treten, als gegen ein neues Heidenthum. — Während man also gegen angebliche katholische Konfesstonrhetzrreie« protestirt, treibt man diese selbst in ausgiebigstem Maße. Wmn man trotzdem am Schluffe der 3. Resolution seine Bereitwilligkeit erklärt, „allen wahrhaft christlichen Regungen im Katholizismus die brüderliche Hand zu reichen," so verstehen wir das sehr wohl. Die innige Verbrüderung de« „Bundes" wie auch des Protestantenvereins mit den Altkatholiken und überhaupt mit allen freigläubigen und ungläubigen „Katholiken" ist ja notorisch.
Rur an einer wollen mir zum Schluffe die Herren vom Evangelischen Bunde noch erinnern, nämlich an die Geschichte der Gründung de» Bunde«. Trotzdem darüber erst ein paar Jahre verfloffen find, scheint man in den Bundeskreisen die AktenstüSe, welche der Gründung vorausgingen und sie begleiteten, ganz vergessen zu haben Unseres Wissens konstruirte man die Rothwendig- leit des evangelischen Bundes aus der Beendigung des preußischen Kulturkampfes, aus der Abschaffung bezw. Abänderung der Maigesetze. Fürst Bismark und Kaiser Wilhelm I., welche die Anbahnung des Friedens mit Rom ins Werk setzten, wurden in den Gründungsakten des „Bundes" verständlich genug angegriffen. Als Bollwerk gegen den Frieden mit Rom ist der evangelische Bund gegründet worden; er war es, der sich am meisten gegen die Beendig« ung des preußischen Kulturkampfes auflehnte und einen neuen heftigeren Kulturkampf in Aussicht stellte. An dieser Thatsache können alle nachträglichen Versuche, die Gründung de« Bundes als einen Akt „bitterer Rothwehr" gegen katholische „Lerfolgungssucht" darzustillen, nichts ändern. Richt Rothwehr, sondern Angriff war die erste Parole des Bundes, und zwar nicht nur Angriff gegen Rom, sondern auch Angriff gegen Bismarck"sche Kirchenpolitik.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Oktober.
* Der Kaiser trifft morgen Vormittag in Kiel ein, woselbst dar englische Geschwader erwartet wird. Wahrscheinlich wird der Kaiser den Zaren dott begrüßen und denselben nach Berlin begleiten.
* Der für den Zarm bestimmte Hofzug, der am Sonnabmd Abmd auf dem Außenbahnhof bei Rummelsburg eingetroffen ist, mußte sofort in Reparatur gegeben werdm, da «. A. eine Carpenter- bremse demolirt ist, Die Reparaturen müssen bis Mittwoch Abend beendet fein. Die Wagen sind glänzend dunkelblau lackirt und tragen in der Mitte den russischen Adler. Der Zug wird fortgesetzt von russischen Beamten bewacht.
* Die ,Post' bestätigt, daß die bekannten Erklärungen des.Reichsanzeiger»' auf speziellm Befehl des Kaiser» eingerückt wurden.
* Die Kaiserin Friedrich tritt ihre Reise nach Athen über Dresdm-Wim-Vmedig am 19. Oktober an.
* Nachdem die land- und forstwirth- schaftliche Unfallversicherung im ganzm Gebiete de» deutschm Reiche» für ninb 8 Millionen Per-
müssm, wmn Sie die Vergünstigung, zu schriftlichen Arbeitm verwmdet zu werdm, zu solchem Unfuge mißbrauchen I Man hat Ihnen schwerlich aufgetragm, dergleichen zu schreiben!"
„Es ist ein Gnadmgesuch I" antwortete der Angeredete kleinlaut. „Der Rest meiner Strafe würde mir gewiß erlassen werdm, wmn es an den Landerherrn gelangte."
„Geben Sie sich doch nicht so thörichten Hoffnungen hin," war die ärgerliche Erwiderung. „Ihr Gesuch ist Ihnen einmal abgeschlagen worden und damtt hat «e nun fein Bewenden. Er wäre auch eine offenbare Ungerechtigkeit, wenn mau einen Mann, der viele arme Leute um ihr Geld und Gut betrogen hat, so milde behandeln wollte I Also weg mit dem Papier da und vergeuden Sie Ihre Arbeitszeit nicht wieder mit solchen zweck- losen Schreibereim, sonst zeige ich Sie an und Sie müssm in dm Arbeitssaal zum Wergzupfen zurück!"
„O, nur da« nicht — nur dar nicht!" murmelte der Mann, während ein Zittern seinen abge-
sonm in Kraft steht, trat heute da« Reichsversicherungsamt zum ersten Male zur Rechtsprechung in land- und forstwirthschaftlichm Rekurssachen zusammen. Der Präsident Dr. Bödicker leitete die Verhandlungen mit einer die Bedeutung der land- und forstwirthschaftlichen Unfallversicherung behandelnden Ansprache ein.
