1889
Samstag, den 5. Oktober.
M 229.
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Erstes Blatt.
8 Bon der Notwendigkeit der Orden, insbesondere der Jesuiten, in Deutschland.
Im verflossenen Sommer wohnte ich in einem ausländischen Jesuitenkloster dem mit höchster Feier- üchkeit begangenen Feste des Ordensstifters bet. Eine dichtgedrängte Menge füllte die Klosterkirche. Hell flammten die Kerzen auf den Altären und den Opferstöcken und eine Fülle von Blumen schmückte den Altar de« heiligen Ignatius. Der Pater bestieg die Kanzel und erzählte mit dem Feuer echter Beredsamkeit von dem Heiligen, welcher in der Mitte des sturmbewegten sechszehnten Jahrhundert», nachdem ihm das fiegreiche Schwert in der durch die Fürbitte der Jungfrau Maria gewonnenen Schlacht bei Lepanto entsunken war, die Fahne des Kreuzes ergriff und hoch über da« Getümmel der Schlachten hielt, die damals mit Feuer und Schwert geschlagen wurden. Mit Recht bezeichnete der Pater Ignatius von Loyola als den tapferen Soldaten und siegreichen Heerführer der Kirche Gottes, der, ehe er in den Kampf gegen die Feinde zog, ungleich so vielen anderen Heerführern zuerst sich selbst besiegte. Er schilderte, wie die ersten Jesutten nach Wien kamen, und wie sie von dort au« im Namen Gotte« durch Deutschland zogen, um dem unglücklichen Lande den Flieden und da« Glück wieder zu geben: mit keiner anderen Waff« als dem Kreuz.
Bei dieser schönen Predigt fielen mir die Worte Montesquieu'« ein, welcher die Meinung aussprach: „Wären die Jesuiten vor der Reformation gekommen, so würden fie die ganze Welt für da« Kreuz erobert haben."
Wozu bedarf e« aber der Zeugnisse von Männern au« anderen Zeiten, und wären e« die Geister, welche auf der Staffel de« Ruhme« am höchsten stehen?
Wir brauchen un« nur in der Gegenwart um- zusehen und wir beobachten allenthalben, wie die Feinde der katholischen Kirche und der christlichen Weltordnung nichts und Niemanden so sehr hassen wie die Jesuiten. An diesem Haß der Gegner kann man da» Verdienst de« Orden» messen, kann man die gewaltige Bedeutung de» Ordens für Kirche und christliche Weltordnung errathen.
Ohne Zweifel befinden wir un« in Deutschland
ö Krieg im Frieden.
Ein Genrebild aus der Rococozeit von Jos. Gr.
(6. Fortsetzung.)
Nanderl aber weinte so kläglich au« Herzen«» gründ, daß der Herr Wachtmeister nicht umhin konnte, ihr im Vorbeimarschieren zuzuflüstern: „Ja schönste» Jungfräulein, der Murje Liebste wird jetzt vor ein Kriegsgericht gestellt werden und das wird ihm den Hal» brechen — aber fei Eie nur ruhig, ich will Sie schon trösten."
Und er lerne sich die Lippen, indem er zugleich mit der au« dem Korbe blickenden Flasche lieb» äugelte.--
Eine Stunde später saß der Hauptmann Lin« denau bei dem Fürsten in dem kleinen Kabinet mit den hübschen Gobelin«tapeten, denn wieder wurde Kriegsrath gehalten.
