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M 223. »Samstag, den 28. September. 1889

WZ

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Zweites Blatt.

<Q> Ter Phonograph.

Seit Edison in Berlin gewesen, ist der Phono­graph in aller Munde. Alle Zeitungen berichten über die großen Wunder des kleinen Apparates, welchen Edison bezw. sein Begleiter Wangemann immer wieder vorgeführt haben. In Scherz und Ernst wird uns das bevorstehende phonographische Zeitalter ausgemalt, in.welchem jedes flüchtige Wort auf die Walze gebannt und bis zum jüngsten Tage aufbewahrt werden kann.

Herr Edison, dessen eigentliche« Arbeitsfeld die Geheimnisse der Elektrizität find, scheint eine besondere Vorliebe für diesen Apparat zu haben, der mit der Elektrotechnik nur in Nebensachen einen äußerlichen Zusammenhang hat. Er kommt vft vor, daß bedeutende Männer in einer Ab­schweifung au« dem Rahmen ihrer engern Berufs« thätigkeit einen erfrischenden Genuß finden und dann allmählich mit einer gewissen Leidenschaft dieser Neben-Beschäftigung stch widmen. Es heißt, daß Edison zehn Jahre lang an der Ver­besserung des Phonographen gearbeitet habe, um aus dem interessanten Spielzeug, welches im Jahrzehnt die Reife durch die Welt antrat, ein für das praktische Lebens brauchbares Instrument zu machen.

Der wiedergeborene Phonograph soll nun wirk­lich vollkommen im Stande sein, die Laute nicht blos in verständlicher, sondern auch in wohlklin­gender Form wiederzugeben. So lange der Apparat blos eltum engern Kreise zugänglich gewesen, können wir uns kein selbstständige« Urtheil darüber bilden. Wenn wir annehmen, daß da« Urtheil der zu den Siimenr-Edison'schen Festen Geladenen von jeder Beeinflussung durch die Höflichkeit frei ist, so erhebt sich noch die Frage, ob der Apparat unter der andauernden Benutzung durch Nicht- techniker ebenso befriedigend arbeitet, wie unter den Händen seiner Väter.

Die Photographie und die Phonographie sind nicht blos durch den Gleichklang der beiden Namen verwandt. Die Photographie soll das Gesehene, der Phonograph das Gehörte festhalten und wiedergebcn. Während die Photographie bi» zu bitt Momentaufnahmen vorgerückt ist, steht die zweite verbesserte Ausgabe de» Phonographen im Beginn ihrer praktischen Laufbahn. Die Photo­graphie bringt in den Händen de« Geschulten wahre Kunstwerke hervor, aber war aus der Camera obscura der Dilettanten oder der Winkel­photographen hervorgeht, ist sehr oft geradezu abscheulich. Wenn bas trotz der langjährigen Ent­wickelung der photographischen Kunst zu beklagen ist, wie soll man dann annchmen, daß die funkel­nagelneuen Apparate Erisons sofort Überall Voll­kommene« oder auch nur Erträgliches leisten?

Die Wiedergabe von Mufikaufführungen und Gesänge in einer ästhetisch befriedigenden Weise liegt gewiß im Bereiche der Möglichkeit; aber die Sache erscheint noch so schwierig und kostspielig, daß der Nichtmillionär sich noch ni ht an der Vor­stellung ergötzen darf, die Stimme einer Prima­donna oder die Wohlklangsfülle eine» ganzen Orchester« in naturtreuer Schöne aus seinem Haus- Phonographen heraustöaen lassen zu können. Es ist wohl denkbar, daß man in Zukunft mit den Stimmen berühmter Männer haustren gehen wird; aber ich fürchte, was für den Maffenprei» ver­kauft werden wird, dürfte der wirklichen Stimme der Reichrkanzler« und seiner Genossen in der Berühmtheit so nahe kommen, wie ein billiges Oeldruckbild den wirklichen Gefichttzügen.

