Einzelbild herunterladen
 

1889

Mittwoch, den 16. Oktober.

M 238.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Nanin lr> Pfg.. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

♦ Prinz Ferdinand von Koburg, der Herrscher über Bulgarien, hat die Welt durch seine plötzliche Reise nach Wien und München Überrascht. Die Aufmerksamkeit, welche durch den Zarenbesuch in Berlin von neuem auf ihn gelenkt worden war, ist ihm nun erst recht gesichert. Am meisten überrascht war man in Wien. Außer dem bulgarischen Agenten Natschevic wußte dort wohl Niemand von der Ankunft des Koburgers. Eine Benachrichtigung de» Wiener Hofes und Kabinett soll, wie es heißt, vermieden worden sein, um der Deutung vorzubeugen, al« ob die Reise von Wien au» angeregt sei. Um seiner Reise einen völlig privaten Charakter aufzudrücken, unterließ der Prinz in Wien auch jeden offiziellen Besuch und verkehrte insbesondere nicht mit Mit­gliedern des Auswärtigen Amtes. Er hielt fich überhaupt in Wien nur wenige Stunden auf und reiste alsbald mit feiner Mutter, der Prinzefstn Klementine, welche von Schloß Ebenthal gekommen war, nach München zu seiner Schwester, der Herzogin Maximilian in Bayern. Der Wiener ,Polit. Korr? ist dem Prinzen behülflich bei seinem Versuche, die Reise al« eine Erholung«- und Besuchsreise zu Verwandten darzustellen; denn wenn er etwa beabfichtigt hätte, seine Aner­kennung al» Fürst von Bulgarien persönlich bei den Mächten zu betreiben, dann hätte er nach Konstantinopel reisen müssen — meint die genannte Korrespondenz, welche angibt, von maßgebender Seite au» Bulgarien unterrichtet zu sein. Man wird die maßgebende Seite entweder im Koburger selbst oder in seiner nächsten Umgebung zu suchen haben. Die Wiener Blätter vermögen indeß an diese harmlose Deutung nicht zu glauben, ste stimmen vielmehr alle in der Annahme überein, daß e» fich um eine Reise zu politischen Zwecken handele — oder um einen Heirathsplan. Der letztere Gedanke ist indeß wenig wahrscheinlich, da die Verhältnisse in Bulgarien trotz allmähliger Befestigung noch so unficher find, daß eine belgische oder orleanistische Prinzessin nicht so leicht sich entschließen dürfte, nach Sofia zu gehen. Eine andere Sache wäre e», wenn der Prinz bereits die Anerkennung der Mächte als Fürst von Bul­garien besäße. Die ,Polit. Korr? ist so gütig, »itzutheilen, daß der gute Wille, einer etwaigen Anregung der Pforte (in Bezug auf die Bestätigungr- frage) Folge zu geben, bet der Mehrzahl der europäischen Kabinete nach den jüngsten kompe-

Jes Waldhees.

Novelle von R. O.

(7. Fortsetzung.)

Doktor Stieglitz schien durch diese Eröffnung im höchsten Grade überrascht; denn er ließ einen langgez'ogenen, pfeifenden Ton vernehmen, und rückte mitsammt seinem Glase wieder um ein Me» Stück von Bernhard fort:

„Als fein Sekretär!" wiederholte er. „Ah, das ist selbstverständlich etwa» ganz Anderes. Dann bitte ich um Entschuldigung und will natürlich über die Krankheit des Herrn von Kirsanoff nichts gesagt haben, durchaus nichts — hören Ste, mein Lieber, rein gar nichts!"

Bernhard'» Erstaunen und mit ihm auch sein Mißbehagen war im Wachsen.

