hre Angreifer vertheidigt. Als Kalvin zu' beweisen unternahm, daß die Bekenner des Evangeliums im Gewissen zum Gehorsam gegen die bürgerlichen Gesetze nicht verpflichtet seien, erhob sich die ganze katholische Schule, um ihn zu bekämpfen.
Nur in dem einen Falle, daß dar bürgerliche Gesetz mit dem göttlichen Gesetze in Widerspruch stände, nur dann sülchten wir Kathcliken uns nicht, den Feinden Gottes entgegenzutreten und ihnen mit ben Aposteln zu sagen: „Muß man Gott mehr gehorchen oder den Menschen? Treffet selbst die Entscheidung!"
Aber woher kommen wohl jene Anklagen? . . Doch die Katholiken haben denselben eine beredte Vertheidigung entgegenzusetzen. Erinnern wir uns jene» alten Römer«, der am Ende seine« Leben« angeklagt war, al« konspirtre er gegen dar Vaterland. Statt aller Antwort entblößte er seine Brust und zeigte die Narben, welche di« bei der Vertheidigung de« Vaterlande« erhaltenen Wunden zurückgelassen hatten. Dieser Beweis überhob ihn jeder weiteren Rede. Und können es die Käthe- liken Irland'-, England'« und Frankreich'« nicht ebenso machen? Was mußten fie nicht Alles leiden? Die Sache der Agitatoren war niemals die ihrige'; aber während ste treu dem Lande waren, da» nur Anatheme und Verfolgung für fie hatte, zog man ihre Vaterlandsliebe in Zweifel und wollte das Recht nicht anerkennen, das auch fie auf die Freiheit hatten. Ihre Wunden find noch nicht so vernarbt, daß ste nicht noch Allen in die Augen fielen;! ihre Ketten find noch nicht seit so langer Zeit zerriffen, daß fie nicht noch deren Eindrücke vorweisen könnten; fie können diese Zeugen sprechen laffen, fie können ihren Feinden sagen: „Gebet ihr einmal solche Beweise für eure Treue gegen das Vaterland, und dann kommet und meffet euch mit uns!" Dürfen, so setzt der Einsender hier hinzu, nicht auch die deutschen Katholiken in gleicher oder doch ähnlicher Weise sprechen? Die zweite Pflicht des guten Bürgers ist die Liebe zum Vaterland; die Liebe zum Vaterlande ist eines seiner unsterblichen Gefühle, bie wie bas Gefühl für bie Familie, nicht von ben Menschen gelehrt, svnbern von bet Natur in'« Herz gegeben werben. Unser Glaube sollte nun ber Vaterlanbsliebe widerstreben? Ohne Zweifel, wenn die Liebe zum Vaterlande in dem Schrei des selbstsüchtigen Ehrgeizes oder der vollständigen Anarchie bestände, wenn die Liebe zum Vaterlande in der Leidenschaft der Utopie beruhe, dann freilich könnte der Glaube sie verdammen. Wenn aber die Liebe zum Vaterlande in dem heißen Wunsche beruht, das Vaterland mächtig zu sehen, e* zu ehren durch Tugend, Wiffenschast, Kunst und Industrie, wenn die Liebe zum Vaterlanbe in dem großmüthigen Entschluffe besteht, dar Vermögen, ja selbst das Leben zu opfern, um seine Lage zu verbessern, um die Grenzen gegen da« Eindringen de» Fremdling»
deutung bei!" sagte fie, und dann, vielleicht nur, um da» Gespräch abzulenken, fuhr fie lebhafter fort:
„Aber warum sagen Sie immer Fräulein Ernal- janow? So hat mich noch niemals Jemand genannt, und es klingt mir immer, als ob ich gar nicht damit gemeint sein könnte! Ich heiße doch Arina. Gefällt Ihnen etwa der Name nicht?"
„O, und ob er mir gefällt!" rief Bernhard warm. „Er ist der schönste Name, den ich jemals gehört! — Wie gerne will ich Sie so nennen — Fräulein Arina!"
„Und warum Fräulein!" fuhr fie, durch ihren Erfolg ermuthigt, noch eifriger fort. „Warum nicht einfach Arina, wie ich es hier gewöhnt bin, und wie sie es bisher noch alle gethan, die in unserem Hause waren? E« ist nicht hübsch, wenn man so nahe wohnen soll und doch so fremd mit einander thut! — Und nicht wahr, Sie werden doch recht, recht lange bei uns bleiben!"
„So lange, als man es mir vergönnt!" erwiderte er rasch und mit überströmendem Herzen. „Es wird mir der traurigste Tag meine« Leben« fein, an dem ich diese« Hau« wieder verlaffen muß 1"
„Nun, dann wird es also niemals, niemals geschehen!" tief sie mit ihrem silberhellen Kinderlachen jubelnd aus. „O, wir wollen prächtige Kameradschaft mit einander halten!"
„Arina! Arina!" ertönte in diesem Augenblicke eine heisere, gurgelnde Stimme von unten herauf und mit den Worten:
zu vertheidigen, wo finden wir, daß der Glaube dieselbe nur ein einzige« Mal verurtheilt hätte?
