M 241.
Samstag, den 19. Ottober.
1889
S)te ,Fuldaer Zeitung erscheint täglich sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Brinqerlohn und Bestellqeld mrt der belletristischen Wochenbeilage ,Ster ne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pfg., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Zweites Blatt.
? Sind die Katholiken wirklich vaterlandslos?
Der durch seine in Florenz, Turin und in der St. Carlo-Kirche zu Rom abgehaltenen Konferenzreden weithin bekannt gewordene Franziskaner- Pater Agostino da Montefeltro behandelt in einem seiner Vorträge auch diese Frage; und zwar in jenem Vortrage, der in dem dritten Bändchen der von Dr. Joseph Drammer zu Mainz in deutscher Uebersetzung veröffentlichten Predigten des berühmten Paters die IX. Stelle einnimmt, und die Ueberschrift „Vaterland" führt. Es dürfte viel- leicht für nicht wenige Leser der ,Fuld. Ztg/ von Jatereffe sein, die diesbezüglichen Ausführungen des P. Agostino auszugsweise kennen zu lernen. Es hat fich allerdings dieser Auszug etwas um- fangreich gestaltet; allein es ist eben nicht wohl möglich, den Gedankengang des Pater in gedrängterer Kürze wieder zu geben.
Warum wohl, so beginnt der Pater den ersten Theil seiner Konferenzrede, jenes Mißtrauen, welches sich allenthalben gegen den Katholiken äußert? Warum die Verfolgungen, zu welchen man auch heutzutage zu greifen sich nicht scheut? Die anderen Kulte werden in Frieden gelassen, Niemand kümmert sich um sie; selbst den verworfensten Atheismus läßt man in Ruhe, der doch mit einem Stoße das ganze Gebäude der menschlichen Gesellschaft zum Wanken bringt. Keiner denkt auch nur daran, gegen sie aufzutreten. Rur der Katholik wird als Fremdling betrachtet mitten zwischen seinen Brüdern. Rur den Katholiken möchte man gar zu gerne außerhalb de« Gesetzes stellen; nur ihn möchte man von den zivilisirten Nationen ausschließen können. Und warum da«? O diese Sprache ist nicht von heute; diese« Benehmen ist nicht neu, e« reicht bi« zum Ursprünge des Christenthums hinauf. Das heidnische Rom führte dieselbe Sprache, zeigte dasselbe Benehmen gegen die Cristen; eben, weil sie nicht seine Götzen anbeten wollten, wurden sie als schlechte Staatsbürger betrachtet, obschon sie im Uebrigen ihr Leben ganz und gar nach den Gesetzen des römischen Kaiserreiche« ordneten. Rach 19 Jahrhun-
Das WaldHaas.
Novelle von R. O.
(10. Fortsetzung.)
Kirsanoff sah mit sichtlicher Befriedigung, daß der Verkehr zwischen den beiden jungen Leuten mit jeder Viertelstunde ein freierer und zwangloserer wurde, und je eifriger Bernhard wurde, desto weniger betheiltgte er sich selbst an der Unterhaltung. Mehr als einmal hallte Arina's frohes, silberhelles Lachen durch den hohen, altväterlichen Raum, und Bernhard horchte fast verwundert auf, als er fein eigenes Lachen hörte, einen Laut, den er feit nahezu vierJahren nicht mehr vernommen und den er nicht mehr zu hören vermeinte.
„Wie sieht's denn nun mit unserer Mittag«- Mahlzeit aus, Arina?" fragte Kirsanoff endlich. „Iwan Petrowitsch wird böse sein, wenn Du ihm die Sorge dafür ganz allein überläßt, und ich denke überdies, unser Freund wird ein Verlangen darnach tragen, sein wunderschönes Zimmer kennen zu lernen, um sich vor Tisch noch ein wenig darin auszuruhen!"
Da« junge Mädchen sprang sogleich von seinem Eitze auf und machte Bernhard eine kleine, einladende Verneigung.
