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23«. Montag, den 14. Oktober.

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1889

quellen.

Die Regierung begriff, was immerhin anzuer. kennen ist, daß sie das Präoenire spielen- müsse. Boulanger wollte eine Revolte gegen die Republik durchführen, die Regierung führte einen Koup gegen ihn durch. Boulanger kleidete sich in den Harlekir.smantel seines „vielseitigen" Programm« und pfiff auf feiner Papagenopfeise leder Partei

K Die Konsequenzen der französ. Wahlen.

' Jetzt, nachdem da» Resultat der Stichwahlen vorliegt, nachdem die Zusammensetzung der näch­sten fkanzöfischen Diputtrtenkammer wesentlichen Schwankungen nicht mehr unterliegt, lassen sich wohl einige Konsequenzen des Ausfalles' der Wah«

zu schlagen.

Wir haben keine Veranlaflung, hier die Re- gierungsform zu dirkutiren, die Franzosen müßen am besten wiffen, welche Kopfbedeckung ihrem Staatsoberbaupte am besten paßt, die Kai­serkrone, die Königskrone, der Cyltnder des Prä- fidenten oder die Sanrkulottenmütze de« Kommu- narden-Häupllings. Wer ein Fingerzeig liegt doch im Ausfall der Wahlen. Die Regierung hatte die Justiz zu Hilfe gerufen gegen die Bande, welche plötzlich in Frankreich herrschen und nebenbei die Taschen der ehrlichen Leute aurleeren wollte. Frei­lich eine Justiz, die leider allzu bereitwillig bisher fich allen Machthabern zur Verfügung gestellt hatte, die aber doch im Namen der Rechte« und Gesetze« gegen Boulanger einschritt. Ist die« nicht ein

len ziehen.

Unzwei'elhaft ist dieser Aussaü zum größten Theile der Energie der Regierung zu danken. Boulanger, der Mann mit dem vielseitigen Programm, der Mann, deffen Fahne einem Harle- kinsgewande glich — denn vom blaublütwsten Royalismu« bi« zum röthesten Anarchismus hatte er einzelne Programm-Punkte annektirt, um fie seinem, übrigens au« Opportunitätsgründen sehr wechselnden Programm einzuverletben — gehört der Vergangenheit an. Boulanger war die schlechte Kopie einer schlechten Kopie. Soweit -Napoleon m von seinem großen Onkel abstand, so weit blieb der brave General zurück hinter dem Manne mit den müden Augenlidern, der wenigstens in zwei Künsten Virtuose war, in der Kunst, seine Zeit- genossen über seine absolute Talentlofigkeit zu täu­schen, und in der Kunst, sich stets zur rechten Zeit das nöthige Geld zu verschaffen.

Boulanger ist ein Hohlkopf, der sich keine Mühe gibt, seine geistige Leere durch scheinbar vrelsagen- des Schweigen zu verdecken, er spricht mehr, als nothwendig wäre, um fich in den Augen ein-

wie I Genossen die Schlachten der Zaren von Rußland ein leichtsinniger Lieutenant auf die Erbschaft vom t*r‘*''6** alten, reichen Onkel. Eine Nachricht, daß bet Onkel kerngesund ist und noch nicht sterben will, hetzt dem Lieutenant alle Manichäer auf den Hal», eine Regung des souveränen Volke«, welche an­deutet, daß e« noch nicht zu Gunsten einer zigeu- nerartigen Bande von politischen Abenteurern ab- danken will, entzieht dem General alle seine Geld-

Das Walrhaus.

Novell« von R. O.

(5. Fortsetzung.)

