M 239.
1889
Donnerstag, den 17. Oktober.
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—* Das Recht der freien Meinungsäußerung._____
^Der Kaiser hat gesprochen! Das ist die neue Formel, durch welche man in Preußen seine Königstreue kundgibt. Der Kaiser hat gesprochen! sagte der Oberstlieutenant a. D. Krug von Nidda, also geziemt e» mir nicht mehr, ein Urtheil über das Kartell, welches der Kaiser als nutzbringend für seins Regierung bezeichnet, zu fällen. Ich habe nicht die Ueberzeugung, daß die» richtig ist, ich werde auch meine Ueberzeugung nicht ändern, aber mir fortan versagen, sie frei auszusprechen. Der Kaiser hat gesprochen! das genügt mir, ich werde schweigen, war auch der Inhalt der Erklärung dc» Majors a. D. von Scheibert, als er ebenso wie Krug von Nidda das Amt des Vorsitzenden eines konservativen Vereins ntederlegte. Wir find nun weit entfernt, die Königstreue dieser beidm Herren und ihrer Gleichgefinnten irgend einer Kritik zu unterziehen, Jeder mag seine Königstreue mit eigenem Gewichte abwägen, aber daß eine solche Unterordnung unter die persönliche Anstcht eine» Monarchen trotz der gegenteiligen Ueberzeugung gerade zum Ruhme eine» freien Mannes beiträgt, glauben wir nicht. Wer eine Ueberzeugung hat, der muß unserer Erachtens auch den Muth befitzen, ste offen vor aller Welt, auch vor dem Königsthrone zu bekennen, zu vertreten. Ein wahrer Freund sagt stets und unter allen Umständen ohne Rückficht auf eventuellen Vortheil oder Nachtheil die Wahrheit, wer das nicht thut, sich jeder Ansicht, selbst wenn er sie von seinem Standpunkte aus für unrichtig hält, unterwirft, verdient nicht den Namen des freien Mannes. Wohin sollte es aber auch führen, wenn jeder Staatsbürger feine Ueberzeugung verbergen, todtfchweigen wollte, weil das Landeroberhaupt diese Ueberzeugung nicht theilt? Der Cä- sarismus würde dominiren, der Cäsarirmus die öffentliche Meinung dekretiren. Damit aber wäre der Absolutismus in seiner vollendesten Form hergestillt und jede freie Meinungs- und Willensäußerung des Volkes unmöglich. Wir leben in* dessen nicht in einem absolutistischen Staate, sondern in einem konstitutionellen, in welchem eine Verfassung existirt, die dem Volke, resp. seinen Vertretern dar Recht gewährleistet und die Pflicht
Dis Waldhaus.
Novelle von R. O.
(8. Fortsetzung.)
Bernhard mußte diesen Worten von Herzen zustimmen, als sie endlich die Lichtung erreicht hatten, auf welcher das Gebäude lag, welches Kirfanoff immer als fein Haus bezeichnet hatte, obwohl es vollen Anspruch hätte darauf erheben können, ein Schloß genannt zu werden. Freilich, ein einziger Blick schon lehrte, daß das schöne gothische Bauwerk von dem Zeitpunkt nicht mehr weit entfernt war, in welchem es nur noch bett Namen einer malerischen Ruine verdiente, denn hier und da begann das Mauerwerk bereit» sehr stark zu zerbröckeln, die Sandsteinfiguren vor dem Portal waren, ebenso wie die kunstvollen Gefimse und wie das stolze Adklswappen über dem Haupteingang, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und entstellt, am Fuße der Mauer lagen mehrere verdächtige Schutthaufen, und jämmtlichs Fenster de« einen Flügels zeigten nichts als die leeren, gähnen- den Oeffnungen.
