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M 241.

Samstag, den 19. Oktober.

1889

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Erstes Blatt.

Crispi s Fata Morgana.

Ein Gefühl der Unzufriedenheit geht seit langer Zeit durch die ganze Apenninen-Halbinsel. Die nationalen Chauvinisten haben Aller erreicht, war ihr Ziel war, aber sie haben von all' dem Glanz und Schimmer der sogenannten italienischen Einheit nichts als Noth und Schmerzen, nichts als er­höhten Steuerdruck und Verminderung der Pro­duktion und des Absatzes ihrer Produkte.

Crispi ist der Vertreter des eingefleischten Chauvinismus, der Vertreter der Großmanns» Politik Italiens. Die Unzufriedenheit ist besonders in Süditalien und Sizilien eine sehr tiefgehende. Das kürzlich gegen Crispi verübte Attentat, so harmlos es auch in seinen Folgen für die Gesund­heit des Ministerpräsidenten war, bewies doch einen ungewöhnlichen Haß und die Freunde Crirpi's hielten es für angezeigt, daß er wieder einmal fein Programm ausrolle und seine Politik recht- fertige. Palermo wurde gewählt, weil Crispi als junger Advokat in Palermo seine Laufbahn be­gonnen, auch dort nach der Herstellung der italie­nischen Einheit fein erstes parlamentarisches Man­dat erhielt. Ein ganz ungewöhnlicher Reklame- Apparat wurde in Bewegung gesetzt, um die Augen von ganz Italien auf Palermo zu lenken, ein hal­bes Hundert Senatoren, 140 Deputirte begleiteten den Premierminister dorthin. Was hat er nun gesagt? Bekannt ist jene eigenthümlichs Luftspiege­lung, dis besonders an den süditalientschen Küsten und in der afrikanischen Wüste häufig vorkommt und den Namen Fata Morgana führt. Pracht­volle Paläste mit herrlichen Gärten, Springbrun­nen rc. zeigen fich dem Auge des müden Müsten- wanderers; je mehr er ihnen zustrebt, desto mehr weichen sie zurück, endlich zerfließen fie in Nebel.

So herrlich und schön mag sich vor den Augen von Millionen von Italienern das Bild des geeinig- ten Italien ausgenommen haben und all' feine Be­redsamkeit bot Crispi in Palernü» auf, dieser Bild in glühenden Farben vor die Augen seiner Zuhörer hinzuzaubern, aber was er schuf, war nur eine Fata Morgana, ein Nebelbtld I

Wie ein erbärmlich schlechter Schauspieler spielte er zunächst auf das Gallerte-Publikum hin und um den Janhagel seines Auditoriums zu feffeln, be­gann er mit Schmähungen und Blasphemien, die er gegen das Papstthum schleuderte. Crispi, der alte Garibaldianer, der Aspromonte erlebt hat, der gavz genau weiß, daß die Gnade Napo­leon'« III er war, die das einheitliche Italien erstehen ließ und der alle Demürhigungen kennt, die sich Italien gefallen lassen mußte, Crispi, der als Staatsmann ganz gut wissen mußte, daß Ita­lien heute nur existirt, weil feine Existenz im In­teresse Deutschlands, Oesterreich« und Englands liegt, Crispi wagt es, das weltliche Papstthum eine „vergängliche Periode" zu nennen. Gegenüber den geschichtlichen Thatsachen wird diese Behaup­tung zur grotesken, in's Lächerliche Überschlagenden Frechheit!

Eine Sicherung der beständigen und vollständigen Ausübung der religiösen Attribute der Papstthum» nennt Crispi den in Rom herrschenden Zustand, wo die Schmach der Brunofeier möglich war, wo der heil. Vater wie ein Gefangener im Vatikan leben muß und er wie seine Umgebung täglich Gefahr laufen, von bi« zum Wahnfinn verhetzten Pöbelhaufen beleidigt, bedroht zu werden! Rom ist unter der italienischen Herrschaft zu einer Kloake von Verbrechern aller Art geworden, und dieses Rom soll unantastbar sein?