Der Kunst, dem Dienst der Schönheit wird der Phonograph nur in Aurnahmefällen sich mit vollem Erfolg widmen können. Man hebt nun hervor, daß er der Pietät große Dienste leisten werde, in dem man neben dem Photogramm der äußern Erscheinung da» Phonogramm der Stimme von lieben Angehörigen sich aufbewahren werde. Er liegt da ein bedeutsamer Unterschied vor. Die Photographie einer lieben Person kann ich un­mittelbar auf den Gesichtssinn wirken lassen: will ich aber das Phonogramm derselben an mein Ohr wirken lassen, so bedarf ich de» Apparate»; denn jede Entstellung der Stimme würde verletzend, statt erhebend wirken.

Also auch da» ist nichts für die Masse der Volkes. Nun kommen wir zu Verwendungszwecken, bei welchen es weniger auf die Schönheit, al» auf dis Richtigkeit des Inhalt« ankommt. Zunächst die Aufzeichnung von Parlaments- oder sonstigen Vor­trägen von Gerichtsverhandlungen oder sonstigen Debatten durch den Phonographen.

In den Parlamenten, wenigstens in den deut­schen, wird man kein großes Bedütfniß nach einer phonographische» Verewigung verspüren; denn mir haben unser amtliche« Stenographenbureau, welches allen vernünftigen Anforderungen genügt. Zudem würde die Parlaments-Phonographie eigenthüm- lichen Schwierigkeiten begegnen. Stellt man einen Apparat im Mittelpunkt der Saales auf, so wird er alle Nebengeräusche mit derselben Sorgfalt ver­zeichnen, wie die Stimme des Redners, und be- kanntlich sind oft die Nebengeräusche ebenso stark, manchmal noch stärker. Es geht im Parlament etwas anders zu, als in einer Festgesellschaft, welche einer Primadonna lauscht. Wollte man den Phonographen in die Nähe der jedesmaligen Redners tragen, so würden dis Zwischenrufe von der andern Seite, die Unterbrechungen von Seiten des Präsidenten nicht zu ihrem vollen Rechte komme«.

Die Berichterstatter der Parlamentstribüne wer­den cs stch auch noch sehr überlegen, ob ste den Stenographensttft fortlegen und stch auf die Walze eines kostspieligen Phonographen verlassen. Sie würden, wenn ste mit ihrer vollgedruckten Walze stch in das Nebenzimmer zurückziehen, in aller Ruhe und Bequemlichkeit dis Sitzung sich mit de« nöthigen Pausen Vorspielen lassen können; aber es kommt den Leuten nicht auf die Gemächlichkeit an, sondern die Schnelligkeit ist die Hauptsache. Und der Bericht wird zweifellos am Schnellsten fertig, wenn sogleich während der Verhandlung da« Wesentliche ausgezeichnet und der^Ballast des Nebensächlichen von vornherein unter den Ttsch fällt.

Bei Vorträgen in ruhigen Versammlungen mag der Phonograph wohl die Rolle des Stenographen vertreten können, falls er billiger arbeitet. Aber derartige Vorträge find in der Rsgel vorbereitet und in dem Hauptpunkts schriftlich fixirt, so daß die wörtliche Aufzeichnung meistens überflüssig er­scheint. Extemporirte Reden festzuhaltm, kann und wird wohl oft ein Verdienst i des Phonographen werden; handelt cs sich aber um eine unruhige, erregte Versammlung, so werden sich die Neben­geräusche wieder störend bemerkbar machen.

