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M 233.

Donnerstag, den 10. Oktober.

1889

Dre ,^uldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld Mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

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Deutsches Reich.

Berlin, 9. Oktober.

• Privatmeldungen aus Kiel zufolge wird der Kaiser von Rußland an Bord seiner Yacht „Derschawa" morgen Abend dort eintteffen und sofort mittelst Separatzuger die Reise nach Berlin fortsetzen. — Zum Ehrendienst bei dem Kaiser von Rußland ist der Kommandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Divifion, Generallieutenant von Kaltenborn-Stachau, kommandirt, welcher dem Monarchen bi« Kiel cntgegenfahren wird.

* Die ,Nat.-Ztg.' theilt mit, daß im Mini­sterium der Innern ein Entwurf der Sozia­listengesetzes ausgearbeitet worden ist, und augenblicklich dem Staatsministerium vorliegt, welcher „Rechttgarantien" schafft. Das national­liberale Blatt erblickt darin einen Beweis, daß eine Beibehaltung des jetzigen Gesetzes nicht be- abfichtigt sei. Mit dem Worte „Rechtsgarantie" ist sehr wenig gesagt; wahrscheinlich bedeutet e» nur, daß an Stelle der Reichskommission al« Beschwerdeinstanz da« Reichsgericht treten soll. Da« wäre eine praktisch ziemlich gleichgiltige Aende- rung. Wenn der kleine Belagerungszustand mit seinen Ausweisungen, die Unterdrückung der Ver­sammlungsfreiheit und der Preffe aufrecht erhalten bleibt, so bedeutet das thatsächlich nichts Anderer als die Verlängerung des bestehenden Gesetze«.

* Der neue außerordentliche Militär-Etat soll sich auf 270 Millionen belaufen und durch eine Anleihe gedeckt werden. Diese Ziffer ist hoch, sehr hoch und erweckt große Bedenken für die Zu­kunst, denen fich selbst die Kartellbrüder nicht ent­ziehen sollten, denn das deutsche Volk ist auf die Dauer nicht im Stande, diese furchtbare Militär­last zu tragen.

* E« verdient konstatirt zu werden, daß eine Antwort de» Kaiser» auf da« Telegramm der Generalversammlung de« Evangelischen Bunde» nicht bekannt geworden ist.

* Beschränkung der Luxus in Ossi- zierkreisen empfiehlt ein Leitartikel der.Kreuz­zeitung' über Heer und Gesellschaft. E» heißt in demselben: „Man kehre nur in der Gestaltung de» Osfizierslebens zu den gesunden Grundsätzen der Altvordern zurück, erschließe starkem Christen- thum, männlichem Auf- und Einblick in die soziale

5a» Waldhan».

Novelle von R. O.

<2. Fortsetzung.)

Eine annähernd zuverläsfige Meinung über da« nimhmaßliche Alter de« Mannes abzugeben, mußte von vorn herein als ganz unmöglich erscheinen, denn wenn auch auf den ersten Blick das wirre, ichneeweiße Haar und der lang auf die Brust yerabwallende filberglänzende Bart Kennzeichen eines VGn Greisenalters.zu sein schienen, so wider­sprachen doch die beinahe jugendlichen lebhaften «"gcn und die ganze Gefichtrbildung einer solchen Annahme auf da« Entschiedenste. Diese Gesicht«- vüdung wäre ohne Zweifel schön zu nennen ge» wenn nicht in kurzen Zwischenräumen ein Agenthürnliche« nervöse« Zucken alle Muskeln Annipfhast zusammengezogen und dem Antlitze de- °urch einen fast in jeder Minute wechselnden Aus- rl"" gegeben hätte. Dabei hatte diese Verzerrung

Zöge zuweilen einen geradezu unheimlichen varafter, und ein Vorübergehender, welcher den Sremden gerade in einem solchen Momente zuerst vgesehen hätte, würde vielleicht von jäyern Ent- ^Sen erfahr worden sein. Aber man brauchte fich ur die Mühe zu geben, den seltsamen Mann

Noch jder Zeit eine Freistatt in seinen Reihen, regeleZnach dieser der kriegerischen Jugend Brauch und Lebensgewöhnung, und man wird bald genu; den Einfluß erkennen lernen, den eine gesellschaft­liche Macht, wie der Offizier c« bei uns ist, — noch immer auf die weitesten Kreise der Gesell­schaft ausüben kann. Beispiele find Riesen. Von maßgebenden Stellen ausgehend, würde eine auf Beseitigung des überschäumenden Luxus hinwirkende Aktion, fich sehr bald auf den verschie­denen Gebieten des geselligen Lebens, wie nicht weniger auf dem volkswirthschaftlichen und auf dem ethischen, in der allererfreulichsten Weise fühlbar machen."

* Der Volksverein in Chemnitz und der Allgemeine Bildungsverein in Mülheim a. d. Rh. find auf Grund des Sozialistengesetzes verboten worden.

* Dorsten, 8. Okt. In einer gestern abge- haltencn Versammlung von Vertrauensmännern der Centrumspartei im Wahlkreise Recklinghausen- Borken wurde an Stelle de» Abg. Eickenscheidt, welcher krankheitshalber sein Landtag»mandat nie­derlegte, Herr Landesrath Fritzen aus Düffeldorf als? Kandidat aufgestellt.

Ausland.

* Die Bemühung der österreichischen Regierung, in Konstantinopel eine Anerkennung de« Fürsten Ferdinand al» Fürst von Bulgarien durchzu­setzen, scheinen von Erfolg gekrönt zu werden und erwartet man au« Konstantinopel eine dies­bezüglich« Kundgebung, zumal jetzt auch die preußische Regierung die Schritte der österreichischen Diplomatie als Schachzug gegen Rußland unterstützt.

* Angesicht« der fortgesetzten russischenRüst- u n g e n finken die Friedenshoffnungen wieder herab und machen der Sorge für die Zukunft Platz. Au» Bessarabien find in den letzten Wochen 12 russische Regimenter nach der bukowinischen Grenze dirigirt worden und treffen immer noch frische Truppen au» Bessarabien ein. In der Station Priskurow passiren täglich 12 Züge mit Truppen, Fourage und Kriegsmaterial, die in die Grenzdistrikte gehen. Dabei rüstet Rußland auch sehr eingehend nnd beeilt sich, seine Flotte am schwarzen Meere zu verstärken. In Rußland herrscht allgemein die Ansicht, daß bis längsten» März losgeschlagen werde.

etwas länger zu betrachten, um sich über den harmlosen Charakter seine« drohenden Mienenspiel« zu beruhigen. Es blieb in ruhigen Momenten wohl ein Schatten tiefer Schwermulh in seinen Zügen zurück, aber nichts von Wildheit und Ver­zweiflung war in ihnen zu lesen.

Bernhard hatte von der Anwesenheit de» Man­nes nicht» wahrgenommen, und erst al« jener dicht an seine Seite rückte und ihm die Hand auf die Schulter legte, fuhr er in jähem Erschrecken empor.

„Verzeihen Sie meine Zudringtichkett I" sagte der Fremde mit einer tiefen, wohlklingenden Stimme, aber mit etwas fremdartigem Accent. „Ich glaube, Sie befinden sich nicht ganz wohl, und ich würde mich freuen, Ihnen beistehrn zu können!"

Bernhard strich sich hastig das verwirrte*Haar au» der Stirn und versuchte fich zu sammeln.

„Ich danke Ihnen, mein Herr!" brachte er mit einiger Anstrengung hervor. „Aber mir fehlt nicht» — e» geht schon vorüber, eilt kleiner Schwindel, nicht» weiter!"

Seine Todtenbläffe und da» Zittern, welche» einen Körper überlief, al» er fich erheben wollte, haften seine Worte Lügen, und der Fremde zog hn mit sanfter Gewalt auf den Sitz zurück.

