M 229. Samstag, den 5. Oktober.
filhtr N Mim.
1889
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Zweites Blatt.
ö Oktober.
Mutter Natur macht Nachttoilette; sie will schlafen gehe«. E» blühen noch Blumen draußen, aber man hat keine rechte Freude mehr daran; > fie machen den Eindruck von Todeskandidaten. W Da« Kartoffeln-Ausbuddeln ist zwar ein nützliche« M Geschäft, aber poetisch ist der Anblick der im sM nassen Boden herumkrabbelnden Weiber und -/ ■ Kinder gerade nicht. In der Weinlese steckt Poeste; ^.<5 leider ist fie einer bevorzugten Minderheit von H Menschen vorbehalten. Wer fich in diesen Tagen K' de« Niedergänge« einen wirklich herzerquickenden k . Anblick verschaffen will, muß zu den neu bestellten ! Feldern der Wintersaat gehen und fich die kleinen Roggensprößlinge im sanften Lichte der schrägen Oktobersonne betrachten. Neue« Leben blüht au« dm Ruinen. In der jungen Saat ruft uns der . Sommer sein tröstliches „Auf Wiedersehen" zu. i k. Wenn die zarte« Hälmchen den Winter aushalten können, dann wird es uns ja auch wohl gelingen. ' D Der kluge Mann rüstet fich frühzeitig auf den t k Winter, aber er genießt mit Zähigkeit die letzten 7 k Reste der scheidenden Herrlichkeit. In der Stube«. !/■:- lüft müssen wir noch lange genug aushalten; KM bleiben wir in der frischen freien Himmelsluft, so ML lange es geht, wenn uns auch mal ei« rauher pk Windstoß oder Regen über den Hals kommt. Der fE Spätherbst ist als Schnupfenzeit verrufen; wahr- ^fcheinltch werden die meisten Erkältungen beim
Sitzen und nur wenige bei der Bewegung im Freien erworben. In dieser Uebergangszeit erfordert die Herstellung der zuträglichen Zimmertemperatur und die richtige Abmessung der Bekleidung viel mehr Kunst, als in der Schnee- und Frostzeit.
Der 1. Oktober ist einer der wichtigsten Termine für die Rechtsgeschäfte, besonders für Miethrver- hältniffe. Auch die Gesetzgebung bedient fich mit Vorliebe dieses Termins bei Einführung von großen und kleinen Reformen. Am diesjährigen ersten Oktober waren zehn Jahr« vollendet seit dem Inkrafttreten der Justiz-Reorganisation, so daß also auch da« Reichsgericht in Leipzig sein zehnjährige« Jublläum begeht. Zu derselben Zeit trat die Verfassung und Verwaltung«gesetz. gebung für Elsaß-Lothringm in Kraft und Frhr. v. Manteuffel trat unter großen Hoffnungen da« Statthalteramt an; er hat den Ablauf de« ersten Jahrzehnt« nicht mehr erlebt und sein System auch nicht.
Von den geschichtlichen Gedenktagen de« Oktober rufen wir noch folgende in« Gedächtniß der Leser zurück: Am 12. Oktober 1492 landete Kolumbus auf seiner großen Entdeckungsreise an der ersten amerikanischen Insel und entdeckte somit den
neuen Kontinent. Am 14. Oktober 1806 war die unglückliche Schlacht bei Jena. Di« Scharte wurde 7 Jahre später ausgewetzt in der Völkerschlacht bei Leipzig, die am 18. Oktober 1813 entschieden wurde. Dasselbe Datum frischt die weh- muthsvolle Erinnerung an Kaiser Friedrich IH. auf, der am 18. Oktober 1831 da« Licht der Welt erblickt hatte. Der Tod hat e« nicht gestattet, daß auch nur einmal da« Land den 18. Oktober al« Geburtstag de« guten Kaisers feiere. Am 22. Oktober aber können wir den Geburtstag der hohe» Throngenossin de« regierenden Kaiser« begchen; Kaiserin Augusta Vcktoria wurde 1858 an diesem Tage geboren. Die Kapitulatton von Metz fällt auf den 27. Oktober 1870. An den Glaubensstreit erinnert der 31. Oktober, an welchem Luther im Jahre 1517 seine Thesen an- schlug, und der 24. Oktober, der im Jahre 1648 dem dreißigjährigen Kriege ein Ziel setzte. Möchten die protestantischen Hetzer, welche die Tonart jener Zeit wieder einführen wollen, an diesem Tage über die Nothwendigkeit und den Werth des Frieden» nachdenken. Da wir im Jahre der Revo« lutionrfeier leben, so darf auch die schändlichste That der französischen „Volkbeglücker" nicht vergessen werden, die Hinrichtung der unglücklichen Königin Marie Antoinette vom 16. Oktober 1793.
Der Jahrestag de» großen Seefieger über die Türken bei Lepanto, für welchen dar gerettete Abendland der Fürbitte „Mariä der HUfe der Christen" dankt (7.Okt. 1571), führt uns zum Rosen- kranzfeste und zu dem kirchlich-religiösen Charakter de« „Rosenkranzmonat". In diesem durch den Bruno-Skandal entwürdigte« Jahre hat die Rosenkranzübung, verbunden mit der Anrufung de» Schutzpatron» der ganzen Kirche, eine ganz besondere Bedeutung erlangt. Gerade zu Anfang Oktober wurde im Jahre 1870 jene Komödie de» Plebircit» (Volksabstimmung) aufgeführt, welche der rohen Gewaltthat der Eroberer ein demokratische» Mäntelchen umhängen sollte. 19 Jahre find die Räuber im Besitz, aber fie zittern noch und gegenwärttg fürchten fie mehr al» je für den Bestand ihrer verwegenen Werke».