Jesu« Christus, der Urheber und Vollender de« Glaubens, hat uns selbst gelehrt, wie wir das Vaterland ehren sollen. Wer hat fich wohl in so heroischer Weise für das Wohl des Vaterlandes geopfert, wie Jesus. Ec war gekommen, um Alle zu erlösen; und doch hat er die heißen Ergüsse seines liebenden Herzens seinem Vaterlanbe vorzüglich gespmdet, ihm allein die hinreißende Be- redsamkeit seines Wdrtes vorbehalten. Wer hat mehr über da» Unglück seine» Vaterlandes geweint als Jesus? Selbst auf dem Wege zur Schädelstätte vergißt er sein eigene« Herzeleid, um über den Untergang Jerusalem«, da«! Ihn doch in den Tod sandte, zu klagen. Darum sagte er zu den weinenden Frauen: „Weinet nicht über mich, sondern weinet über euch und eure Kinder."
Für uns schließt das Vaterland unseren Jesus ein, der alle Liebe geläutert, alle Liebe entflammt hat; den Frieden der Evangeliums, die Gnade der Sakramente, jenen Altar, an dem wir die erste heilige Kommunion empfangen, die Reliquien der 6eiligen, die Geschichte der Vergangenheit, bie Hoffnung auf bie Zukunft. — Alles das finden wir im Vaterlande, sowie wir in ihm auch den Ruf Gottes finden, der die Völker an ihr Geschicke, an ihre Pflichten ruft. Es ist also eine Lüge, daß unser Glaube der Liebe zum Vaterlanbe wiberstreite. Der Glaube lehrt im Gegen- theil, baß bie Liebe zum Vaterlanbe eine Pflicht, Tugenb sei.
Nachdem bet Pater bargelegt hat, baß mit ber Liebe zum Vaterlanbe auch bie Liebe zu ben Mitbrübern verbunben sein müsse, sagt er es giebt noch eine anbere Pflicht, für ben Bürger, unb btt« ist bie Pflicht, seinem Vaterlande zu dienen. Wenn man wahrhaft liebt, mußt man sich auch für die geliebte Person zum Opfer bringen können. Nun gut, wo giebt e« eine Religion, einen Glauben, der die Hingabe an dar Vaterland in dem Maße einflößt, wie die unserige? Unser Glaube ruft dem Staatsbürger zu: „Du hast Pflichten gegen das Vaterland ebensogut, wie Du Pflichten gegen Deine Familie hast. Du bist Familienvater, Du hast Pflichten gegen Deine Gattin, gegen Deine Söhne, Pflichten, von denen keine Autorttät Dich entbinden kann. Als Bürger hast Du aber auch Pflichten gegen das Vaterland, die Niemand Dir nachzulassen vermag. Wenn Du diese Pflichten vernachlässigst, wenn Du Deinem Vaterlanbe nicht bienst, begehst Du ein Vergehen, unb wenn bie Menschen Dich nicht verurtheilen, so müssen wir Priester Dich verurtheilen im Namen be« göttlichen Gesetze«!"
Für unseren Zweck möge ba» Vorstehende genügen, denn wollte man alle die Punkte behandeln, die der Pater zur Beweisführung hervorgezogen hat, so müßte man seine ganze Rede abschreiben. Im zweiten Theile derselben zeigt er
„Der Vater ruft mich! — Auf Wiedersehen I Auf Wiedersehen!" flog Arina an Bernhard vorüber die Stiege hinab.
Der junge Mann aber sank in einen der hochlehnigen, mit kunstvoll bearbeitetem Leder überzogenen Stuhle, stützte die Stirn in die Hand und wünschte fich nichts anderes, als daß es niemals ein Erwachen geben möge aus diesem Märchen- träum.
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Und wie auch die Tage vergingen, wie sich auch Woche um Woche an einander reihten, die fremde märchenhafte Welt, in welche fich Bernhard wie mtt einem Zauberschlage aus seinem Kerker versetzt sah, ste verlor nicht» von ihrem Feenglanze, von ihrem gehetmnißvollen Reize. Er war über die Vergangenheit und über die Verhältnisse seiner Umgebung noch eben so wenig unterrichtet, als am ersten Tage, er hatte aus Iwan Petrowitsch'« Munde noch nie ein andere« Wort vernommen, als die unumgänglich noth- wendigen Grüße und die kurzen mürrischen Erwiderungen auf seine spärlichen Fragen und er war auch in dem Vertrauen Kirsanoff's offenbar noch nicht weiter vorgerückt, al» in jener Stunde da der russische Edelmann ben unter bet Last seine« Schicksals zusammenbtechenben Jüngling vot dem Thore der Gefängnisses unter seinen Schutz genommen hatte. Aber er war weit davon ent-
sodann, wie seine Landsleute ihre Liebe zu ihrem Vaterlande Italien in seiner dermaligen traurigen Lage zu bethätigen hätten, und schließt mit fol- gender feurigen Apostrophe an seine Zuhörer: „Gehen Sie hin und retten Sie das Vaterland durch die Liebe I Gott will es I Al« einst die christliche Gefittung fich bedroht sah von dem siegreichen Islam, da eilten die Großen und Mächtigen herbei, schaarten fich um das Banner Christi und wandten jene Gefahr ab unter dem begeisterten Rufe: Gott will es. Und wenn ich diese neue Barbarei betrachte, die unser Vaterland unser theueres Italien bedroht, dann rufe ich Ihnen zu: „Meine Brüder eilen Sie, halten Sie den Egoismus auf, vertreiben Sie dieWegierlich- kett und vor Allem den Jrrthum, der die Grund- Ursache von beiden ist: Gott will es! Gott will es! Wohlan, meine Brüder, retten Sie unser Land, retten Sie unsere Heimath! Retten Sie selbige durch reiche Entfaltung der Nächstenliebe, retten Sie dieselbe, indem Sie allenthalben die Wahrheit im Bunde mit der Nächstenliebe zeigen, indem fie die Nächstenliebe als hehre Tugend üben.
