mal in Berlin eingetroffen war, waren bereits über 2000 Bettelbriefe in dem rufstfchen Botschafts- Palais abgegeben worden.
• Der Gustav-Adolph-Verein hat auf seiner Danziger Hauptversammlung wieder kräftig in konfesfioneller Hetze gearbeitet. Schon auf der Begrüßungs-Versammlung begann ein Konsistorial- rath Koch mit einem Klagegesang über „den armen blutenden Lazarus", als welcher „das Evangelium" in Westpreußen unter dem Drucke der Diaspora vor der Thüre des reichen Prasser« liege, und deklamirte über „die Anfechtungen Roms und der römischen Propaganda", welche den „Hafen des evangeltfchm Friedens bedrängten." Der Oberbürgermeister von Danzig, Herr Winter, der zunächst „dm Friedm und die Eintracht" rühmte, in welcher die Protestanten und Katholiken Danzigs mit einander lebtm, sprach dann, als gebe es in der von ihm verwalteten Stadt keine (30,000) Katholiken, über „die Gegenrefor- mation mit ihren Schrecken und Jesuttenschaaren", unter denm Danzig gelitten, bi« „zu ihrem Heile der große Schwedmkönig Gustav Adolph, der die Sache des Protestantismus zu seiner eigenen gemacht hatte, hier seine Arbeit begann und dem Lande Religionsfreiheit für die Protestanten wie für die Katholiken erkämpfte." Allen zuvor aber that es der Vorfitzende de« Central-Vorstandes, Geh. Kirchenrath Prof. Dr. Fricke au« Leipzig. Er sagte u. A.: Danzig habe trotz dm Polm, trotz den Edikten Roms und der Bischöfe den protestantischen Charakter bewahrt und vor allem der Jesuiten stch erwehrt, welche nicht blo« in ihren Statuten, sondern auch ihrer Gefinnung nach al« Ziel die Vernichtung der evangelischen Kirche anstrebten, Feinde allm Evangeliums seien und, man möge sagm, wa« man wolle, dem Grundsatz huldigtm: „Der Zweck heiligt die Mtttel." Die Versammlung tage in einem alten Franziskaner-Kloster, stehe also auf katholischem Grund und Boden. Der Gustav-Adolph-Verein werfe von hier au» seinen Blick auch nach außen auf die römische Propaganda mittel« der gemischten Ehen, der unwürdigen Hetzjagd auf die Seelen, der Gefährdung der Schwachen u. s. w. Wenn die Nachri Ht der Blätter richtig sei, so hätten die kürzlich in Fulda versammelten Bischöfe erklärt, „daß der Gustav-Adolph-Verein aggressive Tendenzen verfolge, während sie (die Bischöfe) die friedlichsten Menschen der Welt feien." Diese Stelle erregte große Heiterkeit im Zuhörerkreise, obwohl damals auch nicht das Geringste über die Verhandlungen der Bischöfe in Fulda öffentlich verlautet war — allein ohne derartige Erfindungm scheinen die Herren ihr Geschäft nicht tretbm zu könnm. Redner kam noch ein zweite« Mal auf jene angebliche Erklärung der Bischöfe in Fulda zurück, und er bezeichnete sie, wmn die Mittheilnng der Blätter richtig sei, al« eine „unverantwortliche Verleumdung." (Bravo!) Er wolle auch mit den katholischen Brüdern Frieden halten; aber nur mit denjmigen Katholikm, welche auch die evangelische Gewiffensüberzeugung so zu ehrm und zu achten in der Lage seien, wie die Protestanten gegenüber der katholischm Urberzeugung es thätm. („Kulturkampf!") Bei dem Festgottesdienste hielt Stadtpfarrer Lauxmann au« Stuttgart die Predigt, in welcher er von den „Leiden der evangelischen Kirche, speziell in Westpreußen" sprach, an das „Blutbad in Thom" erinnerte, dann auf die Verfolgungen der Waldmser in Italien, auf die Ketzer-Verbrennungen der Inquisition in Spanien zu reden kam. Endlich schllderte er auch noch die Verfolgungen der evangelischen Kirche in der Gegenwart, die er mit dm beiden Wortm genugsam zu charakterifiren glaubt: „Gemischte Ehm" und „Jesuitische List." Diese beiden Worte enthielten ein ganze« Bündel von Schmach, Niedrigkeit, Zer« tretung de« evangelischen Wesens. Deßhalb würde der Gustav-Adolph-Versammlung da« Salz der Vereinigung fchlm, wem nicht hiervon die Rede wäre. Mtt dem Schlußsätze hat der Herr Stadtpfarrer zweifellos Recht. Das „Salz der Vereinigung" würde den verschiedmen Richtungen im Protestantismus vollständig fehlen, wenn sie nicht in dem gemeinsamen Gepolter „gegen Rom" stch zusammenfänden. Wie anders sieht es doch in dieser Beziehung auf katholischer Seite aus!