Er hatte de« Kopf in beide Hände gestützt und heftete die Augen starr auf den Boden. Eine lange, schwere beängstigende Stille folgte seinem letzten, mit unsäglicher Bitterkeit hervorgestoßenen Worte. Der wäßbärtige Fremde hatte sich von dem Erzählenden abgewendet, so daß dieser sein Gesicht auch dann nicht hätte scheu können, wenn er die Blicke zu ihm erhoben hätte, aber b« Er- beben seiner starken Gestatt verrieth, daß er mäch­tiger erschüttert sei. Mehrere Minuten vergingen ohne daß ein Wort zwischen ihnen gesprochen wor- den wäre; dann warf der Fremde mit leiser, kaum hörbarer Stimme hin:

„Und Ihr Gegner? Er war nicht tobt? —Er kehrte zum Leben zurück?"

Ja! Aber e« war btt« kein Milderungrgrunv für" mich! Die Aerzte erklärten, baß nur seiner außergewöhnlich starken Konstttution bie Rettung zu verdanken sei und daß die Natur hier ein Wunder bewirkt habe. Nach monatelangem Kran­kenlager und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, erholte er fich allmäh-

da« Stücklein, welche« fie gern hören wollte, die Regierung hängte fich den in Frankreich übrigen« etwa« fadenscheinig gewordenen Mantel der Justiz um und prozedtrte gegen Boulanger. Da« Un- recht ist vielleicht gleich groß auf beiden Setten, aber die Regierung hat den Erfolg, weil fie ener- gischer handelte, und der Erfolg entscheidet in der ganzen Welt, wer den Erfolg für sich hat, findet sofort eine Maffe Gimpel, die ihn zu ihrem Ideal erheben.

Da« französische Volk hat noch kerne Lust, ab- zudanken — da« ist die erste Konsequenz, die wir aus dem Resultat der Wahlen ziehen. Die Erinnerungen an den Cäsarirmus sind noch zu frisch, wen e« heute nach einer Kaiserkrone ge­lüstet, der muß erst in einem Meer von Blut die Schmach von Sedan abwaschen.

Aber dar französische Volk will den Frieden. Seine Weltausstellung hat ihm gezeigt, daß e« Triumphe gibt, welche großartiger sind, al« der Zug eines Bonaparte durch Oberttalten, daß e« Siege gibt, die werthvoller find, al» Marengo und Austerlitz. Das französische Volk will den Frieden, weil es arbeiten will, die Maffe de» französischen Volkes ist arbeitsam, e» läßt sich für kurze Zeit durch militärischen Lärm berauschen, aber dann eilt es gerne wieder zu seiner Arbett, welche ihm Reichthum sichert. , „,,

Daher die Zunahme der Fraktion der gemäßig­ten Republikaner bei den Wahlen, ein Fingerzeig, daß da« französische Volk die Revanche vertagt hat und auch keine Lust hat, trotz Deroulede und

lich wieder, und ich denke nicht, daß er seine volle Gesundheit zurück erhielt."

„Er — er heirathete natürlich da» junge Mädchen?"

Bernhard zuckte die Achseln.

„Ich weiß e» nicht; aber ich hoffe, daß er e» that.I — Ich wurde nach langer Untersuchung«- hafti die durch die hartnäckige Dauer seine« Lii- den« bedingt war, vor dar Geschworenengerich gestellt, und an mir lag e« wahrhaftig nicht, daß man mich nicht wegen Morde« zum Tode verur- th,ilte. Ich hatte mit dem Lrben abgeschloffea und keine andere Sühne schien mir schwer genug sür meine verdammenswerthe That, als der Tod. Ich sprach kein Wort zu meiner Easchuldigung, ich versuchte im Gegentheil Alle« so zu wenden, daß es nur zu meinem Nrchtheil sprechen konnte, denn was half mir die Milde de« Menschen, wo fich mein eigen,» Grwiffen seinen harten Urthellr- spruch bereit» gefällt hatte! Mein Vertyeiüiger war außer fich üorr mein unerhört,« Verhalten, das alle seine mühiam und kunstvoll aufgeführten Gebäckre von wirklich,» und scheinbaren Entlast- ungsgründen so rücksichtslo» über den Haufen warf. Aber der wackere und rechtschaffene Mann ließ mich den Verdruß nicht entgelten, welchen

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Fingerzeig, daß das französische Volk das Recht will? In keinem Lande ist da« Recht so beleidigt, o gekränkt worden al« in Frankreich, von Frank- reich au« ging lener blutige Strom de« Unrecht«, der seit einem Jahrhundert Europa verheert, die Menschheit befleckt. .

