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Samstag, den 12. Oktober.

M 235.

1889

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Erstes Blatt.

* Der Zar

ist heute (Freitag) Vormittag 10 Uhr auf dem Lehrter Bahnhofe in Berlin eingetroffen und dort von dem Kaiser und dem Prinzen Albrecht von Preußen begrüßt worden. Der Empfang des Zaren, der von seinem zweiten Sohne, dem Groß­fürsten Georg, begleitet war, trug einen imposan­ten militärischen Charakter. Die Gardetruppen blldeten vom Bahnhofe bis zur russtschen Botschaft unter den Linden ein dichte» Spalier. Das Wet­ter war prächtig und der herbstliche Blätterschmuck des Thiergarten« war in seinem Farbenreichtum wohl geeignet, eine mangelnde anderweite Aus­schmückung zu ersetzen. In den Straßen der Stadt war nur wenig Flaggenschmuck bemerkbar, fast nur die öffentlichen Gebäude trugen solchen. Der Empfang des Zaren seitens des Publikums, das, wenn auch vielleicht minder zahlreich als bei sonstigen derartigen Gelegenheiten, dennoch zn Tau­senden hinter dem Truppenspalier angesammelt war, begrüßte den Zaren mit derjenigen Ehrer­bietung, die seiner hohen Stellung und seiner Eigen­schaft als Gast unsere« Kaisers zukommt. Das war nicht anders zu erwarten. Die Haltung, welche Rußland gegenüber dem deutschen Reiche eingenommen hat, ist nicht dazu angethan, unseren Enthusiasmus wachzurufen. Die Hurrahrufe, welche aus der Menge ertönten, als der kaiserliche Wagen vorüberfuhr, galten wohl mehr unserem Kaffer, als dessen hohem Gaste. Vielleicht war es auch Täuschung, aber un» wollte es scheinen, als ob diese Rufe mächtiger und enthusiastischer er­klangen, da der Kaiser zur Begrüßung nach dem Bahnhofe fuhr, als da er zurückkehrte. Anderer­seits muß hervorgehoben werden, daß nirgends eins Spur von einer feindseligen Stimmung gegen den russischen Herrscher zum Ausdruck kam. Die Gefahren, denen Kaiser Alexander während seiner Regierung ausgesetzt gewesen, die Tragik seines Lebens bewegten die Gemüther in dem Augen­blicke, da er an der Seite des Kaisers durch die Berliner Straßen fuhr, weit mehr als das Ver- hältniß, in das sich Rußland zu Deutschland ge- setzt hat. Die Stimmung des Publikums war im Wesentlichen dieselbe als beim letzten Besuche des Zaren in Berlin. Auch damals saß unser heutiger Kaiser an seiner Seite. Aber damals trat die an-

Dl, W-ldh-IS.

Novelle von R. O.

(4. Fortsetzung.)

Ich wollte versuchen, Pauline zu beobachten, aber das Kundschaften und Spioniren war meiner Natur aus tiefster Seele zuwider, und ich folgte dem Impulse meines Herzen», mich offen mit ihr auszusprechen und sie um eine unzweideutige Er­klärung zu bitten. Sie spielte anfänglich die Be- letdigtr und schmollte mir wegen meines umvür- digen Argwohns, wie sie es nannte, bald aber nahm sie die ganze Angelegenheit von der leichten Sette, verlachte mich wegen meiner Eifersucht und meinte scherzend, ich hätte zur Strafe dafür eigent­lich verdient, daß sie mir nun wirklich Grund gebe, eifersüchtig zu sein. Obwohl mir diese Art und Weise im Grunde sehr wenig gefiel, war ich doch von ganzem Herzen zufrieden, da ich jetzt die Ueber- zeugung hegte, ihr wirklich Unrecht gethan zu haben. Ich suchte mir selber einzureven, daß ich nun vollkommen glücklich sei, und zwang mich am Abend im Kreise meiner Freunde zu einer Heiterkeit, von der ich in Wahrheit nur wenig sühlte. Man hän­selte mich ein wenig wegen dieser ungewohnten Ausgelassenheit, und namentlich einer meiner Stu-

