M 230.
Montag, den 7. Oktober.
fnlhft
1889
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Der Kaiser über den Parteien!
Während der jüngsten Erörterungen der Presse über die .Kreuzzeitungs'-Artikel wider das Kartell wurde in katholischen Blättern bemerkt, die Aufregung über diesen Artikel in Berliner Kreisen rühre wohl hauptsächlich daher, weil Fürs Bismarck die .Kreuzzettung' nicht mehr wie früher zur Ordnung ruft oder auch nicht mehr rufen kann. In der That tritt auch nicht Fürst Bismarck den Artikeln gegenüber, sondern der Kaiser selbst. Es dürste bisher in der preußischen Ge. schichte ohne Beispiel gewesen sein, daß Leitartikel einer einzigen Zeitung derart zum Gegenstand einer besonderen öffentlichen Kritik der Monarchen gemacht werden. Da« Ungewöhnliche des Vorgang« läßt darauf schließen, daß der betreffende Kreuzzeitungrartikel doch weit mehr bedeutet hat al« die Meinung de« Freiherrn von Hammerstein. Die Anficht, daß gewiffe Nebenströmungen gegen den Fürsten Bismarck existiren, erfährt durch diese zweifelsohne vom Fürsten Bismarck veranlaßte Veröffentlichung nur eine neue Bestätigung;
Die .Krkuzzeitung' hatte die neuerfundene Kar- tellpolüik al» nationalliberales Metall mit konservativer Legirung bezeichnet und vom Zwang«, kur« der Kartellweltanschauvng gesprochen. Die Kartellparteten, sagte ste, wollen den Kaiser ganz und gar auf die Kartellpolitik verpflichten, und erinnerte schließlich daran, daß die .Kreuzzeitung' auch unter Kaiser Friedrich, al« „gewiffe Leute von Gummi" über ben Schwerkranken al« „Par- zival" den „reinen Thoren" witzelten, «»«gerufen habe, der Kaiser habe auch da« Recht, den Kanzler zu entlaffen, sobald e« ihm gefalle.
Der .Retchsanzeiger' brachte gegen die kartellwidrigen Ausfälle der .Kreuzzritung' im nichtamtlichen Theile einen Artikel, den wir bereits mit- theilten, den wir aber der befferen Ueberficht wegen hier nochmals folgen laffen:
Seine Majestät Kaiser und König hat von dem Inhalt der.Kreuzzeitung' vom 26. v. Mt«. Kenntniß genommen und die darin ausgesprochenen politischen Auf» faffungen und Angriffe auf andere Fraktionen gemiß- billigt. Seine Majestät gestatten keiner Partei, sich das Ansehen zu geben, als besäße dieselbe das Kaiserliche Ohr. Der Kaiser sieht aber in der Verständigung und gegenseitigen Schonung der staatserhaltenden Parteien unter einander eine für unser parlamentarisches Leben sachlich nützliche Einrichtung und hat die Allerhöchste Mißbillung der dagegen von der.Kreuzzeitung' gerichteten
s Krieg im Frieden.
Ein Genrebild aus der Rococozeit von Jos. Gr.
(Schluß.)
„Ah, Er scheint ja seiner Sache sehr ficher — nous verrons I" lächelte Amandus nicht eben ungnädig, denn er liebte solch' sreimüthige Art, und der junge Bursche, der in allen Wirrsalen den Kopf so keck oben behielt, gefiel ihm immer besser.
„Aber, hochfürstliche Gnaden, es sollte ja ton« statirt werden —" warf der kleine Hauptmann bedenklich ein, denn ganz erstaunt hatte er mit angehört, welch' sonderbare Wendung da» „Kriegsgericht" nahm.
„Ja so, nun so verhören Sie ihn weiter, ob Sie etwa» heraus bringen," sagte der Fürst, fich wieder in seinem Fauteuil zurücklehnend.
Der Hauptmann machte die größten Anstren« gungen, um ein befriedigende» Geständniß von Kilian zu erpressen, aber ficher und unbefangen I »litt der L tztere über die verfänglichsten Kreuz- , «nd Ouet fragen hin, indem er ehrlich und frisch von der Leber weg die volle Wahrheit erzählte.
