Samstag, den 12. Oktober.
1889
M 235.
Mtling
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Zweites Blatt.
ö Licht- und Wohnungs- Behaglichkeit.
Als die elektrischen Bogenlampen mit ihrer gewaltigen Lichtfülle in Aufschwung kamen, bewunderte man zunächst die überraschende Helligkeit und glaubte sowohl für geschloffene Räume als auch für öffentliche Plätze den schönsten Ersatz für das Tageslicht gefunden zu haben. Bald aber spürte man die Mängel dieser Beleuchtuugsart. Man fand das Licht grell, kalt, ungemüthlich. Woran lag das? Diese Frage beantwortet man stch meistens dahin, daß der „bläuliche" Charakter des elektrischen Bogenlichter, der Mangel an warmen röthlichen Strahlen, die wir von den bisherigen Beleuchtungsarten gewohnt waren, den frostigen, abstoßenden Eindruck hervorrief. Die mit dem Bogenlicht in Konkurrenz tretenden Glühlampen fanden in Läden, Restaurants, Theater, Festsälen und auch Privaträumen freundliche Aufnahme, und man glaubte, baß der Grund ihrer höheren „Gemüthlichkeit" in dem röthlicheren Lichtton zu finden sei.
Run machte aber da« Gaslicht erneute Anstrengungen, um seinen Platz zu behaupten. Man erfand Regenerativ- und sonstige kunstvolle Brenner, welche es ermöglichten, mit einer einzigen großen Gasflamme einen bedeutendm Raum zu erhellen. Wenham hatte den gescheidten Einfall, den Brenner auf den Kopf zu stellen, so daß die Flamme unten fich bildet und also der Schatten in Wegfall kommt, den bisher der unterhalb der Flamme befindliche Brenner warf. Diese starkleuchtenden Gasflammen wurden vielfach eingeführt; aber sie find inzwischen an manchen Stellen wieder abgc- schafft worden. Man kann dem Gaslicht nicht vorwerfen, daß es zu bläulich wäre; aber trotzdem würden die Riesengasflammen am Plafond der großen Kneipstuben und Festsäle mit demselben Vorwurfe der „Ungemüthltchkeit" heimgesucht, wie die elektrischen Bogenlampen. Sie müffen also einen gemeinschaftlichen Mangel haben, der anderswo, als im Farbentone de» Lichtes stecken muß.
Ein Weihnachtsbaum mtt 20 Kerzen macht einen erhebenden, festlichen und anmuthigen Eindruck. Nehmen wir statt der 20 Kerzchen eine Gar- flamme von 40 Kerzen-Stärke — dann muß doch der Effekt verdoppelt werden? Aber nein, der ganze Effekt würde verdorben werden, Augen und Herzen würden fich enttäuscht abwenden, obschon die Lichtmenge doppelt so groß ist. Wie erklärt stch da»?
Zur Aufstellung und Beantwortung dieser Frage regt eine Broschüre an, welche Prof. Henrici in Aachen unter dem Titel „Betrachtungen über die Grundlagen behaglicher Emrichiung" in der Frage der „deutschen Zeit- und Streitfragen" hat erscheinen laflen. Er hebt trfflich den verschiedenen Charakter de» einseitigen, einheitlichen Lichte» und d.r zerstreuten, vrn verschiedenen Seiten fallenden Beleuchtung hervor. Wer am Schreib- oder Sindirtisch stch ungestörter Geisterthätigkeit widmen will, braucht blo» eine Lampe, die nichts weiter, als da» Arbeitsfeld erhellt; wollte man den großen Kronleuchter hinter feinem Rücken auch noch anzünden, so würde ihn das Durcheinander der verschiedenen Licht- und Schattengrade stören. Am Tage ist die beste Beleuchtung für einen Schreib- und Lesetisch ein Fenster zur Linken; Niemand wird denselben einer Dlppflbelcuchtung in einer Ecke aussetzen, wo ein Fenster vorn und eine« zur Seite ist; müßte der Tisch dort stehen, so würde man da» Bedürfniß spüren, durch einen hohen Aufsatz oder durch Vor
hänge eine von den Heiden Lichtquellen abzuschnel- den. Wenn die Familienmitglieder fich Abend» in Behaglichkeit vereinigen, so genügt ihnen die Lampe, welche den Familientisch erhellt; dieselbe ersetzt, wie Henrici bemerkt, da» Herdfeuer, um welche» fich ehemals die Hausgenossen zum gemeinsamen Stillleben zu vereinigen pflegten. Das von zwei Seiten erleuchtete Eckzimmer eines Hauses wird man nicht zum Boudoir der Hausfrau oder Siestazimmer des Hausherrn auswählen. Wo Sammlung und Ruhe herrschen soll, ist die einseitige und einheitliche Beleuchtung am Platze.
