WM-'k
1889
Freitag, den 18. Oktober.
M 240.
Die.Fuldaer Zeitung* erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnemenlspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage , Ster ne und Blumen* in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum In Psgi, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
-aaaaasaiii, ■ n. ............Maa-»?u ' .................■— ~ ' 1
Deutsches Reich.
Berlin. 17. Oktober.
• Die politischen Konsequenzen de« Czarenbe- suche« scheinen in der Erkenntniß zu bestehen, daß auf eine Wiederherstellung de« früheren Freundschaft« Verhältnisse» zwischen Preußen und Rußland nicht mehr zu rechnen ist, daß aber gleichwohl'ein Krieg nicht in unmittelbarer Nähe steht. Die Offiziösen beurtheilen die Situation sehr kühl und halten daran fest, daß der Besuch sich blo« al« ein dynastischer Höflichkeitratt documentire und auf die politische Lage keinerlei Einfluß nehme. Er haben auch während der Anwesenheit de» Czaren dahier keinerlei diplomatische Verhandlungen stattgtfunden und der Hof bekundete eine sehr gemeffene Höflichkeit. Jene Politiker, welche sich immer noch in der Hoffnung wiegten, dir alte sog. hl. Allianz wiederherzustellen, haben jetzt eine große Täuschung erfahren und die nicht sehr zahlreiche, aber doch einflußreiche ruffenfreundliche Partei, die dann und wann auch in der 'Krzztg.' zum Worte kam, dürfte sich jetzt wohl ziemlich still verhalten. Die öffentliche Meinung in Deutschland ist auf die unaufrichtige und unklare Politik nicht sehr gut zu sprechen und die Anwesenheit der Czaren hat gewiß nicht dazu beigetragen, diese geringen Sympathien zu erhöhen. Trotzdem hofft man, daß der Friede wieder verlängert werde.
* Der Kaiser hat an den hiesigen Magistrat da« nachstehende Handschreiben gerichtet: Er ist Mir angenehm gewesen, wahrzunehmen, wie während der Anwesenheit Sr. Majestät de» Kaiser» von Rußland die Ordnung in den Straßen vermöge de» Entgegenkommens der Bevölkerung bei Aurführung der polizeilichen Anordnungen überall eine musterhafte gewesen ist, so daß ungeachtet der großen Verkehrs und der nothwendigen polizeilichen Einschränkungen desselben kein Unfall zu beklagen ist. Ich spreche dem Magistrat Mei- ner Haupt- und Residenzstadt hierüber Meine besondere Befriedigung aus. Berlin, 14. Oktober 1889. gez. Wilhelm R.
* Der am 11. ds. Mtr. zu seiner zweiten diesjährigen Sitzung zusammengetretene Landes- eisenbahnrath hat hauptsächlich über eine größere Anzahl von Aurnahmetarifen berathen,
deren Genehmigung theils befürwortet, theil» aber widerrathen wurde, weil ein öffentliches Verkehrr- bedürfniß die Einführung nicht rechtfertige. Zu letzteren gehörte unter anderen ein Antrag auf Ermäßigung de» Ausnahmetarif« für schlesische Steinkohlen bei Versendung zum Ortsgebrauch in Stettin. Der Landes-Eisenbahnrath vermochte sich, zumal unter den gegenwärtigen Verhältniffen des Kohlenmarkte», von der Berechtigung dieser Forderung nicht zu überzeugen, auch waren von Seiten der an der Schifffahrt interesstrten Kreise de» Handelsstandes der betheiligten Ostseeplätze Bedenken gegen die Ermäßigung geltend gemacht. Von allgemeiner Bedeutung der öffentlichen Arbeiten, in welcher eine erhebliche Ermäßigung der Tarife für eine Anzahl von geringwerthigen, in der Landwirthschaft und Industrie zur Verwendung kommenden Rohstoffen in Aussicht genommen wird. In Uebereinstimmung mit seinem Ausschüsse befürwortete der Landes-Eisenbahnrath die Einführung eines solchen Ausnahmtarifs für rohe Erden, Sand, u. drgl., geringwerthige Düngemittel, Kartoffeln, Rüben, Rübenschnitzel, während den gegen die Ausdehnung des Tarifs auf Kohlen und Erze unter den gegenwärtigen Zeitverhältniffen noch vorliegenden Bedenken volle Berechtigung zuerkannt wurde. — Eine von mehreren Mitgliedern des Landes-Eifenbahnrath» gestellten Antrag, betreffend die Ermäßigung der Stückgutfracht für Güter, welche in Mengen von 1 t gleichzeitig zur Auflieferung kommen, ersuchte der Landes-Eisen- bahnrath den Herrn Minister der öffentlichen Ar- besten, der ständigen Tariskommisfion zur Vorbe« rathung zu überweisen.