„Ja, ja, da» hätte ich fast vergessen! Der Vater wird zwar meine Hilfe in der Küche kaum
betten der Segnungen des Christenthums hätten wir wohl mit Recht glaube» können, daß die von den Katholiken für ihre Unterthanentreue abgelegten Beweise hinreichend seien. Da man aber in dem unglücklichen Jahrhundert, in welchem wir leben, mit einer nie gesehenen Hartnäckigkeit Vor- urtheile, die längst begraben schienen, aus dem Staube ausgräbt, Feindschaften, die erloschen schienen, auf'« Reue anfacht, so bleibt um nicht» Anderes übrig, als die Bemerkungen der alten Apologeten wieder aufzunehmen. Was sagte denn ein Origene«, ein Tertullian, ein Cyprian bett römischen Kaisern? Indem sie das Evangelium aurlegten, zeigten sie, daß die Grundsätze, welche am geeignetsten und wirksamsten zur Bildung guter Staatsbürger sich erwiesen, gerade die de» Evangeliums seien, und indem sie sprechende Beispiele anführten, forderten sie Jeden heraus, Bürger zu nennen, die der Obrigkeit unterwürfiger wären, als die Anhänger Jesu Christi.
In der Thal, welches find denn dis Pflichten, die den guten Staatsbürger ausmachen? Die erste Pflicht ist die Achtung vor dem Gesetze, vor der Autorität, die in dem Lande die Ordnung aufrecht erhält, die das Land vor Allem bewahrt, was feine Existenz, feine Größe, feine Ruhe in Frage stellen könnte. Run gut, wie sollte unser Glaube diese Pflichten gering schätzen? Ist es nicht gerade unser Glaube, der diese Pflichten unterstützt und heiligt? Würde man denjenigen noch einen Katholiken nennen können, der diese Pflichten verachtet? Rein, denn er würde gegen die ausdrückliche Lehre und dar Beispiel Jesu Christi handeln, er würde gegen die Lehre der Apostel sündigen, gegen Alles das, was die Kirche lehrt und gelehrt hat.
Er würde gegen die Lehre und das Beispiel Jesu Christi handeln. Das Beispiel dieser göttlichen Lehrmeisters, seine Unterwürfigkeit unter die Autorität» seine Achtung vor dem Gesetze datiren von seiner Wiege her; ja diese Unterwürfigkeit und diese Achtung gehen au» dieser Wiege selbst hervor. Er wird zu Bethlehem geboren, wohin ihn dar Gebot der Volkszählung geführt hat; er besitzt seinen Civilstand, seine Geburt wird von der öffentlichen Behörde in die Register eingeschrieben. Er wächst heran in der Beobachtung der
vermissen, aber Ihr Zimmer muß ich Ihnen doch zeigen, Herr Bernhard. Das Vergnügen lasse ich mir nicht nehmen!"
Sie sprang behende vorauf und wie in einem Traums folgte ihr Bernhard nach. Roch ehe er die Treppe zur Hälfte erstiegen hatte, stand sie bereits oben und lachte über seine Langsamkeit. Ihm aber schlug da» Herz so gewaltig, als hätte er statt der wenigen Stufen einen Berg zu ersteigen gehabt, und als sie jetzt mit komischer Feierlichkeit eine gerade vor ihm liegende Thür öffnete, da mußte er sich an dem Geländer festhalten, um erst wieder zu Athem zu kommen.
Aber Arina hatte nicht übertrieben, wenn sie sagte, daß das Zimmer des neuen Gastes ein schönes sei. Es war ein großer, hoher Raum, leicht und luftig wie alle Zimmer de« seltsamen Schlosse». Die Wände sowohl wie die Decke waren mit prächtigen Holztäfelungen bekleidet, und der Grund der einzelnen Medaillon» war mit phan- astischen Blumenranken und Amoretten bemalt. Ein große» Paradebett stand in einer Ecke de» , Zimmers, und auch die übrigen Einrichtungsstücke, oerenZahl allerdings nur klein war, zeugten von Reichthum und Geschmack. Freilich war schon manches Jahrzehnt vergangen, seitdem alle diese Herrlichkeiten die Werkstätte ihres Erzeugers verlassen hatten, aber das Alter beeinträchtigte ihre
Gesetze seines Landes, von denen er sich niemals entfernt. Eines Tages treten die Fiskalbeamte« zu ihm hin und ibegehren von ihm die Steuer; sie ftagen Petrus, ob fein Meister auch die auferlegte Steuer bezahle. Und Petrus antwortet, ohne Jefum auch nur zu fragen: „Ganz gewiß;" so sehr war er mit den Gewohnheiten seiner Meister- vertraut. Und in der That, Jesu», trotz seine« göttlichen Charakter«, der ihn von der Steuer befreite, trotz seiner Armuth, die ihm die Bezahlung derselben unmöglich machte, wollte lieber ein Wunder wirken, al» sich dem entziehen, was man kleine bürgerliche Pflicht hätte ansehen können.
