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Dienstag, den 8. Oktober.
1889
M 231.
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g Bom „Evangelischen Bund."
Der Evangelische Bund zeigte sich in seiner heurigen Generalversammlung zu Eisenach nieder in der vollen Glorie der Katholiken» und Romhetze. Die sehr verständliche Mahnung zur Duldsamkeit gegen Andersgläubige und zur inneren Arbeit, welche der Kaiser vor Jahresfrist in der Antwort auf das Huldigungstelegramm an den Evangelischen Bund gerichtet hat, scheint nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben. Denn wo wir auch den Thätigkeitsspuren des Bunde» begegnen, überall steht die Hetze gegen Rom in vordester Reihe. Statt an dem inneren Aufbau de» Protestantismus zu arbeiten und die krassen Widersprüche in der religiösen Ueberzeugung der verschiedenen Gruppen innerhalb der evangelischen Kirche sachlich zu überbrücken, erblickt der Evangelische Bund das einigende Element, welches die strengste Rechtsgläubigkeü selbst mit dem krassesten Unglauben und der Läugnung der Gottheit Christi verbinden soll, lediglich in dem gemeinsamen Kampfe und Hasse „gegen Rom". Der offiziöse Telegraph, welcher von katholischen Manifestationen nur selten und äußerst spärlich Notiz nimmt und z. B. dar letzte Hirtenschreiben der in Fulda versammelten preußischen Bischöfe der Beachtung gar nicht für Werth hielt, hat sich beeilt der Welt von einem Proteste des Evangelischen Bundes gegen eben diesen Hirtenbrief Kunde zu geben.
In der I. Resolution protestirt der Bund gegen die Bezeichnung des Papste« al» „Oberhaupt der Christenheit". Diese auch von der Bochumer Katholikenversammlung gewählte Bezeichnung soll „eine schwere Verletzung der evangelischen Kirche" und eine „Herabwürdigung der an unserem Volke geschehenen großen Gotterthaten der Reformation" u. s. w. enthalten. Wir können über diesen Protest ruhig zur Tagesordnung übergehen, er erscheint un» sogar al» eine pure Lächerlichkeit, nachdem der protestantische Bund sozusagen im selben Athem die katholische Kirche und katholische Lehre auf» Aergste beschimpft hat, wie wir weiter unten noch sehen werden. Die II. Resolution beschäftigt sich mit der von den preußischen Bischöfen zurückgewiesenen Anschuldigung bezüglich der Wiederholung der Taufe bei Konvertiten. Die Sache hat für uns weniger Interesse, denn mit Leuten, welche eine prinzipiell und sachlich
Di« Weldhai«.
Novelle von R. O.
I (Nachdruck verboten.)
Ein Bretter Streifen goldenen Vormittagssonnen- schein» fiel durch da» hoch über dem Fußboden angebrachte halbrunde Fenster und zeichnete eine Anzahl schmaler schwarzer Striche auf die gegenüberliegende, grau getünchte Wand. Die schwarzen Striche aber waren die Schatten der dicken Eisenstäbe, welche da« Fenster von außen verwahrten, und der hagere Mann mit dem finsteren, verbissenen G, sicht, der an der einen Seite de« hohen Doppelpultes arbeitete, schauderte zusammen, allein Auge, da» unwillkürlich den Sonnenschein ge- mcht hatte, auf diese unheimlichen Schatten fiel. Der Raum, welchem die Morgensonne da eben einen flüchtigen Besuch abstattete, schien ein Bureau ru sein, aber immerhin ein Bureau von einer ganz besonderen Art, denn seine Einrichtung bestand lediglich au« dem erwähnten Doppelpult und au« einigen Repofilorien, die mit Papieren in gleichmäßigen blau-n Umschlägen angefüllt waren. Auch die beiden Männer, welche ihre Federn so kiftig in Bewegung setzten, entsprachen in ihrem
richtig gestellte Behauptung einfach wiederholen und an diese vage Wiederholung Anklagen wegen Beeinträchtigung des interkonfessionellen Friedens knüpfen, läßt sich überhaupt nicht diskutiren.