Ganz anders gestaltet stch das Lichtbedürfniß in Räumen für festliches und geselliges Leben und Treiben. Man will dort die Gedanken nicht zusammenhalten, sondern alles sehen und betrachten und selbst gesehen werden; man will nicht von einem festen Standpunkt ans ein einseitiges Bild der Personen und Gegenstände auf sich wirken lassen, sondern sich bewegend die Erscheinungen von allen Seiten genießen. Soll dieses Ziel erreicht werden, so müssen die Schatten möglichst vermieden werden. Die dunkeln Stellen des Zimmers und die Schattensetten der Personen, welche zu der behaglichen Stimmung des Familienzimmers so gut paffen, nehmen sich in einem Festsaale wie Kleckse auf einem hellen Bilde aus. Jedes eit.- fettige Licht muß aber einen Schatten erzeugen. Die Verstärkung des Lichts hilft dagegen nicht, sondern verschärft nur den grellen Abstand der beleuchteten von den unbeleuchteten Stellen. Ver- theilt man aber die Lichtquellen, so daß neben dem Kronleuchter in der Mitte noch an den verschiedenen Seiten Lichter brennen, welche die Schatten des Kronleuchters aufheben, so ist der ganze Raum von Licht durchfluthet. Es kommt auf die Zahl und die Anordnung der Lampen viel mehr an, als auf den Helligkeitsgrad. Mit einfachen Kerzen läßt fich eine vollständig befriedigende festliche Beleuchtung erzielen, mit einer einzigen starken Lichtflamme nicht.
Es war ein Jcrthum, als unter dem Einflüsse der neueren Erfindungen die Vollkommenheit der Belmchtung in der Stärke (Intensität) de» Lichtes gesucht wurde. Wie wir die Sonnenstrahlen in unserm Wohnraum nur gemildert und zerthtilt zu genießen lieben, so können wir auch des künstlichen Lichtes nicht froh werden, wenn beffen Strahlen die eine Sette der Dinge in blendendem Ueberfluß beleuchtet und die andern Seiten im Dunkeln lassen.
Der beste Ofen ist bekanntlich der, welcher das Zimmer warm macht, ohne daß man auf ihn aufmerksam wird. Ebenso ist die beste Beleuchtung für einen Geselligkeit»- oder Verkehrsraum diejenige, welche von den Betheiligten al« etwas Natürliche» und Selbstverständliche» keiner weiteren Beobachtung und Erörterung unterzogen wird. Wenn eintretende Kunden nach den Beleuchtungsquellen Unffchau hatten, so ist da« für den Inhaber de« Ladens oder der Wirthrstube ein Züchen, daß er mit feiner Beleuchtung nicht das Richtige getroffen hat.
Diese Betrachtung, zu welcher Herr Henrici angeregt hat, ist von praktischem Nutzen für alle Diejenigen, welche sich für ihre Geschäfts- oder Gesellschaftsräume eine Beleuchtung auszuwählen bez. die vorhandenen zu verbessern oder zu ergänzen haben; möge Jeder erst zusehen, ob das einheitliche oder das mehrseitige Licht seinen Zwecken entspricht. Aber auch für diejmigen, welche zur Zeit die Lichtfabrck.n nicht in Anspruch nehmen wollen, ist er von Jntertsse und Nutzen, über derartige Fragen, welche uns die alltägliche Beobachtung ausdrängt, wie diese Fr^ge nach der Ursache unserer Sym- oder Antipathie für gewisse
Beleuchtungrarten etwa» nachzudenken, damit wir nicht, gleich den Thieren unbewußten Instinkten folgen, sondern über die vernünftigen Grundlagen jeder Gefühlserregung uns Rechenschaft geben lernen.