Kirfanoff lächelte, al» er Bernard's unverkenr.- bare Betroffenheit bemerkte, aber als der Wagen vor dem Haupteingange hielt, legte er die Hand auf die Schulter feines Begleiters und wies mit
auferlegt, frei ihre Ansichten auszusprechen, Ge- setze zu schaffen, unter denen e» leben will; Meinungsverschiedenheiten mit dem Monarchen haben dabei nur soweit Bedeutung, al» die Verfassung darüber Bestimmung trifft. Nun aber da» durch die Verfassung garantirte Recht aufgeben und dadurch seine Königstreue bekunden zu wollen, ist nach unserer innersten Ueberzeugung zum mindesten unrichtig. Wie Jemand demokratische Anschauungen haben und dennoch ein guter aufrichtiger Patriot fein kann, so kann auch der ein treuer Anhänger seines Königs sein, welcher die persönlichen politischen Ansichten desselben nicht theilt, ja sogar auf gesetzlichem Boden stehend, bekämpft. Kein Mensch ist in seinen Ansichten unfehlbar, Jeder kann irren, und fein Papst und kein Kaiser ist int Stande, zu behaupten, daß seine Meinung, i seine Anschauung unantastbar richtig fei. Daß die Meinungen der Menschen verschieden find, beweisen uns die bestehenden Parteien, ihre Mitglieder haben alle ihre Ueberzeugung, sie bemühen sich auch, diese Ueberzeugung auch Andern beizubringen, um ihre Ziele schneller zu erreichen, aber keine von den Parteien kann verlangen, daß man ihre Ansichten, ihre Ueberzeugung rückhaltlos anerkenne, oder sich ihr gar unbebingt unterwerfe, seine Ueberzeugung, bie eben so berechtigt ist, opfere. Dieses Recht kann auch keinem Fürsten zugesprochen werben, ber auf Grund ber Verfassung über den Parteien steht. Seine Ansichten darf gewiß auch ein Monarch aussprechen, ja, er darf auch wünschen, daß diese Ansichten auch von seinem Volke getheilt werden möchten, aber er wird nicht verlangen, daß sein Wort die Unterthanen bestimmen und zwingen soll, keine andere Meinung, als seine eigene zu haben. Die freie Meinungs- und Willensäußerung ist garantirt, sie muß geschätzt, hochgehalten und, wenn es sein muß, vertheidigt werden, denn sonst wird bie Verfassung illusorisch. Wir ftnb streng royalistisch gesinnt, aber unsere Königstreue soll tmb kann uns nicht veranlassen, unsere Ueberzeugung zu opfern, ober zu verschweigen. Offenes entschiebene» Auftreten ist bes freien Mannes würdig, in allen Lagen des Lebens gilt es bett eblett Mannesstolz zu bewahren unb bas zu thun, was Pflicht unb Gewissen vorschreiben. Selbst das schöne und in gewissem Sinne berechtigte Wort:
ausgestrecktem Arme nach ber entgegensetzten Seite, wo sich durch eine breite Lichtung zwischen bett nächststehenben Bäumen eine, trotz des aschgrauen Himmel» und des trübseligen Nebelschleier«, welchen ber dichte Regen wob, entzückende Fernsicht auf die gesegnete Ebene unb bett viel gewundenen Rheinstrom bot.
„Lassen Sie sich von dem niederdrückenden Gefühle, da» Sie heute beschleichen wird, nicht gar zu sehr zu Ungunsten Ihre» neuen Heims beeinflussen," sagte er herzlich, „ein einziger Sommer- tag wird Ihnen Alle» in einem anderen Lichte erscheinen lassen, und es ist im Uebrigen da drinnen nicht ganz so schlimm, als e» von außen erscheinen will."
Der Kutscher war entlohnt, und die Wagenräder hatten sich knirschend in dem aufgeweichten Boden gewendet, ohne daß irgend ein menschliche» Wesen au» dem Innern de» alten Schlosse» erschienen oder überhaupt ein Zeichen des Lebens in demselben bemerklich geworden wäre. Bernhard stand mit seinem kleinen Handkoffer ziemlich rath- lo» auf der Schwelle der weit geöffneten Eingang«- thür; Kirfanoff aber nahm seinen Arm und führte ihn in das hohe, gewölbte, erfig kalte Vestibül, dessen Fußboden mit marmorähnlicher Steinmosaik belegt und dessen Wände zum Theil mit abgc-
„Deß Brod ich esse, deß Lied ich singe" darf uns nie hindern, unserer innersten Ueberzeugung nach zu handeln. Eine devote Unterordnung unter bie Anstcht Anderer gegen bie bessere Ueberzeugung ziert nicht bett Mann, wohl aber gereicht ihm Offenheit unb Entschiebenheit zur Ehre, und selbst bei Gegner muß ihn befi wegen achten.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Oktober.