„Ich kann nicht verhehlen, daß mich Ihre Art eiwa» seltsam berührt, Herr Doktor," sagte er. .Alle Ihre Andeutungen find mir bisher unver­ständlich gewesen, und wenn Herr von Kirsanoff, len ich hoch verehre, wirklich da» Unglück haben Mte, von irgend einem Leiden befallen zu sein, so scheint mir dar durchaus kein genügender

tenten Aeußsrunge« als zweifellos gelten könne. Das ist hochbedeutsam. Es geht daraus hervor, daß unlängst ein Meinungsaustausch zwischen den Kabinete» über die Anerkennungsfrage stattgefunden hat und daß derselbe zu Gunsten des Koburgers ausgefallen ist. Diese Thatsache wird « wohl gewesen sein, welche der Pforte die Abficht ein­gab, nunmehr bei den Mächten die Anerkennung des Koburgers ausdrücklich zu beantragen. Zur Stellung de« Antrages ist es, wie man weiß, nicht gekommen und zwar in Folge des Dazwischen­tretens des russischen Botschafters in Konstantinopel. In formeller Beziehung ist noch alles beim Alten. Rach dem Berliner Vertrage steht dem Sultan als Suzerain dar Recht zu, einen solchen Antrag zu stellen und die Zustimmung der Mächte zu demselben einzuholen. Die Unterlaffung de» An­träge» hat in Bulgarien böser Blut gemacht, und dortige Blätter haben zu verstehen gegeben, daß, wenn bh Pforte nicht vorgehe, Bulgarien mög­licherweise ein fait accompli schaffen und seine Unabhängigkeit erklären werde, womit allerdings der Berliner Vertrag zerriffen wäre. Auf diese Stimmung muß schließlich die Pforte Rücksicht nehmen, um Schlimmeres zu verhüten. Aber auch die Mehrzahl der europäischen Mächte hat, wie wir nun wiffen, den Wunsch nach einer endgültigen Regelung dieser Frage zu erkennen gegeben. Es wäre intereffant zu wissen, wer außer Rußland zur Minderheit gehört. Wird die Unterredung des Zaren mit dem Fürsten Bismarck die Frage ihrer Lösung näher gebracht haben? Kaum.

Fürst Ferdinand hat fich, wie aus München geschrieben wird, sehr verändert, seit den zwei Jahren, da er in Sofia seinen Einzug gehalten hat. Aus dem Jüngling, der mit idealer Be­geisterung in die Zukunft blickte, ist ein ruhiger, reifer Mann geworden. Allerdings liegen zwei Jahre ernster schwerer Arbeit seit jener Zeit hinter dem jungen Fürsten und wer da weiß, wie schnell Bulgarien in diesen zwei Jahre« fortgeschritten ist, namentlich in wirthschaftlicher Beziehung, wird begreifen, daß diese ernste Arbeit bei dem Fürsten, der zu allem die Initiative ergriff, an Allem per- sönlich regsten Antheil nahm, nicht spurlos vor­übergegangen ist. Fürst Ferdinand hat etwas an Embonpoint gewonnen, er war früher hager, jetzt macht er den Eindruck eines kräftig unter­setzten Mannes.

Der Fürst wohnt in Biederstein bei seinem Schwager, dem Herzog Max Emanuel in Bayern.

Grund, seine Person in solcher Weise zum Gegen­stände des Gespräch« zu machen."

Doktor Stieglitz blinzelte mit allen Anzeichen der Gekränktheit zu dem jungen Manne hinüber und rieb fich seinen blanken Schädel noch eifriger al« zuvor.

„Das hat man davon, wenn man die Leute auf eine rücksichtsvolle Art warnen will," knurrte er ingrimmig. „Man muß fich obendrein schul­meistern laffsn, als hätte man das ärgste Unrecht begangen. Als ob cs mir nicht vollständig gleich- giltig sein könnte, wie Sie mit Ihrem verrückten Herrn von Kirsanoff da oben auf seinem bau­fälligen Eulennrste fertig werden! Ich habe ja keine Verantwortung dafür, ich nicht, denn man hat mich niemals über seinen Zustand zu Rathe gezogen. Ich weiß nichts davon, rein gar nichts!"