Betrachten wir nunmehr die Lehre Jesu Christi. Die Pharisäer fragten ihn eine» Tage»: „Ist e» erlaubt, dem Kaiser Zin» zu geben oder nicht?" Sie verlangten von ihm gleichsam einen Akt de» politischen Glaubensbekenntnisse». Die Frage war schwierig und gefahrvoll. Erklärte er sich für die Römer, so konnte er sicher sein, die stolzen Juden gegen sich zu haben, bestritt er die Gesetzlichkeit der Steuer, so wurde er der Behörde al» Aufwiegler angezeigt. Da» Retz war also mit großer Schlauheit gelegt. Allein der göttliche Erlöser trug die Frage höher empor und trennte mit einem einzigen Worte die beiden Pflichten de» Menschen, indem er die Rechte Gotte» von den Rechten de» Kaiser» schied: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber auch Gott, was Gottes ist."
Ein anderes ebenso glänzendes Beispiel des Gehorsam» gegen die Obrigkeit geben die Apostel. Geleitet von dem Beispiele und den Worten Jesu, ihre» göttlichen Lehrmeister», gehorchen sie den Gesetzen ihre« Lande«. Hören wir den hl. Paulus, der schreibt: „Gehorchet der Obrigkeit: denn jede Obrigkett kommt von Gott. Er will, daß einem Jeden das gegeben werde, was ihm zukommt, und darum muß man Ehre erweisen, wem Ehre, Tribut, wem Tribut gebührt." Und der hl. Petrus, der Fürst der Apostel schreibt: „Seid unterwürfig den Geschöpfen aus Liebe zu Gott. Zeiget euch al- freie Menschen, aber nicht wie jene, die der falschen Freiheit fich al« Schleier bedienen, um die Nichtswürdigkeit ihrer Handlungen zu verbergen."
Tie Kirche hat immer die Lehren Jesu Christi bewahrheitet; sie, welche die Lehre Jesu Christi in die That umsetzte, hat immer diese Lehre gegen
Schönheit nicht und trug nur dazu bei, ihnen dar allzu Prunkhafte und Steife zu nehmen. Eine der vornehmsten Schönheiten des Zimmers war freilich die unvergleichliche Aussicht, die fich durch da« hohe, in einen gothifchen Spitzbogen auslaufende Fenster bot, und fein prächtigster Schmuck war der mächtige, mit künstlerischem Feingefühl zusammengestellte Blumenstrauß, der mitten auf dem Tische prangte.
Betroffen .und überwältigt war Bernhard auf der Schwelle stehen geblieben. Dar Alle» drang so plötzlich, so ungewohnt, so gewaltig auf ihn ein, der Wechsel zwischen seiner gestrigen und seiner heutigen Umgebung war ein so jäher und unvermittelter, daß er vergebens nach einem Worte suchte, welches seiner Stimmung hätte Ausdruck geben können, und daß er Mühe hatte, die Thrä- nen niederzukämpfen, welche ihm heiß in die Augen steigen wollten.
„Wie schön! Wie schön! Wie unvergleichlich schön!“ konnte er nur hervorbringen. „Wie danke ich Ihnen für Ihre Güte, Fräulein Emaljanow!"
Er hatte ihr seine Hand entgegengestreckt und ohne Bedenken hatte sie die ihrige hineingelegt, aber seine Rührung machte sie verwirrt. Sie war wohl auf eine fröhlichere Freudenäußerung vorbe, reitet gewesen.
„Sie legen der Sache eine viel zu große Be»