griechen darauf Hinweisen, daß Deutschland, welcher niemals Vergrößerungspläne hegt, auch die Freundschaft kleiner Staaten zu schätzen, deren Unabhängigkeit zu ehren weiß. Ein enges Band, auf gegenseitiger Achtung beruhender Freundschaft wird Griechenland und Deutschland umschließen und die hochherzigen Ideen des philhellenischen Königs Ludwig I. von Bauern werden stch allmählich verwirklichen.
Noch bedeutungsvoller ist der Besuch des deutschen Kaisers in Konstantinopel. Der Befitz von Konstantinopel ist seit Peter dem Großen das Ziel der rusfischen Politik. Auf geradem und auf krummem Wege sucht Rußland dieses Ziel zu er- reichen. Als auf dem Berliner Kongreß Fürst Bismarck, Graf Andrafly und Lord Beaconsfield den Anmaßungen Jgnatieff's ein Ziel setzten und die Türkei retteten, erkannten die Staatsmänner am goldenen Horn, daß die Türkei in dem mäch- tig gewordenen Deutschland einen Schutz gegen das Vordringen Rußlands finden könne. Seit jener Zeit datirt das Anwachsen des deutschen Ein- i Puffe« in Stambul, die Entsendung deutscher Offiziere und Beamten dorthin. Und jetzt erscheint der junge deutsche Kaiser selbst.
Wenn Abends in der Wüste Sie Beduinen lagern, da wird wohl von einem Erzähler die Macht de» Chalifen gepriesen, der in Stambul im goldenen Palaste wohnt und dem alle Könige des Erdballs gehorchen müssen. In sagenhafter Weise hat stch zu den Kindern der Wüste die Kunde von Friedrich dem Großen und Napoleon I. verirrt und seit 1870 erscheint in diesen, mit aller Phantafie der Orientalen ausgefchmückten Ec- zählungen noch ein dritter, großer stegreicher Sultan, der Kaiser Wilhelm mit seinem Vezier Bismarck. Diese Mythen und Legenden, die durch den ganzen Orient von den türkischen Kaffee- Häusern Stambuls bis zu den Lagerplätzen der großen Mekka-Karawane gehen, fie werden dort eifriger geglaubt, als die auf eigener Anschauung beruhenden, wahrheitsgetreuen Berichte der ge- bildeten Türken, welche Europa bereisten. Selbst unter den vielen Effendi's, die an der hohen Pforte Sineküren bekleiden und Einfluß ausüben, findet man eine Unkenntniß der europäischen Ver- hältniffe, die oft geradezu überraschen muß. Atzt kommt der Enkel dieses durch phantafievolle Sagen gefeierten Kaisers Wilhelm nach Stambul. Alle märchenhafte Pracht wird aufgeboten werden, um
Die Kaiserfahrt «ach dem Orient.
P Ueber Monza, wo der italienischen Königs- familie ein Besuch abgestattet werden soll, reist der deutsche Kaiser nach dem Orient. Der Besuch in Monza trägt einen vollständig familiären Charakter, wie bereits aus der Wahl de« Orte» hervorgeht.
Nach Athen führt das Kaiserpaar die Hochzeit der Prinzesfin Sophie mit dem Kronprinzen von Griechenland. Viele Jahrhunderte find verflossen, seit ein deutscher Kaiser den klassischen Boden des alten Hellas betreten, bis in die Zeiten der Hohenstaufen müssen wir zurückgreifen, um ein Beispiel zu finden. Die Hochzeit der preußischen Prinzesfin und des griechischen Thronerben hat aber auch eine politische Bedeutung. Dem ersten König von Griechenland, Otto I., war das Glück versagt, einen Erben der Krone zu befitzen und dies mag wohl dazu beigetragen haben, ihn dem Volke zu entfremden. Es fehlte der neuen Dynastie die Ausficht auf Stabilität. Der Herzog von Sparta, der Sohn des jetzigen, des zweiten Königs von Griechenland, ist auf griechischem Boden geboren, er ist dort heimisch, wo König Otto und selbst sein Vater König Georgios alsZFremde regierten. Durch seine Mutter, Königin Olga, einer Tochter des Großfürsten Konstantin Nicolajevics, die eine Bekennerin des grichisch-orthodoxsn Glaubens ist, steht er den Anschauungen de» Volke« bedeutend näher. In Deutschland hat ec seine Studien ab- solvirt, in „Alt-Heidelberg, der feinen, der Stadt an Ehren reich" war es, wo er al» flotter Musen- sohn am Brunnen der deutschen Wissenschaft trank, in Berlin und Potsdam erhielt er seine mili- tärische Ausbildung. Wenn er einst als König deutsches Wesen und deutsche Kultur unter seinem Volke verbreiten wird, so wird ihm, dem geborenen Griechen, gewiß jenes Mißtrauen nicht begegnen, mit dem König Otto sowohl, wie König Georgios als nicht Eingeborene zu kämpfen hätten.
Dis orientalischen Länder sind es, in denen in den nächsten Jahrzehnten das Schicksal Europas entschieden wird. Langsam sucht Rußland sie alle zu umgarnen, eine ununterbrochene Minirarbeit der rusfischen Agenten hat den Zweck, alle slavi- sch en Länder zu rusfischen Vasallenstaaten zu mache«. Nach russtscher Anschauung gehört auch Griechenland zu brn slavischen Ländern.