„Wie, Herr Doktor?" rief er au«, „Sie wollten behaupten, daß Herr von Kirsanoff —"

„Richt im Besitze seiner gesunden Verstandes sein kann I — Allerdings will ich das behaupten, und wenn Sie es wünschen —"

Weiter kam er nicht, denn in demselben Augen­blicke öffnete fich die Thür und der Wiedereintritt

Da er incognito unter dem Namen eines Grafen von Murany (so heißt eine koburgische Besitzung in Ungarn) reist, hat er bis jetzt offizielle Besuche nicht gemacht. Er ist bisher also die heikle Eti« quettenfrage, ob der Fürst in seiner bulgarischen Generalsuniform oder in Civil am hiesigen Hofe zu erscheinen hat, nicht aufgeworfen worden. Uebrigens ist er, so viel wir wiffen, aus den Listen der ungarischen Honvedarmee noch nicht gestrichen, er hat also die Berechtigung, die Hon- veduniform zu tragen. Am 11. ds. Nachmittags machte der Fürst dem Prinzen Ludwig Ferdinand einen Besuch, wo er mit dem Herzog Thoma« von Genua, dem z. Z. hier in München weilenden Schwager des Prinzen Ludwig Ferdinand zu­sammentraf. Der Herzog von Genua machte Vor­mittag» dem Fürsten einen Besuch in Biederstein.

Am 12. Oktober ist Fürst Ferdinand in Be- glettung eine» Kavalier« Abends 8 Uhr 45 Min. mit dem Postzuge über Lindau im strengsten Jn- cognito nach Genf abgereist und soll sich von dort aus nach Paris begeben. Die Abreise wurde allgemein streng geheim gehalten und erst kurz vor Abgang des Zuge» wurde dieselbe bekannt, obwohl der Salonwagen bereit« Nachmittag« be­stellt war. Im letzten Augenblick vor der Ab­fahrtszeit kam der Fürst in der Equipage des Herzogs Max Emanuel vor dem kleinen Fürsten­salon angefahren.

Es ist auch zu registriren, daß man die Reise des Fürsten mit Heirath-projekten in Verbindung bringt. Von Prinzeflinnen werden genannt, denen dis Aussicht auf die bulgarische Fürstenkrone winken soll: Die Prinzessin Helene Louise Henriette von Orleans, die zwetts Tochter des Grafen von Pari« (geboren 16. Juni 1871), die Prinzessin Louise Viktoria von Orleans, Tochter de« Herzog« von Alencon und der Herzogin Sophie, geb. Her­zogin in Bayern (geb. 9. März 1869), und end­lich Prinzessin Amalie in Bayern, Tochter der Herzogs Karl Theodor in Bayern (geb. 24. De­zember 1865). Der Fürst soll von München aus, wo er fich einige Tage aufgehalten hat, nicht nur die Pariser Weltausstellung, sondern auch einige befreundete Höfe, u. A. den italienischen, besuchen.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Oktober.

* In der in ne in Politik beherrschte diese Woche noch die ,Kreuzzeitung»'-Angelegenheit da»

»-

des Russen ließ den kleinen, redseligen Doktor mitten in dem angefangenen Satze verstummen. Kirsanoff hatte von seiner letzten Aeußerung sicher­lich nichts vernommen, denn er sah wahrlich nicht aus wie Jemand, der cs über fich gewinnt, an den Thürcn zu horchen. Nichtsdestoweniger warf er dem Doktor Stieglitz einen langen und scharfen Blick zu, vor welchem dieser die Augen niederschlug und seine kleine schlotterige Gestalt noch mehr zusammenknicken ließ. Auch Bernhard mußte eine kurze stumme Prüfung aushalten, und er fühlte, wie verrätherisch ihm dabei da» Blut in Die Wangen stieg. Er athmete auf, al» Kir­sanoff anscheinend mit voller Ruhe sagte:

„Der Wagen steht vor der Thür! — Ich hoffe, Herr Steinmetz, Sie werden mich begleiten, sonst —" und seine Worte erhielten eine eigen- thümliche, nachdrücklich. Betonung — „sonst will ich e» Ihnen auch freistellen, mit später zu folgen, ohne Sie damit an irgend eine bestimmte Zeit zu binden."

Da» hieß mit anderen Worten unverkennbar: Sonst soll e» Ihnen auch freigestellt sein, wieder umzukehren, und Bernhard glaubte in dieser Er-