Crispi beruft fich auf dis Zahl der in Italien

bestehenden Schulen, aber diese Schulen lehren den Unglauben und die Sittenlosigkeit, in diesen Schulen wurden die Attentäter gebildet, die nirgends so häufig find wie in Italien, die zuletzt sogar die mit Steinen bewaffnete Hand zum Schlage gegen ihren Meister Crispi erheben.

Wenn Menschen feig schweigen, reden die Steine, man muß unwillkürlich an diesen Spruch denken, wenn Crispi selbst an den Unglücklichen erinnert, den die „liberalen Ideen" zum Attentäter machten!

Was habt ihr aus Italien gemacht? Verdummt und verroht ist das Volk, der Briggantaggio und die Kamorra treiben ihr Unwesen in den Bergen Süditaliens; in Sizilien, dem Garten Gottes, ver­hungert im tiefstm, dumpfen Elend die Bevölke­rung; in den Städten Mittel- und Oberitaliens bläht fich der betrügerische Finanzschwindel, und Krach folgt auf Krach, die Arbeiterbevölkerung wandert aus, Verarmung, Elend mit ihrem Ge­folge an Lastern und Verbrechen überall, von den Abhängen der Alpen bis zu der Südküste Sizilien«, das ist das einige Italien!

Crispi freilich taucht seinen Pinsel in glänzende Farben. „Unser Kredit war schlecht organifirt, dem werden wir abhelfen", sagt er. Ein Wech­sel auf die Zukunft, wer wird ihn einlösen? Ita­liens Kredit hängt von dem Belieben der Finanz­kräfte in Berlin und Wien ab und diese wenden Italien so lange nur ihre Gunst zu, als — Fürst Bismarck seine schützende Hand über dem König­reich hält.

Crispi vertheidigt ftine PoMk gegen den Vor­wurf des Größenwahn». Nach Afrika hat fich Italien locken lassen, um dort mit Frankreich zu rivalifiren, eine Kolonialmacht zu werden. Bis jetzt war dieser Versuch einer Kolonialpolitik nur eine Karrikatur bekannter Muster. Tausende braver Soldaten und viele Millionen Lire, die dem hun­gernden Volke wohlgethan haben würden, wenn sie im Lande zu nützlichen Zwecken ausgegeben worden wären, liegen begraben in Afrika. Und was ist erzielt? Die mehr als zweifelhafte Freund­schaft de» Königs Melinit, dessen Herrschaft in Abeflynien genau so auf Sand gebaut ist, wie die des Königs Humbert in Rom.

Der Gipfel der Rede ist folgender Satz, den Herr Crispi sich leistet: „Durch uns erscheint die italienische Politik in der ganzen zivilisirten Welt als vom peinlichen Rechtsgefühl beseelt." Feigheit und Raublust waren und find die Haupteigenschasten dieser Politik. Alle Altäre des Rechtes wurden zertrümmert, Alles, was der Menschheit heilig und ehrwürdig war, wurde beschmutzt, beschimpft, in den Koth gezerrt, auf der einen Seite das bru­talste Unrecht, auf der anderen Seite da« Kriechen vor der Macht des Emporkömmlings in den Tui- lerien, das war die Politik, die zur Einheit Ita­liens führte, und diese Charakterzüge verleugnet fie auch heute noch nicht, und Crispi spricht vom peinlichen Rechtsgefühl I Das Gefühl, welches dis zivilifirte Welt bei dem Lesen dieser Stelle von Crispi's Rede erfüllen muß, ist allerdings sehr peinlich, aber Rschtsgcfühl ist es nicht, sondern dasGefühl de» denkbar größten Ekel»!

Leben wir denn wirklich in einer solchen Welt der Lüge, daß man e» wagen darf, alle Thatsachen keck auf den Kopf zu stellen und dies dann staats­männische Weisheit, Patriotismus zu nennen? Crispi vergleicht Italien an einer Stelle seiner Rede mit Prometheus! „Dank, Jude, daß du mich das Wort gelehrt!" sagt Porzia im Kaufmann von Venedig. Prometheus stahl — Cavour und Garibaldi annektirten „mit peinlichem Rechtsgefühl". Prometheus wurde von den Geiern zerfleischt — die Geier Noth, Elend, Jammer wühlen in den

Eingeweiden Italiens. Die Blitze, die Prometheus gestohlen, waren vielleicht eine Wohlthat für die Menschheit — noch ist nicht das Ende aller Dinge, es gibt noch Blitze, welche Italien, und Crispi und alle diese Größen und ihren Wahn zerschmet­tern können I

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Oktober.