Die III. Resolution ist schon mitgetheilt. Der Kernpunkt ist die alte und ewig neue Frage bei jedem Konflikt: Wer hat angefangen? Der Bund behauptet, er befinde sich in „bitterer Rothwehr", die Katholiken seien die Angreifer, die Leute vom Schlage der „Bunde«" nur im Stande der Ver- theidigung. Deutschland sei seit Jahren erfüllt mit Angriffen auf jede gemischte Ehe, mit Brandmarkung evangelisch eingesegneter Ehen al« Konkubinate (ist nicht wahrl), mit den niedrigsten Schmähungen de« deutschen Reformators, mit wirksamen Versuchen, jede geistige Gemeinschaft beider Konfessionen zu zerstören", hiefür seien die in Fulda versammelten Erzbischöfe und Bischöfe sammt ihren Vorgängern verantwortlich zu machen. Wir werden un» in der gebührenden Zurückweisung dieser Angriffe möglichst kurz faffen. Was die Mischehen-Frage anbelangt, so haben sich bekanntlich evangelische kirchliche Kreise schon seit Jahrzehnten mit derselben geradeso und in ähnlichem Sinne befaßt, wie die katholischen Kirchenoberen. Eben erst hat die Generalsynode in Bayreuth eine bezügliche Verschärfung der kirchlichen Zuchtmittel beschlossen, und wir haben früher schon wiederholt aus älteren und neueren offiziellen Aktenstücken protestantischer Oberkirchenbehörden den Beweis geliefert, daß diesen die Vermehrung der Mischehen und die Vernachlässigung der religiösen Pflichten in den Mischehen nicht minder zu Herzen geht, als der katholischen Kirche und ihren Obern. Daß evangelisch etngesegnete Ehen Konkubinats seien, ist noch von keiner kirchlichen Stelle behauptet worden. Was die angeblichen „niedrigsten Schmähungen des deutschen Reformators" anbelangt, so hat sich die katholische Geschichtsforschung unserer Ansicht nach bei der Behandlung der Reformation in der Form von jeher die möglichste Reserve auferlegt; w.nn aber die historisch bewiesene Thatsache schon als solche einen sittlichen Tadel enthalten sollte, so können die Katholiken gewiß nichts dafür. Was protestantische Geschichtrschreiberei und konfessionelle Polemik in „niedrigster Schmähung" katholischer Personen und Einrichtungen, namentlich der Päpste, der Orden und der Priester bisher geleistet haben, verhält sich zu den gleichartigen Leistungen von
Aussehen sehr wenig der typischen Erscheinung altgedienter Schreiber. Der Jüngere von ihnen mochte kaum das fiebenundzwanzigste Lebensjahr hinter fich haben, denn feine schlanke, wohlgebaute Gestalt zeigte in ihrer ganzen Haltung und in jeder ihrer Bewegungen jugendliche Kraft und Elastizität und obwohl sein Gesicht von einer eigenthümlichen, beinahe krankhaften Blässe war, obwohl ein paar vorzeitige Furchen um Mund und Augen ihm einen Ausdruck der Bitterkeit und herben Schmerze» laben, konnte dieses hübsche Gesicht seine Jugend- Weit nicht ganz verleugnen. Die beiden Männer prachen kein Wort mit einander, und ring» um ie her blieb es so todtenstill, al» ob man fich mitten auf einem Friedhöfe befände.
Und ein Friedhof war e» in der That, ein Grab, das Manchem fürchterlicher erscheinen mochte, al» der Me, blumenüberra, kte Hügel auf dem Gottesacker, denn die hier begraben wurden, ruhten nicht in tiefem, traumlosen Schlummer, andern sie mußten mit vollem Bewußtsein hin- mtersteigen in eine Gruft, au» der e» für ste elbst früher oder später erst eine Wiederkehr, für hre Ehre aber niemals eine Auferstehung gab.