Der Besuch de» deutschen Kaiser» wird^ die
I
alte Schloß. Ob eine Verschlimmerung seine» quälenden Nervenleiden», oder irgend eine andere Ursache die Schuld daran trug, vermochte der junge Mann nicht herauszubringen, den« Kirsanoff war kein Freund von Fragen, die stch auf seine ! eigene Person bezogen, und er wußte dar Ge- spräch jedes Mal, wenn es eine derartige Richtung gu nehmen drohte, auf anders Dings zu wenden.
Aeußerst geringfügige Fortschritte aber hatte Bernhard in der Gunst Iwan Petrowitsch'» ge- macht. Zwar hatte Kirsanoff durchaus nicht zu- viel gesagt, wenn er an jenem ersten Tage er- klärte, daß stch Emaljrnow nicht in die auf den Unterricht Arina's bezüglichen Dings einmischen würde; aber wenn stch der Alte auch in der Tyat isder direktm Aeußerung enthielt, so war er doch im Allgemeinen von einer ganz erstaunlichen Wach- samkeit, und wenn es ihm nicht gelungen war, ein Alleinsein der jungen Leute schon von vornherein zu hintertreiben, so konnte man sicher sein, daß er cs wenigstens schon nach kürzester Zeit auf eine unscheinbar ganz unauffällige Art zu stören wußte. Bei der kindlichen Harmlosigkeit ihre« Verkehr» fand er allerdings niemals Anla zu irgend welchem Verdacht, aber er ließ dar»
Ais Wsldhins.
Novelle von R. O.
(11. Fortsetzung.)
Aber in diesem wonnigen Taumel, dem er sich ohne Rückhalt mit ganzer Seele hingab, behielt er doch genug Selbstbeherrschung und Klarheit der Ueberlegung, um stch vor einem Unrecht zu bewahren. Ec hütete jede« seiner Worte, jede seiner Mienen und jeden seiner Blicke mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit, um den Zustand seines Innern nicht zu verrathen, um den reinen Frieden ihrer unberührten Seele nicht zu stören durch die Lüftung eines Geheimnisse», für welches sie offenbar noch nicht da« mindeste Ver ständniß befaß.
Daß sie ihm von ganzem Herzen zugethan, daß ihr seine Nähe lieb und werth war und daß sie der Gedanke, ihn verlieren zu müsse«, mit d-m größten Schrecken erfüllt hätte, das bewies sie ihm täglich und stündlich dur ihr Benehmen mit sorglosester Offenheit. Aber trotzdem hielt er sich stst überzeugt' daß er nicht Liebe war, was fie mr ihn empfand, daß fie ihn nur als einen guten Spielkameraden ansah, ihn vielleicht ebenso hoch stellte, als ihren Vater oder ihren Pathen,
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den jungen deutschen Kaiser zu empfangen. Der Sultan wird die hohe Ehre, die ihm und seinem Reich durch diesen Besuch erwiesen wird, zu würdigen wissen. Nicht mehr der „kranke Mann" ist I es, der an den Ufern des Bosporus wohnt, sondern ein Staat, der lebenskräftig ist und dem die mächtigsten, occidentalen Staaten die Hand zum Bündniß reichen können. Der deutsche Einfluß im ganzen Orient wird sehr steigen nach dem Kaiser- besuch, während die kultu r ellen Folgen gerade- zu unberechenbar find.
Unsere Sympathien begleiten den jungen Kaiser auf seiner Fahrt nach dem Orient. Die Reise ist ein Werk der Friedens, sie wird für die Erhaltung des Friedens von größter Bedeutung sein.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Oktober.
* Freiherr v. Schorlemer-Alst hat, wie schon mitgetheilt, sein Landtags-Mandat niederge- lsgt. Seine an die Wähler gerichtete Erklärung lautet:
„An meine Wähler im Wahlkreise Ahaus-Steinfurt!
„Schon länger entschlossen, mit Rücksicht auf meine Gesundheit und die auf mir ruhende große Arbeitslast meine parlamentarische Thätigkeit zu beendigen, habe ich heute dem Herrn Minister des Innern angezeigt, daß ich das Mandat als Abgeordneter für den Wahlkreis Ahaus- Steinfurt niederlege; rechtzeitig früh, um die Ersatzwahl vor Wiedereröffnung des Landtags zu sichern.
„Es erübrigt mir, Ihnen, meinen Wählern, wie hiermit geschieht, von ganzem Herzen für das Vertrauen zu danken, welches Sie mir, nahezu 20 Jahre, durch Ihre Wahl und stete Wiederwahl erwiesen haben. Getreu den Grundsätzen der Partei, welcher anzugehören ich die Ehre habe, war die Vertheidigung und Rückforderung unveräußerlicher Rechte im Einklang mit den Pflichten gegen König “nb Vaterland, die Erfüllung dieser Pflichten, wie dre Wahrnehmung der Rechte und Interessen meiner Mitbürger, d,e Richtschnur meines Handels. Ihr nie wankendes, durch nichts zu erschütterndes Vertrauen hat mich dazu ermuthrgt und gestärkt. Im dankbarsten Herzen 6e= wahre ich immerdar diese, durch nichts getrübte, Erinnerung an dre Vergangenheit, und bitte Sie, meine Wähler, mir ein freundliches Andenken erhalten zu wollen.
„Der Wahlkreis Ahaus-Steinfurt war immer, seitdem wir eine Volksvertretung haben, eine Hochburg der Centrums-Partei. Und so darf ich vertrauen und bitten, daß Sie, meine Wähler, an meiner Stelle nur einem Manne Ihre Stimme geben, der fest zu den Grundsätzen der Centrumspartei steht: Grundsätze, die ich in meiner langen öffentlichen Thätigkeit bewährt gefunden habe, denen ich treu bleiben werde bis zum Ende des Lebens."
„Alst, 17. Okt. 1889. Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst."