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M 237. Dienstag, dm 15. Oktober. 1889

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□ Niederlage des Nationalliberalis­mus in Baden.

Eine schwere Niederlage haben die National­liberalen in Baden bei den soeben beendeten Wahlmännerwahlen erlitten, indem sie acht Sitze verloren, davon fünf (Ueberlingen, Waldkirch, Ettenheim, Villtngen, Triberg) an dar Centrum, einen (Offenburg) an die Demokraten, einen (Lörrach) an die Freisinnigen, einen (Wiesloch) an einen liberalen „Wilden", der nicht der national­liberalen Fraktion beitreten wird. In Freiburg, wo 1887 dem Centrum eine« der beiden Mandate entrissen worden war und die Nationalliberalen sich deshalb großer Siegeshoffnung Hingaben, hat die Centrumspartei 104, die liberale Partei 102 Wahlmänner durchgesetzt. Ja Offenburg hat die demokratische Partei mit kräftiger Unterstützung de» Centrums von 48 Wahlmännern 47 für die Kandidatur des Rechttanwals Mufer, eines politisch ehrlich freisinnigen und religiös sehr toleranten Mannes durchgesetzt. Nach langem Niedergang hat die Centrumspartei in Baden endlich wieder einen Anlauf genommen. 1881 hatte sie es btt auf 22 Mandate gebracht; dann begann in Folge tiefgehender innerer Zwistigkeiten der Rückgang; 1883 gingen drei, 1885 und 1887 je fünf Man­date verloren, so daß die Fraktion auf neun Mit­glieder herabgekommen war. Jetzt sind von den 1885 verlorenen und am 9. Oktober wieder in Frage stehenden Mandaten die drei an erster Stelle genannten zurück- und die beiden letzten neu ge­wonnen worden. Wenn die Abgeordnetenwahle« die Resultate der Wahlmännerwahlen bestätigen — wqpan wohl kaum zu'zweifeln ist —, so wird die Centrumsfraktion in der Kammer von 9 auf 14, die gesammte anti-nationalliberale Opposition von 10 auf 18 Mandate verstärkt werden. Die «ationalliberale Partei hat allerdings den wohl­feilen Trost, daß sie auch jetzt noch über eine Zweidrittel-Mehrheit in der 2. Kammer verfügt, aber wenn sie sich ausrechnet, wie er um diese Mehrheit hmte stehen würde, wenn statt der Hälfte alle 63 Mandate erneuert worden wären, so wird sie ihre Großprahlerei wohl etwas herabstimmen. Der Wahlausfall bedeutet eine schwere moralische Niederlage der Kiefer'schen National­liberalismus, jener unduldsamen Partei, welche den badischen Katholiken nicht einmal die

Da, Waldheil!!.

Novelle von R. O.

(6. Fortsetzung.)

Wieder glitt jenes häßliche, nervöse Zucken über das Gesicht des hochgewachsenen Mannes; aber e« ging diesmal blitzschnell vorüber und seins Stimme klang ruhig und unbewegt, als er erwiderte:

„Nein, mein gteunb 1 Sie werden auf Nie- wanden Rücksicht zu nehmen und keine Belästigung zu fürchten haben. Ich wohne in dem alten Haufe ganz allein und einsam — so einsam, daß er Ihnen vielleicht bald unheimlich werden wird. Er ist Niemand um mich, al« ein alter heuet Diener, der «ich vor mehr al» anderthalb Jahr- zehnten au» Rußland hierher begleitet hat — und seine Geschwätzigkeit wird Ihnen sicherlich keine Unbequemlichkeit machen, denndie überflüssigen Worte find leicht zu zählen, die im einer Jahre« au» seinem Munde kommen. Wollen Sie e« al­so daraufhin mit mir wagen?"

Und Bernhard legte ohne Zögern seine Hand in die dargebotene Rechte Kirsauoff'». Er konnte sich nicht verhehlen, daß e» ein Sonderling war, rin merkwürdiger» ungewühulicher Mensch, dem rr fich mit dieser Zusage zu eigen gab; aber eine

Seelsorgeaushttfe eine« Kapuzinerpatres gewähren wollte und diejenigen liberalen Abgeordneten, die von dieser kindischen Kuttenangst nichts wissen wollten, in den Parteibann that. Der Unglück«- prophet Winterer, welcher in seiner prächtigen Kammerrede zum Artikel 4 der Kirchenvorlage den Herren Kiefer und Genossen einen empfind­lichen Rückschlag bei den Wahlen vorhersagte, hat also Recht behalten. Dar nationalltberale Kultur« kämpferthum ist gründlich auf« Haupt geschlagen, die badischen Katholiken wollen fich nicht mehr länger al« Katholiken zweiter Klasse behandeln lassen. So hat die allzu straffe Spannung des kulturkämpferischen Bogens dem Schützen selbst einen schlimmen Stoß versetzt. Das Hauptverdienst aber gebührt der thatkräftigen Neuorganisation der Centrumspartei, die mit Sammlung aller verfügbaren Kräfte in den Wahlkampf eintrat und durch den errungenen Erfolg, bewies daß der Same der vorigjährigen Freiburger Katholtken- verfammlung und der fich daran anreihenden großen Volksversammlungen im Lande nicht auf steinigen Boden gefallen ist. Wenn der Aufschwung in diesem Maße anhält, so wird die Partei nach zwei Jahren in der zweiten Kammer wieder über eine Stimmenzahl verfügen, die bei freundlichem Zusammenwirken mit den übrigen nichtnational­liberalen Parteien auch schon durch ihr numerisches Gewicht imponirm wird. Aber schon in der kommenden Sesfion wird fich — davon darf man überzeugt sein — der moralische Eindruck von Sieg und Niederlage deutlich be­merkbar machen.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Oktober.

• Der Zar hat am. Sonntag Nachmittag 4 Uhr 17 Minuten Berlin verlassen und fich zu­nächst an den verwandten großherzoglich-mecklen- burgischen Hof nach Ludwigslust begeben. Am Sonntag Vormittag besuchten die beiden Kaiser die Kaserne des Kaiser Alexander-Garde-Grenadier­regiment», über welches die Parade abgenommen wurde. Großfürst Georg, die Prinzen Albrecht und Friedrich Leopold, der Erbprinz von Sachsen- Meiningen, ferner Staatssekretär Graf Bismarck, Generalstabschef Graf Walderste, der Kriegsmi­nister und andere hervorragende Militärs wohnten

Stimme in seinem Herzen sprach mächtig zu seinen Gunsten und eine jener unklaren und unerklärlichen Regung, die uns so häufig bei der ersten Be­gegnung für oder wider einen wildfremden Menschen einzunehmen vermögen, zog ihn fast unwidersteh- lich zu dem schönen und doch — wie er scheinen wollte — in tief innerster Seele kranken Mame hin.

Eine halbe Stunde später stieg er an seiner Seite die elegante, mit weichen Teppichen belegte Treppe eines vornehmen Hauses empor, und schon am folgenden Morgen, nachden er aus seinen eigenen Mitteln seine nächsten Bedürfnisse an Kleidung, Büchern und dergleichen bestritten hatte, trug ste das schnaubende Dampfroß den gesegneten Gefilden der deutschen Südens zu.

An einer kleinen Station mußten Kirsanoff und sein Begleiter den Zug verlassen, wenn sie auch das eigentliche Ziel ihrer kurzen Reise damit noch nicht errticht hatten. , .

„Mein Haus ist noch um mehr al« eine Stunde von dem Städtchen entfernt," sagte der Russe, der während der ganze« Fahrt, ganz besonder» aber gegen Schluß derselben, sehr schweigsam ge- wesen war, „aber ich hoffe, wir werden ohne

der Bestchttgung bei. An diese lbe^ schloß fich eine Frühstückstcffel, bei welcher zunächst der^Regimentt- kommandeur Oberst von Rauchhaupt ein Hoch auf den Zaren, al» den Chef de» Regiment», aur- brachte. Dieser toastete darauf in rusfischer Sprache auf da» Wohl und die Gesundheit de» Kaiser» Wilhelm. Danach erhob fich Kaiser.Wilhelm, um folgenden Trinkspruch auf die russische Armee au»- zubringen: „Meine Herren Kameraden vom Ale­xander-Regiment. An einem Tage wie heute ge­ziemt 6» sich für ein Regiment mit so hervorragen­der Geschichte, und dem die Ehre zu Thell ge­worden ist, seinen hohen Chef unter sich zu sehen, zu denken der Zeiten, wo mein Herr Großvater ein junger Herr war und im Kugäregen bei Bar für Aube sich da« Georgskreuz und die Chefsstelle des Regiments Kaluga erwarb. Ich gedenke fer­ner der Tage, an welchem ruffifche und preußische Truppen Schulter an Schulter zusammen fochten, die bei La Rothidre mit den Unseren zusammen bluteten, die Sebastopol tapfer vertheidigten und Plewna stürmten. Wir trinken auf das Wohl der russischen Kameraden unb der russischen Armee. Die russische Armee sie lebe hoch, hoch, hoch." Ein donnernder Hoch durchbrauste die Räume der Kaserne. Die beiden Herrscher drückten fich die Hand und stießen mit ihren Gläsern an. Wenige Minuten später erhob nochmals Kaiser Alexander sein Glas und rief mit lauter Stimme in deut­scher Sprache: „Ich trinke auf die Gesundheit meines braven Grenadier-Regiments, Hurrah, Hurrah, Hurrah!" Später stand der Kaiser Alexander noch einmal auf, trank dem Offizier» Korps zu und brachte ein Hurrah auf dasselbe aus. Während des Besuche» des Zaren bei dem Alexander-Garde »Grenadier-Regiment waren die schärfsten Absperrung« - Maßregeln getroffen wor­den, die in Berlin je bei derartigen Gelegenhetten vorgekommen find. Er war, al« ob über die zur Kaserne führenden Straßen der Belagerungszustand verhängt gewesen wäre. Die Erklärung für diese Maßregeln wird vielleicht später noch bekaMt wer­den. Die Verabschiedung beider Monarchen war eine ebenso warme als die Begrüßung gewesen. Al« fich der rusfische Hofzug i« Bewegung setzte, rief der Zar dem Kaiser, sowie dem Prinzen Al­brecht noch zweimal laut: i revoir! zu. In Lud­wigslust traf der Zar mit dem Großfürsten Georg Abends 8 Uhr 25 Minuten ein und wurde dort

Mühe einen Wagen finden, dem wir uns anver­trauen können — was man allerdings hier nicht von jedem Gefährt sagen dürste."

Aber seine Hoffnung schien nicht in Erfüllung zu gehen, denn am Bahnhofe stand keines der Mieth-Fuhrwerke, die man sonst wohl hier anzu- treffen pflegte. Das trübe, regnerische Wetter mochte die Schuld daran tragen. Aber die beiden Reisenden waren nun jedenfalls gezwungen, vor- läusig in der Gastwirthschast des Bahnhofsgebäu­des eine Zuflucht zu suchen. Kirsanoff schien hier eine wohlbekannte Persönlichkeit zu sein, denn es ging Niemanb an ihm vorüber, ohne ihn höflich unb achtungsvoll zu begrüßen. Aber e« wollte Bernhard scheinen, als fei die Ehrfurcht all' dieser Leute nicht ganz frei von einer Beimischung scheuer Befangenheit und al» strebe Jeder, so schnell wie möglich wieder aus der Nähe de» Russen zu kom­men. Zwar glaubte er selbst nicht an die Rich­tigkett bieferveobachtung, doch sollte er balb einen ganz unzweideutigen Beweis dafür erhalten, daß er sich nicht getäuscht habe.

Port» von Kirsamff fühlte fich nämlich unver­kennbar sehr unbchaglich in der niedrige«, von dem Rauche schlechten Tabak« und dem Dunste schalen Biere« erfüllten Wirthschasttstube, und ob-