* Dem hiesigen königl. Botanischen Museum ist von Prof. Dr. Schweinsurth eine aus etwa 100 Objekten bestehende Sammlung au» Arabien überwiesm worden, meist bestehmd au« BlÜthen- ständen und Früchten in Spiritus.
* Herr Wangemann hat sich heute früh nach Friedrichsruh begeben, um dem Reichskanzler den Phonographen vorzustellen.
• Die in erschreckender Weise sich mehrenden Selbstmorde unter Gymnasiasten lenken in der letzten Zeit wieder die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Im Polizeibericht heißt es: „Am 2. ds. Mts. brachten sich drei Gymnasiasten mittels Revolvers lebensgefährliche Verletzungen bei. Zwei von ihnen starben bald darauf, während der Dritte nach dem Elifabeth-Krankenhause gebracht werden mußte. Anlaß zum Selbstmorde scheint theils nicht erfolgte Versetzung gegeben zu haben, theils find die Ursachen unbekannt geblieben." Ueber einen der seltsamen Vorfälle vermag ein Berichterstatter die folgenden Einzel- heilen zu geben:
In große Erregung und Trauer wurde dieser Tage die auf dem Gesundbrunnen wohnende Familie des Beamten und Hausbesitzers L. durch den Selbstmord ihres einzigen siebenzehnjährigen Sohnes Paul, Schüler eines im Centrum der Stadt Gelegenen Gymnasiums versetzt. Als die Mutter morgens das Zimmer ihres Sohnes betrat, fand sie auf dem Arbeitstisch deffelben einen an die Eltern kouvertirten Brief, worin ihnen der junge Mann mittheilt, daß er eine ungünstige Zensur erhalten und dadurch so erregt und erbittert sei, daß er die nach seiner Ansicht unverdiente Schmach nicht überleben wolle. Seine Leiche würden bie Eltern, die er des gethanen Schrittes wegen vielmals um Entschuldigung bitte, auf einem Felde in der Nähe ihres Grundstücks finden. Erschreckt eilten die Bestürzten nach dem im Briefe bezeichneten Orte und fanden hier die bereits erkaltete Leiche ihres Kinde«, die Mordwaffe noch in der Hand haltend, mittelst deren es sich die tödtliche Kugel durch den Kopf gejagt hatte.
In dem vorliegenden, wie bei den meisten anderen Fällen scheint Entmnthigung oder übertriebener Ehrgeiz den unseligen Entschluß in den jugendlichen Köpfen zur Reife gebracht zu haben. Geradezu lächerlich erscheint es aber, sagt mit Recht die .Germania', wenn an die traurigen Thalsachen der unzureichende Rath geknüpft wird, es müsse dem „krankhaften Ehrgeiz" entgegengetreten werden. Unser Rath würde demgegenüber in der Frage gipfeln: Wie stand es mit dem Religionsnnterri'cht und der religiösen häuslichen Erziehung der Selbstmörder?
Ausland.
• Petersburg, 4. Okt. Wegen der bevorstehenden Reise de» Zaren nach Berlin find bereits gestern der Chef der Hofpolizei, Schirinkin, und der Chef der technischen Abtheilung de« Eisenbahnwesens, Kovytkin, nach Kiel abgereist. General Tscherewin begibt stch direkt von Paris nack Kiel.
• Das bulgarische Regierungs - Organ .Swoboda' bespricht die Frage bezüglich der Anerkennung de« Fürsten Ferdinand. Der Beschluß der Porte, ein darauf bezügliches Rundschreiben
magerten Körper überlief, und mit beinahe ängstlicher Hast riß er den engbeschriebenen Bogen in tausend kleine Stücke und beugte sich tief auf seine vorschriftsmäßige Arbeit hinab.
Sein jüngerer Leidensgenofle warf dem Be- dauernswerthen einen mitleidigen Blick zu, und es schien, al» ob er ihm ein tröstendes Wort sagen wolle, aber der Aufseher verhinderte diesen Versuch durch eine gebieterische Handbewegung und drängte ihn fast zur Thür hinaus.
„Ich denke, Sie werden eine gute Nachricht empfangen," brummte er in den Bart, al« sie draußen den langen, düsteren, hallenden Korridor entlangschrillen. „Ist ja auch mit Ihnen etwas ganz Anderes, als mit dem Betrüger da drinnen; hat mir immer in der Seele leid gethan, daß man Sie wegen der kleinen Ueberellung so lange eingesteckt hat!"