„Ja wei« lieber Lindenau, nun fitzen wir gründlich in der Patsche", seufzte Amandu«, den lockenumwogten Kopf in die schwellenden Polster des FauteuU» zurücklegend. „Der Bursche scheint wahrhaftig ganz unschuldig. Nichts haben fie bei ihm gefunden al« einen harmlosen Liebesbrief än die Nichte de« Wildmeister«, die auch eine
jetzt in einer Periode der protestantischen Propaganda, und zwar erst am Anfang derselben. Wer Augen hat, zu sehen, der sehe, und wer Ohren hat zu hören, der höre. Selbst derjenige, welcher nur der Peripherie de« protestantischen Gedankenlebens etwas nahesteht, kann sofort erkennen, daß gegenwärtig die Vorbereitungen zu einem gewaltigen, wenn auch möglichst geräuschlosen Krieg gegen die katholische Religion getroffen werden. Man mag in den maßgebenden Kreisen noch hinsichtlich der Zeit, der Wege und Mittel schwanken. Der Entschluß aber, bett Krieg, oder wie man e« nennen will, zu führen, steht fest. Die Ausführung hat hier und da schon begonnen. Nur ganz besondere Zwischenfälle könnten sie ins Stocken bringen. Die Katholiken neigen, ihrer großen Mehr- zshl nach, sehr zum Vertrauen, und man kann oft beobachten, daß dort, wo man das religiöse Leben gerade mit tiefer Innerlichkeit pflegt, die Nächstenliebe, die christliche Liebe für den Andersgläubigen oft den Sieg über jede« Bedenken, jede Anwendung von Mißtrauen davonträgt. Hier hält man mü Recht da« Gebet für die wirksamste Rüstung, und findet den Trost im Glauben an die Hilfe der Herrn.
Pflicht aller Söhne der katholischen Kirche ist er aber auch, die thatsächliche Lage, wie sie fich gestaltet hat und noch weiter aurgestaltet, in« Auge zu fassen. Die inneren Spaltungen de« Protestantismus, feine theologischen Spaltungen, gewähren den Katholiken keinen Schutz, denn nicht auf den Sieg' der Lutheraner oder de» Protestantenverein« haben es die Gegner abgesehen, sondern war fie zunächst bezwecken, da« ist die Zerstörung der katholischen Kirche, die Irreführung der Laien, die Beseitigung der Kirchengewalt. In diesem Feldzug find alle Gegner einig: fie bilden ein einzige« große« Heer, dessen einzelne Theile verschieden ausgerüstet find und auf verschiedenen Wegen herankommen.
Ohne Zweifel ist der Glaubensmuth des katholischen Volke« unerschütterlich. Alle die Jahre de» seitherigen Kampfe» hindurch hat e» fich groß gezeigt im Dulden. Wenn e» aber nach der Palme de» endlichen Sieges greifen will, so ist es noth- wendig, angesichts der gewaltigen Zahl der Gegner und der wachsenden Kühnheit ihrer Anschläge, in den eigenen Reihen Musterung zu halten und für die Befestigung der Stellungen, welche es noch inne hat, zu sorgen. Er ist offenbar, daß die Weltgeistlichkeit, so aufopfernd und großmüthig ihr
Würzburgerin ist. Das junge Frauenzimmer hat mir sogar eine Scene gemacht, und betheuert daß er nur ihretwegen hergekommen. Wir werden ihn jetzt wieder auf freien Fuß setzen müssen, aber in Würzburg werden sie nun erst recht ihren Spott haben."
„Hochfürstliche Gnaden wollen doch den Verdächtigen nicht ziehen lassen, ohne ihn vor ein Kriegsgericht gestellt zu haben?" warf der Hauptmann erschrocken ein. „Bei so schwerwiegenden Verdachtrgründen wird man ihn gewiß schuldig befinden können, um nach allen Formen Rechten'« zu verfahren und ein Exempel —"
„Wa« nützt er?" unterbrach ihn der Fürst, indem er langsam da» Haupt schüttelte. „Hätten wir ihn doch gleich entkommen lassen I — E» hätte ja einen so herrlichen Vorwand geboten, um die Befestigung aufzustecken, denn da« hätte Niemand im Lande bezweifelt, daß ich die Freude an einem Plane, der an Würzburg verrathen sei, verloren hätte."
„Aber hochfürstliche Gnaden, dieser Au«weg bleibt un» ja immer noch; wenn wir den Kriegsgefangenen — entschlüpfen lassen."