• Heute, am Geburtstage Kaiser Friedrichs, kamen die Kaiserin Friedrich und die Prinzeflinnen- Töchter, Morgens 9 Uhr, nach Bornstadt, in dessen Kirche der Gedenkgotterdienst stattfand. Es war der letzte Tag, an dem die hohe Braut in der Heimath, der Stätte ihrer Jugend verwellte. Sie nahm Abschied vom Amtshause, von allen Leuten desselben, von dem Kinderheim und dessen Pflegerinnen. Der zweite Besuch galt dem Mau­soleum der Friedenskirche zu Potsdam. Hier em­pfing Profi ssor Raschdorff die Kaiserin, um deren letzte Anordnungen betreffs de« Baues zu empfangen. Dann traten fie in die Sakristei ein, die Grab­stätte Kaiser Friedrich». Hier legten fie Kränze auf den Sarg de« Gemahl« und Vaters nieder. Lange verweilten die hohen Herrschaften an dieser weihevollen Stätte; es war der Abschied der Prinzessin Sophie von diesem Orte der Trauer und der Thränen.

* Der Kaiser und die Kaiserin find gestern Abend von Potsdam abgereist, um fich über Italien zu den Hochzeitsfeierlichkeiten nach Athen zu begeben. In Monza wird das Kaiserpaar einige Tage als Gäste des König» und der Kö­nigin von Italien verweilen. Beim Empfange in Monza wird auch der italienische Ministerpräsi­dent anwesend sein. Von Monza au» reist das Kaiserpaar am Montag früh über Mailand und Pavia nach Genua weiter. Von Genua aus geht der Kaiser an Bord „Kaiser" und die Kaiserin nebst ihrem Gefolge an Bord „Hohenzollern", um nach Athen in See zu gehen, woselbst die Ankunft am 26. Oktober erfolgen dürste. In Athen ver­bleiben die Majestäten bi» zum 31. d. M. und reisen alsdann nach Konstantinopel weiter.

* Der Reichstag wird, wie bekannt, Diens­tag den 22. d. M., Mittag« 12 Uhr, im weißen Saale des kgl. Schlosse« durch den Staatssekretär v. Bötticher eröffnet werden. Der Eröffnung wird, wie immer, ein Gottesdienst vorausgehen und zwar für die katholischen Mitglieder in der St. Hedwigrkirche, für die protestantischen im Dom. Man darf sich auf interessante und stürmische Reichstagrfitzungen gefaßt machen.

* Der Kaiser von Rußland hat unseren Kaiser gebeten, den großen Manövern beizuwoh­nen, welche nächsten Sommer in Rußland statt­finden werden. Kaiser Wilhelm hat diese freund­schaftliche Einladung auf das Bereitwilligste an­genommen. — Der.Reichsanzetgsr' theilt mit, daß der Kaiser von Rußland folgendes Tele­gramm am 15. Oktober von Ludwigslust an den Kommandeur de« Kaiser-Alcxander-Garde-Grena- dier - Regiments gerichtet hat: Zur 75jährigen Jubiläumsfeier sendet der Chef seine besten Glück­wünsche dem ruhmreichen Regiments und erinnert sich mit besonderem Vergnügen der frohen Stunden, die Er inmitten Seiner Grenadiere zugebracht hat.

* Bei der Anwesenheit de« Zaren in Berlin weilten dort auch 62 russische Geheimpoli­zisten, um für die Sicherheit de« Zaren zu sor­gen. Es wurde befürchtet, daß Nihilisten nach Berlin gekommen seien, namentlich Einer, der am gesürchtetsten ist, dessen Namen man aber nicht kennt, weil er fich geheimnißvoll „Nummer 2" nennt. — Noch ehe der Kaiser von Rußland dies-