„Lassen Sie er gut sein, Lindenau," sagte endlich der Fürst. „Der Bursche ist kein Ber-
Angriffe und Insinuationen unzweideutig ausgesprochen. Seine Majestät sieht in dem Kartell eine den Grundsätzen Seiner Regierung enffprechende politische Gestaltung und vermag die Mittel, mit denen di« .Kreuzzeitung' dasselbe angreift, mit der Achtung vor der Allerhöchsten Person und vor unseren verfaffungsmäßigen Institutionen nicht in Einklang zu bringen.
Der Kaiser hat den.Kreuzzeitungs'-Artikel miß- billigt. Wem gegenüber? Wer hat ihn veranlaßt? Wer ist ermächtigt, die Aeußerung de» Kaisers zu veröffentlichen? Wurden die kaiserlichen Worte gesprochen zum Zwecke der Veröffentlichung? Alle diese Fragen bedürfen der Lösung und die Antwort darauf ist nicht gleichgilttg. Denn von jedem politischen Standpunkte au« muß man schwere Bedenken dagegen haben, daß man bin Kaiser selbst in die politische Arena zieht und die Wahlparole ausgeben läßt. Es unterliegt keinem Zweifel, die Worte de« Kaiser» werden die Parole beiden nächstenReichstagSwahlen werden. Deshalb ist er geboten, jetzt schon diese Worte genauer anzuschen.
„Der Kaiser gestattet keiner Partei fich da« Ansehen zu geben, al« besäße fie da» kaiserliche Ohr." Der Kaiser sagt damit selbst, daß er außer und über den Parteien steht. In diesem Satze liegt auch der Schlüssel zum rechten Verständniß des folgenden Satze«: „S. Maj. fieht in dem Kartell eine den Grundsätzen seiner Regierung ent- spr-chende politische Gestaltung.". Darin liegt auch gerade keine Neuigkeit. Da« Kartell, welche« fich zum Programm gemacht hat, mit der Regierung durch Dick und Dünn zu gehen, entspricht jedenfalls der Regierung. Allein es kann nicht Aufgabe der Staatsbürger, der Wähler fein, aufmerksam Auslug zu halten, daß die Volksvertreter mit den Anfichten der Minister übereinstimmen. Wenn es die Aufgabe der Wähler wäre, nur Jasager und Kopfnicker in den Reichstag zu schicken, dann könnte das Volk fich da« Wählen und die Gewählten könnten sich da« Tagen in Berlin ersparen; der ganze Reichstag wäre eine sehr überflüssige Einrichtung.
So hat fich aber auch die Reichsverfaffung auf keinen Fall da» Parlament gedacht. Der Kaiser hat al» König von Preußen den brüten Theil der Stimmen im Bundesrathe und abgesehen von anderen gesetzmäßigen Vorrechten da» Recht, die Reichrbeamten zu ernennen. Wenn e» von vorne- herein Aufgabe der Volksvertretung wäre, mit den Beamten der Reichsregierung übereinzustimmen,
räther, aber er ist ein arger Schelm sonst hätte er uns nicht Alle genarrt und nicht gewagt, fich ohne Permission über dem Thore einzuquartteren; ja er hat sogar die Keckheit so wett getrieben, ohne P-rmiffion ein schmetternde« Viktoria zu meinem Kegelglück zu blasen und da« find doch schwere Vergehen wider die Schloßordnung. Lindenau, wir müssen ihm eine strenge Strafe zu- Mitren."
„Zu Befehl, hochfürstliche Gnaden," schnarrte der Hauptmann im Tone vollster Befriedigung.
Amandu« hatte fich ein wenig vorgeneigt und blickte mit einem leisen Lächeln um die Lippen na* dem Studiosus, der jetzt wie ein armer Sünder den Kopf auf die Brust hängen ließ, um lumm sein Unheil zu erwarten.
„Kilian Frank", Hub der Fürst mit scheinbarer Strenge an, „für seine Ungebührlichketten soll Er die Verließe unserer Festung kennen lernen und achtundvierzig Stunden bei Wasser und Brod dort im Arrest bleiben; dann aber hat Er sich unverzüglich aus dieser Gegend zu entfernen und nach Würzburg zurück zu begeben, ohne jetzt ober päter je ein Sterben« wörtchen von Allem, wa« fich hier zugetragen, zu erzählen. Gelobt Er dieses?"
wäre fie dann noch eine Vertretung des Volke» oder nicht vielmehr ein erweiterter „Staatsrath?"