Bernhard Steinmetz hatte auf diese theilnehmende Aeußerung keine Antwort, und es schien, als ob er der verheißenen guten Nachricht ohne sonderlich freudige Erregung entgegensähe. Der ernste Ausdruck seines blaffen Gesichtes veränderte sich auch
an die Mächte zu richten, sei durch Jntriguen der russischen Botschafters Nelidow zunichte geworden. Die Initiative in dieser Frage stehe der Türkei auf Grund des Berliner Vertrages zu. Die Türkei solle in der Ausübung der eigenen Rechte entschieden vorgehen. Andernfalls würde Bulgarien die Türkei nicht mehr als fnzeräns Macht betrach- ten können und selbst ersprießliche Mittel für seine Wohlfahrt suchen müssen.
• Belgrad, 6. Okt. Die Entscheidung des Exkönig» Milan in der Frage der Zusammenkunft de» König» Alexander mit seiner Mutter beschränkt sich auf seine prinzipielle Einwilligung und er überläßt der Regentschaft die Ordnung der Details der Zusammenkunft. — Der mit Zustimmung der serbischen Regierung bei der Skupschtina einzubringende Antrag, die Regelung de» Verhältnisse» zwischen Natalie und dem Könige betreffend, soll im Wesentlichen darin bestehen, daß sowohl für die Königin Natalie al» auch für König Milan da» Recht in Serbien zu verweilen, zeitlich umgrenzt, beziehungsweise beschränkt wird. Die Königin will jeder derartigen Zumuthung Widerstand leisten und stch darauf berufen, daß dieselbe eine Beschränkung ihrer staatsbürgerlichen Rechte, also eine Verfassungsänderung bedeutet, wozu die kleine Skupschtina nicht kompetent ist, da die neue Verfassung während fünf Jahren nicht abgeändert werden darf.
* Die italienische Provinz Cagliari ist am Sonnabend von einem heftigen Orkan heimgesucht worden, der großen Schaden anrichtete. In der Stadt Quarto wurden mehr als 200 Häuser zerstört, au» denen bi« jetzt 10 Leichen heraurgezogen sind. Man befürchtet, daß unter den Trümmern noch mehr Personen begraben find. Jn Quartucclo stürzten 30 Häuser ein.
* In vielen Städten der Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde am Sonntag seitens der Deutschen der zweihundertste Jahrestag des Landens der ersten deutschen Anfiedler in Amerika festlich beaanaen.______________________________________
Aus Stadt, Provinz und Nachbargebiet.
Fulda, 8. Oktober.
• Auf die morgen (Mittwoch) Abend, 8 Uhr, im Pult'schen Saale stattfindende Soiree de« Hofkünstlers Rud. Meunter machen wir ganz besonders aufmerksam. Die .Darmstädter Zeitung' berichtet darüber: „Die Soiree des Herrn Prof. Meunier am gestrigen Abend im Saale „der Traube" ließ die Kunst dieses Prestidigitateurs, wie wir es an ihm gewohnt sind, wieder im besten Lichte erscheinen. Was nur Fingerfertigkeit in diesem Genre zu leisten vermag, wurde hier in ebenso gewandter wie überraschender Weise den Augen de» Publikums vorgeführt. Gleich die Einleitung de» Abends: „vollendete Fingerfertigkeit" brachte manches Neue und rief den Beifall der Anwesenden in vollem Maße hervor. Derselbe wiederholte sich bei jeder neuen Picyz — wir nennen nur „Amortisation eines Bankpapiers", „großesKarten-Manöver", „Blumenspende", „das Aufblühen von 300Rosen", „ Verkettung der massiven Stahlringe", „Wie man Cigarren rauchen muß",
nicht, als er einige Minuten später in der Privat- Kanzlei des Gefängnißdirektors, dem obersten Machthaber dieser finsteren Hauses, gegenüberstand.
Der Direktor war ein hochgewachsener Mann von stattlicher, gebieterischer Effcheinung, dessen Wesen indessen nicht ohne eine gewisse Menschenfreundlichkeit und Milde war. Er gab dem Aufseher einen Wink, sich wieder zu entfernen, und wandte stch dann an den jungen Gefangenen:
„Ich habe Ihnen die amtliche Eröffnung zu machen, daß da» von Ihrem Vertheidiger eingereichte und mit Rückficht auf Ihre gute Führung von mir unterstützte Gnadengesuch von unseren erlauchten Landesherrn genehmigt worden, und daß Ihnen die letzten zwölf Monate ihrer vierjährigen Strafzett damtt erlassen find. Heute Mittag zwölf Uhr werden Sie Ihre Freiheit zurück erhalten, und ich stelle Ihnen frei, schon jetzt Ihre Vorkehrungen zu treffen."
Steinmetz machte eine höfliche Verbeugung, aber auch jetzt wiesen seine traurig ernsten Zuge keine Veränderung auf.
(Fortsetzung folgt.)