Au» den Helligen de« Oktober heben wir diesmal die hl. Hedwig besonder» hervor, welche der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der R> formation»-ZeU al» Patronin vorgesetzt ist. Er ist diese» Jahr von der Generalversammlung in Bochum unv von den Vertretern be» Katholizismus in Berlin der Ruf ergangen, daß alle Glaubensgenossen Deutschlands den bedrängten Katholiken in Berlin zu Hllfe kommen, zur Rettung der tausende von Seelen, zur Sicherung der Ehre unserer Kirchs in der Reichshauptstadt beitragen möchten. Wenn doch am Feste der hl. Hedwig (am 15. Oktober) überall da» Milleid und das kirchliche Ebraefübl lebendig werden und sich
alsbald in Thaten umsetzen wollten, in Thaten des Geben» und auch de» Anregen» und Sam- .
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Vermischtes.
* 8erlin, 1. Okt. In den Lampenfabriken wird stark gearbeitet. Die BeschSstigung hält schon seit einigen Monaten an, nachdem man allerdings vorher Zeit genug gehabt hatte, fich auszuruhen. Die früher empfangenen Aufträge sind längstens zum Versandt gebracht. Die Lampenfabrikanten loben aber das Geschäft nicht, sie haben mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen, die theil- weise in der ungewissen Preislage vieler Rohmaterialien ihren Grund haben und Verfügungen auf längere Zeit hinaus ausschließen, dann aber auch an dem großen Mit« bewerb anderer Plätze liegen. Der Gewinn ist darum recht schmal geworden, und es müssen bedeutend vergrößerte Umsätze gemacht werden, wenn man den Nutzen erzielen will, welchen die früheren Jahre brachten. Die Ansprüche an Verbesserungen in der Beleuchtung sind gerade in letzter Zeit in besonderem Maße hervorgetreten, die Zahl neuer Muster ist ins Unendliche gewachsen, und die Hervorbringung derselben erfordert Kosten und Mühen, die sich kaum noch bezahlt machen. Die bisher hauptsächlich gebräuchlichen einfachen Zinklampen sind solchen mit Majolika- oder Porzellankörpern gewichen, reich besetzt mit Zink- oder Bronceverzierung. Von der runden Kugelform an bis zur ovalen künstlerisch ausgeführten Basenform erscheinen diese neuen Lampen jetzt im Handel. Zu den neuesten Schöpfungen gehören die Lampen, die auf hohen Metallständern ruhen. Der Petroleumbehälter, beziehentlich die Lampe selbst, wird von einem Ritter in voller Rüstung gehalten. Bei einem anderen Muster wiegt sich auf einem Messtngstinder in einem Ringe ein buntgefiederter Papagei, auf dessen ausgebreiteten Flügeln der Petroleumbehälter angebracht ist. Auch einen Flamingo sehen wir, der auf einem Untersatz von Spiegelglas mit langen, spitzen Seinen steht und auf seinem Rücken eine Lampe trägt. In dieser Art angeferttgte Lampm waren zuerst auf der Pariser Weltausstellung zu sehen, segelten aber dort unter falscher Flagge, denn sie entstammen Berliner Fabriken. Die Lampen werden in Berlin jedoch nur zusammengestellt; die Füße, Untersätze, Glocken rc. werden in anderen Fabriken verfettigt. Dagegen wird in Berlin in der Herstellung von Brennern Großartiges geleistet. An Vervollkommnung derselben wird ohne Unterlaß gearbeitet, um dem Verlangen unserer Zeit nach „mehr Licht" zu genügen. Die Berliner Lampe ist überall bekannt; sie beherrscht, obgleich jetzt auch in den Bereittigtm Staaten von Nordamerika große Fabriken entstanden sind, immer noch den Weltmarkt. Selbst England ist ein vorzüglicher Abnehmer für unsere Lampen. In allen denjenigen Herstellungsweisen, Mustern und AuS- führungen, welche bei ansprechendem und gefälligem Aussehen einen niedrigen Preis haben, also bei allen Lampen, die für den Gebrauch der großen Massen bestimmt sind, laufen die Berliner Fabriken allen übrigen den Rang ab.
fJrren ist menschlich) Doktor: „Ja, lieber Mann, ich habe Ihre Lunge genau geprüft und muß Ihnen offen sagen, daß der Grund Ihrer Krankheit ausschließlich in dem Mangel an Bewegung liegt. Sie müssen mehr gehen, mehr in Bewegung sein, womöglich jeden Tag spazieren gehen. Womit beschäftigen Sie sich?" „Ich bin seit 20 Jahren Briefträzer."
sZerstreut.j Was ist da unten auf der Straße für ein Lärm und ein Gejohle? Ich glaube, da läuft ein Betrunkener. — da muß ich doch mal nachsehen, 'ob — i ch das nicht bin!
Welche Zumuthung) Richter: „Sind Sie schon bestraft worden?“ — Angeklagter: „Na, Herr Richter, ich bin doch kee» Kind mehr!"
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