„Ah — Sie meinen, man solle ihn vor den
Wirken ist, dennoch auf die Länge der Zeit nicht ausreicht für die Bedürfnisse de« gewalttgen Kampfe«, den man im Begriff ist, gegen un« zu eröffnen. Umsomehr, al« dieser Kampf zum großen Theile mit den Mitteln der List und der Bedrückung geführt wird. Da« katholische Ordensleben muß in seiner reichen Blüthe wieder erstehen und namentlich muß dafür Sorge getragen werden, daß die Jesuiten wieder nach Deutschland kommen.
Zur Zeit scheint ein solcher Plan kaum ausführbar. Nicht nur die Mehrheit in den Volksvertretungen, fonbent auch bie Mehrzahl bet Regierungen, barunter die mächtigsten, werden ihn bekämpfen. Zweifellos wird aber in nicht sehr ferner Zeit der Moment kommen, wo die Regierungen andern Sinnes werden. Mit Hilfe der materiellen Interessen läßt fich ja wohl eine Zett lang regieren, aber es wird die Zeit gewiß kommen, in welcher dieselben versagen. Dann wird man fich nach den idealen Hütern umsehen und die Hüter des heiligen Feuer» herbeirufen.
Die Gemeinsamkeit der Interessen von Volk und Fürst wird dazu drängen, denn nur die Hüter der idealen Weltauffassung vermögen diese Gemeinsamkeit zu erfassen und zu schützen. Der Materialismus ist in noch viel höherem Grade der Feind des Fürsten al» der Feind de« Volke».
Ein fanatischer Verthetdiger der französtschen Revolution, Rabaud de St. Etienne, hat sich in seinem Buche „Precis de l’histoire de la rdvo- lution frangaiae* zu dem Geständniß genöthigt gesehen, daß die französische Revolution nicht aus- gebrochen wäre, wenn man die Jesuiten nicht zuvor verbannt Hütte. Er sagt: „Die entschiedensten und gewandtesten Gegner der Freiheit, Alle«^ zu schreiben, wa« man will, die Jesütten, waren verschwunden und nach ihnen hat Niemand gewagt, dieselbe Entschlossenheit und dieselbe Beharrlichkeit zu entwickeln.
Der König von Preußen, Friedrich II., schrieb an Voltaire: „Wir haben soeben einen neuen Vortheil in Spanien errungen. Die Jesuiten sind au« diesem Königreich verbannt worden.....
Welche Erwartungen dürfen wir nicht für da» kommende Jahrhundert hegen? Die Axt ist an die Wurzel de» Baume» gelegt. Da» Gebäude de» Aberglauben«, in seinen Grundvesten erschüttert, wird zu Boden finken."
Nach der Ansicht Friedrich'« II. find also die Jesuiten „die Grundvesten de« Gebäudes". Wären
Augen de« Hofe» festsetzen unb bann heimlich wieder entschlüpfen lassen? Ein famoser Vorschlag, mein lieber Lindenau, beim so Hiebe allerdings der Schein glänzend gewahrt."
Und Amandus klingelte und befahl, den Gefangenen vorzuführen.
Ueberrafcht ruhten feine Augen auf dem wohl- gewachsenen jungen Mann, der zwar mit Fesseln an den Händen und etwas vernachlässigt in der Kleidung — — der Aufenthalt in der staubigen Thurmzelle war nicht ohne Spuren geblieben — aber mit fester Haltung und freier unerschrockener Miene in da« luxuriöse Gemach eintrat.
„Lindenau, stellen Sie da« Verhör an," sagte der Fürst, und der kleine Offizier bemühte fich, eine recht imponirende Haltung anzunehmen. Nachdem er fich erst wieder ordentlich geräuspert, begann er in strengem Tone:
„Wie heißt Er?"
„Kilian Frank." „Woher gebürttg?"
„Au« Hammelburg."
„Wa»? — Au» Hammelburg — unserer lie- ben und getreuen Stadt?" rief Amandu« au« seinem Fauteuil lebhaft dazwischen. „Ich meine, Er sei au« Würzburg."