1889
Freitag, den 11. Oktober.
M 234.
fest entschlossen, seine Erzählung so kurz als mög-
Wie ich heiße und wer ich bin, ist Ihnen ja bekannt," sagte er, „und es erübrigt mir nur, vorauszuschicken, daß meine Erziehung sicherlich nicht verantwortlich gemacht werden kann für die Schande, die ich auf meiner armen Eltern ehrlichen Namen gehäuft habe. Mein Vater war ein allgemein geachteter Manu, ein Gymnasial • Pro- schor, dch-n zarte Gesundheit den Anstrengungen seines Berusrs erlag, al» ich noch im jugendlichsten Knabenalter stand. -
Meine edle Mutter war die liebevollste und empfindlichste aller Frauen. Mit ihrem geringen Vermögen wußte fie e« durchzufitzen, daß ich das Gymnasium und später auch die Universität besuchen konnte, aber auch chr blieb c» durch eine gütige Fügung des Geschicke» erspart, da» Entsetz- liche zu erleben. Sie starb wenige Monate vor Beendigung meiner Studienzeit, und die Mühen und Entbehrungen, denen fie sich unterzogen hatte, um mir die Möglichkeit einer ehrenvollen Existenz zu verschaffen, waren wohl eine der wesentlichster Ursachen zu totem frühen Tode.
Der Erzähler hielt inne und fein Zuhörer unter- I brach ihn mit keinem Worte. Er wußte, daß ei
Das Waidhaus.
Novelle von R. O.
(3. Fortsetzung.)
Bernhard schaute während dieser im herzlichsten Tone gesprochenen Worte stumm vor fich nieder und schüttelte, al» Jener geendet, schwermüthig ^Jch^zwei'fls nicht, daß Sie er gut mit mirmei- I nen, mein Herr, aber es ist eine verlorene Mühe, die Sie fich da gemacht haben. Es war eben nur ein Bruchstück von meiner Vergangenheit, da« Ihnen vor Augen gekommen ist, und just dasjenige, da» am meisten zu meinem Vortheil svrach. Wüß- ten Sie Alle«, Sie würden mich schwerlich hier erwartet haben, und Sie würden mein Verbrechen nicht mit jener wohlwollenden Bezeichnung belegen, die Sie ihm vorhin gegeben. Ein Mensch, der um niedriger, selbstsüchtiger Regung willen eine» Anderen Blut vergießt, verdient weder Achtung noch MÜleid, und jeder Jammer, der über ihn hereinbrechen kann, ist wohlverdient!"
Während der letzten Worte blickte er zu dem «eißbärtigen Manne empor, aber er entsetzte fich fast vor dem geisterhaften Ausdruck, den da« Antlitz deffelben plötzlich angenommen hatte. Seine
Züge waren gräßlich verzerrt, die Augen schienen au» ihren Höhlen hervortteten zu wollen und seine Lippen bewegten fich unaufhörlich, ohne daß doch etwa» Andere» al» ein dumpfer, unartikulirter Laut über fie gekommen wäre. Die Rollen schienen plötzlich vertauscht zu sein, denn jetzt war e« offenbar der Fremde, welcher der Hilfe bedurfte, und Bernhard wollte eben eine besorgte Frage an ihn richten, al» fich sein Gesicht zu glätten und seinen schwermüthig ruhigen Ausdruck wieder anzunehmeu begann. —
„Erschrecken Sie nicht über meine seltsamen Ge- beiden, junger Freund," kam er mit einem trüben Lächeln der Aeußerung Bernhards zuvor. „Da» sind nur N-rverzuckungen, über die ich keine Gewalt habe. Eine körperliche Krankheit, nicht» weiter! Die wenigen Menschen, welche mich bestän- I big umgeben, sind so daran gewöhnt, daß fie e» kaum noch bemerken. Aber wenn Sie mich 3hres Vertrauen« würdigen und mir Ihre ganze Geschichte enählen wollen, so vermeiden Sie e» lieber, mich anzusehen, wäyrend Sie sprechen. Ich könnte nicht dasür etnstehen, daß sich da« traurige Schauspiel nicht noch einmal wiederholt!