Wenn die Franzosen da« Recht achten und e« wieder aufrichten wollten! Das ist »er Weg, der betreten werden muß, wenn Frank- reich eine glückliche Zukunft haben soll. Da« Recht muß geachtet werden, man darf e« nicht mehr mit Füßen trete«, die Fahne der Moral muß erhoben werden. Und wo ist Recht und Moral in schönster, idealster Vereinigung? Im Christenthum! Frankreich muß fich wieder bewußt werden, daß er da« Banner b« Christenthum« joch erhaben be« Völkern vorantragen muß.

Da« ist bet Punkt, von beut an» der französ. Staatsmann, bet sein Vaterland zur alten Macht und Herrlichkeit emporhrben will, seine Arbeit zu beginnen hat, die Idee de« Chrifienthum» muß in Frankreich von 1889 ab triumphire« und jene mißdeuteten Ideen von 1789, welche Frankreich an den Rand des Abgrunds» brachten. Dies wäre die beste, richtigste Konsequenz des Ausfalle« der diesjährigen franzöfifchen Wahlen!

Deutsches Reich.

- Berlin, 12. Oktober.

♦ Der Besuch de« Zaren am deutschen Hofe ist al« ein Akt ceremonieller Höflichkeit bezeichnet wor­den, dem eine tiefere politische Bedeutung nicht beiwohne. Da« trifft ja wohl auch zu. Der Zar wird fich nicht beklagen können, daß bei seinem Besuche in Berlin irgend eine seiner Stellung ent­sprechende Höflichkeit unterlaffen worden wäre. Der militärische Empfang, der chm zu Theil wurde, erschien noch glänzender, al« derselbe bei den früheren hohen Besuchen diese« Jahre« gewesen. Das Verhalten der Bevölkerung wurde bereits charakterifirt. Allerdings schwebt um den Besuch des Zaren eine kühle Reserve, doch fehtt e« nicht an warmen Tönen, au« denen der Zar entnehmen kann, daß es nicht an Deutschland liegt, wenn die Beziehungen zwischen dm bsiden Nachbarreichen derjenigen Herzlichkeit entbehren, die fich in dm Beziehungen der in der Tripelallianz vereinigten Mächte offenbart. Ein solcher warmer Ton findet ihm mein Bmehmen machte. Er bot seinen gauzm juristischen Scharfsinn und all seine Beredsamkeit auf, da» Schlimmste von mir abzuweudm, und e» g,Iang ihm auch wirklich, mir eine Strafe von unerhörter Milde zu verschaffen. Ich wurde zu vier Jcchren Gefängniß vemrtheilt, und wie ich Ihnen vorhin sagte, hat mir der Fürst obendrein davon in Gnaden erlaffen. — Nun wiffen Sie Mer, Md ich denke, es wird nicht mehr viel da­ran gelegen sein, die Ehre meinvc Gesellschaft noch länger zu genießen." , ,

Ec stand auf und seine Haltung war letzt eine feste Md männliche geworden. Er Halle die kör­perliche Schwäche, welche ihn beim Verlassen de« G-sängniff-« befallen, vollständig überwunden. Wer auch der Fremde richtete sÜH empor, und wie er j-tzt in seiner ganzen Größe dastand, er­staunte Bernhard über die imponirende Malest« dieser hohen, reckenhaften Gestalt, die ihn fast um eine» Haupte« Länge überragte.

„Ich danke Ihnen sür Ihr Vertrauen", sagte er mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme, „es war nicht an einen Unwürdigen verschwendet. Aber war gedenkm Sir nun zu beginnen? Wo­hin werden sie sich wenden?

Bernhard lachte bitter auf.