• Auf Samoa klappt es noch immer nicht. Auf der Berliner Konferenz haben sich die Vertreter der betheiligten Mächte dahin geeinigt, den früheren König Malietoa al« König de« kleinen Jnfelreiche« anzuerkennen. Nun ist aber, wer weiß durch welche Wühlereien, Mataafa von den Samoanern al« König und Malietoa als Vize- köntg gewählt worden. Deutschland wird Mataafa, der gegen Deutschland in offene Feindseligkeiten ausgebrochen war, schwerlich anerkennen können.
• Die Gesandtschaft de» Sultan« von Sansibar ist in München vom Prinzen Ludwig von Bayern, al« Vertreter de« Prinz-Regenten,
Wil>hais.
Novelle von R. O.
(9. Fortsetzung.)
Er hatte hastig abgebrochen, al» sei e» ihm unangenehm, von dem jungen Mädchen zu sprechen, an dem er doch offenbar mit großer Zuneigung hing. Bernhard aber wollte den Gegenstand trotzdem nicht so ohne Weitere« aufgeben.
„Ich will nicht verschweigen, Herr von Kirsa« «off, daß ich der jungen Dame gegenüber in einiger Verlegenheit bin," sagte er. „Sie hatten mich dicht darauf vorbereitet, daß mit eine solche Begegnung bevorstände!"
„Ich hatte nicht an da« Kind gedacht!" warf Kirsanoff mit erzwungenem Gleichmut, e hin, aber er vermied e« noch immer, Bernhard sein Gesicht zuzuwenden. „Sie hätten sich doch wohl hoffentlich dadurch nicht abhalten lassen, meiner Einladung M folgen?"
Statt eine direkte Antwort zu geben, fragte der junge Mann nach einer kurzen Pause mit etwa« veklommeuer Stimme:
„Es dürste wohl geboten sein, daß Sie Fräulein Emaljanow von meiner Vergangenheit unterrichten, Herr von Kirsanoff!"
Jetzt fuhr der Edelmann hastig auf seinem Sitze
herum und schaute Bernhard mit zusammengezo- genen Brauen starr an.
„Warum das?" fragte er. „Arina ist ein Kind, das von solchen Dingen durchaus nicht« begreifen kann. Soll ich ihre Unschuld vergiften zu keinem anderen Zwecke, al« damit sie lerne, sich vor Ihnen und vor der Leidenschaft der Menschen zu fürchten? — Auch in der Offenherzigkeit kann man zu weit gehen, mein Freund!"
Er hatte bisher noch nicht mit gleicher Strenge zu dem jungen Manne gesprochen, und da dieser, Der nur durch eine stumme Verbeugung antwortete, etwa« verletzt schien, fügte er gleichsam begütigend hinzu:
„Dar Alle« wird sich im Laufe der Zeit ohne Zweifel ganz von selbst in'« rechte Geleir bringen! Wenn Sie darauf bestehen, wird Arina später Alle« erfahren. Sie sollen mir nur versprechen, dar Kind nicht schon jetzt mst Dingen zu beun- ruhigen, für die e« unmöglich da« rechte Verstand« niß haben kann I — Doch da ist Iwan Petrowitsch!"
Er war sichtlich froh, daß damit der Unterhaltung über Arina, ein Ende gemacht worden war. Auch Bernhard wandte sich mit lebhaftem Interesse dem Manne zu, der al« der Vater diese« holdseligen Geschöpfe« ohne Zweifel ein ganz unge- wöhnlicher Sterblicher sein mußte. Aber kaum je-
empfangen worden. Morgen reist die Gesandtschaft nach Baden-Baden.