Wir meinen, schlagender konnte man die Frage, ob die Katholiken vatcrlandrlo« seien, wohl nicht beantworten. Ueberhaupt möchten wir die Lektüre dieser herrlichen Vorträge Allen, besonder« den Angehörigen der gebildeten Stände, hauptsächlich aber dem Klerus, und unter ditsem vorzugsweise den jüngeren Priesten auf da« dringendste empfch« len. Wir können uns nicht erinnern, je schönere Predigtvorträge gelesen zu haben, als die von P. Apostino über die Eucharistie, über die Beicht und vornehmlich über bar Fegfeuer. An dieser Fülle von Gedanken der herrlichen Gruppirung derselben, in solch begeisterter, schwungvoller, erhabener Sprache kann er keinem in etwa« be- anlagten jungen Priester schwer fallen, zum tüchtigen Kanzelredner sich zu bilden.
Pfr. E. in Schm.
Verwischtes.
(Einige SBor.te über da« Schlafen bei o ffettem Fenster und über das Trinken bei erhitztem Körper.) Häufige Anfragen und die verschiedenen Ansichten, welche hierüber unter dem Publikum existiren, haben mich veranlaßt, diese beiden wichtigen Punkte einer kurzen Besprechung zu unterziehen. Es herrschen in Bezug auf das Schlafen bei offenem Fenster hauptsächlich zwei Ansichten: Die einen glauben, daß es viele Krankheiten, sogar Erblindung und den Tod herbeiführen könne, die anderm meinen, daß es die Gesundheit erhalte und vor schweren Erkrankungen und einem frühen Tode schütze. Wo liegt nun die Wahrheit? Beide Ansichten, in übertriebener Weise vertreten, sind unrichtig. Würde Jemand alle Thüren und Fenster seine« Schlafzimmers aufsperren und sich der Nachtluft und Zugluft direkt aus- setzen, so wäre ein nachtheiliger Einfluß bei nicht ganz abgehärteten Naturen wohl unvermeidlich. In mäßiger Weise sein Schlafzimmer zu lüften unter Rücksichtnahme auf Witterung und Jahreszeit, kann der Gesundheit nur zuträglich sein; besonders gilt dies von kleinen Stuben, welche nicht durch Nebenthüren mit luftigen Räumen ver-
fernt, fich übet alle diese Dinge ben Kopf zu zerbrechen, beim wie viele ungelösten Geheimnisse ihn auch immer umgeben mochten, eine« war ihm nicht länget ein Geheimniß geblieben.
Er liebte Arina I Dessen war et sich mit vollster Klarheit bewußt geworben, noch ehe er sich zum ersten Male unter diesem Dache zum Schlummer niedergelegt hatte. Aber seine Liebe für sie hatte nichts gemein mit jener bethörten unb bethörenden Leidenschaft, bie ihn einst für Pauline Mellinger erfaßt unb bie er, ach, so theuer hatte bezahlen müssen. Jene vermeintliche Liebe lag weit, weit hinter ihm wie ein dumpfer, drückender Traum, von dem nur noch eine unklare, nebelhafte Vorstellung in seinem Bewußtsein lebte — er beklagte sie al» eine unverzeihliche, folgenschwrre Verirrung, aber er konnte ihrer doch gedenken, ohne daß sein Herz schneller geschlagen hätte unb ohne baß sein Blut in heißere Wallung gekommen wäre. Sein ganzes Dasein war in Arina aufgegangen; all' bie Verzweiflung, all' der tiefe Gram über sein verfehlte« Leben, welche ihm noch vor so kurzer Frist einen frevelhaften Selbstmord al« ben einzigen Ausweg aus bent Labyrinth hatte erscheinen laffen, feitbem er in ihrer Nähe wellen durfte, feitbem ihre strahlende Heiterkeit — bie Heiterkeit eines reinen, unschuldsvollen Kinder- herzen« — feinem Dasein Sonnenschein und Licht und Wärme gab.
(Fortsetzung folgt.)