gedeutete Gemüthrregung im Publikum durch den Anblick der Kaiserin von Rußland, die ihren Ge­mahl begleitete, noch mehr zu Tage. • Die harten Prüfungen, welche die russische Kaiser­familie heimgesucht haben, mußten die zarte Dame noch schwerer betroffen haben, als ihren recken­haften Gemahl. Der Zar hat sich settdem wenig oder gar nicht verändert. Es ist noch dieselbe mächtige Gestalt, und die schweren Ereigniffe seit­her haben in seinen Zügen kaum einen Eindruck hinterlassen. Er trug die Uniform seines preußischen Garde-Alexander-Regiments, während unser Kaffer die seines russischen Wyborg'scherr Regiments an­gelegt hatte, welche ihn ungemein anmuthig kleidete. Beide Monarchen dankten ernst mit militärischem Gruße auf die Zurufe der Menge. In einem zweiten Wagen hatten Prinz Albrecht und Groß- fürst Georg Platz genommen, der letztere eine jugendliche, schmächtige Erscheinung. In einem späteren Wagen folgten der Reichskanzler Fürst Bismarck mit seinem Sohne, dem Grafen Herbert, sowie der russische Botschafter am Berliner Hofe Graf Schuwaloff. Als der kaiserliche Wagen in dar Brandenburger Thor ein­bog, erdröhnten die Salutschüsse der Kanonen. Der Kaiser begleitete den Zaren zur russischen Botschaft, vor welcher die Gardetruppen in Pa­rademarsch vorüberzogen. Längere Zett verweilte der Kaiser beim Zaren im Botschaftspalais. Hier nahmen beide Herrscher das vom Grafen Schu- walcff dargebotene Frühstück ein. Der Botschafter hieß, sein Gla« erhebend, seinen Souverän will- kommen, indem er ein Hoch auf den Kaiser Alexander III. ausbrachte. Unmittelbar darauf brachte Kaiser Alexander in französischer Sprache mtt kurzen Worten die Gesundheit des Kaiser Wil­helm aus. Der ganze Verlauf des Frühstücks zeigte große Herzlichkeit zwischen den beiden Mo­narchen. Kaiser Alexander hatte gegen seine Um­gebung schon vorher seiner großen Befriedigung über den ihm bereiteten Empfang Ausdruck ge­geben. Gegen ®/412 Uhr verabschiedete sich Kaiser Wilhelm von seinem erlauchten Gaste und begab sich in da» königliche Schloß. Um 1 Uhr Nach­mittags machten Kaiser Alexander und Großfürst Georg Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin im königlichen Schlöffe ihren Besuch. Der Kaiser und sein Sohn fuhren im offenen, zwei- spännigt» Wagen. Kaiser Wilhelm und Kaiserin Augusta Viktoria gingen ihrem kaiserlichen Gaste

diengenoffm, ein junger Arzt, der eben seiner Militärpflicht genügte, machte allerlei scherzhafte Anspiegelungen, die dem wahren Grunde meine» veränderten Wesen» ziemlich nahe kamen. Ich machte ihm ein Zeichen, da» Thema nicht wetter zu berühren und er leistete meinem Wunsche ohne Weitere» Folge. Aber al» wir uns später auf den Heimweg machten, schob er seinen Arm in den meinigen und kam auf seine frühere Aeußer- ungen zurück. Da ich ihn immer für einen liebens­würdigen, offenen Burschen gehalten hatte, dem man wohl einmal ein lose» Wort nachsehen müßte, der aber sonst ohne Falsch und Tücke war, und da ich mich überdies danach sehnte, mich gegen irgend Jemand auszusprechen, so vertraute ich ihm Alles an, was zwischen Pauline und mir vorge­gangen sei. Er hörte mich mtt großer Aufmerk- samkeit und anscheinend auch mit lebhafter Thell- nähme an und versicherte mir endlich, als wir uns zum Gutenachtgruß die Hände schüttelten, daß ich gewiß keine Ursache hätte, mich irgend welchen B-sorgmssen hinzugeben, da Pauline Mellinger, die auch er al» Schüler ihre« Vater« kennen ge­lernt hatte, da« sittsamste und edelste Mädchen von der Welt sei und nicht nur meine Siebe, sondern auch meine Hochachtung vollauf verdiene.