Ein schwerer, langsamer Mannesschritt, der dröhnend auf den Stetnfliesen de» äußeren Ganges
katholischer Seite wie die Mücke zum Kamerl. Man denke ferner nur an die Luthersestspiele, an die Hutten - Sickingen - Feier und die Giordano- Bruno-Feier mit ihren verschiedenen Auswüchsen und ihrer hetzerischen Verwerthung. Und wenn wir erst an einen Thümmel und die von ihm begründete neue „Schule" protestantischer Polemik erinnern wollten, so könnten wir einen ganzen Zeitungsbogen voll der „niedrigsten Schmähungen" katholischer Lehren, Einrichtungen und Personen hier anführen. Was endlich die sogenannten Versuche, ,jebe geistige Gemeinschaft der beiden Kon- fesfionen zu zerstören", anbelangt, so ist un« der Worte Sinn nicht ganz klar. Sollte die hier und dort aufgedeckte ungehörige Religionsmengerei (Si- multangotterdienste u. dgl.) gemeint sein, so ist dagegen vom beiderseitigen Standpunkte („friedlich, schiedlich") gewiß nicht« einzuwenden. Auf der andern Seite sucht gewiß gerade der Überzeugung«- treue Katholik jede Gelegenheit, um eine wirklich vorhandene geistige Gemeinschaft zu gegenseitiger Annäherung zu benützen. So steht der strenggläubige Katholik dem strenggläubigen Protestanten, der e« mit seinen kirchlichen Pflichten ernst nimmt und noch an die Gottheit Christi und die wirkliche Gegenwart Christi im Abendmahl glaubt, geistig näher, al» dem Christu-leugner, der sich auch noch zur protestantischen Konfession rechnet und beim „Bunde" tapfer mithilft.
Uebrigen» hat man sich nicht einmal enthalten können, in die Resolution selbst, die angeblich der Bertheidigung de« konfessionellen Frieden« gewidmet ist, heftige Angriffe gegen den Katholizismus einzuflechten. Oder enthalten Wendungen wie „römische Jrrthümer und Mißbräuche", „verfolgungs- süchtige römische Praxi»" vielleicht keine Kränkung de» römisch-katholischen Bewußtsein» ? In den Verhandlungen hat sich die Generalversammlung natürlich noch weit weniger Zurückhaltung auferlegt, al» in den Resolutionen. Hofprediger Dr. Braun au» Stuttgart nannte in seiner Rede einem protestantischen Berichte zufolge u. A. die vom Papst Piu» IX. durchgesktzte Verkündigung der unbefleckten Empfängniß Mariä ein großes Aerger- niß, wie er auch den neuern Marien- und Joseph- Kultus als Verirrungen und Verwirrungen bezeichnet, gegen welche der Evangelffche Bund nicht allein das selbstverständliche Recht, sondern auch die Pflicht habe, abwehrend und protestirend aufzu
widerhallte, unterbrach endlich da« drückende Schweigen, ein Schlüsse wurde vop außen eingeschoben, und ächzend gab der schwere Riegel nach.
Der Aeltere von den beiden Männern blickte mit einem kurzen, erwartungsvollen Aufleuchten seiner düsteren Augen zu dem uniformtrtrn Ge« fängr.iß-Ausseher hinüber, der da in der wichtigen Haltung einer Amt»person über die Schwelle trat. Ader der flüchtige Hoffnungsschimmer erlosch sofort wieder, al« Jener stch zu seinem jüngeren Genossen wendete:
„Gefangener Bernhard Steinmetz — ich habe >en Befehl, Sie dem Herrn Gefängnißdirektor vorzufahren I Machen Ste fich auf der Stelle bereit, mir zu folgen!"
Mit einem tiefen Aufseufzen, aber ohne ein Wort zu erwidern, legte der also Angeredete die Feder bei Seite und ordnete feinen einfachen Anzug. Der Aufseher aber ließ unterdessen seine Blicke aufmerksam in dem ganzen Raume umher- chweifen, al« suche er nach etwa» Auffälligem oder Verdächtigem. Endlich näherte er sich dem Alten und blickte über die Schulter auf seine Arbeit.
„War ist da» da?" fragte er streng, indem er mit dem ausgestreckten Finger auf das Blatt deutete. „Ich werde Ste zur Anzeige bringen