In dieser Hinsicht enthält da» erwähnte Schrift- chen noch mehrere Anregungen. Jeder hat wohl schon empfunden, daß eine sehr große Höhe des Zimmers, eine sehr große Zahl von Thüren oder sonstigen wirklichen oder scheinbaren Durchbrechungen der Mauern (z. B. auch sog. Spiegelwände) sowie sehr niedrige Fensterbänke einen unbehaglichen Eindruck Hervorrufen. Wie kommt das? Ein Raum ist uns behaglich, wenn er vollkommen zweckmäßig erscheint; jeder Umstand, der das Bewußtsein der Zweckmäßigkeit stört, ober auch nur bie Vorstellung einer Unzweckmäßigkeit hervorruft, wirkt ungemüthlich. Vom Zimmer verlangen wir, baß es uns eine schützenbe Abgeschlossenheit und zugleich eine genügende Bewegungs-, Athmungs- und Beobachtungsfreiheit lasse. Um in dem Bewußtsein der schützenden Abgeschlossenheit nicht ge- stött zu werden, müffen wir die Decke bequem wahrnehmen können, doch die Höhe der Wände darf ihre mittlere horizontale Ausdehnung nicht erheblich überschreiten. Die Decke darf aber auch nicht zu niedrig sein, weil dadurch das Bewußtsein der Bewegungs- und Athmungsfähigkeit gestört würde. Dar Bewußtsein der Sicherheit erfordert ferner den Anblick von festen Umfassungs- wänden; sind zu viel Durchbrüche in den Mauern so erachten wir uns nicht für abgeschloffen genug. Ebenso läßt uns eine Spiegelwand den Abschluß des Raumes vermissen; in Folge dessen hat man durch leichte Uebermalung den Spiegelflächen den Charakter de« Leeren, Nichtigen zu nehmen gesucht. Anderersetts giebt das Vorhandensein nur einer Thür dem Zimmer etwas Gefängnlßartige«; wir haben das Gefühl, daß an oder vor der einen Thür etwas passaen könnte, was uns einen an» beseitigen Ausgang nöthig machte; darum find zwei Thüren für jede« gewöhnliche Zimmer wün- fchenswerth. Vom Fenster verlangen wir, daß es sowohl dem Zimmer bie nöthige Beleuchtung gebe, al« auch uns einen Ausblick in die Außenwelt gestatte. Die Fensterbank darf nicht so hoch sein, daß wir nicht auch in sitzender Stellung einen vollen Ausblick haben; aber sie darf auch nicht so niedrig sein, daß die Vorstellung de» Heraus- steigens ober gar Heraurfallens geweckt wird; das abschließende Mauerwerk darf nicht gänzlich durchbrochen erscheinen. Deshalb ist es auch höchst widerwärtig, wenn das Fenster bis nahe an die Zimmerdecke hinaufsieht.
Das sind Alles Dinge, von denen man sagt, sie liegen „so im Gefühl." Der denkende Mensch muß sich aber auch über Ursache und Sinn aller Gffühle, der höchsten wie der alltäglichsten, Klarheit zu schaffen suchen. Indem das erwähnte Schriftchen Hinrici's diesen Zwecken dient, befördert rs nicht nur das häusliche, sondern auch die geistige Einrichtung.
Literarisches.
Die Schutzheiligen. Ein Beitrag zur heiligen Legende und zur Kultur- und Kunstgeschichte von Dr. H. Samson. Paderborn bei Ferd. Schöningh. 1889. 80. 345 S. Preis 4 Mark.
Der Verfasser des vorliegenden Werkes gehörte als Kaplan auf Hof Trayes bei Somborn bis zum Jahre 1885 der Diözese Fulda an und steht bei seinen Bekannten in der Diözese im besten Andenken. Dieses neueste Werk seines Fleißes handelt über die Heiligen, welche in der Christenheit als Schutzpatrone verehrt werden (131). In der Einleitung werden die wichtigsten Nachrichten über e Ortsnamen und die Orts- und Kirchenpatrone zu- ngestellt; es folgt ein kurzer Rückblick auf die geschichtliche Entwickelung der Zünfte und Innungen, sow eine Angabe der Gründe, welche die Auswahl der Patr