entgegen, die Kaiserin ihm den ersten Willkommen bietend. Die beiderseitige Begrüßung war die herzlichste. Der Besuch währte eine halbe Stunde. Vom königlichen Schlosse fuhren der Kaiser und der Großfürst Georg nach dem Palais Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich. In den oberen Gemächern begrüßte die hohe Fra« den Kaiser Alexander, von dem sie sich vor etwa 14 Tagen in Kopenhagen verabschiedet hatte, im Kreise der Prinzessinnen. Der Besuch währte über eine halbe Stunde. Für den Nachmittag gedenkt der russische Kaiser nach dem Mausoleum in Charlottenburg zu fahren. Um 6 Uhr findet alsdann im Weißen Saale des königlichen Schlosses ein Galadiner von etwa 140 Gedecken statt und am Abend gedenken die hohen Herrschaften der Galavorstellung im königlichen Opernhause bei» zuwohnen. Morgen Vormittag werden Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander sowie Großfürst Georg sich zur Abhaltung einer Jagd nach der Schaafhaide begeben. Alsdann findet zu Ehren der hohen russischen Gäste bei I. M. der Kaiserin Friedrich ein Diner, aber nur im Familienkreise, statt. Am Sonntag wird Kaiser Alexander seiner Kousine, der regierenden Großherzogin Anastafia von Mecklenburg, in Ludwigslust einen Besuch adstatten.

Die russischen Dichten „Derschawa" und „Zarewna" find heute wieder nach Kopenhagen zurückgekehrt. Die Abreise der Kaiserin von Ruß­land und ihrer Familie von dort ist auf lSonntag den 14. d. M. festgesetzt worden.

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Oktober.

• Der .Reichsanzeiger' begrüßt den heute eingetroffenen Kaiser Alexander III. mit folgende« Worten: , ,

Se. Majestät der Kaiser von Rußland find heute früh um 10 Uhr in Berlin eingetroffen, um den Besuch zu er­widern, welchen Se. Majestät der Kaiser und König im vorigen Jahre Allerhöchstdemselben abgestattet hatten. Der hohe Gast der kaiserlichen Majestäten ist in der Haupt­stadt des deutschen Reiches mit der Ehrerbietung begrüßt worden, welche dem Herrsch« eines großen fett Langem mit Preußen und Deutschland in friedlichem Verhalt»,ß lebenden, mächtigen Reiches gebührt und welche den zwischen den beidm Monarchen bestehenden, von ihren Vätern überkommenen freundlichen Beziehungen entspricht. Mit den kaiserlichen Majestäten vereinigt sich das deutsche Volk in dem Wunsche, daß der hohe Besuch betden Na­tionen zum Heil und Segen gereichen möge.

Obwohl ich dieser Versicherung kaum noch be- durst hätte, erfüllte sie mich doch mit lebhafter Befriedigung; ich dankte meinem Freunde auf das Wärmste, versicherte mich nochmals feine» Schwei­gen« und legte mich beruhigt nieder. Am nächsten Vormittage aber fühlte ich mich unwiderstehlich gedrängt, ihr mein Unrecht noch einmal von ganzem Herzen abzubitten, und zu einer Stunde, in der ich sie sonst nie ausgesucht hatte, begab ich mich in die Wohnung ihrer Vater». In dem Benehmen de« Dienstmädchen«, welche« mir die Thür öffnete, fiel mir eine gewisse Bestürzung und Verwirrung auf; aber ich legte dieser Wahr­nehmung keine Bedeutung bei und war weit ent­fernt, ihre wirkliche Ursache zu errathen. Da« Mädchen wollte mich bei Pauline anmelden, aber ich hielt e» davon zurück, weil ich mir von ihrer freudigen Urberraschung ein besondere« Vergnügen versprach. Im Begriffe ihr Zimmer zu betreten, sah ich eine Soldatenmütze au einem Garderobe- haken de» Korridor», und diese an und für sich so geringfügige und bedeutungslose Entdeckung ließ blitzschnell einen neuen fürchterlichen Verdacht in mir aufsteigen, der zwar ganz abenteuerlich und unmöglich schien, der aber nichtsdestoweniger au« ganz unerklärlichen Gründen urplötzlich von rremem