Bernhard folgte tiefet Aufforderung, aber et I fühlte fich noch beklommenet al» vorhin und wat
Pläne baut, so vetmögen mit die Grundtendenz derselben nicht zu bestreiten. Aber alle diese Faktoren durften nicht dazu verleiten, die Position de» Fürsten Bismarck als eine gänzlich erschütterte anzusehen und sich in thörichte Augenblick,hoff- nungen einzuwiegen. Man muß derartige Hoffnungen für die Zeit nach dem Rücktritt der Fürsten Bismarck aufsparen und sie nicht letzt schon vorlaut verwirklichen wollen. Daß die,Kreuz- I zeitung' das nicht vermochte, hat fich jetzt so bitter an ihr gerächt, daß die ganze Entwicklung ver- schoben wird. Allen Politikern aber wird durch die .Kreuzzeitung' gezeigt, wie man es nicht machen darf.
» Der Kaiser von Rußland hat mit dem Großfürsten Georg heute Kopenhagen verlaffensund wird Abend» gegen 9 Uhr in Kiel erwartet. Für den Empfang find große Vorbereitungen getroffen. Der Hafen wird elektrisch beleuchtet. An der Barbaroffa-Brücke findet offizielle Begrüßung statt. Von der Barbaroffa-Brücke bi» zum Bahnhofe bildet die Garnison Spalier. Die Weiterreise des Zaren nach B erl in ist auf 11 Uhr Abend» fest- gesetzt. In Berlin wird Kaiser Alexander morgen vor 10 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof eintreffen, wohin zur Ehrenwache die Leibkompagnie de» 1. Garde-Regiment» z- F. in den historischen Blech- I mützen beordert ist. - Bei der Rückfahrt de« Zaren von Berlin nach St. Peterrburg wird die ruffische Eisenbahnlinie von der preußischen Grenze bi» St. Petersburg mit ca. 50000 Mann Militär besetzt.
• DerBundesrath trat heute zu einerPle- nar - Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung standen u. A. mündliche Berichte über eine Reihe von Einzel-Etat» de» Reichshaushalts für 1890/91. - 'Dem Bundesrathe ist der Entwurf eines Ge- setze», betreff. Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen de» Reichrheere», der Marine, der Reich« - Eisenbahnen und der Post und Tele- graphen nebst Begründung zur Beschlußfaffung I vorgelegt worden.
• Heute Mittag hat in der deutschen Allge. meinen Ausstellung für Unfallverhütung Hierselbst die PreiSvertheilung stattgefunden.
* Der dritte Kongreß der deutschen anatomischen Gesellschaft ist heute hier eröffnet worden. 1 * Zur Berufswahl der Abiturienten
bringt die ,Rordd. Allg. Ztg.' einen Artikel, wel-
cher insbesondere auf die Ueberfüllung der juristischen Laufbahn und des Lehrerfache« hinweist und davor warnt, ohne ausgesprochene Neigung zu einem bestimmten Studium sich durch die Frei- heit de« Studentenleben« zum Unioersttättbesuch verlocken zu laffen. Dagegen bedinge der Aufschwung von Handel und Industrie für dieselben neue Kräfte. Leider aber herrsche in weiten Kreisen unserer gebildeten Stände noch da» alte Vorurtheil gegen die Erwerbsthätigkeit in diesen ^^Vom Ausschuß der deutschen T u r n e r s ch a f t ist auf Grund des in München gefaßten Beschlusses ein Gesuch an den Bunde«rath ergangen, worin gebeten wird, bei Ausstellung de» Reich»hau»halt»- plane» dem Reichstage eine Vorlage über einen der deutschen Turnerschaft für Ausbreitung der Turnsache und Errichtung deutscher Turnstätten zu bewilligenden jährlichen Beitrag zu machen.