* Au« München, 17. Ott. Die liberale Taktlosigkeit den verblichenen Erzbischof v. Strichel« gleichsam in Gegensatz zu der katholischen Bewegung zu bringen, die sich jetzt in Bayern zeigt und ihn al« einen indirekten Genossen der Liberalen hinzustellen, hat scharfe Verurtheilung gefunden. Da« Bezeichnende aber ist, daß noch vor wenigen Monaten dieselben Blätter, welche jetzt den Erzbischof im Tode für sich reklamiren, einen sehr gehässigen Ton gegen ihn anschlugen, al« er den sog. Mischehenerlaß heraurgab. Damal« wollten die Liberalen sogar die protestantische Bevölkerung gegen den Erzbischof aufhetzen und die .Neuesten Nachrichten' haben sich in unehrerbietigster Weise über den Oberhirten der Diözese ausgesprochen, ja ihm gleichzeitig das Recht zu einem derartigen Erlasse bestritten. Und heute gebrauchen fie die schönsten Schmeichelworte, streichen den Erzbischof heran» uno suchen ihn ihrem Leserpublikum al« einen heimlichen Liberalen hinzustellen. Die Konsequenz der kirchenfeindlichen Presse bringt da» alle» fertig, denn derselben ist e« nur darum zu thuu, keine Gelegenheit unbenützt vorübergehen zu lassen, um der katholischen Partei eine« anzuhängen.
• Der vor einigen Tagen verstorbene Führer der schwäbischen Demokratie Karl Mayer war am 11. September 1819 zu Eßlingen in Württemberg geboren. Von Hause au» hatte er sich dem Studium der Rechte gewidmet, doch schied er schon 1845 au» dem württembergischen Justiz- dienst au» und trat in ein Fabrikgeschäft in Eßlingen ein. Al» Redakteur de» .Beobachter' (von 1863 bi» 1870), al» württembergischer Landtag«- abgeordneter (1876) und als Mitglied de» Reich«- tage» (1881 bi« 1887) stand Mayer überall in seinem eigenen Vaterlande in den ersten Reihen. Bei den Septennatswahlen unterlag Mayer in seinem Wahlkreise Gerabronn-Künzilrau mit 8999 gegen 12,721 Stimmen. Mayer litt schon fett längerer Zett an einer Venenentzündung. E« wurde ihm ein Bein amputirt, allein der körperliche Zerfall ward dadurch nicht aufgehalten. Der Tod war für Karl Moyer die Erlösung von einem qualvollen Leiden.
mal« in seinem Leden war er so unangenehm enttäuscht worden, al« in diesem Augenvlicke. Der Eintretende war von jener kaum mittelgroßen, stämmigen und gedrungenen Gestalt, wie sie ben russischen Bauern eigen zu sein pflegt. Sein schwarze«, nur hier und da mit grauen Fäden gemischte» Haar hing ihm wirr und struppig über die niedrige Stirn, und der ganze Schnitt seine» breiten Gesichte», die hervorstehenden Backenknochen, ' die wulstigen Sippen und die plattgedrückte Nase erinnerte Bernhard an den Typhu» eine» Kalmücken, den er einmal irgendwo in einer Schaustellung gesehen hatte. Und diese» Ungethüm in menschlicher Gestalt sollte Arina'» Vater sein? Da» war ent- weder eine Lüge, oder e» waltete hier eine» jener räthselhasten Naturspiele ob, für die man vergeben» nach einer einleuchtenden Erklärung sucht. Iwan Pettowitsch war zwar nach deutscher Sitte gekleidet, aber ohne Zweifel hätte er in feiner Nationaltracht noch eine erträglichere Figur abgegeben, al» in dem langen Gehrock, tn dem er sich durchaus nicht zu bewegen wußte und der ihm sichtlich äußerst unbehaglich war. Auch wollten die hohen bi« zum Knie reichenden Stulpenstiefel, die einen bedenklichen Thranduft verbreiteten, sehr wenig zu der eleganteren Bekleidung seine» Oberkörper» paffen, und seine seltsame Erscheinung