* Der Kaiser von R ujß l'an b hat für bie Armen Berlin» 10,000 Mark gespendet. — Der Kaiser unb Großfürst Georg haben sich gestern in Lnbwigslnst vom Großherzog unb bet Großherzogin von Mecklenburg vetabschiebet unb find über Schwerin unb Stettin nach Rußlanb zurück- gekehrt.
* EinescharfeVerurtheilung be« „Evangelischen Bunbes" unb seiner Tenbenz finben wir in den altln th eris ch en .Hessischen Blättern' vom 2. Oktober. Da» Urthell, welche» zugleich ber „neuen Kampfgenoflenschaft gegen Rom" ein schlimme» Prognostikon stellt lautet: Seitbem bet staatliche Kulturkampf nicht mit ber erwarteten Vernichtung ber römisch-katholischen Kirche geendet hat, wirb unter bem Vorwanbe sogenannter „Selbstermannung ber evangelischen Kirche" in immer weiteren Kreisen be» brutschen Protestantismus eine antikatholische Polemik betrieben, bie mehr unb mehr bie Formen einer Katholikenhetze anzunrhmen droht. Der sogenannte „Evangelische Bunb", als befftn ausgewachsenste Kulturblüthe ber rheinische Pastor Thümmel bekannt ist, marschirt an ber Spitze bitfer neuesten Romstürmer. Leiber aber gewinnt bet rohe unb gehässige Ton, welcher von ben Thümmelianern in bem Verkehr ber beiben großen Kirchengemeinschaften gepflegt wirb, auch außerhalb bes „Bunbes" immer weitere Ausdehnung. Selbstverständlich fehlt es auch auf katholischer Seite weder an selbstständigen Provokationen, noch auch an entsprechenden Erwiderungen auf die Herausforderungen der Protestanten. Wohl aber fehlt es dort bisher erfreulicher Weife an bem Versuche, bie aufreizende konfessionelle Polemik systematisch zu organifiren, wie dieser Versuch in dem „Evangelischen Bunde" betrieben wirb. Die kürzlich zu blichenen und fast unkenntlich gewordenen Malereien geschmückt waren.
„Ich habe e» verabsäumt, meinem Hüten Iwan Petrowitsch die Stunde meiner Ankunft mitzu- theilen, und ich fürchte, daß er gerade in’« Dorf hinunter gegangen ist, um irgend eine Lücke in unserem bescheidenen Haushalte auszufüllen; aber ich meine, so ganz ohne Wächter und Aufsicht wird er seinen Palast nicht zurückgelaffen haben!"
Er öffnete die Glasthür, welche das Vestibül nach der Hinteren Seite des Hauses abschloß unb welche ben Ausblick in einen anscheinend zwar nicht s-hr umfangreichen, aber unverkennbar sehr wohl gepflegten Garten gewährte, an bessert Ende ein kleiner, sehr zierlicher Pavillon mit einer vergoldeten maurischen Kuppel und hübsch gemalten, bunten Glasfenstern stand.
„Arina!" rief er. „Wc bist du, Kind? — Willst du uns nicht die Freude machen unb uns willkommen heißen?"
Die Thür ber Pavillon« wurde geöffnet, unb mit einem lauten Ausrufe freudiger Uebetrafchung flog bie Gestalt eine» jungen Mädchens über die wenigen Stufen herab unb auf bem Kieswege bt8 Gartens bin Ankömmlingen entgegen.
Mit liefern Enöthen war Bernhard eine Schritt zurückgetceten, denn auf eine solche Ei