* Im Publikum sind vielfach ganz irrige Vorstellungen über die Besoldung der Offiziere
verbreitet. Da« Armee - Verordnungsblatt für 1886 veröffentlichte auf Seite 151 das penfions- fähige Jahres-Einkommen der Offiziere. Danach beträgt dasselbe in Mark: - 4 TW
Bei bei Sekonde-Lieutenants ..... 1,546 M.
„ „ Premier- „ 2,126 „
„ „ Hauptleuten 2. Klasse..... 3,590 „
„ , Hauptleuten 1. Klaffe..... 5,030 „
„ „ Stabsoffizieren als Bat^Kommandeure 6,530 „
„ „ Stabsoffizieren als Reg.-Kommandeure 9,324 „
„ „ Brigade-Kommandeuren als Oberst 10,746 „
Bei den Offizierm besteht innerhalb derselben Charge derselbe Gehaltssatz. Abstufungen giebt e« nicht. Die Aufbesserung bei Beförderungen in eine höhere Sarge ist daher eine ungleich günstigere, wie bei dm Cioll-Beamtm; das Mehr beläuft sich bei der Beförderung vom Premier-Lieutenant zum Hauptmann 2. Klasse auf 1464 M., bei Beförderung von Hauptmann 2. Klasse zum Hauptmann 1. Kl. 1440 M., sodann auf 1500 M., 2794 M. u. s. w. Ferner ist in Betracht zu ziehen, daß der aktive Offizier hinsichtlich seines Dienst- Einkommmr von den Kommunalsteuern befreit ist, und daß dis Mitglieder der Militär-Gemeinden keine allgemeine Kirchensteuer zu zahlen haben. Bei Beurtheilung des Dienst-Einkommens eines Seconde-Lieutenants ist nicht auß:r Acht zu laffm, daß der Lieutenant schon im jungen Alter von 21 Jahren in den Genuß eines solchen Einkommens tritt.
* Bei Skalmierzyce an der russischen Grenze beschlagnahmten preußische Grenzgendarmen einen großen, -nach Rußland bestimmten, meist in Zürich gedruckten Transport sozialistischer Schriften. Zwei Schmugler wurden verhaftet.
* Breslau, 16. Okt. Auf Grund einer Verfügung des Kultusministers v. Goßler ist das am 1. April d. 3«. mit staatlicher Genehmigung von den Ursulinerinnen zu Schweidnitz in ihrem eigenen dortigen Kloster eröffnete Lehrerinnenseminar, verbunden mit Präparandie und gut besuchtem Pensionat, plötzlich geschlossen worden. Diese Maßregel hat in den betheiligten Kreisen große Bestürzung hervorgerufen. Hebet die Gründe der plötzlichen Aufhebung der bezeichneten Anstalt verlautet bis jetzt nichts.
• Aus M ü;n st <r wird gemeldet, daß Freiherr von Schorlemer-Alst fein Mandat zum Abge- ordnetenhause aus Gesundheitsrücksichten und wegen zu großer Arbeitslast niedergelegt habe. Das katholische Volk wird einen in so vielen Kämpfen und Fragen hochverdienten Parteiführer nur mit tiefstem Bedauern scheiden sehen und ihm eine oankbare Erinnerung bewahren.
Ausland.
• Die internationale Arbeiterschutzkonferenz soll nunmehr im Mai 1890 zusammentreten. Der schweizerische Bundesrath wird demnächst an die Aufstellung eine» eingehenden Programm« für die Konferenz herantreten.
* Rom, 17. Okt. Gestern find hier 800 sran- zöstsche Pilger eingetroffen, heute Abend hat der Papst 600 derselben empfangen.g| : A
• Prinz Ferdinand von Kobucg kam am Mittwoch Abend im Vandeville-Theater in Pari- zufällig mit dem Exkönig Milan zusammen. Am Freitag ober Sonnabend verläßt der Prinz Pari« und wird sich wahrscheinlich nach London und nach Brüssel begeben. Die Rückkehr nach Sofia dürfte kaum vor dem 1. November erfolgen.
* In Serbien hat Königin Natalie ihren Willen durchgesetzt und eine Zusammenkunft mit ihrem Sohne herbeigeführt. Mittlerweile ist König Mllan nach Pari« gereist, um sich die Welt-Ausstellung anzusehen und in den Vergnügungen jder Großstadt Trost für fein Mißgeschick zu suchen. Er hat auch schon einem französischen Journalisten sein Herz ausgeschüttet und die Königin Natalie für eine große Komödiantin erklärt. Schaden wird er ihr damit nichts metjr; Milan hat in Serbien nichts, mehr zu bedeuten und die Regentschaft hat ihm da« deutlich zu verstehen gegeben.
* König Ludwig I. von Portugal liegt im Toderkampfe. Er ist ein Sohn des Königs Ferdinand und der Königin Maria II. da Gloria, Tochter de« Kaisers. Petro I. von Brasilien. Durch feinen Vater gehört der Fürst dem Haufe Koburg an, weshalb zu seinen Titeln auch der eines Herzog« von Sachsen zählt. König Ludwig wurde geboren am 31. Oktober 1838 und bestieg nach dem Tode seines Bruders Pedro V. de Alcantra
am 11. November 1861 den portugiesischen Thron, wurde am 23. Dezember gekrönt und ist seit dem 6. Oktober 1862 vermählt mit Maria Pia, Toch- ter de« König« Viktor Emanuel von Italien.
Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 19. Oktober.
• Zur Betheiligung an dem heute Nachmittag stattfindenden Begräbnisse de« in Gott ruhenden Herrn Domkapitular« Wilhelm Kleespie« find heute Vormittag unter Führung des Herrn Pfarrers Paul von Orb der dortige katholische Männerverein und Turnverein, sowie mehrere Mitglieder der Order Pfarrgemeinde hierselbst eingetroffen, um ihrem einstigen, innig geliebten Seelsorger die letzte Ehre zu erweisen und der dankbaren Erinnerung Ausdruck zu geben, welche ste ihm di« zum Tode bewahrt haben und auch darüber hinau« allezeit bewahren werden. Der Verstorbene war, um die« in Vervollständigung unserer vorgestrigen Todesnachricht noch hier anzusügen, am 4. Febr. 1866 al« ernannter Pfarrer der Stadtpfarrei Orb durch Dechant Schnugg von Burgsinn in sein Amt eingeführt worden. Von 1852—1857 war derselbe Kaplan in Dingolshausen, 1858 Kaplan in Donnersdorf, 1859—60 Pfarrvikar in Falkenstein, 1861 Stadtkaplan inGerobehofen, 1862 Pfarrvikar in Sommerau, 1863—1866 Lokal - Kaplan in Vasbühl. Ein Bruder des Verstorbenen ist z.Z. Oberforstrath zu Würzburg, ein anderer Oberförster zu Donauwörth. Die Betheiligung an dem Begräbnisse wird sicherlich eine außerordentlich große fein, entsprechend dem hohen Grade von Liebe und Achtung, die sich der Dahingeschiedene durch sein langfährige« gottgeweihtes und menschenfreundliche« Wirken in allen Kreisen der Bevölkerung erworben hat. R. i. p.
* Der Oberpräsident zu Kassel bat eine 93er- loosung für den Verein katholischer Lehrer innen in Hlffen-Nassau, Rheinland und Westfalen genehmigt. Die Verloosung soll zu Höhr stattfinden, wo auch die Gewinne (Gold- und Silbersachen, Gemälde, Handarbeiten, Bücher, Thonwaaren) ausgestellt sind. Der Reingewinn soll zum Besten erkrankter katholischer Lehrerinnen verwandt werden. Es kommen 10,000 Loose zum Verkauf; jede« zehnte Loo» gewinnt.
* Am 12. November d. I. wird, wie in den Vorjahren zweck» Veranlagung der Klaffensteuer für da« Jahr 1890/91 eine allgemeine Aufnahme de« Personenstandes in hiesiger Stadt vorgenommen. Jedem Hauseigenthümer oder dessen Stellvertreter werden zu diesem Behufe schon mehrere Tage zuvor die üblichen Formulare ein- gehändigt, die hinsichtlich sämmtlicher in dem betr. Hause wohnenden Personen nach dem Stande vom 12. November d. I. genau und sorgfältig auszufüllen sind.
* Die Gräfin von Schaumburg, Willwe des hier in Gott ruhenden Fürsten Friedrich von Hanau hat bei ihrem kürzlichen Hiersein unserer Stadtbehörde wieder ein namhafte« Geldgeschenk, diesmal 1000 Mark, und zwar besonder« zur Vertheilung an evangelische Hilfsbedürftige, überwiesen. — Der bisherige Bureau - Hilfsarbeiter Heinrich Pfeiffer bei der König!.Polizei-Direktion in Cassel ist, wie da« hiestge .Kreisbl.' meldet, zum Bureau-Asststenten bei der Königl. Polizei-Verwaltung in der Stadt Fulda vom 1. November ab ernannt.
* Bei Auswahl der Farben für die am 1. Oktober 1889 im Reichspostgebiet eingeführten neuen Postwerthzeichen ist in erster Linie der im Weltpostverein angenommene Grundsatz bestimmend gewesen, wonach die im Weltpostverkehr am häufigsten vorkommenben Briefmarken, nämlich diejenigen im Werthe zu 25 Cents (— 20 Ps.), 10 Cent« (— 10 Pf.) und 5 Cents (— 5 Pf.), thunlichst übereinstimmend in allen Vereinsländern, von blauer bezw. rother und grüner Farbe fein sollen. Dieser Grundsatz, welcher wesentlich dazu beiträgt, die Prüfung der in den verschiedenen Vereinsländern zur Erhebung gelangten Franko- betrüge zu erleichtern, war im Reichspostgebiet bezüglich der Freimarken zu 20 Pf. und 10 , f., welche nach wie vor in blauer und rother Farbe hergestellt werden, bereits in Anwendung gekommen. Zur vollständigen Durchführung des Grundsätze« fehlte mithin nur noch die Annahme der grünen