Es ist ja nicht zu billigen, daß fich die,Kreuzzeitung' so oft als möglich mit dem Kaiser zu decken sucht. Den Kaiser sollen alle Parteien und alle Zeitungen aus dem Spiele lassen. Die Art und Weise, wie die .Kreuzzeitung' die Person de« Kaiser« im Parteikampfe vorgeschoben hat, entspricht allerdings nicht der pflichtmäßigen „Achtung vor der Allerhöchsten Person und vor unferett verfassungsmäßigen Institutionen." „Der Kaiser sieht in der Verständigung und gegenseitigen Schonung der staat«erhaltenden Parteien unter einander eine nützliche Einrichtung." Wir dürfen auf der Reichskanzler« Wort in einer der letzten Reichstagrfitzung Hinweisen, daß er auch da« Centrum zu den „staatrerhaltenden" Parteien ^rechnet. Da« Centrum hat demnach einen Anspruch auf die „Schonung", von welcher der Kaiser spricht; aber e« wird vom Kartell mit größerem Hasse verfolgt al« selbst der Freisinn und die Sozialdemokratie. Da« Kaiser wort wird daran nicht« ändern. Aber dieser Haß schadet auch unserer volksthümlichen, die Interessen des Volke» wahrenden Partei nichts.
Für die politische Stellung de« Centrums werben die Worte bis Kaiser« aber so wenig von Einfluß sein al« seiner Zeit ber Brief Kaiser Wilhelm'« I. an Lorb Rüssel, mit dem er ben Kulturkampf inougurirte unb sanktionirte. Obwohl alle Kulturkämpfer au« bitfem Briefe ba« Recht abletten zu dürfen glaubten, daß da« C-ntrum reichsfeindlich sei, beharrte da« Centrum in der Treue zur Kirche und zu seinem Programme. Und Kaiser Wil- Helm I. gab auch nach Umfluß von so und so vielen Jahren den Anlaß zur Wiederherstellung de« Kirchenfriedens. So kann heute Kaiser Wll- Helm II. in den Kartellparteien eine entsprechende Einrichtung sehen und über kurz ober lang finden, daß e« ohne da« Kartellbündniß auch geht und vielleicht ioaar noch besser.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Oktober.
* Wie schon erwähnt, hat ber „Evangelische Bunb" auf seiner neuesten Generalversammlung u. A. auch eine Resolution beschlossen, welche gegen ben gemeinsamen Fuldaer Hirtenbrief der preußischen Bischöfe gerichtet ist. Dieselbe lautet:
„Auf mein Ehrenwort," versetzte Kilian und aihrnete auf, wie von einer Centnerlast erleichtert.
„Unb weit Ihm unsere Haupt- unb Residenzstadt Fulda nicht gut genug war, um an der alma Adolphiana daselbst da» corpus Juris zu erlernen, so soll Er fich nicht unterstehen, je einen Fuß hinein zu setzen oder auch in deren Nähe fich sehen zu laffen, e« sei denn, daß ich seit st Ihm diese« gestatten würde.
„Hat er aber in Würzburg feine Stndia cum audo absolvirt, wie Ec diese« so prahlerisch ver- Ünvet," fuhr nach einer kleinen Pause der Fürst ort, „und hat Ec Alle« genau beobachtet, wa» ch Ihm befohlen habe, dann werde ich nicht an- iehen — seine Bestellung zum Amtrvogt zu verfügen."
„Hochfürstliche Gnaden" — stammelte der
unge Mann, seine freudig leuchtenden Augen voll Dank zu dem etwa« schalkhaft dreinschenden Fürsten erhebend.
„Halt, noch eine Bedingung;" rief Amandu« rasch, „daß Er mir da« junge Frauenzimmer, da« so fest auf Seine Treue baut, nicht — fitzen läßt!"
„Da« Nanderl!" entfuhr e« Kilian, ber im