* Zu Professoren am Posener Priester- semiwar find ernannt worden: Regen« Lic. Jed- zink (Moral-Theologie); Subregens Dr. Szulc (Einleitung in die h. Schrift und Exegese der- selben); Dr. Warmintki (Dogmatik); Dr. Klopsch (Kirchengeschichte und Ktrchenrecht); Dr. Englert (Philosophie); Prokurator Dr. Surzynski (Kirchengesang und kirchliche Ceremonien.
I • Der Erzbischof von Münch en-Freifing, Dr. v. Strichele, ist heute Nacht gestorben. Der Verstorbene war am 22. Januar 1816 geboren, am 28. August 1838 zum Priester geweiht und 13. Oktober 1873 konsekrirt. Die Beisetzung findet Montag Vormittag in der Frauenkirche
I a.i| g । p
* Augrburg, 10. Okt. Die vereinigten Feingoldschlägeretbefitzer Bayern« beschlossen d e Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit, sowie eine Preiserhöhung um 3-4 pCt.
• Karlsruhe, 10. Olt. Nach dem ,Bad. Beob.' hat die badische Centrumspartei keinen
I Sitz verloren und die Bezirke Ueberlingen, Villin- ■ gen, Triberg, Waldkirch, Ettenheim gewonnen. In Lörrach-Stadt ist die Wiederwahl de» Deutsch-
I freisinnigen Vogelbach gesichert.
Ausland.
• Eine kaiserliche Verordnung vom 6. Oktober ermächtigt die österreichische Regierung anläßlich der diesjährigen Mißernte der hilfsbedürftigen Bc-
Deutsches Reich.
Serbin, 10. Oktober.
• Da» Ungemach, welche» die.Kreuz zeit- ungs'-Partei im Kampfe gegen das Kartell erlitten, hat für die Centrumskreise auch insofern viel Lehrreicher, al» wir durch die Entwicklung, in welche die Rechtskonservativen gedrängt werden, eine Bestätigung der politischen Haltung und Führung der Centrumspartei erblicken müffen. Jahrein jahraus nörgelte die.Kreuzztg.' am Cm- trum herum, um es zu sprengen. Sie suchte das Centrum in konservative und demokratische Theile aufzulösen, um die konservativen Centrumsmitglieder zu sich herüberzuziehen. Der Kampf, welchen die .Kreuzzeitung' in dieser Weise gegen das Centrum führte, war häufig wenig passend für ein B alt, welches auf seine Ritterlichkeit so sehr pocht. Und auch sachlich merkte doch Jedermann, wie die sozusagen auf einem Vulkan tanzende .Kreuzzeitung» • I Partei wenig geeignet sei, einen festen Pol zu bilden, von dem wir uns angezogen fühlen. Darnach richtete stch die Haltung unserer Partei auf dem Boden eines festen Programms ein. Die großartigen und felbstbewußten Redensarten der .Kreuzzeitung', mit welchen sie stets um sich zu werfen pflegte, standen wenig im Verhältniß zur Kraft ihrer Position, daran haben wir tm Gentium keinen Augenblick gezweifelt. Zunächst ist das Gros ihrer Partei lediglich durch opportunistische Rücksichten zusammengehalten, und nicht etwa durch da» Band sester Prinzipien. Wir kennen die Personen in dem Drama ju genau, um nicht zu wissen, wie mager die Grundsätze ausschauen, die den Kons« vattven gemeinsam sind. Wenn heute die .Höllische Zeitung' anregt, die konservativen Prinzipien als gemeinen Plunder weazuwerfen, und der .Reichsbote' entsetzt die Neubildung einer prinzipiell konservativen Partei anregt, so wird damit wahrhaftig keine Neuigkeit vorgetragen, wir haben diesen Zustand der Konservativen und die Nothwendigkett einer Aenderung ihrer Zusammensetzung stets gekannt und unsere Stellung darnach eingerichtet. Ebensowenig konnte uns verborgen sein, daß die .Kreuzzeitung' die Position Bismarcks falsch ansah. Wenn man von militärischen Unterströmungen redet, aus die konservattven Gesinnungen des Staatsoberhauptes und die mächtigen Freunde der .Kreuzzeitung