Zu den Gerichtsverhandlungen hat man bisher keinen amtlichen Stenographen zugezogen; die Juristen find froh, wenn ste ein kurzes Protokoll die volle Spreu der verworrenen Zeugnisaussagen der belanglosen Formalitären und der rhetorischen Wortschwalls sofort bei Seite schieben können. Er läßt sich aber nicht verkennen, daß in dcn^Slraf- proziffen die F xierung einer Zeugenaussage auf der Phonographenwalze von großer und nicht selten entschiedener Bedeutung sei« kann. Die

Nachprüfung des Falles in der höheren Instanz könnte durch den Phonographen erleichtert und verbessert werden. Aber trotzdem versprechen wir Herrn Edison vorläufig keinen Absatz in den Kri­minalgerichten; und es wird noch lange dauern, ehe sich die Justizpflsge zu einer derartigen „Neu­erung" bequemt und die hergebrachte Autorität des Protokollführer» einem toten Apparat opfert. Wenn einmal die Phonographie bei allen Straf­gerichten obligatorisch werden sollte, so werden neben den jetzigen Aktenzimmern noch riesige Räume für die Walzen gebaut werden müssen, denn deren Menge würde bei der Wortverschwend- ung, die da» Gerichtsverfahren mit sich nimmt, erschrecklich groß werden. Für die Berichterstattung im Gerichtssaale ist der Phonograph ebenso wenig brauchbar, wie für die Journalistentribüne im Parlament. Bei Zivilprozessen herrscht ja that- sächlich noch das schriftliche Verfahren, sodaß er der phonographische« Festhaltung der Zeugenaus­sagen dort nie bedarf.

In Amerika sollen 3500 Phonographen in Thätigkeit sein und zwar zumeist im privaten Geschäftsbetriebe. MÜtheilungen oder Anord­nungen, die man bisher zu Papier bringen oder bis zur Anwesenheit der betriffenden Person ver­schieben mußte, kann man jetzt in den Panographen hineinsprechen. Sprechen geht nicht bloß leichter, sondern auch 6 bi« 8 mal schneller vor sich, al« Schreiben; sobald man die Phonogramme ohne erhebliche Umstände und Kosten verschicken kann, wird der phonographische Verkehr in Aufschwung kommen. Aber der Kostenpunkt! In Amerika nimmt Saison 40 Dollars oder gut 160 Mark Jahresmiethe für einen Apparat. Ob dazu noch die Kosten für die Walzen kommen, wird nicht gesagt. Schon die Mieths, 50 Pf. fast für den Tag, wird die Massenverbreitung hindern. Viele Geschäftsleute können stch freilich wohl 50 Pf. täglicher Spesen zu den Nebligen auferlegen; aber jedes größere Geschäft müßte mehrere Ap­parate haben, wenn der Zweck der Einrichtung er­reicht werden soll. Dadurch unterscheidet sich diese Anlage von der ebenfalls nicht bllligen, aber in der Regel mit einem Draht und einem Apparat ausreichenden Telephon-Anlage. Nach allem, was man hört, ist die jetzige Leistungsfähigkeit des Edifon'schen Phonographen nur durch eine höchst sorgfältige Ausführung aller entscheidenden Theile in ausgesuchtem Material erreicht. Wenn nun auch für den gewöhnlichen Gebrauch die Qualität nicht, zu hoch zu sein braucht, wie bei den Muster- ex^mplaren, die Edison seinen Freunden zeigt, so wird doch auch hier der Spruch gelten, wel­cher nur das Schlechte billig sein läßt. Je theurer die Apparate, desto beschränkter der Kreis der Benutzer, desto geringer die Verwendbarkeit de» Phonographen als Briesschreibers.

Die Stenographen und sonstigen Schreiber brauchen stch also noch keine Sorgen darüber zu machen, daß der Phonograph ihnen Abbruch thun werde, und die Postverwallung braucht stch aus die Versendung von phonozraphischen Korrespon­denzen noch nicht einzurichten. Das Schmcrzens- und Lieblingskind des amerikanischen Erfinders ist für die Wissenschaft von hohem Interesse und wird auch einzelnen Leuten schon j^tzt praktische Dienste leisten. Aber daß der Phonograph ein Volkrap« parat wird, hat noch gute Weile. Es wird wohl auf die zweite verfeinette Ausgabe erst noch eine dritte, vereinfachte und verbilligte folgen müssen. Darum wollen wir die bege.sterten Phantasien der Edison-Verehrer mit bedächtiger Ruhe aus­nehmen.