„Es ist nicht die Wahrheit, was Sie mir da sagen! Sie find krank und können nicht ohne

* Der Ausfall der Stichwahlen in F r a n k r e i ch, von denen im Ganzen 178 zu vollziehen waren, hat wie bereits gemeldet, die Position der Re­publikaner verstärkt, indem die weitaus größere Zahl der Gewählten ihrer Richtung angehört. Sie vetfügen nunmehr, vorausgesetzt, daß sie einig sind, über die ausgesprochene Majorität in der Kammer und haben somit das Heft noch auf einige wettere Jahre in der Hand. Aber mit der Einigkeit steht es nicht am besten und die Oppor­tunisten, welche die größere Fraktion bilden, dürfen sich auf starke Opposition fettens der Radi­kalen gefaßt machen. Die Boulangisten haben auch bei den Stichwahlen sehr schlechte Geschäfte gemacht und scheint diese Partei, da die erwar­teten Erfolge ausgeblieben find, allmählich wieder verfallen zu wollen. Boulanaer's Geldmittel haben stark nachgelassen und kann der General die kost­spielige Agitation nicht mehr bestreiten, er verläßt auch London und begibt sich nach Jersey, wo ihn der Aufenthalt billiger zu stehen kommt. In Frank­reich hat' der General sehr viel an Popularitäl eingebüßt.

* Rom, 8. Okt. Der hl. Vater hat die Sommer­monate benützt, um eine neue Encyklika über die soziale Frage auszuarbeiten, welche gelegentlich der Audienz französischer Arbeiter im Vatikan ver­kündet werden soll.

* Am Sonntag und Montag wütheten au den Küsten Großbritanniens und Irlands heftige Aequinoktialstürme, welche an verschiedenen Orten zu Orkanen ausarteten. Zwischen Holyheed und Liverpool verunglückten eine Menge Schiffe. Eine große Bark sank an der irischen Küste mit der ganzen Mannschaft. Der Wellenbrecher in Holyheed ist fast gänzlich fortgespült, der Leucht­thurm überschwemmt, die Wärter schweben in Äbensgefahr. Bei Manchester sind am Schiffs­kanal die Dämme schwer beschädigt. Am heftig­sten hauste der Sturm in Dublin, wo Tele- araphenpsähle umgeweht wurden. Im Phönixpark sind Hunderte von Bäumen entwurzelt, ein großes Truppenzeltlager niedergeweht. Der Sturm rich­tete auch in London, Liverpool und Blackpool und auf der Insel Man große Verheerung an. Der Schaden ist sehr bedeutend, Lebensverlust jedoch, soweit gemeldet, unerheblich.

Hilfe bleiben! — Warum weisen Sie meine Un­terstützung zurück?"

„Weil Sie mir nicht helfen können," rang e« fich bitter und schmerzlich von den Lippen des jungen Manne» — „Sie so wenig al» irgend Je­mand auf der Welt I Wenn Sie mir einen Dienst erweisen wollen, so Überlassen Sie mich meinem Schicksal, da« ich mir selbst bereitet habe!"

„Dar werde ich nicht thun, mein junger Freund," war die ruhige und bestimmte Erwiderung de« sonderbaren Manne«. „Auch gegen Ihren Willen werde ich mich in Ihr Vertrauen drängen, und ich hoffe, Ihnen zu beweisen, daß ich desselben würdig bin! Ich sah Sie au» jenem Hause kom­men — ja, noch mehr, ich habe hier auf JhrEr- cheinen gewartet. Ich war darauf vorbereitet, und e» ist keineswegs ein bloßer Zufall, der uns jiet zusammenführt I"

Halb unwillig und doch halb gefangen genom­men schaute Bernhard zu dem Sprechenden auf, der so fest entschlossen schien, fich seiner anzuneh­men und der ein so lebhafte» Interesse au seinem Schicksal verrieth, obwohl et ihn heule zum ersten Male in seinem Leben sah. Au» jedem anderen Munde würde ihn solche Sprache verletzt haben, aber in dem Wesen diese« Manne«, der unver­kennbar selbst viel und schwer gelitten hatte, lag